Society is Tearing itself Apart

Die Riots in England, die Krise und wir

von Jörg Finkenberger

Von den Riots in England im August 2011 wird gar nicht mehr viel geredet, kaum dass die rauchende Asche ein bisschen kalt geworden ist. Das ist kein gutes Zeichen, denn es gibt eine ganze Reihe Gründe, sich die sehr genau anzuschauen, wenn man denn wirklich an der Errichtung einer Gesellschaft der ganzen Menschheit ohne Klassen und Staaten interessiert wäre.

1. Viel kluges ist bisher noch nicht dazu geschrieben worden, und man soll nicht darauf warten, dass da noch viel nachkäme; soviele sind gar nicht mehr da, auf die zu warten sich lohnte. Es wird zwei Sorten geben: die einen, die niemals müden, werden sich bemühen, in den Ereignissen Spuren der endlich herannahenden wirklichen Bewegung zu erkennen, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt; die anderen werden wütend nach der Republik rufen, die dem marodierenden Bandenwesen Einhalt und den Errungenschaften der Zivilisation einen Beistand tun sollte. An beiden wird uns nur ihre stur durchgehaltene Unfähigkeit überraschen, Dinge zu verstehen, die sich vor ihren Augen abspielen.

Unter den wenigen vernünftigen Stimmen, die sich unmittelbar während der Ereignisse schon hören liessen, schaffte es eine bisher nicht besonders aufgefallene britische Webloggerin wahrscheinlich ohne es auch nur zu ahnen, die Sache auf den Begriff zu bringen: Tonight, in London […] society is tearing itself apart.(1) Die Gesellschaft reisst sich selbst in Stücke – genau das ist der Sinn dessen, was man beobachten konnte, und es hätte, nachdem das offensichtliche ausgesprochen werden konnte, wenig bedurft, um eine ganze Reihe von Zusammenhängen herzustellen, die einen tiefen Blick in die Tendenzen der Zeit, in der wir leben, erlaubt hätten.

Denn tatsächlich, es ist die Gesellschaft selbst, und mittendrin das, was allenfalls noch Proletariat genannt werden könnte; von der Existenz einer herrschenden Klasse sehen wir, immer noch, aus Prinzip ab, und so ist uns vorderhand der Begriff des Proletariats mehr oder minder umstandslos das gleiche wie der der Menschheit im Stande ihrer Unfreiheit. Das Proletariat ist nicht eine Ansammlung von Menschen, die die geschichtliche Aufgabe hätte, im Kampf mit einer anderen Ansammlung von Menschen zu obsiegen, und ihr eigenes soziales Prinzip der Gesellschaft zu oktroyieren. Von einer solchen Revolution kommt nur die Verallgemeinerung des Mangels. Das Proletariat, das ist vielmehr die Klasse, und damit die Herrschaft, der die einzelnen Menschen untertan sind; die Selbstaufhebung des Proletariats, nicht dessen Triumf, und das heisst: die Auflösung der Massen in emanzipierte Einzelne machen erst den Weg frei für die Aneignung dieser Welt durch frei assozierte Menschen, ohne Zwang, Furcht und Gewalt.

2. Von solchen Möglichkeiten trennt unsere heutige Menschheit ein finsterer und unüberbrückbarer Abgrund. Diese Menschheit ist eine, in der die einen den anderen ihre Häuser anzünden, während die anderen mit Eisenstangen Jagd auf die ersten machen. Ein notwendiger Teil der Klasse, soweit man das Wort noch benutzen kann, tut einen illusorischen Griff nach dem gesellschaftlichen Reichtum, während der andere Teil derselben Klasse nach der Ordnung ruft, den Staat und seine eiserne Hand, die die Einheit der beiden Seiten der Ware garantieren soll.

Die wenigsten und klügeren Beobachter(2) haben versucht, diese Ereignisse unter dem Blickwinkel der Warenform des gesellschaftlichen Reichtums zu betrachten. Das ist lobenswert und vernünftig, aber die wenigsten haben von der völligen Negativität im inneren der Warenform, im inneren dieser Gesellschaft einen genügend klaren Begriff.(3) Auch folgender Gedanke erregt vielleicht Entsetzen: wenn es wirklich die Warenform selbst ist, die hier einfach auseinanderfällt, dann passiert hier vielleicht etwas, was gar nicht so unähnlich dem ist, was man die ökonomische Krise nennt. Etwas, das man auch gar verstehen könnte als eine blosse Verlängerung dieser Krise. Man störe sich nicht daran, dass die Krise ja scheinbar naturgesetzlich abläuft, während wir es hier mit Menschenwerk zu tun haben: alle gesellschaftlichen Naturgesetze entfalten sich nur durch die Handlungen der einzelnen Menschen hindurch, und auch die Krise ist Menschenwerk, unkenntlich gewordene menschliche Praxis, die ihnen als objektive Macht gegenübertritt.

