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Lacht ihr etwa über mich?

Ein Spiel für gesellige Anlässe
Nach Herrn Igel

Falls Sie einmal nicht wissen, was Sie mit ihren Freunden während das Alkoholtrinkens anfangen sollen, oder falls Sie sich keine andere Hilfe wissen, als den latenten Argwohn, der Sie von ihnen trennt, zu bewältigen, bietet sich dieses Spiel an.

So wird es gespielt: Mehrere Mitspieler sitzen am Tisch und amüsieren sich. Ein anderer Mitspieler tut nicht mit, sondern steht oder sitzt etwas getrennt, als ob er etwas anderes zu tun hätte.

Das Spiel beginnt damit, dass er den anderen den Rücken zuwendet. Ab diesem Moment lachen die anderen hörbar. Irgendwann, wenn es ihm zu bunt wird, dreht er sich zu ihnen, worauf sie sofort verstummen müssen.

Nachdem er sich umdreht, fragt er laut und mit möglichst vorwurfsvollem, entrüstetem oder traurigem Blick: „Lacht ihr etwa über mich?“

Die anderen müssen nun beteuern, nein, sie lachten nicht etwa über ihn, möglichst glaubhaft und vor allem, ohne lachen zu müssen. Wer als erster lachen muss, oder sich das Lachen nicht rechtzeitig verbeissen konnte, hat verloren und muss denjenigen, über den gelacht wird, ablösen.

Das Spiel ähnelt insofern dem Spiel „Armer schwarzer Kater“, als der, über den gelacht wird, es bis zu einem gewissen Grad in der Hand hat, durch möglichst unangebrachte Entrüstung, durch besonders jämmerliche Miene oder etwa hysterisches Überschnappen der Stimme die anderen zum Lachen zu bringen.

Es bedarf einer gewissen Disziplin, um zu funktionieren, erfüllt aber hervorragend den Zweck, das unabweisbare Gefühl, als machten sich die anderen insgeheim über einen selbst lustig, zu kanalisieren; welches Gefühl meistens mehr oder weniger gleichmässig und mehr oder weniger zu Recht alle befällt.

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Vermischtes (Heft II bzw I)

Im klassisch marxistischen Verhältnis von Überbau und Basis werden eigentlich zwei völlig verschiedene Verhältnisse vermischt: das der gesellschaftlichen Verhältnisse zu dem Bewusstsein, in dem sie sich ausdrücken; und das hierarchisch gedachte Verhältnis verschiedener gesellschaftlicher Verhältnisse, namentlich zwischen dem ökonomischen und dem politischen Verhältnis. Beide Verhältnisse sind falsch gefasst, aber das zweite ungleich fataler. Dass nämlich das ökonomische irgendwie materieller sein soll als die Politik, so als ob der Staat nicht auch materielle Realität wäre: dieser Irrtum brütet den Versuch, den Staat aus den ökonomischen Verhältnissen ableiten zu wollen, der willentlich oder nicht beides konserviert. – Bei den Perserkönigen oder Stauferkaisern ist das womöglich auch alles einmal so gewesen: Staat und Religion und alle gesellschaftlichen Verhältnisse bloss Überbau über der Tatsache der Auspressung bäuerlicher Arbeit. Unter dem Kapital kann davon nicht mehr die Rede sein. Das Kapital ist auch nicht die Ökonomie selbst. Sondern das Kapital stiftet einen Zusammenhang, in dem folgerichtig alles, selbst die ökonomischen Tatsachen, gleichzeitig Basis und Überbau wären; und zwischen ideologischen Formen und der wirklichen Produktion nicht mehr unterschieden werden kann. Der Tauschwert ist sowenig eine harte Tatsache, wie der Staat nur ein ideologischer Ausdruck; eine Schiffsladung Erdöl keine härtere als ein Credit Default Swap; alles das freilich nur auf Widerruf, solange die Krise nicht da ist, in welcher Krise allerdings die Verhältnisse der Vorgeschichte, der Naturaltausch, selbst der Metallismus wiederkehren, weil die Emanzipation von der Vorzeit nicht gelang. – Die Rede von Basis und Überbau verdeckt das, so wie sie den Zusammenhang zwischen den Verhältnissen und ihrem Bewusstsein verdeckt; denn jene Verhältnisse erschaffen sich doch, zumindest unter dem Kapital, immer nur vermittelt durch dieses Bewusstsein; Gesellschaft heute ist selbst ihre Ideologie.

