Marg bar hishkas

Darüber, wer berechtigt ist, das Opfer des Lebens zu verlangen

1. Ortega y Gasset erwähnt irgendwo das denkwürdige Streitgespräch, das sich kurz nach dem Beginn des spanischen Bürgerkrieges bei einer Feierstunde zwischen dem zweideutigen Filosofen Unamuno (mal Sozialist, mal Monarchist, mal liberaler Demokrat) und Astray, dem General der Spanischen Legion entwickelt: um dessen Ausruf A bajo la intelligencia! Viva la muerte!

Das war die Parole der Spanischen Legion, einer sogenannten Elite-Einheit; die, wie es sich gehört, hauptsächlich gegen den inneren Feind eingesetzt wurde; viva la muerte, es lebe der Tod, der Ruf des Einverständnisses mit demjenigen, der das Opfer des Lebens verlangt, des eigenen gegebenenfalls, aber auch des Feindes: und das ist der Souverän, der die Revolution niederwirft, und gleichzeitig ein Aufstand gegen alles, was man einmal Vernunft genannt hat.

Dieses Pronunciamento gegen die Vernunft ist eigentlich die Erläuterung zu dem Pronunciamento gegen die Republik, das den Staatstreich wenige Wochen vorher begleitet hatte; es gibt seinen Inhalt wieder und das, was man von ihm zu erwarten hatte. Die Parole, „abscheulich und nekrofil“ (Unamuno), ist die Wahrheit des Staates, dieser „grossen Schlächterei“, diesem „einzigen Friedhof“ (Bakunin).

2. Ein paar Jahre vorher hatte Heidegger „Sein und Zeit“ veröffentlicht, mit dem Anspruch, die Filosofie auf einen neuen Grund zu stellen, sicherer als der prekäre des Decartes; und, wie sich zeigte, bestand der Haupttrick gerade darin, dasjenige, was das Individum ausmacht, auszustreichen und durch den Tod zu ersetzen; wie wenn der Tod das wäre, was den Einzelnen zu einem Einzelnen macht. Dieser Gedanke taucht bei Heidegger mehr oder weniger unbemerkt aus dem Kulissen auf und wird geschickt eingeführt, so dass er logisch aussieht; er ist es aber nicht, sondern ein ungeheuerlicher Verrat an den Einzelnen.

Der Trick funktioniert dadurch, dass der Tod als Negation des einzelnen Lebens erst scharf herausgearbeitet, und danach das Leben als ohne diesen Tod unvollständig konstatiert wird. Auf einmal ist dann das Leben erst ein ganzes mit dem Tod, anstatt dass der Tod als Grund dafür gefasst wird, dass das Leben nie ganz, immer ein Bruchstück sein wird. Die Sterblichkeit des Menschen ist nun in der Tat ein Einwand gegen alle diejenigen hybriden Fantasien, in denen dem menschlichen Leib eine ewige Seele gegenübergestellt wird, gegen die er nur eine schmutzige und unbedeutende Angelegenheit wird; alle Religionen haben auf dieser Hybris ihren Reinheitswahn aufgebaut. Allein dies ist bei Heidegger keineswegs gemeint. Das Leben ist nicht etwa wegen des Todes immer unvollständig, sondern es soll vollständig werden können, indem der Tod als „Möglichkeit des Ganz-Sein-Könnens“ begriffen wird.

Heideggers Lehre streicht die Erfüllung des Lebens aus, als ob Erfüllung im Tod zu finden wäre; so dass umgekehrt Erfüllung des Lebens vom Tod aus verstanden wird, also vom Nichts, und Individualität von der Einsamkeit dessen aus, der weiss, dass er sterben wird. Heideggers Lehre liquidiert den Gedanken eines erfüllten Lebens für die Einzelnen, und es ist nur scheinbar unklar, für welcher Sache Konto. Und das ist die Filosofie, die seit dem 20. Jahrhundert als respektabel gilt.

3. Sartre hat bekanntlich dagegen Einspruch erhoben; er will den Tod nicht als etwas fassen, was das Leben ganz macht, sondern was es zu einem absurden Bruchstück reduziert; und das ist ganz zweifellos grundsätzlich richtig, aber was folgt daraus? Ist das Leben der Menschen, solange der Tod in der Welt ist, deswegen immer und notwendig ein absurdes Bruchstück? Ist also die Idee des ewigen Lebens, das die Religionen versprochen haben, notwendig, um die Vernunft in der Welt nicht sofort zuschanden gehen zu lassen? Oder liesse sich denken, dass die Welt so eingerichtet werden könnte, dass die Absurdität des Todes nicht mehr notwendig alle menschlichen Dinge in Frage stellte; dass also ein erfülltes Leben denkbar wäre, in dem der Tod vielleicht etwas von seinem Schrecken verlöre, nicht etwa weil es danach, sondern, wie Biermann meinte, zur Abwechslung diesmal davor ein Leben gegeben haben könnte?

Die Frage berührt das, was Adorno einmal das ontologische Bedürfnis genannt hat. Diesem Bedürfnis lässt sich die Berechtigung nicht rundweg bestreiten. Gerade der unfassbare Zynismus, mit dem Heidegger die Möglichkeit von Erfüllung des Lebens mit dem Tod in eins setzt, nötigt zu einer Antwort; denn er hat sich ja nun nicht die Frage einfach bloss ausgedacht. Die Versagung jener Erfüllung hat Feuerbach als den, wenn man es so sagen will, Triebgrund der Religion bestimmt; der Atheismus hat aber nur Gott durchzustreichen vermocht, ohne die Erfüllung ins Diesseits holen zu können; der Preis dafür ist das Fortbestehen des metafysischen Bedürfnisses als ontologisches.

