Die Postmoderne und einige ihrer Kritiker

Anhang zur „Wiederaufnahme der Geschichte“ (Das Grosse Thier I)

Jörg Finkenberger

1 Was bedeutet es eigentlich für den Begriff der Geschichte, wenn in der sog. Gegenwartsfilosofie offensichtlich Begriffe möglich sind wie die Begriffe Agambens, in denen ungeschieden Carl Schmitts Ausnahmezustand und Walter Benjamins „wirklicher Ausnahmezustand“ aufgehen können, ohne dass eine zerstörende Spannung dazwischen stattfindet? Und was bedeutet es für einen Begriff von Wahrheit?

Man könnte die Frage auch anders stellen: wie kommt jemand wie Deleuze dazu, denjenigen, die den Mai 1968 nicht vergessen können, als Perspektive tatsächlich seine „nomadische Kriegsmaschine“ anzubieten, mit der er ausgerechnet auf Carl Schmitts „Theorie des Partisanen“ zurückgreift? Was ist bei einem solchen Denken schiefgegangen, dass es von den offensichtlich bestehenden Unterschieden zwischen dem einen und dem anderen so völlig absieht, und auf diese Weise seinen Beitrag dazu leistet, dass die Unterschiede wirklich verschwinden? Und warum scheint sich niemand besonders daran zu stören?

2 Es zeigt sich in der ganzen Richtung, die wir die postmoderne nennen, ein eigenartig gelockertes Verhältnis zum Gegenstand des Denkens. Der Gegenstand tendiert ihnen dazu, in Zeichen, Diskurse, kurz in gedachte Dinge aufgelöst zu werden, d.h. er hört tatsächlich auf, ein Gegenstand zu sein, der unabhängig vom Denken existiert.

Deleuze etwa schreibt „Über die Bedingungen der Frage: Was ist Filosofie?“ Sätze wie: „Philosophie ist die Kunst, Begriffe zu bilden, zu erfinden und zu erzeugen.“ Dass diesen Begriffen eine Wirklichkeit auch zukommen muss, dass etwas ihnen entsprechen muss, ist nicht entscheidend. Ein Verhältnis von Sache und Begriff findet nicht statt. Der Gegenstand wird nur noch als zufällige Gelegenheit zum Denken vorgestellt, nicht als ein böses Rätsel, das zu lösen wäre. Mit der Gegnerschaft zum immer widersinnigen Gegenstand verschwindet aber die Vernunft als sein Gegner; das Programm, den cartesianischen Dualismus zu überwinden, ist hinterrücks tatsächlich eingelöst, indem das erkennende Subjekt und der Gegenstand aneinander zerschellen.

3 Dass es oberflächlich ganz im Gegenteil so erscheint, und das macht die Attraktion dieser Filosofie zum Teil aus, als wäre in dieser das Denken befreit von der Last eines umfassenden Systems und könne sich ganz auf die Einzeldinge einlassen, das ist die absurde Pointe dabei. Die postmoderne Filosofie endet nur scheinbar in nichts als fröhlicher Wissenschaft; ihre Begriffe sind keineswegs so völlig konkret, wie sie aussehen, ihre Konkretion ist in Wahrheit erschlichen, und die Begriffe von eine Willkür, ja Monstrosität, die schon für sich selbst erstaunlich wäre: als wäre das die Rache des widersinnigen Gegenstands, dem das Denken beim Versuch, sich ihm zu entziehen, verfällt. – Diese Filosofie hat sich im innersten vom Anspruch, ein System zu bilden, nie losgemacht; sie tut nur, als hätte sie; und betrügt noch dadurch den Gegenstand. Aus dem System, zu dem sie unter der Hand doch wird, ist aber alles geflohen, was für die Systemfilosofie einmal gesprochen hatte, nämlich der Anspruch auf Wahrheit, und die Vernunft. Dass dieser Verlust einfach hingenommen, zuweilen offen zum Programm erklärt wird, macht das lügenhafte dieser Filosofie aus: die zwar, und ganz parteiisch, die repressiven Gestehungsbedingungen der Vernunft genau aufzählt, aber über die keineswegs erfreulicheren Bedingungen, unter denen sie aus der Geschichte getrieben worden ist, schweigt.