Der Begriff der Geschichte steht in einem eigenartigen Gegensatz zu dem des Verhältnisses mit der Natur. Die Geschichte beginnt erst, wo nicht mehr der Naturzwang vorherrscht; sie ist sonst von der Naturgeschichte nicht zu unterscheiden. Die Absurdität dieser Geschichte zwänge uns nun, anzunehmen, menschliche Geschichte begänne damit, dass menschlicher Zwang an die Stelle des Naturzwanges tritt; damit wäre diese Absurdität aber irrevokabel in den Begriff der Geschichte eingelassen, und die erste Natur wiche schliesslich nur der so genannten zweiten. Marx hat bekanntlich für diese Zwischenzeit den Begriff der Vorgeschichte benutzt, von der er sagt, sie ende mit der kapitalistischen Produktionsweise. Unentschieden bleibt dabei, ob diese schon selbst der Geschichte zugehört; unentschieden nicht wegen der Schwierigkeit des Urteils, sondern weil diese Geschichte selbst nicht entschieden ist; das Kapital schafft jedenfalls alle bisherige Vorgeschichte ab und legt gewaltsam das, was Marx noch für die Voraussetzungen des Eintritts in die menschliche Geschichte halten konnte. – Alle anderen Gesellschaften der Vorgeschichte waren agrarische Gesellschaften, die direkt in ihrem Bestand von den Wechselfällen des Klimas abhängig waren; in der das tägliche Leben sich eigentlich seit dem Neolithikum sowenig geändert hatte wie die Werkzeuge oder die Bauart der Häuser; in der der Naturzwang immer noch vorherrschte, ohne dass natürlich den Menschen dafür das Erleiden menschlicher Willkür erspart geblieben wäre. Was aber den Bauern der Vorgeschichte geschah, war alles insgesamt nur eine Serie unbegreiflicher und zufälliger Heimsuchungen; Krieg, Feuer, Hunger ebensoviele sinnlose und einzelne Naturereignisse; unter dem Kapital tritt alles das zu einem übergreifenden Verhältnis zusammen, das als abschaffbar begriffen werden könnte, gerade weil es nicht unter blinder Not geschieht, sondern unter einem und demselben Bann; und sonst keine Entschuldigung mehr dafür denkbar ist.

Dass aber das, was geschieht, durchschaut, als menschliche Tätigkeit und nicht nur als blindes Naturgeschehen sichtbar gemacht werden kann, das alleine begründet die Hoffnung auf seine Veränderung, und macht das, was geschieht, erst zu der Geschichte der Menschen, das heisst ihrer Handlungen und nicht ihrer zufällig erlittenen Wechselfälle, ihrer Freiheit und nicht ihrer Not.

Notwendigkeit ist unter dem Kapital eine gespenstische Kategorie: notwendig ist allemal das, was nicht mehr nötig wäre, und das, was wirklich nötig wäre, ist auf gar keine Weise notwendig. – Sobald Not, Hunger, Elend nicht mehr sein müssten, nimmt die Unvernunft ihrer Fortdauer die Qualität objektiven Wahnsinns an.

Das Bedürfnis nach festen Kategorien, nach einem sicheren Boden, auf dem man steht, führt in die Irre; es wird von der Tücke des objektiven Prozesses ohne Mühe überwältigt werden, denn es reflektiert nicht auf die unheimliche Dialektik, die allen Begriffen innewohnt. Zuletzt liefert sich das Denken, wenn es diesem Bedürfnis zu weit nachgibt, ohnmächtig dem Gegenstand und dem Gang, den dieser nimmt, aus. Ein Beispiel aus der neueren ideologiekritischen Schule mag das beleuchten: so gilt dort allgemein zwar, und zu Recht, Carl Schmitt als Theoretiker des Faschismus, aber Souverän und Gewaltmonopol können ohne Widerspruch als Gegensatz dazu aufgestellt werden, als Garantien der Freiheit, als gäbe es jene Dialektik der Aufklärung nicht, deren Umschlagen man am Beispiel Schmitt doch zu studieren hätte; weil man gerne die abstrakte Republik gegen die Barbarei ausspielen möchte, statt einzusehen, dass z.B. Schmitt nicht zufällig beides, ein Staatsrechtslehrer der Republik und ein Ideologe des Nationalsozialismus gewesen ist. Begreifen, was nicht zu begreifen ist, oder vor dem Gegenstand kapitulieren: das kann man sich nicht einmal aussuchen.