Die Religion kann man nicht ungestraft verneinen, wenn man ihre Versprechen nicht auch in irgendeiner Weise einlöst; viel zu tief ist sie in die menschlichen Dinge eingelassen, im Guten wie im Bösen.

4. Weder zur faschistischen Parole, noch zu Heideggers Zynismus scheint die Stelle nach Hosea 13,14 in der katholischen Karsamstagsliturgie recht passen zu wollen, in der es heisst: Tua mors ero, o mors; O Death, Thy Death I Will Be. Die katholische Kirche steht aber, wie sich zeigt, auf eigenartige Weise an der Wiege des Besten und des Schlimmsten: auch wenn dieser Satz ausspricht, dass der Tod ein Übel, ein Skandal ist, verklärt er ihn doch zum Eingang ins ewige Leben; dem Elend der Einzelnen verspricht er nicht, dass es besser wird, sondern dass alles nur eine, und sogar notwendige, Illusion ist, der Tod bereits überwunden, und das wahre Leben dann anfängt, wenn das wirkliche vorbei ist. Nicht nur ist das Elend damit gerechtfertigt, sondern noch der Tod.

Und dennoch enthält Religion, auch die katholische, noch eine Antithese gegen den Tod; eine Erinnerung daran, dass es mit diesem Stand der Dinge nicht getan sein könnte; die Feinderklärung an den Tod enthält auch eine Parteinahme, einen wenn auch hilflosen Trost, dass das alles nicht alles gewesen sein wird, dass es mit dem kurzen elenden Leben, das keine Spuren hinterlassen wird, sein Bewenden nicht haben wird. Darin findet die Erinnerung Zuflucht, dass es besser werden kann. Sowenig es zufällig ist, dass die Herrschaft sich mit dem Tod verbündet, sowenig zufällig ist das ewige Leben die Zuflucht der Bedrückten. (2)

5. Wie der Staatsstreich der Spanischen Legion, so reagiert auch Heideggers Filosofie auf die Revolution, deren eigenes Pronunciamento allerdings etwas älter ist, und in seiner deutschen Fassung etwa von Heinrich Heine formuliert worden ist: wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten. Es ist seither öfter erneuert und aktualisiert worden, aber mit weniger Erfolg und weniger Recht; Sartre haben wir schon genannt; Camus hat die Solidarität aller Menschen gegen den Tod gefordert, wovon ein fernes Echo im iranischen Aufstand von 2009 zu hören war; und Benjamin sprach davon, dass die Toten noch gerettet werden könnten.

Carl Schmitt auf der anderen Seite schrieb nicht nur, dass der Souverän gegebenenfalls das Opfer des Lebens verlangen könne; sondern auch, an einer äusserst merkwürdigen Stelle in der „Politischen Theologie“, von der ihn offenbar zutiefst erschreckenden Idee eines „Verschwindens der politischen Idee“ zugunsten eines „paradiesischen Diesseits“ von „ problemloser „Leib“haftigkeit“, welches er als Bakunins, den er zum Satanisten erklärt, Ziel aufzeigt: das ist seine Feindbestimmung, die Todangst vor Vernunft und Freiheit, zu deren beider Zerstörung jedes Mittel recht ist.

Das heutige Europa, das so zivilisiert ist, dass es die Massengräber des spanischen Bürgerkriegs, mit dem alles anfing, nicht ausgraben will, will sich nicht einmal dann daran erinnern, auf welchem Grund es gebaut ist, wenn, wie 2005, die Erklärung der al Qa’ida zum Bombenanschlag in Madrid wie ein Echo der Worte jenes spanischen Generals klingen: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“; man streitet sich statt dessen lieber, ob der Jihadismus der al Qa’ida nicht vielleicht doch nur das Ergebnis von eineinhalb Jahrtausenden islamischer Geschichte ist anstatt ein Ausläufer der europäischen Katastrofe eines einzigen Jahrhunderts.

Der Tod, von dem sie reden, ist nicht der sogenannte natürliche, sondern der Mord; aber das stellt uns nur vor das Rätsel, dass der Mord, in solchen Dimensionen, in die Welt kommen musste, um zu verhindern, dass das Leben der Einzelnen heute, wo es vielleicht möglich wäre, ein besseres wird; eines, das diesen Namen vielleicht verdiente. Brecht lässt die Communarden beschliessen, „ein schlechtes Leben / mehr zu fürchten als den Tod“; das erscheint fast heiter heute, wo man weiss, dass es schlimmeres gibt; es ist getötet worden und wird getötet, damit der Tod seinen Schrecken nicht verliert.

Aus aller neueren Geschichte folgt, dass die Sätze Viva la vida und viva la muerte nicht zusammengehen; dass nicht gleichzeitig Erfüllung und Tod das sein können, was dem Leben den Charakter eines absurden Bruchstückes nimmt; dass ein Leben, das diesen Namen verdient, nicht koexistieren kann mit dem Souverän. Die Antwort, die hier gegeben werden müsste, hiesse: niemand hat das Recht, das Opfer des Lebens zu verlangen; oder, wie man dasselbe seit 2009 in zeitgenössischem Persisch kennt: marg bar hishkas, Nieder mit niemandem. Das wäre ein passendes Pronunciamento zu einer Revolution, die das, was hier bestritten wird, auch praktisch widerlegt.

1 Aischylos lässt in Prometheus, v. 250, diesen bei der Erschaffung des Menschen ihnen „blinde Hoffnungen“ einpflanzen, „so dass sie des Todes vergässen“; wieviel humaner ist sogar das, als die finstere Filosofie Heideggers, dem die offizielle Filosofie seinen Trick durchgehen lässt, und über den das zuständige zu sagen auch die inoffizielle meistens unterlässt.

2 Welches davon besser katholisch ist, kann man sich aussuchen.

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