I like it like it

Ein Kommentar zu Rihannas jüngster interessanter Single S&M

„I may be bad but I’m perfectly good at it“: bei Rihanna lebt ohne Zweifel etwas vom elegant-zynischen Sophismus Juliettes fort, in deren Tradition sie sich durch das Heranzitieren des „Boudoir“, in dessen samtweichen Polstern erschöpft vom Laster ruhend die Ungeheuer, die der Alptraum der aufgeklärten Vernunft gebiert, einst sich zum ersten Mal deutlich in deren Selbstbewusstsein manifestierten, selbst stellt. Genüsslich spielt sie mit der verräterischen Polysemie des Wortes: Was heißt schon „good“? Hängt nicht jedes „good“ von einem „it“ ab, ist in Wahrheit ein „good at“? Dann ist es schön, wenn ihr euch einbildet, „good at being good“ zu sein – ich bin eben „good at being bad“, sogar: „perfectly“ – ätsch. Genauso: „Feels so good being bad.“ Die ideologische Differenzierung zwischen moralisch GUTEM und emotional Gutem wird aufs Korn genommen: ihr GUTEN fühlt euch doch auch nur gut beim euren GUTEN Gedanken, Worten und Taten. Ich fühle mich eben bei schlechten gut – what’s the fucking difference? Warum das GUTE nicht getreu dem alten noch von Freud zitiertem Reim wie den Himmel (heaven) den Engeln und den Spatzen überlassen? Im Grunde seid ihr die wahren Sado-Masochisten – ich tue einfach nur, was mir gefällt, ihr könnt mir nix: „I like it like it. / I like it like it.“ Es ist eben so: Ich mag es wie es ist. „Love is sweet, love is fine“ – zugestanden, doch: „Pain is a pleasure that nothing can measure.“ In lustvoller Infantilität ein Zitat eines englischen Kinderreims: statt: „Sticks and stones / Will break my bones / But names will never hurt me“, einem gut gemeinten Aufruf zum Gewaltverzicht und Toleranz gegenüber verbalen Beschimpfungen: „Sticks and stones may break my bones / But chains and whips excite me“. (Womit zugleich der Unterschied zwischen der echten Härte des Lebens und dem im Grunde harmlosen Treiben der SMer markiert ist. Anders – und womöglich ehrlicher – freilich noch Depeche mode in Master and Servant, aus dem die Phrase „Come on“ sowie das Keybordthema bei „S S S and M M M“ stammt: „It’s a lot like life / And that’s what’s appealing.“ „Domination’s the name of the game / In bed or in life / They’re both just the same / Except in one you’re fulfilled / At the end of the day.“ Empfehlenswert hier die Coverversion von Nouvelle Vague. [Poppiger als das eher experimentelle Original, aber gerade dadurch angesichts des Texts frecher.]).

„She’s been a crazy dita disco diva and you wonder.“

In früheren Zeiten wäre ein derart lebensfrohe Bejahung der eigenen ‚Perversion‘ dem Scheiterhaufen, der Zensur oder der öffentlichen Empörung zum Opfer gefallen. Die Ärzte waren vielleicht noch skandalös mit Bitte, bitte und Co., Depeche mode und Velvet Underground mit ihrem vielleicht größtem Hit, dem düster-schönen Venus in furs, irgendwie Pop-Bohème. Oder nehmen wir in jüngster Zeit den Arschficksong und ähnliches, die zumindest noch ein besorgtes Kommentar im Feuilleton ob der Verrohung der Sitten der Jugend wert waren. Heute jucken Textzeilen wie die Zitierten keine Sau mehr. Mehr noch: der Song wird im Radio rauf und runter gespielt, die Single stürmt global die Charts. Immerhin wurde das Video in ein paar Hinterwäldlerstaaten verboten und es gab irgendwelche Probleme in GB und auf youtube. Die beste Version ist meines Erachtens übrigens der Samson Club Mix, gefunden ebenda. Da kommt der im Grunde sehr traurige, melancholische und zugleich trotzige Charakter der bassline in es-Moll ziemlich gut heraus, vorallem in der Periode ab etwa 3:11, die mit einer genial puristischen voice & bass-Partie beginnt, um die bassline dann verstärkt mit Streichern fortzuführen. Jedenfalls klare Sache – der Song ist einfach ein verdammt gut gemachter Popsong. Tanzbar, hörbar, selbst wenn man sich mit dem Text nicht identifizieren kann (wer achtet schon darauf?). Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sowas kommt. Nach dem jahrelangen Spiel mit Fetisch-Outfits und Musikvideos an der Grenze zum Porno, I wanna take you to a gay bar und I kissed a girl (um nur wenige Beispiele zu nennen) nun also auch eine explizite popkulturelle Mainstream-taugliche Glorifizierung des Sadomasochismus. Das ist gut. Es ist immer ein Fortschritt, selbst wenn er sofort wieder der üblichen Dialektik der Inklusion ins falsche Ganze zum Opfer fällt, wenn Randgruppen gesellschaftlich akzeptiert werden und sozusagen auch ‚ihren‘ Song kriegen. Wobei hier natürlich die übliche Spannung zwischen kultureller Repräsentation und Lebensrealität berücksichtigt werden muss: “Sadomasochist” zu sein bedeutet nach wie vor, einem nicht gerade angesehenen Teil der Gesellschaft anzugehören, ob man sich diese Identität nun bewusst gibt oder sich einfach nur kontigent in der Begierden-/Praktiken-Matrix des diskursiven Konstrukts “Sadomasochismus” bewegt (womöglich ohne davon Bewusstsein zu haben oder es zu wollen). Rihanna hat sich jedenfalls – ob Marketinggag oder nicht: ein durchaus mutiger Schritt – auch zu ihren privaten SM-Vorlieben bekannt.