Überhaupt ist es gar nicht einmal eine so einfache Frage, inwiefern Kritik verstehen oder begreifen überhaupt kann. Der Antisemitismus z.B. kann eigentlich nicht begriffen werden. Es ist ganz einfach völlig unmöglich, zu begreifen, warum die Nazis die Juden ermordeten, ja geradezu um dieses Mordvorhaben herum ihr ganzen Reich herum bauten. Will die Vernunft nicht davor kapitulieren, muss sie versuchen zu begreifen, ohne dass eine Erklärung, gar eine einleuchtende, jemals zu finden wäre. Wie sollte eine solche Erklärung auch zu finden sein, erklärte sie doch zumindestens das, was geschehen ist, für unausbleiblich? So etwas kann nicht erklärt werden, ohne ihm Vernunft unterzuschieben. Und nichts in aller bisherigen Geschichte kann davon unaffiziert bleiben: es kann von niemandem mehr so getan werden, als gäbe es für irgend etwas, was Menschen tun, Gründe, in denen das, was die Menschen tun, ganz aufgeht. Es bleibt ein irreduzibles Moment der Freiheit übrig, das eine zu tun und das andere zu lassen; kein Versuch, zu begreifen, kann davon absehen; so erschreckend der Gedanke auch ist, es muss gedacht werden, dass der objektive Prozess in seiner ehernen Zwangsläufigkeit sich gerade durch die für sich genommen freien Handlungen und Gedanken der Einzelnen hindurch herstellt, und die freie Tat und der freie Gedanke zunächst nichts anderes sind als die Elemente, aus denen das furchtbare, blinde Verhängnis gebaut ist. Dieses böse Paradoxon wird dadurch nicht erträglicher, dass es gerade in dem historischen Moment beginnt, sich zu entfalten, in dem die Einzelnen, wenn sie es denn wollten, wirklich die Wahl hätten, zu machen, dass alles anders sein soll. – Und doch begründet dies, weil es aus freier Tat herkommt, also nicht sein müsste, die Hoffnung eben darauf: dass es anders sein soll. Dieser Gedanke, der wohl allen bekannt ist, macht sich zuweilen mit gewisser Hartnäckigkeit geltend; ob er herbei zu zwingen ist, lässt sich bezweifeln; Notwendigkeit, was man so nennt, hat er wohl nicht; dass jedenfalls aus dem Versuch, ihn zu manipulieren, nichts gutes kommt, ist dagegen gewiss.

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Es kann,was begriffen werden kann, vielleicht überhaupt nur begriffen werden, indem es als abschaffbar begriffen werden kann; vielleicht ist der Moment, in dem die Abschaffung denkbar wäre, der einzige, in dem etwas begriffen werden konnte. Was aber, wenn dieser Moment schon vergangen ist? Es kann aber doch noch etwas begriffen werden; ist also jener Moment gar noch nicht vergangen?

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Marg bar hishkas

Darüber, wer berechtigt ist, das Opfer des Lebens zu verlangen

1. Ortega y Gasset erwähnt irgendwo das denkwürdige Streitgespräch, das sich kurz nach dem Beginn des spanischen Bürgerkrieges bei einer Feierstunde zwischen dem zweideutigen Filosofen Unamuno (mal Sozialist, mal Monarchist, mal liberaler Demokrat) und Astray, dem General der Spanischen Legion entwickelt: um dessen Ausruf A bajo la intelligencia! Viva la muerte!

Das war die Parole der Spanischen Legion, einer sogenannten Elite-Einheit; die, wie es sich gehört, hauptsächlich gegen den inneren Feind eingesetzt wurde; viva la muerte, es lebe der Tod, der Ruf des Einverständnisses mit demjenigen, der das Opfer des Lebens verlangt, des eigenen gegebenenfalls, aber auch des Feindes: und das ist der Souverän, der die Revolution niederwirft, und gleichzeitig ein Aufstand gegen alles, was man einmal Vernunft genannt hat.