5 Solch ein Denken hat eine verlockende Plausibilität in dieser Epoche, in der die Revolution kaum denkbar, und Vernunft wie Wahrheit abwesend sind. Denn die Partei, die zu ergreifen wäre, gibt es tatsächlich nicht mehr. Diese postmoderne Filosofie ist nach der einen Seite jener Epoche das ihr angemessene falsche Bewusstsein. Nach der anderen Seite ist es mehr als das, sie entfaltet nicht einfach eine spontane Denkform, sondern ist dieser fraglos voraus: den versteinerten Resten der leninistischen Linken gegenüber etwa sind Deleuze oder Agamben auf der Höhe der Zeit, i.e. nicht in anachronistischen Gefechten, denen die Realität längst entwichen ist, befangen. Als ihnen gegenüber fortgeschrittener wird man sie aber kaum bezeichnen wollen: sie ist nur energischer vom Elend dieses Zeitalters durchdrungen, und es ist genau jene fugenlose Aktualität, die das gewollte Vergessen anzeigt. – Die Macht von Ideologien wie der, für die Agamben steht, verhält sich zur Macht des Kommunismus umgekehrt proportional. Zwecklos, sie für etwas anderes zu halten als die immer aktuelle Filosofie der Konterrevolution, so wie unser Zeitalter das einer sich immer aktualisierenden Konterrevolution ist, eine never ending attack. – Jene Plausibilität anzugreifen, wäre nur möglich durch den Aufweis, dass den Begriffen des Kommunismus eine Realität zukommt, was aber mit Mitteln der Theorie kaum möglich ist; so wie jene Realität auch nicht mit Mitteln der Theorie versenkt worden ist.

6 Gegenwehr aber gab es keine, die der Erwähnung wert wäre. Man hat etwa Agamben seinen Betrug glatt durchgehen lassen, so als ob die Lüge wirklich wahr geworden wäre, und niemand versucht, den aneinandergeketteten Gegensätzen wieder Leben einzuhauchen, damit sie sich vielleicht aus ihrer Fessel befreien; wir haben zugesehen, wie unsere Filosofie gebunden dem Feind überliefert worden ist, weil wir keine Schande mehr kennen. Noch mehr: nachdem der Feind Benjamins Begriff des „wirklichen Ausnahmezustands“ einmal beschlagnahmt hatte, hat man sich herbeigelassen, diesen Akt zu ratifizieren. – Eine Kritik dieses Treibens findet nicht statt, nur ein so unwürdiges wie hilfloses stochern im Nebel, weil der Hauptpunkt verkannt wird. Und zuletzt befällt die Verblendung noch die, die beanspruchen, sie zu kritisieren.

7 Man fürchtet sich unter denen, die sich heute Ideologiekritiker nennen, vielleicht vor dem, was ich mit einer mathematischen Metafer Nullstellen des Begriffes nennen möchte; oder vielleicht SIngularitäten, oder Bifurkationen. Allgemein gesprochen, gibt es solche logischen Figuren, in denen zum Ausdruck kommt, dass die bestehende Logik der Dinge eben nicht nur aus einer erzwungenem Zusammenhang der Dinge, sondern auch aus freier menschlicher Tat herkommt, die aber allemal mit der Notwendigkeit verkettet erscheint. Dieser Widerspruch kann sich freilich nicht anders geltend machen, als indem der Gang der Dinge krisenhaft wird, welche Krisen jene Tat provozieren. Die Kategorie der freien menschlichen Tat ist dabei nicht von vorneherein bestimmt, sonder selber für sich irreduzibel. Das sollte eigentlich niemanden Wunders nehmen. – Dass der Lauf der Dinge Momente der Entscheidung kennt, ist ein Ausdruck davon, dass er immer noch und unaufhebbar durch menschliches Denken vermittelt ist, und dadurch von Menschen, wenn sie nur den Willen dazu haben, auch durchschaubar und veränderbar. (1)

Man tut der Kritik einen schlechten Dienst, wenn man zur Sicherheit die Nullstellen aus dem Denken, als zu gefährlich und irrational, eliminiert, und im übrigen Agitation gegen das entfaltet, was im Ruf steht, aufregend oder gefahrvoll oder unauslotbar zu sein. Nichts dergleichen ist irgendjemandem ohnehin jemals begegnet. Die Agitation gegen eine vermeinte „Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“ als Parole oder Überschrift für die gegenwärtig anstehende Auseinandersetzung zu nehmen, das ist nichts anderes anderes als ein Geständnis, dass man dem eigenen Denken misstraut und seiner Fähigkeit, richtig und falsch, oder wahr und falsch, überhaupt noch unterscheiden zu können. Man wende mir nicht ein, man misstraue doch lediglich dem Denken aller anderen; unsere Aufgabe ist nicht die Agitation, nicht die Intervention, sondern die Kritik, und das ist zuvörderst der Aufweis, dass überhaupt noch vernünftig gedacht werden kann; das ist die Voraussetzung jeder Kritik; von diesem Aufweis hängt alles ab, und er ist das einzige, was die Kritik tun kann, von dem überhaupt irgendetwas abhängt. Und die mehrheitliche antideutsch-kommunistische bzw. „ideologiekritische“ Praxis seit 2009 ein Misstrauensvotum gegen die Vernunft; auch gegen die eigene, denn es gibt nur eine.