Das ist sie also, unsere westliche Gesellschaft: wir feiern die Lust am Leiden und errichten Folterknäste im Irak, die alten christlichen Geschichtchen taugen nurmehr als popkultureller Zitatebaukasten (Umbrella / Judas) – was sollen nur die Fundamentalisten von uns denken? Rihanna war übrigens laut wiki früher mal Kadettin in der Armee von Barbados – und war da nicht die Affäre mit ihrem Freund, der sie geschlagen hat? Wer verräterische Details sucht, der findet. (Wobei der Song und das Outing nebenbei bemerkt gerade wegen der Affäre um sie und Chris Brown so mutig: „I don’t care, I like the smell of it.“ [Vgl. die nahezu identischen Formulierungen in Who’s That Chick?]) War die junge Britney Spears – heute mit Rihanna an einem Remix von S & M beteiligt (und man durfte sich natürlich schon bei I’m a slave for you seinen Teil denken, selbst wenn es noch nicht derart explizit war und man das versklavt sein noch im Sinne der üblichen Liebesmetaphorik seit Platon deuten konnte) – noch vergleichsweise prüde, die Unschuld vom Lande, wird jetzt offen verkündet: hinter unseren Pokerfaces wartet der reine Wahnsinn auf Erfüllung. Der Triumph der zwei Buchstaben: „S S S and M M M“. Ein Wahnsinn freilich, der nichts Heiliges mehr an sich hat, der irgendwie verdammt profan, verdammt vernünftig geworden ist. Sind wir nicht alle ein bisschen Gaga? Dieser Zynismus wird von Rihanna noch drastischer in dem Song Hard inszeniert. In dem dazu produzierten Musikvideo posiert sie u.a. als Soldatin der US-Army in einer leicht als dem Irak oder Afghanistan zu erkennenden Wüstenlandschaft – einmal sogar mit einem Helm in der Form von Micky Maus – Ohren. Rihanna, die sich in anderen Videos ja durchaus in der üblichen Logik weiblicher Selbstrepräsentation als “weich”, “liebevoll”, “verletzlich” etc. bewegt, bricht damit in diesem Song völlig auf und adaptiert sprachlich und stilistisch die Symbolik männlicher Rapper (Autos, Härte, Geld, Gewalt …; die Sexualität fehlt rein textlich und auch im Video, doch der Titel sagt ja schon um was es geht – Rihanna greift nach der Männlichkeit im umfassendsten Sinne). Was soll man dazu sagen, es ist schlichtweg die logische Konsequenz der Frauenemanzipation. Das postmoderne an Rihanna ist wohl, dass sie sich nicht, wie im Video zu S&M nicht auf die dominante oder devote, auch generell nicht auf irgendeine bestimmte Rolle festlegen lässt. Sie (bzw. das Bild, was sie von sich selbst medial produziert), bewegt sich ganz von einer Maskerade zur nächsten. Doch immer voll dabei, immer mit dem richtigen Outfit, in der richtigen Stimmung, mit dem richtigen Gesichtsausdruck, dem passenden Musikstil. Für soetwas wie Konstanz sorgen einzig die erwähnten Referenzen zu anderen Songs von ihr. Dies ist ja wohl auch die Bedingung dafür, dass Rihanna so eine Single wie S&M überhaupt unbeschadet produzieren konnte – weil sie jenseits irgendwelche festen Identitäten operiert, entzieht sich von vorneherein dem Verdacht, etwas zu sein. Gleichzeitig ist sie jedoch in den Augenblicken, in die ihr Leben zerfällt, den wechselnden Rollen, in die sie schlüpft, jeweils doch wiederum genau das, was sie ist und scheint mit der jeweiligen Situation bruchlos zu verschmelzen oder es doch zu wollen. Dass sie immerhin von diesen Situationen singt, anstatt sie einfach zu leben, bewahrt ein “I”, ein Bewusstsein, das doch von ihnen unterschieden ist. In dem Bild “Rihanna” scheint so doch auch etwas von einem Leben des Spiels, der Freiheit jenseits der Identitätslogik auf.

