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Parteien zur Wahl

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

Sie sehen nun eine Wahlwerbesendung zur Europawahl.

Wähle Niemand!

Die Anarchistische Gruppe Dortmund ruft dazu auf, bei den Europawahlen im Mai 2019 für unsere Kandidatin Niemand zu stimmen. Was auch immer deine Anliegen oder Probleme sein mögen: Niemand vertritt deine Interessen!
Wir werden unter anderem mit Infoständen und Plakaten für Niemand Werbung machen. Außerdem betreibt unsere Kandidatin auch ihren eigenen Twitter-Account: twitter.com/realniemand.
Die Kampagne soll den bestehenden Wahlkampf der Lächerlichkeit preisgeben, oder vielmehr die bestehende Lächerlichkeit des Wahlkampfs verdeutlichen. Darüber hinaus wollen wir uns für die Perspektive des Selbstorganisation als Alternative zum Wahlspektakel stark machen. Dazu werden wir Diskussionsveranstaltungen durchführen und in Kürze unsere Broschüre Gegen die Illusion der Wahlen von 2017 neu herausgeben.
Sollten sich andere Gruppen oder einzelne Menschen an der Kampagne beteiligen wollen, können wir euch Plakate und Sticker schicken. Wenn ihr euren eigenen Gruppennamen oder eine lokale Kontaktadresse auf den Materialien haben wollt, können wir euch auch entsprechend abgeänderte Vorlagen schicken. Meldet euch einfach unter: agdo@riseup.net

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Der eigentümlich bürgerliche Anarchismus

Falls ihr euch jemals gefragt habt, was man/frau so alles in der Zeitschrift eigentümlich frei schreibt, aber euch immer irgendwie dafür zu schade wart, reinzuschauen, lasst es. So arg interessant oder besonders bemerkenswert ist es nicht. In den Schriften der INWO steckt mehr Kritisierbares drin. Nennenswerte Politikanalysen oder „libertäre“ wirtschaftliche Theorien findet man/frau in eigentümlich frei kaum. Ich wäre auch nicht darauf gekommen, hätte ich mich nicht irgendwann mal gefragt, was der einstige Paul Goodman-Übersetzter Stefan Blankertz jetzt so treibt. Ihr wisst übrigens, welcher self made man sich auch noch nicht „rechts“, sondern „libertär“ nennt? Der Brüllaffe des Kapitals Alex Johnes. Das nur am Rande.

Hand aufs Herz, ich würde auch gerne jedes Thier-Heft mit einem genüsslichen Bericht über Whisky-Degoustation an der Ostsee anfangen, schließlich zieht es mich bekanntlich in maritime Gefilde und Whisky mundet mir durchaus. Aber bei allem „Anarcho-Kapitalismus“, was auch immer das sein soll, wohl nicht bei einem Igor-Schafarewitsch-Symposium. Ich vermute, das war

kein mathematisches Symposium für GeldliebhaberlInnen. Ich weiß allerdings, dass Schafarewitsch ein international anerkannter Mathematiker war, der zufälligerweise ein schriftstellerisches Hobby hatte: Pamphlete über die „Judenfrage“ und gegen den Kommunismus als jüdisches Werk zu verfassen.

Man/frau täuscht sich übrigens, wenn man/frau der Meinung ist, den Anarcho-KapitalistInnen bzw. Rechtslibertären wäre es prinzipiell egal, woran Leute im Privaten glauben und mit wem sie einvernehmlich schnackseln. Hauptsache, es hindert sie und/oder Dritte nicht, sich politisch und wirtschaftlich am Gemeinwesen gewinnbringend zu beteiligen. Hier ist der Chef der Postille, Andre F. Lichtschlag selbst, zum Thema der gerade entstehenden ukrainischen Autokephalie: „Vielleicht ist es ja sinnbildlich für die neue ukrainische Kirche unter dem Protektorat von Konstantinopel, dass ihre Entstehung vom selben Staatspräsidenten in Gang gesetzt wurde, der auch die Gay-Pride nach Kiew geholt hat“. Elsässer, ick hör` dir trapsen.

