Umrisse einer Kritik des Faschismus

I.
Nach dem vorprogrammierten Scheitern des Konzepts vom „revolutionären Antifaschismus“ der 90er Jahre, das in der Zuspitzung des demokratischen Kampfes gegen Nazis zum Kampf gegen das Kapital bestand, kam es zu einer Desillusionierung bei vielen Antifas. Der bundesdeutsche „Antifa-Sommer“ 2000 offenbarte vor aller Augen, dass der Staat, das Subjekt der bürgerlichen Herrschaft, nicht nur als Helfer von Faschisten fungieren muss, sondern auch in der Lage sein kann, gegen dieselben seine Gewalt einzusetzen. Statt die Erkenntnis der Unwirksamkeit jener theoretischen und praktischen Konzeption des Antifaschismus zum Anlass zu nehmen, die Kritik der politischen Ökonomie und der kapitalistischen Staatlichkeit weiterzutreiben und mit anderen (anti-)politischen Formen zu experimentieren, geht die alter Leier mehr oder weniger unverändert bis zum heutigen Tag weiter. Mit dem historisch glücklichen Verlust der Täuschung über den vermeintlich revolutionären Gehalt des Antifaschismus wurde dieser Gehalt jedoch nicht etwa aktualisiert, sondern auf unbestimmte Zeit zugunsten organisatorischer und ideologischer Kontinuität suspendiert. So setzte man sich nicht der Gefahr aus, die vermeintliche Sicherheit des Aktivismus zu verlieren und verdrängte die Notwendigkeit des Bruchs mit der politischen Vergangenheit, die vor der Gegenwart längst blamiert war. Die Berechtigung des autonomen Antifaschismus der 90er Jahre (als ein partikulares Politikfeld), zu dessen Zeiten die Gegenwehr gegen die aufkommenden neuen Nazis erst noch aufzubauen war, hat im Nachhinein seinen Grund darin, dass der Staat noch nicht ein Engagement gegen die Nazis entfaltete. Aus diesem Umstand kann wiederum die Illusion entstehen, dass der Antifaschismus generell obsolet sei und ein genuin affirmatives Verhältnis zur bürgerlichen Herrschaft unterhalte. Nicht zur Kenntnis genommen wird dabei schon allein die einfache Tatsache, dass die Staatsantifa nur dann zur Tat schreitet, wenn dies wiederum gemäß instrumenteller Vernunft einem staatlichen Interesse entspricht. Bekanntermaßen war es im Jahr 2000 vor allem das internationale Echo infolge eines Anschlages auf die Synagoge in Düsseldorf und der damit verbundene Misskredit, der Schröder zum Ausrufen des „Aufstandes der Anständigen“ veranlasste. Wenn jetzt dem zviligesellschaftlichen Engagement gegen rechte Gewalt die Subventionen gekürzt oder gestrichen werden, setzt sich nur die gegenläufige Tendenz im Rahmen eines staatlichen Kalküls durch. Folglich ist der bürgerliche, demokratische, staatlich konditionierte Antifaschismus immer ein hilfloser Antifaschismus, der nicht nur unzuverlässig bis tendenziell versöhnlerisch ist, sondern immer auch gleichzeitig mit den affirmativ aufgefassten Kategorien der bürgerlichen Herrschaft die basalen Grundlagen der Faschisierung reproduziert. Gerade deshalb muss die Niederkämpfung des Faschismus von seinen konsequentesten Feinden vorangetrieben werden, die um dessen Voraussetzungen im Bestehenden und damit auch um die Möglichkeit seiner historischen Zerstörung wissen.