Dieses Pronunciamento gegen die Vernunft ist eigentlich die Erläuterung zu dem Pronunciamento gegen die Republik, das den Staatstreich wenige Wochen vorher begleitet hatte; es gibt seinen Inhalt wieder und das, was man von ihm zu erwarten hatte. Die Parole, „abscheulich und nekrofil“ (Unamuno), ist die Wahrheit des Staates, dieser „grossen Schlächterei“, diesem „einzigen Friedhof“ (Bakunin).

2. Ein paar Jahre vorher hatte Heidegger „Sein und Zeit“ veröffentlicht, mit dem Anspruch, die Filosofie auf einen neuen Grund zu stellen, sicherer als der prekäre des Decartes; und, wie sich zeigte, bestand der Haupttrick gerade darin, dasjenige, was das Individum ausmacht, auszustreichen und durch den Tod zu ersetzen; wie wenn der Tod das wäre, was den Einzelnen zu einem Einzelnen macht. Dieser Gedanke taucht bei Heidegger mehr oder weniger unbemerkt aus dem Kulissen auf und wird geschickt eingeführt, so dass er logisch aussieht; er ist es aber nicht, sondern ein ungeheuerlicher Verrat an den Einzelnen.

Der Trick funktioniert dadurch, dass der Tod als Negation des einzelnen Lebens erst scharf herausgearbeitet, und danach das Leben als ohne diesen Tod unvollständig konstatiert wird. Auf einmal ist dann das Leben erst ein ganzes mit dem Tod, anstatt dass der Tod als Grund dafür gefasst wird, dass das Leben nie ganz, immer ein Bruchstück sein wird. Die Sterblichkeit des Menschen ist nun in der Tat ein Einwand gegen alle diejenigen hybriden Fantasien, in denen dem menschlichen Leib eine ewige Seele gegenübergestellt wird, gegen die er nur eine schmutzige und unbedeutende Angelegenheit wird; alle Religionen haben auf dieser Hybris ihren Reinheitswahn aufgebaut. Allein dies ist bei Heidegger keineswegs gemeint. Das Leben ist nicht etwa wegen des Todes immer unvollständig, sondern es soll vollständig werden können, indem der Tod als „Möglichkeit des Ganz-Sein-Könnens“ begriffen wird.

Heideggers Lehre streicht die Erfüllung des Lebens aus, als ob Erfüllung im Tod zu finden wäre; so dass umgekehrt Erfüllung des Lebens vom Tod aus verstanden wird, also vom Nichts, und Individualität von der Einsamkeit dessen aus, der weiss, dass er sterben wird. Heideggers Lehre liquidiert den Gedanken eines erfüllten Lebens für die Einzelnen, und es ist nur scheinbar unklar, für welcher Sache Konto. Und das ist die Filosofie, die seit dem 20. Jahrhundert als respektabel gilt.

3. Sartre hat bekanntlich dagegen Einspruch erhoben; er will den Tod nicht als etwas fassen, was das Leben ganz macht, sondern was es zu einem absurden Bruchstück reduziert; und das ist ganz zweifellos grundsätzlich richtig, aber was folgt daraus? Ist das Leben der Menschen, solange der Tod in der Welt ist, deswegen immer und notwendig ein absurdes Bruchstück? Ist also die Idee des ewigen Lebens, das die Religionen versprochen haben, notwendig, um die Vernunft in der Welt nicht sofort zuschanden gehen zu lassen? Oder liesse sich denken, dass die Welt so eingerichtet werden könnte, dass die Absurdität des Todes nicht mehr notwendig alle menschlichen Dinge in Frage stellte; dass also ein erfülltes Leben denkbar wäre, in dem der Tod vielleicht etwas von seinem Schrecken verlöre, nicht etwa weil es danach, sondern, wie Biermann meinte, zur Abwechslung diesmal davor ein Leben gegeben haben könnte?

Die Frage berührt das, was Adorno einmal das ontologische Bedürfnis genannt hat. Diesem Bedürfnis lässt sich die Berechtigung nicht rundweg bestreiten. Gerade der unfassbare Zynismus, mit dem Heidegger die Möglichkeit von Erfüllung des Lebens mit dem Tod in eins setzt, nötigt zu einer Antwort; denn er hat sich ja nun nicht die Frage einfach bloss ausgedacht. Die Versagung jener Erfüllung hat Feuerbach als den, wenn man es so sagen will, Triebgrund der Religion bestimmt; der Atheismus hat aber nur Gott durchzustreichen vermocht, ohne die Erfüllung ins Diesseits holen zu können; der Preis dafür ist das Fortbestehen des metafysischen Bedürfnisses als ontologisches.