Die Logik der Krise aber bringt uns nicht zur Befreiung, und das Auseinanderfallen der Warenform noch nicht zur freien Assoziation; sowenig die Rufe nach der Ordnung und dem Staat, der die Warenform zusammenzuzwingen hat, irgendetwas mit dem im Sinn haben, was einige unserer Freunde „das, was an der bürgerlichen Gesellschaft allenfalls verteidigenswert ist“ nennen werden.(4) Man sollte sich einmal anschauen, wie die daherreden, vor Hass schäumend, die nach der Ordnung gerufen haben: das häufigste Wort , das man von gesetzestreuen englischen Bürgern im Netz über die Plünderer zu lesen bekam, war „animals“.(5)

3. Auf diese Weise also enthüllt sich die innerste Tendenz dieses verhängnisvollen Jahres 2011; aber was für eine traurige Ironie, dass sie nichts anderes ist als das Auseinanderfallen der ojektiven Krise des Kapitals und derjenigen gesellschaftlichen Tat, die zu seinem Sturz wirklich notwendig wäre. Denn diese Tat geht aus jener Krise keineswegs hervor; sie bedarf derjenigen irreduziblen Tätigkeit der menschlichen Freiheit, die man Reflexion genannt hat, oder die man mit einem Zurücktreten und Innehalten verglichen hat, das den Einzelnen ermöglichte, das Elend und die Niedertracht, in deren ständige Produktion sie alle verstrickt sind, zu überschauen und zu beschliessen, dass es doch besser anders sein sollte. Man wird es nennen und vergleichen, wie man will, und wird es doch verfehlen: es ist wirklich irreduzibel, aus keiner Kategorie abzuleiten, in keiner Kategorie ganz aufgehoben, mit nichts identisch und trotzdem allgegenwärtig wie die Hoffnung, die aufzugeben uns um der Hoffnugslosen willen verboten ist.

Der liberale libanesische Weblogger Mustafa von beirutspring.com(6) hat als erster, soweit wir wissen, gewagt, das, was so lange beunruhigend in Luft lag, auszusprechen, indem er die Frage stellte: Was, wenn das Jahr 2011 das neue 1968 wäre? Diese Parallele zu ziehen ist undankbar, in dem Sinne, dass sie so lange allen auf den Sinn drückte, und niemand wagte, sie auszusprechen, auch nur als Frage; so dass dem, der den Schleier lüftet und fragt, niemand dankbar sein wird, ausser heimlich.

Die Lage ist fundamental und verhängnisvoll anders als 1968. Damals hing nicht die Möglichkeit über uns, dass die Weltmärkte zusammenbrechen könnten; die Krise, die sich damals langsam durch die Eingeweide des Kapitals biss, war eine leise, unterirdische, eine seismische Verschiebung der Kapitalzusammensetzung, ein leichtes Beben des Bodens, das aber diejenigen, die nahe am Epizentrum standen, in ungleich grössere Wallung brachte als die, die ferner davon standen; die von unten gewissermassen die Ordnung der Gesellschaft, aber nicht das Üüberleben in Frage stellte; so dass eine Reibung entstand, durch die bald die Grundlagen dieser Gesellschaft selbst zur Debatte stand; erleichtert durch einen schon vorhandenen, bereitstehenden Vorrat von Ideen, die aber noch nicht verdorben und verkommen waren; eine ganze Sfäre der Skepsis und des widerständigen Denkens, das noch nicht vom objektiven Prozess aufgesogen und assimiliert worden war. Nichts von alledem haben wir heute.

Da lehrten hier Adorno, anderswo Marcuse an den Universitäten. Da schienen Gedanken noch Folgen haben zu können, ja zu müssen. Es gab Bücher, deren Erscheinen den Boden beben liessen, nicht, weil die Werbemaschine so gut funktionierte (und jede verschissene kleine Theoriegruppe der Linken ist heute ein Teil davon), sondern weil sie wahr waren und negativ. Man versuche doch einmal, auch nur die kleinsten Skandale der Situationisten nachzustellen! Oder auch nur eine von Adornos Vorlesungen zur Negativen Dialektik! Überhaupt zeigt sich an der ganzen 1968er Maskerade der letzten Jahre, von einer neuen ApO bis hin zu einem neuen SDS, eindringlich die völlige Unwiederbringlichkeit der damaligen Situation. Und selbst aus dieser im Vergleich zu unserer heutigen Lage so viel günstigeren, was ist 1968 gutes daraus gekommen?