Selbst aus dem spannenden Thema Gilets Jaunes macht man/frau eine todlangweilige Reportage, wo irgendwelche Leute aus der französischen Provinz am Küchentisch ihre sehr wichtige biedere Meinung zum Protokoll geben.

Außer Anzeigen des Kopp-Verlags, der Goldhändler und anderer Werbung, die sich an gut betuchte Bürger richtet, gibt es da noch etwas: Geschäfte mit Russland als Kampfstrategie gegen den Staat. Ich vernehme zwar eine Sonderauffassung des „Putin, hilf uns!“-Rufes, aber die Nordstream II – Pläne der Bundesregierung dürften die „Anarchisten“ mit dem deutschen Staat bald wieder versöhnen.

russengas

Da mache ich lieber eine Flasche Glennfiddich auf und ergötze mich noch mal ein bisschen an„ Der Staatslichkeitswahn“ (1980) von Stefan Blankertz. Oder direkt an „Drawing the Line“ von Paul Goodman.

An eigentümlich frei möchte ich dennoch eine unverbindliche Empfehlung aussprechen, von Anarchist zu -ähem! – „AnarchistInnen“, sozusagen: fusioniert doch mit mit Melodie&Rhythmus. Auf Russland und die EU kann man/frau sich definitiv einigen, für das Bildungsbürgertum gäb`s was Interessantes über die bewegte Kunst, auch Konstantin Wecker wird man wohl noch von den „linksrechten“ Mahnwachen für Frieden kennen.

– spf

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…wie der Pfeffi zum Hefe.

Ermahnung an die materialistische Religionskritik

von Ndejra

(es handelt sich somit um den letzten Artikel aus der Ausgabe #13 – das GT)

Am 31. März lud die Autodidaktische Initiative in Leipzig zu einer Veranstaltung über den sogenannten antimuslimischen Rassismus und muslimischen Feminismus ein. Antifaschistische Linke International (ALI) aus Göttingen sollte dabei von ihren Ideen und praktischen Erfahrungen diesbezüglich berichten. Da ich, erstens, an dem Abend entschieden nichts Besseres zu tun hatte und, zweitens, die Broschüre „A Woman’s Voice is a Revolution“ und ihre Fortsetzung wenigsten vom Sehen her kannte, die Auseinandersetzung damit aber lange vor mir her schob, drittens felsenfest der Meinung war, solche Konzepte wie „antimuslimischer Rassismus“ und „muslimischer Feminismus“ nicht ernst nehmen zu müssen, beschoss ich, mir das Ganze wenigstens mal anzuhören und womöglich noch Zeit und Kraft für die Auseinandersetzung zu sparen. Ich bin nicht klüger geworden, so viel kann ich bereits verraten.

Ich will weder auf die politischen Einstellungen des ADI-Publikums von seinem Aussehen her schließen, noch bin ich imstande oder möchte auch nur großartig den relativ platten Vortrag wiedergeben. Warum also nicht einfach das Thema als weiteren postmodernistischen, gegenaufklärerischen und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gesponsorten Blödsinn abtun, den die deutsche Linke wie am laufenden Band produziert, einfach unter „Antiimps wieder mal auf Kuschelkurs mit dem Islam“ abspeichern? Der Ausgangspunkt, die Fragestellung der umtriebigen AntifaschistInnen aus Göttingen schien mir grundsätzlich richtig. Dass sie sich auf die Suche nach praktischen Antworten begeben und allerdings schon bei theoretischen Überlegungen mit schlafwandlerischer Sicherheit verirrt haben, verdient zumindest wohlwollende Kenntnisnahme. Die Erfahrungen, die sie dabei gemacht haben, halte ich für wichtig.