Die Religion kann man nicht ungestraft verneinen, wenn man ihre Versprechen nicht auch in irgendeiner Weise einlöst; viel zu tief ist sie in die menschlichen Dinge eingelassen, im Guten wie im Bösen.

4. Weder zur faschistischen Parole, noch zu Heideggers Zynismus scheint die Stelle nach Hosea 13,14 in der katholischen Karsamstagsliturgie recht passen zu wollen, in der es heisst: Tua mors ero, o mors; O Death, Thy Death I Will Be. Die katholische Kirche steht aber, wie sich zeigt, auf eigenartige Weise an der Wiege des Besten und des Schlimmsten: auch wenn dieser Satz ausspricht, dass der Tod ein Übel, ein Skandal ist, verklärt er ihn doch zum Eingang ins ewige Leben; dem Elend der Einzelnen verspricht er nicht, dass es besser wird, sondern dass alles nur eine, und sogar notwendige, Illusion ist, der Tod bereits überwunden, und das wahre Leben dann anfängt, wenn das wirkliche vorbei ist. Nicht nur ist das Elend damit gerechtfertigt, sondern noch der Tod.

Und dennoch enthält Religion, auch die katholische, noch eine Antithese gegen den Tod; eine Erinnerung daran, dass es mit diesem Stand der Dinge nicht getan sein könnte; die Feinderklärung an den Tod enthält auch eine Parteinahme, einen wenn auch hilflosen Trost, dass das alles nicht alles gewesen sein wird, dass es mit dem kurzen elenden Leben, das keine Spuren hinterlassen wird, sein Bewenden nicht haben wird. Darin findet die Erinnerung Zuflucht, dass es besser werden kann. Sowenig es zufällig ist, dass die Herrschaft sich mit dem Tod verbündet, sowenig zufällig ist das ewige Leben die Zuflucht der Bedrückten. (2)

5. Wie der Staatsstreich der Spanischen Legion, so reagiert auch Heideggers Filosofie auf die Revolution, deren eigenes Pronunciamento allerdings etwas älter ist, und in seiner deutschen Fassung etwa von Heinrich Heine formuliert worden ist: wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten. Es ist seither öfter erneuert und aktualisiert worden, aber mit weniger Erfolg und weniger Recht; Sartre haben wir schon genannt; Camus hat die Solidarität aller Menschen gegen den Tod gefordert, wovon ein fernes Echo im iranischen Aufstand von 2009 zu hören war; und Benjamin sprach davon, dass die Toten noch gerettet werden könnten.

Carl Schmitt auf der anderen Seite schrieb nicht nur, dass der Souverän gegebenenfalls das Opfer des Lebens verlangen könne; sondern auch, an einer äusserst merkwürdigen Stelle in der „Politischen Theologie“, von der ihn offenbar zutiefst erschreckenden Idee eines „Verschwindens der politischen Idee“ zugunsten eines „paradiesischen Diesseits“ von „ problemloser „Leib“haftigkeit“, welches er als Bakunins, den er zum Satanisten erklärt, Ziel aufzeigt: das ist seine Feindbestimmung, die Todangst vor Vernunft und Freiheit, zu deren beider Zerstörung jedes Mittel recht ist.

Das heutige Europa, das so zivilisiert ist, dass es die Massengräber des spanischen Bürgerkriegs, mit dem alles anfing, nicht ausgraben will, will sich nicht einmal dann daran erinnern, auf welchem Grund es gebaut ist, wenn, wie 2005, die Erklärung der al Qa’ida zum Bombenanschlag in Madrid wie ein Echo der Worte jenes spanischen Generals klingen: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“; man streitet sich statt dessen lieber, ob der Jihadismus der al Qa’ida nicht vielleicht doch nur das Ergebnis von eineinhalb Jahrtausenden islamischer Geschichte ist anstatt ein Ausläufer der europäischen Katastrofe eines einzigen Jahrhunderts.

