Der Stand der Dinge

von Jörg Finkenberger

Wir finden uns, heute, in unkartierten Gewässern. Da ist nichts, auf das wir uns verlassen können. Niemand kann uns, oder in der Tat irgendjemandem, helfen. Niemand wird uns hier auch nur schreien hören. Wir leben, muss man fürchten, in historischen Zeiten. In einer Zeit der Entscheidung; man tut gut, wachsam zu bleiben; die Gefahren sind gross, die Möglichkeiten wenige.

1. Zeiten der Entscheidung nennt man mit im alten Griechischen auch mit dem Wort Krisen, und in dieser Form erscheint uns der allzu zudringliche Gedanke, als gäbe es überhaupt noch etwas zu entscheiden, fast vertraut: die Krise, das ist eine Zeit der Entscheidung, nur scheint es, als hätten wir nicht viel mitzureden dabei, die Krise macht sich als ein rein äusseres Schicksal geltend, und wird allgemein auch genauso verstanden.

Die Krise kommt ohnehin, so meint der bürgerliche Verstand, von aussen, von den sogenannten Finanzmärkten, den Banken, den unfähigen und gierigen Managern, und befällt die Produktion, und die ganze Gesellschaft, wie ein infektiöses Virus. Das ist natürlich vollkommener Unsinn, aber die Insassen dieser Gesellschaft können das nicht anders denken, weil sie niemals begreifen dürfen, dass die Krise gerade aus der Gesellschaft kommt, aus der alltäglichen Praxis, aus der Lohnarbeit, der Familie und dem Staat, aus dem Verhältnis, in das sie zueinander gesetzt sind; dass, mit einem Wort, die Krise nichts anderes ist als die Wahrheit über den Stand der Dinge, und dass sie ausgebrochen ist, weil sie ausbrechen musste. Der bürgerliche Verstand endet hier.

Es ist nicht die Krise der Finanzmärkte, oder der Banken, oder des Weltwährungssystemes, sondern die Krise dessen, von dem die Finanzmärkte und die Wechselkurse nur der äusserste, abstrakteste Ausdruck sind, die Krise der Gesellschaft der Lohnarbeit und der Ware, und alle wissen das. Die Frage ist nur, was alle für Schlüsse daraus ziehen werden, wenn sie gezwungen sein werden, Schlüsse daraus zu ziehen. Und wir wissen, was für Schlüsse sie schon einmal daraus gezogen haben.

2. Wer sich darauf einliesse, die Krise als ein rein von aussen kommendes Ereignis aufzufassen, müsste ihr Ausmass und ihre Tragweite verkennen. Man wird daran festhalten müssen, dass die Menschen ihre Geschichte selbst machen, wenn auch, wie Marx meinte, nicht immer aus freien Stücken.

Die Praxis dieser Gesellschaft wäre genau daraufhin zu durchleuchten, dass die Menschen sie selbst machen, und zwar jeden Tag, und genau das alltäglichste, selbstverständlichste, vermeintlich natürlichste ist nichts anderes als das Produktionsverhältnis dieser Gesellschaft. In der Krise zeigt sich die so produzierte Gesellschaft als unmögliche, nicht einmal denkbare Gesellschaft, ja als das Gegenteil von Gesellschaft, ihr Reichtum als gleicher Ausschluss aller vom Reichtum, ihre Freiheit als blindes Verhängnis. Man soll nicht glauben, die Einzelnen wüssten das nicht insgeheim sehr genau. Sie können es aber nicht wissen wollen, sie müssen sich stattdessen einen anderen Reim darauf machen, wer schuld sein soll an der Krise; denn wer einmal A gesagt hat, muss auch B sagen, wenn B aus A folgt, oder aber er muss erkennen, das A falsch war.

Dass die Menschheit macht ihre Geschichte selbst macht, daran wird sie nur ungern erinnert, und fantasiert sich diese Geschichte gerne anders zusammen: als eine Geschichte der Intrigen und Manipulationen einer geringen Zahl von Mächtigen. Es fragt sich aber, wenn man sich unsere Proletarier so anschaut, wozu diese Leute noch Herrschende benötigen sollten…

3. Auch diese Krise kommt nicht von aussen in die Gesellschaft. Sie besteht ganz einfach darin, dass diese Gesellschaft und der Prozess, in dem sie sich produziert, an den Fugen auseinandergeht. Indem die Gesellschaft sich daran gewöhnt, sie als eine äusserliche Bedrohung anzusehen, übt sie bereits ihre so genannte Bewältigung ein; und das heisst nichts anderes als das gewaltsame Zusammenzwingen dessen, was auseinanderstrebt, durch den ausserhalb und überhalb der Gesellschaft stehenden Souverain, und getragen vom Willen des ganzen Volkes.

Nun wissen wir aus der Geschichte der Krisen, wie so etwas zu passieren pflegt. Und nachdem die Menschheit es versäumt hat, die Welt so einzurichten, das eine Wiederholung als ausgeschlossen gelten kann, zeigt sich das, was am Horizont zu sehen ist, als die Gefahr einer fürchterlichen Aktualisierung.

Dies gibt uns für das, was wir tun oder lassen, das Mass vor, nach dem es gemessen werden wird: ob es dem „Moment höchster Gefahr“, als den wir unsere Zeit betrachten müssen, angemessen ist. Nichts, was das Niveau dieser fürchterlichen Aktualisierung unterschreitet, hat Anspruch darauf, für eine Kritik des Bestehenden zu gelten; nichts, was das Entsetzen vor dem, was ist und was kommen kann, hintertreibt; nichts, was der Anstrengung und der Zumutung, das, dem wir ausgesetzt sind, wenigstens zu begreifen.

4. Wir sind, und wissen es, zum fürchten einsam. Das aber ist normal, und niemandem geht es heute anders. Die Aufgabe besteht darin, sich von der erdrückenden, unwiderleglichen Gewissheit, dass man ein einsames, verlassenes, verächtliches Wesen ist, nicht dumm machen, nicht in den Wahnsinn treiben, nicht hilflos oder schlimmeres machen zu lassen. Nicht mitzutun, ohne sich damit, nicht mit zu tun, selbstzufrieden zu bescheiden. Zu begreifen, wie gründlich der Ausweg der praktischen Veränderung der Umstände uns verstellt ist, ohne deswegen aufzuhören, ständig auf dieser Veränderung zu bestehen; der ganzen Tiefe jener Unmöglichkeit immer auf neue sich auszusetzen; und im Gegenteil diese Veränderung als eine drängende Tagesaufgabe zu fassen, von der allerdings niemand in der Lage ist, sie auch nur zu begreifen oder zu wollen.

Und so sehr diese Aufgabe darauf hinausläuft, jeder Regung, jeder Bewegung in dieser Gesellschaft zu misstrauen, die zur Emanzipation der Menschheit vom jetzigen Zustand sich zweideutig verhält, so sehr ist es uns verboten, die Hoffnung auf diese Emanzipation aufzugeben. Wenn diese Hoffnung erlischt, ist die Befreiung endgültig gescheitert. So wenig sich die Hoffnung begründen lässt, so zäh ist an ihr festzuhalten. Niemand, der sie kennt, hat das Recht, sie abzutun.

Die Hoffnung mag blind sein, und zuweilen blind machen. Das gehört zu den Risiken, die man auf sich zu nehmen hat. So wie das Risiko, zu irren, etwas ist, dem man nicht straflos entkommt. Niemand unter uns, die wir in diesem Blatt schreiben, der nicht geirrt hat und nicht hofft, klüger geworden zu sein. Niemand, der es geworden ist, ohne zu irren.

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