Etwa 2016 oder bereits davor stellten diese Leute wohl fest, sie haben öfters mit der muslimischen Community in der Stadt zu tun, kennen sie aber nicht. Wo sie Insider-Wissen oder politische Bündnispartner brauchten, waren sie gezwungen über die Community, aber nicht mit ihr zu reden (soweit man mit der ganzen Community überhaupt reden kann). Dass man bei antifaschistischen Interventionen keine Stellvertreterpolitik machen will, ist vollkommen korrekt; ob jemand ausgerechnet zusammen mit dem örtlichen DITIB-Verein gegen deutsche Neonazis vorgehen will, muss jedeR für sich selbst entscheiden. Ich kenne das Problem allerdings auch von woanders her, wo vor ein paar Jahren die kurdische Community mit Antifas auf der Straße gegen Nazis liefen und einander gründlich missverstanden haben. Also, um solche Missstände zu beheben und für theoretische und praktische Annäherung zu sorgen, wurden in Göttingen eine Veranstaltungsreihe zum antimuslimischen Rassismus, eine Poetry-Slam nach dem freikirchlich-adventistischen Vorbild namens „I,Slam“, wo muslimische Jugendliche ungeniert über ihre „Identität“ fabulieren konnten, und ein Filmeabend mit „Taqwacore“ (1) und anderen Filmen organisiert. (2) Der Output der Bemühungen: keine erhofften Antworten oder gar Anleitungen, dafür noch mehr Fragen und diese zwei dünnen Broschüren, mit denen die Leute immer noch durch das Land touren, um, wie sie sagten, die Szene zu „sensibilisieren“. Weiterlesen

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Der linksverwirrte Flügel des Antikommunismus

von Granata Patata

Vor kurzem haben wir aus maritimen Gefilden mit Seepferdchenpopulation erfahren können, dass ein Schriftsteller, FAZ-Redakteur und bekennender Kommunist namens Dietmar Dath nun künftig als ein von allen Geistern verlassener Feuilletonist mit krudem DDR-Sprech zu bezeichnen sei, weil er zum einen mit der Splitterpartei DKP fraternisiert und zum anderen einen lokalen Freiburger Radiosender als das bezeichnet hat, was er ist, nämlich linksliberal anarchistisch sponti-linksradikal. Es gäbe möglicherweise andere und bessere Gründe, das über Dath zu sagen. Oder auch anderes. Jeder kämpft ja auf dem verlorenen Posten, auf dem man nun einmal ist – so gut oder schlecht es eben geht. Und wäre man ehrlicher, wüsste man auch, dass das alles gar nicht so schlimm ist. Ebenso wie die DKP. Auch die stellt nur eine der Politsekten dar, die sich so tummeln. Gegründet 1968 von Leuten, die den Geist der Revolte zumindest so ernst nahmen, dass sie nicht nur Kinderläden, Körnerfresserei und Yogawochenende haben wollten, sondern den auf mehr oder weniger gemütlichen Wege zu erreichenden Kommunismus, gründeten sie eine Partei, die als Folge eines herrschenden Verbots und mehr noch als Folge der inzwischen sich anbahnenden friedlichen Koexistenz von Staatssozialismus und kapitalistischer Demokratie als Mangel nicht nur einen Buchstabendreher hat, sondern auch den Verzicht auf allzu offensichtliche revolutionäre Bestrebungen. Und da der 1968ff neu eintretende Lehrerhaufen andererseits mit eben der taktisch begründeten friedlichen Koexistenz gut leben konnte, kämpften und kämpfen in dieser Partei, wie in nahezu jeder anderen Politsekte auch, ein revisionistischer mit einem weniger revisionistischen Flügel, wobei es sich versteht, dass der vernünftige, also nicht revisionistische Flügel grundsätzlich in der Minderheit blieb.