Der Tod, von dem sie reden, ist nicht der sogenannte natürliche, sondern der Mord; aber das stellt uns nur vor das Rätsel, dass der Mord, in solchen Dimensionen, in die Welt kommen musste, um zu verhindern, dass das Leben der Einzelnen heute, wo es vielleicht möglich wäre, ein besseres wird; eines, das diesen Namen vielleicht verdiente. Brecht lässt die Communarden beschliessen, „ein schlechtes Leben / mehr zu fürchten als den Tod“; das erscheint fast heiter heute, wo man weiss, dass es schlimmeres gibt; es ist getötet worden und wird getötet, damit der Tod seinen Schrecken nicht verliert.

Aus aller neueren Geschichte folgt, dass die Sätze Viva la vida und viva la muerte nicht zusammengehen; dass nicht gleichzeitig Erfüllung und Tod das sein können, was dem Leben den Charakter eines absurden Bruchstückes nimmt; dass ein Leben, das diesen Namen verdient, nicht koexistieren kann mit dem Souverän. Die Antwort, die hier gegeben werden müsste, hiesse: niemand hat das Recht, das Opfer des Lebens zu verlangen; oder, wie man dasselbe seit 2009 in zeitgenössischem Persisch kennt: marg bar hishkas, Nieder mit niemandem. Das wäre ein passendes Pronunciamento zu einer Revolution, die das, was hier bestritten wird, auch praktisch widerlegt.

1 Aischylos lässt in Prometheus, v. 250, diesen bei der Erschaffung des Menschen ihnen „blinde Hoffnungen“ einpflanzen, „so dass sie des Todes vergässen“; wieviel humaner ist sogar das, als die finstere Filosofie Heideggers, dem die offizielle Filosofie seinen Trick durchgehen lässt, und über den das zuständige zu sagen auch die inoffizielle meistens unterlässt.

2 Welches davon besser katholisch ist, kann man sich aussuchen.

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Ein etwas zu ungeschickter Versuch, uns auf den Hundinger warten zu lassen

Folgenden Artikel reichte eine uns völlig unbekannte Julia Reiter bei uns ein. Auf Rückfragen der Redaktion wegen der mangelhaften Recherche und anderer offensichtlicher Ungereimtheiten reagierte die Autorin nicht. Wir haben, durch die jüngsten Ereignisse (den sog. grossen hallischen Presseschwindel) gewarnt, deshalb beschlossen, den Vorgang, den wir für den Versuch halten müssen, uns gezielt einen unzutreffenden Text unterzuschieben, öffentlich zu machen, indem wir ihn nachfolgend dokumentieren.

Halle a.d. Saale, UNESCO-Welthauptstadt des geschmacklosen Wortspiels seit 1996
Reiseführer des Grossen Thieres, Teil 2

Halle ist eine Stadt im Osten, die sich Leute ausgedacht haben, die irgendwo mal gehört hatten, was eine Stadt ist, aber nicht begriffen haben, wie so etwas funktioniert. Die Stadt liegt aufgespannt zwischen den Armen des Flusses Saale: der Wilden Saale, der Trostlosen Saale und der Stinkenden Saale. Berühmt geworden ist sie durch die hallische Marktplatzverwerfung, einen jahrhundertelangen bürgerkriegsähnlichen Streit zwischen den Anwohnern des oberen und des unteren Marktes, in dem es hauptsächlich um den Standort einer geplanten Kirche ging. Er endete mit einem Kompromiss: der Turm steht in der oberen Hälfte in der Nähe des Denkmales des Wilden Mannes, die Kirche ganz woanders auf der unteren.

Sehenswürdigkeiten
Im Tourist-Info-Büro der Stadt wird eine Rundfahrt angeboten, auf der man sämtliche echten und die schönsten unechten Kreisverkehre Halles zu sehen bekommt. Letzteres ist eine Besonderheit Halles: so unübersichtlich wie ein Kreisverkehr, allerdings mit einer ganz anderen und völlig konterintuitiven Vorfahrtsregelung, die aus den Strassenmarkierungen erkannt werden könnte, wenn diese noch zu erkennen wären.

Die Grosse Strasse, auch Magistrale, lockt Touristen aus aller Welt an. Sie wurde versehentlich 1887 für die grosse Weltausstellung gebaut, die aber dann doch nicht in Halle stattfand.