Sind die Bewegungen, deren Herannahen wir seit 4 Jahren, im „Letzten Hype“ und anderswo, beschrieben haben, von einem anderen Schlag als der objektive Prozess selbst? Kann man etwa hoffen, dass aus ihnen ohne weiteres etwas befreiendes kommen kann? Oder ist nicht das Entsetzen darüber, wie sich in ihnen gerade die vorherrschende und sich zuspitzende Auswegslosigkeit ausdrückt, das beste, was sie uns geben können? Müsste nicht diesem Entsetzen eine Stimme verliehen werden? Wäre nicht erst das Erschrecken darüber der Punkt, an dem etwas wie Reflexion, oder wie man es immer nennt, sich kristallisieren könnte?

Es liegt, wiederum, eine traurige Ironie darin, dass es ein libanesischer Liberaler war, der 2011 als neues 1968 zu bezeichnen wagte; im Libanon weiss man wohl noch, dass die Bewegung von 1968, nebst den Versuchen der alten Welt, sie einzudämmen, dasjenige in Gang setzte, was dann auf den libanesischen Bürgerkrieg zutrieb. Seine Worte sollten eine Warnung sein. Grund zur Freude gibt es nicht. Um so fürchterlicher, dass eine ganze Strömung, eine, die uns immer ein Grund zur Hoffnung zu sein schien, diejenigen, die am wenigsten verblendet zu sein schienen, sich, wie es aussieht, unfähig gemacht haben, die volle Höhe der Herausforderung, vor der sie wie wir alle stehen, zu verstehen, um sie stattdessen mit billigen Frasen bannen zu wollen; was wiederum eine traurige Ironie ist, weil das, was jetzt geschieht, nichts anderes als genau diese fürchterliche Aktualisierung ist, auf die sie sich all die Jahre vorbereitet haben.

Wir werden wohl, wie Kommunisten das zu tun pflegen, an dieser Herausforderung versagen. Nichts können wir besser. Wenn man sich, aus welchem Grund auch immer, dafür entscheidet, sich auch von der Dummheit der Selbstgewissen nicht ohnmächtig zu lassen, dann wird man, was man tut, ohne jede Rückversicherung tun müssen, im eigenen Namen, auf nicht kartierten Pfaden; auf die Gefahr hin, zu irren; näher am Rand, als es gut sein wird; verzweifelt, und allein; aber wenigstens wird man getan haben, was man konnte. Wie wenig das auch gewesen sein wird.

1 http://pennyred.blogspot.com/2011/08/panic-on-streets-of-london.html
2 http://socialismandorbarbarism.blogspot.com/2011/08/open-letter-to-those-who-condemn.html und http://socialismandorbarbarism.blogspot.com/2011/08/open-letter-to-those-who-condemn_10.html
3 Hierzu hört man sich besser diesen Vortrag von Bruhn an: http://www.freie-radios.net/2254 und http://www.freie-radios.net/2255
Es ist eine Schande, das so was nicht in eine lebende Sprache übersetzt wird.
4 Hier kämpft nicht „die Republik“ gegen „die Banden“, wie wir es zweifellos wieder zu hören bekommen werden von denjenigen Leuten, die auch meinen, Sätze wie „Die Bande ist muslimisch verfasst“ hätten einen Inhalt.
5 Anmerkung 1, in der Kommentarspalte. „Animals“, soweit würden selbst unseren nicht gehen; „savages“ gab es schon. Die Präjudizien sind gesetzt. Das Grauen kann seinen Lauf nehmen. – Wer will hier auf welcher Seite stehen, Hand hoch? Tretet vor und seid gerichtet!
6 Seinen Nachnamen weiss ich nicht.

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Ein Gedanke zu “Society is Tearing itself Apart

  1. Na guten Morgen! Wieviel Jahrzehnte ist es her, dass Margret Thatcher ihren berüchtigten Ausspruch tätigte dass „so etwas wie Gesellschaft nicht existieren würde“? Und wie lange währt schon das Wüten der Neoliberalen?

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