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Zum 8. Mai: Über die Gerechtigkeit eines Soldaten

von Seepferd

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Traditionsgemäß begeht die Linke am 8. Mai den Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus. Ebenso traditionsgemäß diskutiert man, ob man eher eine „antideutsche Sexparty“ feiern oder eher der gefallenen KämferInnen gedenken sollte. (Es ist vielleicht auch nicht falsch, sich das jedes Jahr zu fragen. So besteht wenigstens eine geringe Chance, dass sich jemand irgendwas dabei denkt). Jedenfalls bedankt man sich bei den Alliierten in den Sprachen, die man kennt, und schmückt die Räumlichkeiten linker Biotope mit Plakaten und Aufklebern, auf denen man unter Anderem das berühmte Bild mit drei Rotarmisten sieht, die eine rote Fahne auf dem Dach des Reichstags befestigen. Nicht alle kennen die Geschichte dahinter. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Menschen wollen mitgemacht haben. Es ist wie der legendäre Holzbalken, den 1920 während des Maisubbotniks gefühlt Hunderte von Menschen zusammen mit W. I. Lenin auf dem Roten Platz getragen haben.

Am 30. April überquerten die Einheiten der 3. Stoßarmee der 1. belarussischen Front den Spandau-Kanal und näherten sich dem Reichstag. Es kam der Befehl, das Gebäude zu erstürmen. Der stellvertretende Politoffizier Alexej Berest stellte eine kleine Gruppe aus erfahrenen Soldaten und ging unter Feuerschutz ins Gebäude. Pjotr Pjatnitzkij, der die rote Fahne getragen hatte, starb vor dem Eingang. Etage für Etage, unter ständigem Feuer kämpfte sich die Gruppe nach oben, bis sie nach 11 Uhr Abends die Fahne im obersten Stock an der Kolonne befestigte: Meliton Kantarija, Michail Jegorow und Berest. Erst später hängten sie die Fahne auf dem Dach um, mit einem Gürtel ans Bein einer zerschossenen Pferdestatue gebunden, damit man’s besser sieht.

Neben dieser lebensgefährlichen, aber immer noch symbolischen Tat, riskierte Berest diese Tage noch mal heldenhaft sein Leben in diesem Gebäude. Diesmal ganz unten. Im Bunker und den Tunnels unter dem Reichstag saßen noch etwa 1600 Wehrmachtsoldaten und waren fest entschlossen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Lediglich über das Schicksal von ca. 500 verwundeten Kameraden wollten sie mit den Roten reden und bestellten deswegen einen ranghohen Offizier. Von den wichtigen Leuten traute isch selbstverständlich keiner, also gab sich Leutnant Berest für einen Oberst der Rotarmee aus und verhandelte mit den verschanzten Deutschen. Er weigerte sich, die Verwundeten zu evakuieren: entweder ergeben sich alle oder alle werden unter den Trümmern begraben. Nach zwei Stunden ergab sich die Garnison der Reichstag.

Dass das berühmte Foto am 2. Mai unter besseren Lichtbedingungen nachgestellt wurde und nur Jegorow und Kantarija mit einer anderen Fahne an einer ganz anderen Stelle zeigt, ist noch längst nicht alles. Während Jegorow und Kantarija (und mit ihnen selbstverständlich alle Abteilungs-, Trupp- und Divisionsführer) zu Helden der Sowjetunion ernannt und mit entsprechenden Orden ausgezeichnet wurden, musste sich Berest mit einem „einfachen“ Rotbannerorden zufrieden geben. Warum, weiß man immer noch nicht. Es ist bekannt, dass Stalin sich über die Beteiligung eines georgischen Landmanns, Kantarija, an der Aktion sehr freute, ebenso dass er generell den UkrainerInnen (Berest war übrigens einer, der seine Eltern und die Hälfte der Geschwister in der Hungersnot Anfang 30er Jahre verloren hatte) misstraute. Es ist bekannt, dass Marschall Schukow Politoffiziere nicht mochte. Man weiß sogar, dass Berest mit „Kollegen“ aus dem SMERSch im Clinch lag, da er sie „nie kämpfen sah“. Was davon für die ausgebliebene Auszeichnung und das Streichen aus Geschichtsbüchern war, weiß man nicht. Mehrmals reichte er Revisionsklagen an, wurde als Disziplinarmaßnahme in die Schwarzmehrflotte versetzt, woher er 1948 aufgrund von Verleumdungen schließlich entlassen wurde. In Rostow am Don arbeitete er als Direktor des lokalen Kinodienstes. Aufgrund erneuter Verleumdungen 1953 verurteilte das Gericht Alexej Berest zu 10 Jahren GULag, welches er wegen der Amnestie nach fünf Jahren wieder verlassen hat. Die 1961 von Breschnew allein zu diesem Thema einberufene Kommission entschied sich, an den Beschlüssen von 1946 zu halten, demnach Berest weiterhin ein Niemand blieb. Er kehrte nach Rostow zurück, arbeitete in der Fabrik und starb 1970, als er ein Kind vor einem rollenden Zug wegzog und selbst vom Zug erwischt wurde. Erst 2005 ernannte damaliger ukrainischer Präsident Berest posthum zum Helden der Ukraine. Die Russländische Föderation als Nachfolgerin der Sowjetunion hat es bis jetzt nicht nachgeholt.