Dies bezieht sich freilich auf die immanente Logik der im Pop-Betrieb produzierten Bildlichkeit. In Wahrheit ist die Rede von ‘ihren Songs’ natürlich völlig anachronistisch, “Rihanna” kaum mehr als ein Markenname, hinter dem ein gigantisches Konglomerat aus Produzenten, Textern, Stylisten, Choreographen, Regisseuren und sonstigen Spezialisten steckt, die trendsetterhaft auf der Höhe der Zeit operierend das neueste Albums genau passend zum neuesten Hype raushauen. Womöglich singt Rihanna demnächst Kritisches über den Finanzsektor. Ihre Flexibilität korrespondiert nahezu lückenlos mit der von den Individuen heute auch im Alltag rein ökonomisch geforderten. ‘Progressiv’ ist das Ganze in gewisser Weise, weil Rihannas Inszenierung den Schein eines dahinter stehenden, irgendwie ‘authentischen’ Künstlersubjekts vollständig dekonstruiert. Sie ist tatsächlich soetwas wie eine zu neuen taktischen Manövern stets bereite Soldatin an der Marketingfront, gelenkt von kühlen Strategen im Hintergrund. Dass es überhaupt möglich ist, einigermaßen tiefsinnige Interpretationen ihrer Produkte zu erstellen, zeugt immerhin von deren relativer Qualität. Das ‘Versprechen von Glück’, wenn man soetwas überhaupt nennen kann, ist das Aufgehen in diesem nie endenden stream of consciousness, in dem das Bewusstsein sich selbst völlig auflöst. Differenz bewahrte einzig die Reflexion desjenigen, der sich dem Strom listig ausliefert, um ihm selbst ein Moment von Reflexivität abzutrotzen. Zu dem Song Who’s that chick? gibt es zwei Versionen mit auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Ästhetik. In der Tagesversion ist alles in frohen Kuntibunti-Regenbogenfarben, in der Nachtversion düster mit einigen SM-/Fetisch-Reminiszenzen. Die Handlung des Videos ist trotzdem in beiden Fällen völlig identisch, womit die schlechte Reproduktion des bereits Bekannten in allen neuen Inszenierung ausgedrückt wird. Der Produzent, David Guetta, ist auf einem Raumschiff, in dem er einsam durch’s Weltall reist. Mit Einsatz des beats erwacht er aus dem künstlichen Tiefkühlschlaf, in dem er vor Jahrhunderten versetzt wurde. Er betrachtet sozusagen gemeinsam mit dem realen Betrachter des Videos das Video im Video selbst und wird dadurch zu seiner kreativen Arbeit und zum Fitnesstraining animiert (man könnte auch, je nach Perspektive, ‘inspiriert’ oder auch ‘angetrieben’ sagen). Klar: Auch meiner Motivation war es während dem Abfassen dieses Artikels sehr zuträglich, immer wieder und wieder und wieder in meinem Studierstübchen sitzend die greatest hits meiner ‘Muse’ zu hören. Gegen Ende des Videos gibt es einen kurzen Moment des Einhalts. Die Musik verlangsamt sich, der Beat bricht ab, bis am Ende nur noch ein Herzklopfen bleibt (passend zum Text: “My heart is a dancer / Beating like a discodrum” – womit zugleich die angestrebte Identität von Innen- und Außen ausgesprochen wird). In der Tagesversion sieht man den Produzenten melancholisch-nachdenklich eine Pause einlegen. Wird das Video hier abbrechen? Kann die Stimmung, der groove nicht dauerhaft aufrechterhalten werden? Nein – natürlich kann er, es war nur die obligatorische, in diesem Fall wirklich kunstvoll arangierte, bridge, es muss weitergehen. Nach dieser kurzen Atempause setzte der Beat genau so wie vorher wieder ein, der Song wird zu einem konventionellen Ende geführt, am Ende beschleunigt das Raumschiff – völlig losgelöst von der Erde schwebt es völlig schwerelos auf zu neuen Galaxien. Das alles sagt im Grunde in selbst kulturindustrieller Form mehr über die gesellschaftliche Funktion der Kulturindustrie aus als es so mancher seitenlanger Text vermöchte. Der einsame Raumfahrer, die Melancholie, das ‘Trotz alledem’ – Rihanna: “Too cold for you to keep her / Too hot for you to leave her”, das fortwährende ‘tease & denial’-Spielchen der Kulturindustrie, dem man sich trotz alledem nicht entziehen kann bzw. soll. Erfüllung gibt es woanders – in einer anderen Galaxie? Im Grunde ist gerade, so harmlos und sexy er daherkommen mag, vielleicht der Zynistische in ‘Rihannas’ Schaffen, indem das in ihm vorgestellte Bild vom Leben von der Realität des Lebens kaum noch unterschieden ist. „It’s a lot like life / And that’s what’s appealing.“