Die Skulpturen auf dem Brunnen am Hallmarkt zeigen allegorische Szenen wie die berühmte Darstellung des Bischofs Konrad, der ein verkleinertes Modell der Kirche als Fusschemel benutzt, während der Teufel seiner Mutter beiwohnt. Die Skulptur wurde mit dem Staatspreis der DDR ausgezeichnet.

Den Marktplatz ziert ausserdem das Denkmal des Wilden Mannes, der Sage nach der erste Bürgermeister der Stadt. Er trägt Schlangen als Haare, Bockshufe und einen riesenhaften Phallus. Der Sage nach geht er in nebligen Nächten umher, verkleidet als reisender Prediger.

Halle nennt den grössten Boulevard Mitteleuropas sein eigen, eine vom inneren Stadtring durchquerte Fussgängerzone vom Marktplatz zum Bahnhof ;Aber Achtung! Abstand von den Gebäuden ist ratsam, weil sich zuweilen Stücke von ihnen lösen. Den Zugereisten unterscheidet man vom Einheimischen auf den ersten Blick dadurch, dass er bei dieser Gelegenheit heftig erschrickt.

Berühmt ist ausserdem der 24-Stunden-Edeka in der Ludwig-Wucherer-Strasse. Alkohol gibt es allerdings nach 23.00 Uhr nur noch in den zahlreichen Internetläden, in denen sich auch das gesellschaftliche Leben abspielt. Das Weinsortiment ist erschreckend.

Menschen und Moden
Was definitiv nicht geht, ist am Bahnhof abhängen. Das macht kein Mensch. Es ist zugig, und es gibt kein Bier. Die Punks hängen vor den Edeka-Läden (anders als in Leipzig, wo REWE dieses Marktsegment anführt). In Halle kann es einem passieren, dass man von Punks Hilfe beim Tragen oder Kleingeld angeboten bekommt.

Die Menschen sind allgemein das, was man höflich mit „herzlich“ umschreiben muss, wie sich durch zahlreiche Anekdoten belegen liesse; man soll aber nie versuchen, sich für einen Einheimischen ausgeben zu wollen, indem man ihre Art und Weise sich zu eigen macht; die genaue Art von Grobheit, die hier als normaler Umgangston gilt, ist schwer zu dosieren.

Unter den Studenten sind originellerweise Elektroparties und schicke Läden angesagt.

Eine ganze Reihe von Trends sind an Halle vorbeigegangen, wie etwa Essen ohne Fleisch oder gute Musik, dafür sind andere geblieben, wie grüne oder blaue Strähnen im Haar. Überhaupt werden Haare hier gefärbt, als wäre es 1989 und es würde morgen verboten, was es streng genommen schon ist.

Läden
Läden im weitesten Sinne müssen hier von Rechts wegen alberne Wortspiele als Firmennamen führen. Zum Ausgehen gibt es auch allerhand.

Finger weg von allem von allem im Paulusviertel, es sei denn, man hat Lust auf alles, was anderswo schon scheisse ist: chillige Studenten, alternative Eltern, Sektierer oder die einzigen Ansichtsexemplare des Veganismus, die man sich hierher hat kommen lassen.

Auch Finger weg von: Silberhöhe, Südstadt, Neustadt, Trotha. Manche sagen, dass die coolen Leute in Glaucha wohnen, wieder andere sagen, in Berlin.

Was nicht heisst, dass man hier keine vibrierende Szene finden könnte! Man muss sie sich halt selbst mitbringen.

Auf die Dauer erträglich sind eigentlich nur VL in der Ludwigstrasse und Reilstrasse 78. Dort gibt es Bier und laute Musik und schlechtgelaunte Bedienungen.

Gerüchteweise gibt es einen Laden namens Kiosk am Reileck, von dem aber noch nie jemand etwas gehört hat.

Kulinarische Spezialitäten
Weltberühmt sind die sog. Hallorenschnecken, mit dunkler Schokolade glasiertes Salzteiggebäck, bestreut mit Steinsalz; sowie die Kalten Egel, ein zartes Blätterteiggebäck mit Aprikosenschaum- und Mandelfüllung, mit Kümmel und Steinsalz bestreut. Lokaler Geheimtipp sind Brötchen mit gebackener Leber, die man an jedem Bratwurststand bekommt. Finger weg von den Dönern hier, sie sind verblüffend scheisse für ihren Preis. Den billigsten Kaffe bekommt man in den Metzgereien, aus irgendeinem Grund. Am besten, man wohnt ganz hier, dann kann man zuhause kochen.