Ehrlicherweise muss man auch sagen: Mehr war wohl zu der Zeit nicht drin. Die bundesdeutsche Gesellschaft erwies sich im Kern als reaktionärer als es die Ereignisse um 1967 nahelegen mochten, dass erfuhren auch die Studenten, die antiautoritären Sozialisten, die RAF, die K-Gruppen. Erst die Alternativen machten dann offensiv ihren Frieden mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und riefen zu den in den Achtzigern allseits beliebten »Schwitzhändchenketten« (Wolfgang Pohrt) für den Frieden auf, an denen sich dann auch die von Bedeutungslosigkeit bedrohte DKP beteiligte. In Zeiten der Reaktion bleibt niemand von Dummheiten verschont, auch wenn es besser wäre, man verzichtete auf sie. Wenn also Dietmar Dath, der im Grunde ein eifriger Propagandist der guten Sache auf feindlichem Gebiet ist, ein paar nette Worte zur DKP sagt, dann kann man das auch als Ermunterung auffassen, doch etwas in die Pötte zu kommen. Für all jene, denen der Kommunismus eine Menschheitsangelegenheit ist, zeigt sich auch die Notwendigkeit einer kommunistischen Partei. Wobei Partei hier nicht im Sinne einer parlamentarischen Partei verstanden sei, unter Umständen kann das aber der legalistische Flügel derselben sein. Partei ist einfach erstmal mehr als tradeunionistisches Bewusstsein und mehr als Seepferchensozialismus in einem AZ, wo man sich das Herz an der Lektüre historischer Texte notorischer Danebenlieger wie Trotzki, Bakunin und Pannekoeck wärmt.

»Wie nennt man einen Zusammenschluss, in dem alle – sowohl die Berufssoldatin wie der deklassierte Intellektuelle wie die Friseuse wie der Müllfahrer wie die Ärztin wie der arbeitslose Zahntechniker wie der selbstausbeutende Journalist – Kontakt mit den Klassenkämpfen aller anderen in dieser Aufzählung halten können und dann, wenn die nationalen und übernationalen Verabredungen und Antagonismen zwischen den verschiedenen Abteilungen des Feindes, der Ausbeuterklasse, wieder mal einen Krieg anzetteln, mit einer Idee von einer besseren Gesellschaft im Kopf diesem Krieg widerstehen? Sicher nicht Gewerkschaft, denn ganz offensichtlich passen nicht alle Genannten in dieselbe. Sicher aber auch nicht ›Bewegung‹, denn diese Menschen werden sich, ihre so unterschiedlichen konkreten Probleme – welche alle ja ein bis drei abstrakte Gesamtprobleme vermitteln – vorausgesetzt, nicht synchron und also schlagkräftig ›bewegen‹ können, wenn das nicht sehr arbeitsaufwendig koordiniert wird. Also, man nenne das, was die alle brauchen, wie man will, aber es ist doch eine kommunistische Partei, was denn sonst?« (Dietmar Dath)

Wie sollte man die gemeinsame Anstrengung aller am Kommunismus Interessierten auch sonst nennen? Das Geschwafel von der demokratischen Mehrheit, dem Dutschke in einem schwachen Moment verfallen war, obwohl er es besser wusste, hilft sicher nicht weiter. Das schützt zwar vorm Bolschewismus, aber zudem auch vor jeder anderen wirklichen Umwälzung der Verhältnisse. Die demokratische Mehrheit ist eine Illusion, von der allein die profitieren, die im Besitz der Mittel sind, diese manipulativ herzustellen. Für Kommunisten ist das keine Option. Kommunisten geht es um Wahrheit, nicht um Mehrheiten. Der Vernunft in der Weltgeschichte zum Durchbruch zu verhelfen, ist ihre Mission. Alle, die sich darum bemühen, gehören in eine Partei, ob sie wollen oder nicht. Streit gehört dabei zur Sache. Aber wer den Genossen aus den falschen Gründen an den Kragen will, um sie letztlich mit demokratischen Mehrheiten belehren zu wollen, erledigt objektiv das Geschäft unserer Feinde. Der Maßstab der Kritik ist ja, dass sie besser ist als das Kritisierte. Alles andere ist für unsere Sache unbrauchbar.