Doch seien wir ehrlich: eigentlich ist Rihanna, Sex und überhaupt alles langweilig. Vielleicht ist es heute, gerade weil es so weltfremd ist, radikaler, in Phädra zu gehen und begeistert Die Leiden des jungen Werther zu lesen. Da wird die Versagung zumindest noch als Leiden dargestellt und nicht als Erfüllung oder doch einzig mögliche Welt feilgeboten. Oder liegt gerade darin das reaktionär romantizistische dieser Werke? Jedenfalls sollte gerade das Perverse in unserer Kultur, die Autonomie und Emanzipation des Begehrens, die Freiheit von der Identitätslosigkeit gegen die Freunde der Identität verteidigt werden, notfalls auf sexy pinken Panzern räkelnd mit Tarnfarben-Bikini im Wüstensand – die Peitsche der Domina ist süßer als die der Sharia. We may be bad but we’re perfectly good at it. At least we could be.

Notiz zu „Man down“:

Achtung, Rihanna ist ebenso a girl who shots men down. Doch auch hier wieder jenseits von Gut und Böse: der Song handelt weder von christlicher Rache noch von einem christlich schlechten Gewissen, sondern von Gerechtigkeit. Was getan werden muss, muss getan werden (es gibt keine wirkliche Reue). Nicht aus Lust, sondern aus Prinzip (nicht das nur mühselig sublimierte Pseudo-Lustprinzip der Rache, die sich über alle Lust erhaben dünkt). Manche Konflikte lassen sich nur durch Mord lösen: „Rum bum bum bum. Rum bum bum bum.“ Manche Mädchen müssen mal mit ihrer Mutter reden, weil sie die Schule geschwänzt haben – das ist nicht Rihannas Liga. Jene können immerhin von größeren Heldentaten träumen, wenn sie den Song hören. Rihanna’s the true Carmen rediviva – doch die neue ist schneller als Don José, dem nichts als die Flucht mit dem Zug bleibt. [Dass sie ihn aus Rache für eine Vergewaltigung erschoss ist zwar ein nette Idee, bleibt Text und Video jedoch äußerlich – der Witz ist gerade, dass es keinen klaren Grund gibt.]

P. G. M.

Gedicht für R.:

Sag, wer ist dieses Huhn?
Tanzen willst Du bloß und
ein’n Mann niederschießen, Du
mein einziges Mädchen in der Welt,
Du einzige, die mich versteht,
Du weißt: Schmerz ist unv’rgleichbare
Freude, auf, komm,
b’reit Peitschen, Ketten stehen,
sind wir schlecht,
wir sind gut darin,
komm, komm, komm,
Klang, die Medizin, tut gut,
alles, was wir brauch’n;
ach, meine verrückte Discod’va,
mein Herz ist eine Wüste,
schlägt wie ’ne Discotromm’l,
doch unt’r Deinem Regenschirm
bin ich geborg’n, so hart bist Du,
so stark, mit Schmerz in der Stimme
off’nbar dann beim Tanz ich:
ich liebe Dich, wie grausam.

Mein einziges Mädchen in der Welt,
Du einzige, die mich versteht,
Du einzige, die ich je geliebt,
Soldat’n, kein Schmerz ist für immer

.

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