Events
Alljährlich zieht am ersten Augustwochenende und Mitte Februar die Rotlicht-Rally hunderte Besucher an, ein Autorennen quer durch die Stadt. Ziel der Rally ist es, möglichst viel Zeit an den für ihre langen Rotfasen berüchtigten Ampeln zu verbringen. Die Behörden versuchen seit Jahren vergebens, die Veranstaltung zu unterbinden.

Weitere Festivitäten sind die Händel-Tage am ersten Augustwochenende, sowie das grosse Hallorenschneckenessen Mitte Februar. Bei der Eröffnungsfeier schreitet traditionell der Oberbürgermeister, im historischen Kostüm des Wilden Mannes, eine Ehrenformation ab.

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Intro Heft 1 (bzw. 2)

Unser Heft 0 scheint „angenommen“ worden zu sein. Auch wenn anfängliche Schwierigkeiten bestanden Heft 0 a) von Heft 0 b) im Inhalt zu unterscheiden. Künftig erlaubt man sich solche Späße sicher nicht mehr, nicht. Manche meinen, wir wären sympathisch, andere, wir wären nicht voll zurechnungsfähig. Wir haben schon schlimmeres um die Ohren geschlagen bekommen und nehmen das einstweilen als Kompliment.

Wie von verschiedensten Seiten festgestellt wurde, ist das Layout grausam. Das hat uns dazu bewogen, Ihnen diesmal etwas neues zu bieten. Denn wenn wir schon die Rechtschreibung und Grammatik fürchterlich verachten (respektive uns das nachgesagt wird), wollen wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass in Teilen der Auflage eine Werbebeilage für Elektro-Zigaretten der Firma Ooligamut beiliegt, um deren freundliche Beachtung wir bitten.

Derzeit werden Mitglieder der Redaktion damit genervt, sich gefälligst einen Lektor zu leisten. Jedes mal wenn wir unter Leute geraten, die diese Zeitschrift mehr oder minder kennen, bietet man sich dann auch gleich als Lektor an. Selbstverständlich nehmen wir diese Angebote dankend an: in Zukunft wird das Lektorat zur Einsparung von Kosten ganz auf die Leser/innen/schaft ausgelagert. Hiermit sind alle zu Lektoren ernannt. Von den beliegenden Rotstiften bitten wir grosszügigen Gebrauch zu machen.

Noch etwas: die eingegangen Emails wurden größtenteils beantwortet, nur auf die Frage, „wenn es kalorienfreies Cola gibt, warum nicht kalorienfreie Chips?“ konnte die Redaktion zu keiner adäquaten Antwort kommen. Wir bitten daher erstmals um die Meinung der Leser. Zuschriften sind erwünscht!

Im Vergleich zu Heft 0 und Heft 0 haben wir die Auflage wesentlich erhöht. Das Heft geben wir einstweilen nach wie vor kostenlos ab.

Vielleicht sollte man wiederholen, dass es ausdrücklich erlaubt ist, das Heft selbst nach der im Netz vorfindlichen Druckvorlage nachzudrucken, und gegen höchstens kostendeckenden Preis weiterzugeben.

Ab der nächsten Ausgabe könnte es sein, dass man das Heft bezahlen muss. Es wird in grösseren Stückzahlen Rabatte für Wiederverkäufer geben. Interessenten melden sich bitte ab sofort über Email.

Wir können bereits jetzt zusagen, dass die geplante Preisgestaltung der Jahresabonnements die kalendarische Besonderheit berücksichtigt, dass aufgrund des vom Maya-Kalender vorhergesagten Weltuntergangs zum 21.12.2012 das Jahr ca. 2,7% kürzer geworden ist.

Autoren des Grossen Thieres können für Zirkusveranstaltungen über die Redaktionsanschrift gebucht werden. Aber das kostet. Manche machen das ernsthaft. Besichtigen kann man uns vielleicht am 3.3. im IvI in Frankfurt, wo wir bislang beabsichtigen aus eigenen Texten zu lesen. Oder auch aus euren.

Freut euch
auf
das Grosse Thier.