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Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Halle a.d. Saale

Aus den 30er Jahren ist u.A. Folgendes überliefert:

Ob es viele Hackekreuzler in Halle gibt? Nun, es sind ihrer immerhin 58000. Aber sie rekrutieren sich hauptsächlich aus den Gewerbetreibenden und aus den den Studenten der Hallenser Universität. Darum konnten sie aus ihrer 58000köpfigen Masse nur etwa vierhundert SA-Leute aufstellen. Diese vierhundert, das sind die wenigen Proleten der „Arbeiterpartei“. Sie sind es, die für Hitler prügeln und schießen, die sich für ihn schlagen und erstechen lassen, während die anderen im Hintergrund bleiben. (…)

Freitag nacht wurde das Hallenser Gewerkschaftshaus mit Musikbegleitung bewacht, weil der Speilmannszug des Reichsbanners Bereitschaft hatte. Ungefähr zwanzig Mann saßen im Wachzimmer, rauchten, spielten Karten, musizierten – Singen ist bei der Wache verboten. Zum Ausschlafen hatten die Reichsbannerleute am nächsten Tag Zeit, denn sie sind alle zwanzig arbeitslos. (…) In den das Gewerkschaftshaus umliegenden Straßen streiften verstärkte Patrouillen umher. Tagsüber hatte es nämlich Stänkereien zwischen Nazis und Arbeiterturnern, die zu einem Sportfest gekommen waren, gegeben. Auch die fünfzehn Jungbannermänner, die bei Anbruch der Dämmerung von einer Landpropagandatour auf Fahrrädern zurückgekommen waren, hatten, heiser und schweißgebadet – sie hatten zwölf Stunden lang geradelt und Sprechchöre gebrüllt -, zu berichten gewusst, sie seien in der Stadt von Hackenkreuzlern angestänkert worden.

Und so saß in Erwartung kommender Ereignisse der Speilmannszug des Reichsbanners Halle im Gewerkschaftshaus, drosch Skat, soff elenden Zichorienkaffee. Der Gitarrenspieler aber summte, obwohl es verboten war: „ Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet, zu unserer Fahne ström‘ zuhauf!“

Schlag neun wurden von draußen plötzlich Kaufschritte hörbar. Eine Patrouille stürmte von der Straße in den Hof. Und gleich hinterher eine andere. Ein Mann blutete am Kopf. „Alles heraus“, brüllten die Patrouillen, „die Nazis kommen!“

Die zwanzig im Wachlokal hatten gerade noch Zeit, ihre Lichtknüppel – schwere, stabförmige Lampen, die gut leuchten und andere Dienste tun – zu packen, für alle Fälle ein paar Stühle mitzunehmen und auf die Straße zu laufen. Draußen kam schond er Lastwagen herangesaust: das Rollkommando der braunen Mordpest. In halber Fahrt sprangen fünfzig SA- Leute heraus und stürmen mit Totschlägern das Ochsenziemern auf das Haus zu.

Die Schalcht von Austerlitz lässt sich beschreiben, da damals zumindest Napoleon angeblich wusste, was los war.

Was aber Freitag den 16. um 21 Uhr in der spärlich beleuchteten Straße vor dem Hallenser Gewerkschaftshaus zu sehen war, war ein auf und ab wogender Haufe von Grün- und Braunhemden. Was zu hören war, war das Krachen von Schlägen, das Krachen von Blumentöpfen und Geschirrstücken, die aus den Fenstern der Häuser auf die Köpfe der Nazis flogen, was unbeschreibliches Gejohle.

Aber als das Überfallkommando der Polizei nach zehn Minuten erschien, blieb ihm nichts mehr zu tun übrig, als zwei schwerverletzte Hackenkreuzler wegzuführen. Die übrigen waren mit Vollgas ausgerissen.

Nach weiteren zehn Minuten war die „Kommune“ (die Kommunisten) in einer Stärke von hundert Mann da, um das Gewerkschaftshaus schützen zu helfen. Sie besetzten das Nebenhaus, und ein Einkreisungsplan wurde mit ihnen vereinbart, für den Fall, dass die Hackenkreuzler wiederkommen sollten.