II.
Der zentrale Mangel sowohl der desillusionierten Antifas, als auch der illusorischen Kritiker des Antifaschismus ist eine Auffassung vom Faschismus, die diesen verdinglicht mit der Abfolge historischer Regimes und einem bloßen Wechsel des Herrschaftspersonals identifiziert, der den gesellschaftlichen Inhalt der Herrschaft (der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ und Garant des Privateigentums) unverändert fortwirken lasse. Der antisemitische Kern des Faschismus, dessen vergesellschaftende Wirkmächtigkeit und die daraus folgenden Konsequenzen für das kommunistische Projekt gehen diesem vulgär-ableitungslogischen Denken ab, das stets die Elemente, Verhältnisse und Prozesse der Wirklichkeit unter scholastische Axiome subsumiert. Als eine polit-ökonomische Konstellation analysiert, die der kapitalistischen Gesellschaft entsprungen ist, würde sich die faschisierte, vollends antisemitische Gesellschaft als barbarische Zertrümmerung zvilisatorischer Universalität, Auflösung der Bildungselemente kommunistischer Emanzipation und damit als Bruch mit der bisherigen Geschichte erweisen . Der objektive geschichtliche Fortschritt als zunehmende Beherrschung der Natur und wachsende Vermehrung der Produktivkräfte schlägt, aufgrund seiner Basis in der Herrschaft des Menschen über den Menschen (in kapitalistischer Form als sachlich-vermittelte und tendenziell rein gesellschaftliche) in Herrschaft der qua Natur ermächtigten Rasse durch Gewalt und Vernichtung um. Der ideologisch zugrunde liegende antisemitische Antikapitalismus projiziert die Zumutungen der Moderne auf der Grundlage verdinglicht erscheinender gesellschaftlicher Verhältnisse auf das Bild vom „Juden“ als Weltbeherrscher und Weltfeind, der zugunsten einer wiederherzustellenden Harmonie (einer romantischen Rückprojektion in die Vergangenheit), zu vernichten sei. Das volksgemeinschaftliche Kollektiv, das seine Identität über diese Gegenidentifikation zum „jüdischen Prinzip“ gewinnt, ist dabei nicht einfach Negation des Einzelnen, sondern die Fixierung von dessen partikularer Gestalt, dem erniedrigten und geknechteten Wesen als Resultat der Entfremdung, von dem Marx gesprochen hat. In der Volksgemeinschaft erhält der Vereinzelte als Arier vermeintliche Sicherheit und setzt sich scheinbar im klassenübergreifenden Mord an den Juden über seine untergeordnete und vom Scheitern bedrohte Existenz hinweg. Ohne die Produktionsbedingungen der Herrschaft und Ausbeutung aufzuheben, wird hier doch ein Widerspruch in eine Form gebracht, die diesen bis auf weiteres bannt.

III.
Gerade wegen der totalen Entfremdung wohnt dem Einzelnen die Möglichkeit inne sich auch total zu emanzipieren. Es ist herausgelöst aus den naturwüchsigen Blutsbanden vorbürgerlicher Gemeinschaftszusammenhänge und Mitglied der global vergesellschafteten Totalität des Weltmarktes, auf dessen Grundlage er sich befreien muss. Enteignet von allen Lebens- und Produktionsmitteln ist die Aufhebung der Entfremdung nur durch die vollständige Aneignung der Gattungskräfte und die Abschaffung der Klassenherrschaft möglich. Diese Bemächtigung der menschlichen Gattungsmäßigkeit (die in der kapitalistischen Moderne einen Stand erreicht hat, auf dem das Reich der Freiheit in seiner dialektischen Beziehung zum Reich der Notwendigkeit das übergreifende Moment werden kann) bedeutet die Herausbildung von Individualität und Freiheit. In der faschistischen Gesellschaft dagegen wird der Einzelne als partikularer dem staatlichen Kommando unterworfen, ihm wird absolute Opferbereitschaft abverlangt und er gilt als bloßes Partikel einer völkischen Gemeinschaft, die sich aus der Gattung heraussprengt und nach archaischen, über Natureigenschaften sich herstellenden menschlichen Beziehungen sehnt, die durch die moderne Vergesellschaftung aufgelöst wurden. Gleichwohl ist der Faschismus nicht einfach ein Rückfall hinter die bürgerliche Zivilisation, sondern deren genuines Resultat, wenn auch eines eigener Art. Die Gewalt, die als getrennte die Grundlage der Herrschaft des Menschen über den Menschen bildet, ist in der wertförmigen gesellschaftlichen Vermittlung aufgehoben, nicht abgeschafft und schlägt bei ihrer Freisetzung umso barbarischer aus. „Hier ist das Modernste auch das Archaischste.“ (Guy Debord) Dieser Doppelcharakter des Faschismus als modernisierte Barbarei entgeht jener angesprochenen verdinglichten Weltanschauung ebenso wie die hybride Konstellation zwischen bürgerlichen und faschisierten Verhältnissen, innerhalb derer der die deutsche NS-Gesellschaft glücklicherweise niedergekämpft wurde.