8 Das, was als Ergebnisse der Konferenz über die „Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“ 2009 gelten muss, sieht heute, 2 Jahre später, wie die verhängnisvollste Idiotie aus, die die antideutsch-kommunistische Strömung jemals vollbracht hat. Wir können dieses Konzil unmöglich anerkennen. Seine Tragweite ist so ungeheuerlich, dass man es als Ausdruck einer wirklichen Spaltung nehmen muss.(2) Letzten Endes läuft, was von diesem Konzil herkommt, darauf hinaus, sich der Postmodernen auf Gnade und Ungnade ergeben. Zu einer solchen Kapitulation sind wir aber nicht befugt.

Als ob man keine Mittel an der Hand hätte, um den Ausnahmezustand, von dem Benjamin spricht, unterscheiden zu können von dem, von welchem Schmitt spricht. Als gäbe es genau alle diejenigen materiellen Kategorien nicht, an denen man sich doch so hartnäckig abarbeitet. Als folge aus alle dem nichts, als wären sie nicht die einzigen Kategorien, auf die man sich immer verlassen dürfte. Als wäre der logische Punkt, von dem aus solche Unterscheidungen noch gemacht werden können, nicht mehr in der Welt. Er ist aber in der Welt. Dass wir es auch nur denken können, beweist alles. Und das begründet für die, die denken, eine Verpflichtung, die man nicht straflos hintergehen kann. – Als ob also, in einem Satz, die Postmodernen recht hätten.

Indem man dem Feind den „wirklichen Ausnahmezustand“ überlässt, übergibt man sich schon vorweg seiner Entscheidung, liquidiert die Kritik im Angesicht der Krise, und kapituliert vor einem Geschehen, das im Rückblick so aussehen wird, als hätte die antideutsch-kommunistische Kritik an den Ereignissen des Jahres 2011 ihren Schiffbruch erlitten, und ihre Wahrheit gefunden. Man setzt damit das begriffslose Unwesen als legitimen Statthalter ein. Das ist empörend, aber wir sehen heute, dass der ganze Unsinn wie mit unwiderstehlicher Gewalt darauf schon lange zudrängte, und wir haben geschwiegen; diesen furchtbaren Fehler müssen wir jetzt einsehen; wir haben das alles ja geschehen lassen, und jetzt ist es zu spät, besonders rücksichtsvoll zu sein.

Anmerkungen

1 Und dieser Wille ist selbst irreduzibel, nicht ableitbar, ein freier Entschluss; eine creatio ex nihilo; ein Akt des Ausnahmezustands. Schon der Entschluss, statt des Mitmachens lieber kommunistische Kritik zu betreiben. Schon der Gedanke, jeder einzelne.

2 Es ist hierfür völlig irrelevant, was auf der Konferenz selbst gesprochen worden ist. Man muss schon sehr unbedarft sein, um das für den Hauptpunkt an einer antideutsch-kommunistischen Konferenz zu halten. Es sieht immer so aus, als ob Beschlüsse mit Bindungswirkung auf solchen Konferenzen nicht gefasst würden. Ergebnisse haben sie aber immer, sonst müsste man sie nicht einberufen. Sie ratifizieren Kursänderungen und Abspaltungen, genehmigen durch Akklamation vorläufig getroffene Entscheidungen der einflussreicheren Gruppen, demonstrieren Existenz und Kooperation der wichtigsten Fraktionen, die Hauptredner zeigen ihr bedeutsames Einverständnis mit alledem und den veranstaltenden Gruppen durch ihre blosse Teilnahme, und für das Fussvolk werden die neuen Parolen und Argumente ausgegeben, zu deren Gebrauch es sich für die Dauer der nächsten Periode ermächtigt fühlen darf. Die Vorträge sind meist nicht besonders originell, die Gemeinde reist ohnehin eher wie zum Familientreffen an, oder wie zu einem Festival. Man muss, wirklich, schon sehr naiv sein, um nicht zu sehen, dass hier sehr wohl Beschlüsse gefasst werden, die bindend sind; nur eben nicht verbatim, sondern concludenter, und wegen dieser Informalität erstens ganz und gar den Abmachungen der massgeblichen Gruppen anheimgestellt, sowie von allen Beteiligten jederzeit rundweg abstreitbar. Sehr viele gute Gründe also für ein Ende des Kongresskommunismus, übrigens: an so etwas nimmt man nicht teil. „Die Partei gibt es nicht mehr“, heisst es lakonisch bei Horkheimer, und wer auch immer sich heute schon benimmt, als hätte er sie wiedergegründet, ist daran schuld.

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