Was haben die drei auf dem Dach des Reichstags aufgestellt? Die rote Fahne der sozialen Revolution oder eine an die Nationalfahne angelehnte Militärfahne der Roten Arbeiter- und Bauerarmee (RKKA), die zu dem Zeitpunkt längst nichts mit der einstigen demokratisch-revolutionären, ja, antistaatlichen Truppe von 1918 zu tun hatte1? Verteidigten sie eine bloße Möglichkeit einer befreiten Menschheit gegen die schwärzeste Reaktion des Nazifaschismus oder kämpften auf Befehl eines ideellen Gesamtlageraufseher mit seiner Säuberungspädagogik und nachholender Kapitalisierung? War es nicht dieselbe RKKA, die bereits zwei mal, 1919 und 1939, in Polen auf Tour war? Die die Frauen und Kinder zuhause beschützte und den Sieg über Nazideutschland mit Massenvergewaltigungen feierte? Für die Vernunft und Macht der Menschen oder für die marxologische Wissenschaft, die Versklavung mit dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte zu rechtfertigen und die wirtschaftliche Macht der Elektrifizierung plus landesweites Lagersystem2? Ist ein weiterer Orden wirklich die Gerechtigkeit des Soldaten? Amnestie die Gerechtigkeit eines Sträflings? Guter Name – die eines Denunzierten? Gerechter Lohn – die eines Arbeiters?

„Die Apologetik des Bestehenden gründet nicht auf Freude über das Wirkliche, sondern auf verdrängter Trauer um das Mögliche, nicht auf Angst um das Erreichte, sondern auf Furcht vor dem Erreichbaren. Beides aber ist – historisch – begründet“3. Aus diesem Grund feiert man auf dem Roten Platz, als gäb’s kein Morgen, kleidet kleine Kinder in historische Soldatenuniformen; schickt falsche Veteranen unter’s feiernde Volk, die jedes Jahr mit verschiedenen Medaillen und Abzeichen herum posieren; droht fröhlich – „wir könnten es wiederholen, 1941 – 1945“ als freue man sich auf das Leid, blutigen Schlamm und Massentod und ist stolz auf die höchste Opferzahl unter den Alliierten – 27. Millionen, die zum nicht geringen Teil dem geliebten Herrscher zu irgendwelchen feierlichen Anlässen erbracht wurden. Die einzige gesellschaftlich relevante Kraft, die von Revolution redet, ist die vorauseilende Gegenrevolution. „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“, schrieb 1961 kürzlich verstorbene Jewgenij Jewtuschenko, dessen Feder auch das herzzerreißende Gedicht „Der Babij Jar“ gehört. Er bereiste die ostukrainischen „Volksrepubliken“ und stellte sich in seinen letzten Gedichten – gewohnt pathetisch – unmissverständlich auf die Seite der prorussischen Kräfte.

Na, was meinst du, Leutnant Berest, wollen sie oder wollen sie nicht?