IV.
Der Antifaschismus erweist sich angesichts der tendenziellen Liquidation der Möglichkeitsbedignungen des Kommunismus als dessen conditio sine qua non. Es handelt sich um keine Addition eines neuen Politikfeldes, sondern tastet den Gehalt des Kommunismus als Theorie und Praxis einer wirklichen Bewegung selbst an. Wenn Marx sagte, dass das Proletariat revolutionär oder nichts sei, dann lässt sich daran nicht mehr festhalten oder zumindest dieses „nichts“ muss konkretisiert werden. Zweifellos bleibt der enteignete, ausgebeutete und unter das Kapital subsumierte Mensch weiterhin machtmäßig ein zur Ohnmacht verdammtes „nichts“. Als solches ist es aber ein bestimmtes Nichts, z.B. ein Deutscher und das verdrängte Bedürfnis nach Freiheit von historisch überflüssigen Zwängen und die Empörung über die eigene Nichtigkeit gegenüber dem Kapital erweisen sich selbst als Konfliktformen, die bestimmte Resultate zeitigen. Marx wurde oft wegen seiner angeblichen Teleologie gescholten, nach der er die Revolution mit der „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ prophezeite. Die Grundlage dafür war die Theorie der Tendenz einer Vermehrung der „Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung“, aber auch gleichzeitig der daraus folgenden „Empörung“ der Arbeiterklasse, die sich in Klassenbewusstsein umsetzen sollte. Unselige Streits wurden über Wirklichkeit einer absoluten oder relativen Verelendung geführt. Die von Marx konstatierte Tendenz hat sich jedenfalls durchgesetzt, denn die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, zwischen den Ausgebeuteten und Ausbeutern haben sich weiter zugespitzt – das ist das moderne Elends des Kapitalismus, in dem wir alle leben. Wie dieser objektive Druck der Widersprüche ausgetragen wird, ist keine scholastische Frage, sondern eine der Geschichte, einer offener Prozess. Das Proletariat kann Bewusstsein über seine gesellschaftliche Situation erlangen und sich selbst aufheben oder das Nichts bleiben, was es jetzt ist. Aber wenn sich die Empörung nicht in rationalen Feindschaft, zur Waffe der Kritik sublimiert, dann kann sie zur ranzigen Ranküne werden, die sich um so stärker an das Bestehende klammert, auch wenn die Welt in Scherben fällt. Die „ihrem primären Ziel entfremdete Klassenkampfenergie“ (Adorno) fungiert so als Triebkraft der Regression, der Identifikation mit einer Untergangsbewegung und im Resultat des Endes der Geschichte im emphatischen Sinne. Damit wird auch die Auffassung der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen hinfällig, nicht nur als Bild eines natürwüchsigen, irreversibel-kontinuierlichen Fortschritts, sondern auch des Klassenkampfes als Produzenten der Geschichte. Denn es war die Volksgemeinschaft als klassenübergreifendes und -aufhebendes Kollektiv, das Geschichte schrieb, und es war im wesentlichen die bürgerliche Zivilisation, die dieses Projekt stoppte. Und doch kann gleichzeitig die Geschichte nur eine Geschichte von Klassenkämpfen sein und werden, denn die bestehenden Gesellschaft kann nur auf Grundlage ihres fortwährend widersprüchlichen Charakters gesprengt werden, der in Form von Klassenkämpfen zu Tage tritt. Mit dem Bruch in der Kohärenz der Geschichte und der daraus folgenden paradoxen Fassung des historischen Materialismus hat man zu leben und umzugehen. Alles andere ist nur Verblendung.

V.
Der Antifaschismus als Praxis der Kritik und Vernichtung seines Gegenstandes lässt sich nicht aus dem Stegreif als eine Art Generalschlüssel formulieren. Die vorangegangene Analyse des Faschismus als eines gesellschaftlichen Modells soll eine Voraussetzung für diese Praxis sein. Zu sondieren wären im Weiteren die sich verändernden Formen und Konstellationen in denen Wirklichkeit und Möglichkeit der Faschisierung erscheint. Der gegenwärtig stärkste und gefährlichste Träger des eliminatorischen Antisemitismus ist bekanntlich die Bewegung des politischen Islam, die in Besitz einer Staatsmacht ist und ansonsten in Form mörderischer Rackets agiert. In deren Visier steht der zionistische Staat, als der antibarbarische Verbündete des Kommunismus, dessen Feinde sich aus allen Gegenden der Welt und allen politischen Lagern rekrutieren. Die Geschäftsführung des Kampfes gegen den Faschismus liegt offensichtlich gerade nicht in den Händen des Kommunismus. Deshalb sollte man davon absehen von einer Einheitsfront unter kommunistischer Führung zu träumen, wie es wohl viele linkradikale Antifaschisten heute machen. Realistisch und am wenigsten wirkungslos können Bündnisse mit den bürgerlich-fortschrittlichen Kräften sein, die sich aus verschiedenen Gründen gegen die weltweite Reaktion stellen und bestimmte zivilisatorische Formen vor deren Beseitigung bewahren wollen. Diese Formen (die formale Freiheit der Politik und Ökonomie) sind die besseren, günstigeren und deshalb verteigungswerten Bedingungen für eine revolutionäre (Anti-)Politik, müssen aber auch genutzt werden. Es steht keine chinesische Mauer zwischen den Möglichkeitsbedingungen der menschlichen Emanzipation und der Arbeit der Verwirklichung dieser Möglichkeit. Ansonsten bleibt nur leerer Maximalismus, der selig über den Konflikten der Welt schwebt und von einer anderen träumt, oder opportunistischen Realpolitik, die im Schlamm bürgerlicher Formen versinkt. Der Antifaschismus, der heute sehr notwendig ist, muss über sich selbst hinausgetrieben werden. Wenn ein solcher Prozess in Gang kommen soll, dann nur unter der Voraussetzung, zu wissen, dass man keine Sicherheiten hat und sich zunächst einmal auf niemanden verlassen kann, als auf sich selbst.

Felix

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