Doch zur allgemeinen Verwunderung holten die Nazis nicht ihre Reserven aus den umliegenden Dörfern. Sie mobilisierten nicht einmal die SA der Stadt. Sie hatten den Bereitschaftsdienst der Kommunisten wohl ausspioniert; sie gingen schlafen. (…)

Um 10 Uhr saßen die Spielleute des Reichsbanners wieder im Wachlokal. Der Gitarrenspieler hatte eine blutige Bandage um den Kopf. Er fing die Arbeitermarseillaise von vorne an.

Und obwohl es verboten ist, sangen alle mit, als Stelle kam: „Stehet fest, stehet fest und wanket nicht…“

Jura Soyfer, „Bericht aus dem deutschen Bürgerkrieg“, aus „Die Ordnung schuf der liebe Gott“, Leipzig, 1979

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Vom Elend der vergleichenden Schwanzlehre

In der linken Zeitschrift für Politik und Kultur, „konkret“, die ich übrigens kaum mehr lesen kann, aber immer noch sehr schätze, fand sich in der Januarausgabe `19 neben einem Fest an antiimperialistischer Dummheit aus der Feder Jörg Kronauers (zu dem ich bei Gelegenheit noch kommen werde) ein interessanter Artikel über Jan Wacław Machajski. Mit Machajski, der aus der polnischen Sozialdemokratie kommend eine heftige Kritik am Verhältnis zwischen (linken) Intellektuellen und der revolutionären ArbeiterInnenbewegung formulierte und viele wilden Bombenschmeißer an den Rändern des russischen Zarenreichs inspirierte, wollte ich mich in absehbarer Zukunft auch noch befassen. Nun schreibt Dr. phil Ewgeniy Kasakow in „konkret“ zu meiner hellsten Freude über den längst vergessenen „Vater des linken Antiintellektualismus“, in der Schlusspassage heißt es allerdings:

In der Linken fand Machajskis Theorie teilweise Fortsetzung im Syndikalismus und im Operaismus, die die „authentische“ Bewegung den korrumpierten und disziplinierend einwirkenden Organisationen und den von außen herangetragenen Theorien entgegensetzen. Obwohl er sich immer wieder gegen Anarchismus aussprach, beriefen sich etliche Anarchisten (…) auf Machajski. Eines trennt ihn jedoch sowohl von Bakunin als auch vom heutigen linken Antiintellektualismus: Seine Kritik an den Intellektuellen hat nicht die erkenntnistheoretische Dimension, die jeglichen Wahrheitsanspruch bereits als Herrschaft denunziert. Er wollte Wissen nicht abschaffen, sondern qua Vergesellschaftung allen zugänglich machen.

Nun, dem Forscher, der einst viel kluges über den Kronstadter Aufstand und die Rolle der Räte in der Russischen Revolution gesagt und geschrieben hat, sollte eigentlich bekannt sein, dass Bakunin nie das Wissen mit dem Herrschaftsprinzip gleichgesetzt hatte. Egal, was man/frau ansonsten vom Typen hält, er kritisierte im Gegenteil das klassenbedingte Wissensgefälle, das wiederum die Klassen reproduziert. Auf Vergesellschaftung des Wissens, auf Menschwerdung durch Wissenschaft hat er gesetzt – revolutionäre Aufklärung ganz klassisch, mit allen was dazu gehört (Antisemitismus nämlich). Das findet man/frau nicht nur im weniger bekannten Aufsatz „Die vollständige Ausbildung“, sondern in seinem prominenten Werk „Gott und der Staat“.

Wenn andererseits ausgerechnet dieser Vorwurf auf Machajski nicht trifft, wie kommt er zu den Ehren, Vater des linken Antiintellektualismus zu sein, welcher doch jeglichen Wahrheitsanspruch als Herrschaft denunziert? Frage für einen Freund.

spf