1Ekkehardt Krippendorf: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft, 1985

2André Glucksmann: Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, 1976

3Bini Adamczak: gestern morgen. über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft, 2011

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Vortrag: Religionskritik und Islam

Kritik des Islam, Kritik der Islamkritik
mit J. Finkenberger

Am 21.11. um 20 Uhr in der A&V Projekt- und Hörgalerie (via Translib), Lütznerstr. 30

Man sollte sich, auch wenn man Facebook nicht so sehr nutzt, den Spass machen, die Fb-Seite dieser Veranstaltung anzuschauen. Da tobt nur so der Hass.

(Da) kann man nur dazu auffordern, diese Spießgesellen so schnell wie möglich zum Schweigen zu bringen und endlich die ganze islamsensible linksbefreite Zone Connewitz in ihrer ganzen Hässlichkeit auszuheben und das Finkenberg-Gesocks und alle, die sich damit gemein machen, zum Teufel zu jagen und das heißt: sie gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen, denn in diesem kleinen Text steht schon alles, was man über sie wissen muss.“

Die Jungs haben, wie wir Fachleute es nennen, ziemlich einen an der Waffel. Aber anscheinend haben sie grad nicht viel anderes, um sich aufzuregen. Wer noch solche Perlen findet, bitte immer posten! Auch gerne Screenshots. Das verspricht alles sehr lustig zu werden

https://www.facebook.com/events/1240022936042119/

Hier der Ankündigungstext, der solchen Anstoss erregt:

Die Kritik der Religion ist keineswegs schon geleistet, die doch die Voraussetzung aller weiteren Kritik sein soll. Zum einen scheint Religion überall heute, mehr als gestern, gesellschaftliche Ideologie ersten Ranges abzugeben. Namentlich in der sog. islamischen Welt, heisst es, ist Religion wieder oder immer noch eine gesellschaftliche Macht. Zum anderen ist die Religionskritik, auch die linke und revolutionäre, in die Katastrophe des 20. Jahrhunderts tiefer verstrickt, als ihre Anhänger zugeben möchten. An der Geschichte des modernen Antisemitismus kann das deutlich gezeigt werden. Gesellschaftskritik, die den heutigen Zuständen zu Leibe rücken will, kann sich nicht ohne weiteres der klassischen Instrumente der junghegelianischen Religionskritik bedienen. Sie hat diese im Gegenteil selbst der Kritik zu unterziehen. Ohne solche Ideologiekritik der bisherigen Religionskritik bleibt der Weg zu materialistischer Religionskritik versperrt. Diese Überlegungen sollen am Material aufgezeigt werden, und zwar an einer historisch-kritischen Betrachtung der islamischen Geschichte, ihrer inneren Gegensätze und Wandlungen, und ihrer Aktualisierung im modernen Islamismus. Die heute sogenannte „Islamkritik“, die solche Einzelheiten nicht zur Kenntnis nimmt, kann einen Beitrag zur Destruktion dieser Verhältnisse nicht leisten. Sie bewegt sich in den Spuren Bruno Bauers und produziert „deutsche Ideologie“. Durch den Bruch mit dieser Schule „wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus“, auch den islamischen, „sich verbessern“ (W. Benjamin)

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Post aus der praktischen Kritik

von Lisa Thomas
Teil I

Wir verweisen auf die Konferenz „Thinking about struggle“ am 19.11.2016 in Wittenberg, wo die Autorin über dieses Thema sprechen wird.
https://www.facebook.com/events/1075215259258728/

Das gemeinsame Interesse, das eine Anarchistin und Kommunistin, als die ich mich begreife, mit einem Menschen hat, der von einem Land in ein anderes geflohen, und also illegal eingereist ist, liegt in dessen Forderung auf Asyl. Wenn ohne weitere Umstände und bedingungslos jeder den Pass erhielte, den er aus welchen Gründen auch immer gerne hätte, so wären der Pass, der Staat, heißt alle Pässe, Staaten und Nationalitäten überflüssig. Denn wenn niemand von Bürgerrechten ausgeschlossen wäre, so bräuchte es auch keinen Ausweis derjenigen, denen diese Rechte zugestanden würden. Dies wäre nur denkbar in einer Welt, in der nicht in kapitalistischer Produktionsweise – also unter der Trennung von Produktionsmittel und Arbeitskraft – produziert würde und wenn es so wäre, dass endlich „alle kriegen, was sie brauchen“ (1). Denn erst mit der kapitalistischen Produktionsweise, die im stetigen Wandel ist, ging peu à peu das einher, was, ebensowenig unveränderlich wie auch die Voraussetzung für diese Produktionsweise auf Dauer ist: Rechtssysteme in Nationalstaaten organisiert, damit Partizipation und Ausschluß an dem, was zuweilen unter mittelbarem wie auch unmittelbarem Zwang produziert wird, qua Staatsgewalt geregelt und „gesichert“, an Grenzen (und nicht nur dort) blutig gesichert, werden kann. Daher betrachte ich alle „Arbeit mit Flüchtlingen“ als eine Arbeit daran, Grenzen zu Fall zu bringen in der Perspektive auf eine weltweite anarchistisch-kommunistische Revolution. Um den Refugee- Congress in München 2013, fanden Refugees selbst folgende Worte dazu:

The refugee should be considered for what he is, that is, nothing less than a border concept that radically calls into question the principles of the nation-state and, at the same time, helps clear the field for a no-longer-delayable renewal of categories. In the meantime, the phenomenon of so-called illegal immigration into the countries of the European Community has assumed (and will increasingly assume in coming years, with a foreseen 20 million immigrants from the countries of central Europe) features and proportions such as to fully justify this revolution in perspective. (2)

Und auch wenn jemand hier die deutsche Staatsangehörigkeit erhält (3), der sich selbst nicht als Anarchist und Kommunist diesem Sinne nach versteht, der also auch wahrscheinlich die Worte oben gar nicht dafür finden würde, um zu beschreiben, wie die Welt besser einzurichten wäre – dass sie nicht gut eingerichtet ist, so darf ich unterstellen, weiß er qua Fluchtgrund und -weg – so ist, denke ich, dem oben Beschriebenen ein Schritt näher gekommen, denn Anarchismus und Kommunismus bedeuten in erster Linie Solidarität. Weiterlesen

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Weltwetterkommentar zu Justus Wertmüller: „Wer soll Syrien regieren? Niemand! – Gegen die deutsche Begeisterung für den Endsieg des ’syrischen Volkes'“ (Bahamas 74/2016)

Die ehemaligen Antideutschen können einem wahrlich leidtun. Indem sie aufhörten, Kommunisten zu sein, findet sich in ihren Reihen einfach die Konfusion der übrigen Parteien wieder und man kann sich, egal bei welcher Frage, eine beliebige Antwort aussuchen und man wird jemanden aus dem Spektrum der postantideutschen Linken finden, der diese Antwort bevorzugt. Man denke nur an die amerikanische Wahl oder die Fragen rund um die ganzen Flüchtlinge oder auch nur an die AfD oder den weit entfernten syrischen Bürgerkrieg. Justus Wertmüller hat in der aktuellen Bahamas einen Essai über letzteren geschrieben und er soll Anlass zu einigen Kommentaren sein, die mir notwendig erscheinen. Ich bedanke mich bei der AG No Tears For Krauts, dass sie mir dafür ihren Thier-Fakeblog zur Verfügung stellen. Sie schrieben, er sei gut geeignet, „interne Schlammschlachten zu führen, die ansonsten keinen interessieren“.

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Empfehlung: Betr. Balkanroute

Sehr lesenswert:

Beyond Voluntourism and Holidarity? White German Activists on the ‘Balkanroute’ – (Self)Reflections

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Besetzung des Regensburger Doms: Spendenaufruf!

40 Roma-Familien, die aus Ländern des Westbalkan nach Deutschland geflohen weren und denen akut die Abschiebung droht, haben sich in den Dom in Regensburg geflüchtet. Hier der Bericht bei Regensburg Digital.

In diesen Minuten ist Plenum vor dem Dom, wo erst so etwas wie Strukturen zur Unterstützung geschaffen werden müssen. Sachspenden sind derzeit, wie es scheint, nicht dringend, wir bitten um Geldspenden an folgendes Konto (hier der offizielle Spendenaufruf)

Spendenkonto:
Name: Residenzpflicht abschaffen
GLS Gemeinschaftsbank eG
IBAN: DE81 4306 0967 8219 9171 00
BIC: GENODEM1GLS
Betreff: Dom Regensburg

Kontakt:
info.dombesetzung@gmail.com