Vermischtes (Heft II bzw I)

Im klassisch marxistischen Verhältnis von Überbau und Basis werden eigentlich zwei völlig verschiedene Verhältnisse vermischt: das der gesellschaftlichen Verhältnisse zu dem Bewusstsein, in dem sie sich ausdrücken; und das hierarchisch gedachte Verhältnis verschiedener gesellschaftlicher Verhältnisse, namentlich zwischen dem ökonomischen und dem politischen Verhältnis. Beide Verhältnisse sind falsch gefasst, aber das zweite ungleich fataler. Dass nämlich das ökonomische irgendwie materieller sein soll als die Politik, so als ob der Staat nicht auch materielle Realität wäre: dieser Irrtum brütet den Versuch, den Staat aus den ökonomischen Verhältnissen ableiten zu wollen, der willentlich oder nicht beides konserviert. – Bei den Perserkönigen oder Stauferkaisern ist das womöglich auch alles einmal so gewesen: Staat und Religion und alle gesellschaftlichen Verhältnisse bloss Überbau über der Tatsache der Auspressung bäuerlicher Arbeit. Unter dem Kapital kann davon nicht mehr die Rede sein. Das Kapital ist auch nicht die Ökonomie selbst. Sondern das Kapital stiftet einen Zusammenhang, in dem folgerichtig alles, selbst die ökonomischen Tatsachen, gleichzeitig Basis und Überbau wären; und zwischen ideologischen Formen und der wirklichen Produktion nicht mehr unterschieden werden kann. Der Tauschwert ist sowenig eine harte Tatsache, wie der Staat nur ein ideologischer Ausdruck; eine Schiffsladung Erdöl keine härtere als ein Credit Default Swap; alles das freilich nur auf Widerruf, solange die Krise nicht da ist, in welcher Krise allerdings die Verhältnisse der Vorgeschichte, der Naturaltausch, selbst der Metallismus wiederkehren, weil die Emanzipation von der Vorzeit nicht gelang. – Die Rede von Basis und Überbau verdeckt das, so wie sie den Zusammenhang zwischen den Verhältnissen und ihrem Bewusstsein verdeckt; denn jene Verhältnisse erschaffen sich doch, zumindest unter dem Kapital, immer nur vermittelt durch dieses Bewusstsein; Gesellschaft heute ist selbst ihre Ideologie.

Der Begriff der Geschichte steht in einem eigenartigen Gegensatz zu dem des Verhältnisses mit der Natur. Die Geschichte beginnt erst, wo nicht mehr der Naturzwang vorherrscht; sie ist sonst von der Naturgeschichte nicht zu unterscheiden. Die Absurdität dieser Geschichte zwänge uns nun, anzunehmen, menschliche Geschichte begänne damit, dass menschlicher Zwang an die Stelle des Naturzwanges tritt; damit wäre diese Absurdität aber irrevokabel in den Begriff der Geschichte eingelassen, und die erste Natur wiche schliesslich nur der so genannten zweiten. Marx hat bekanntlich für diese Zwischenzeit den Begriff der Vorgeschichte benutzt, von der er sagt, sie ende mit der kapitalistischen Produktionsweise. Unentschieden bleibt dabei, ob diese schon selbst der Geschichte zugehört; unentschieden nicht wegen der Schwierigkeit des Urteils, sondern weil diese Geschichte selbst nicht entschieden ist; das Kapital schafft jedenfalls alle bisherige Vorgeschichte ab und legt gewaltsam das, was Marx noch für die Voraussetzungen des Eintritts in die menschliche Geschichte halten konnte. – Alle anderen Gesellschaften der Vorgeschichte waren agrarische Gesellschaften, die direkt in ihrem Bestand von den Wechselfällen des Klimas abhängig waren; in der das tägliche Leben sich eigentlich seit dem Neolithikum sowenig geändert hatte wie die Werkzeuge oder die Bauart der Häuser; in der der Naturzwang immer noch vorherrschte, ohne dass natürlich den Menschen dafür das Erleiden menschlicher Willkür erspart geblieben wäre. Was aber den Bauern der Vorgeschichte geschah, war alles insgesamt nur eine Serie unbegreiflicher und zufälliger Heimsuchungen; Krieg, Feuer, Hunger ebensoviele sinnlose und einzelne Naturereignisse; unter dem Kapital tritt alles das zu einem übergreifenden Verhältnis zusammen, das als abschaffbar begriffen werden könnte, gerade weil es nicht unter blinder Not geschieht, sondern unter einem und demselben Bann; und sonst keine Entschuldigung mehr dafür denkbar ist.

Dass aber das, was geschieht, durchschaut, als menschliche Tätigkeit und nicht nur als blindes Naturgeschehen sichtbar gemacht werden kann, das alleine begründet die Hoffnung auf seine Veränderung, und macht das, was geschieht, erst zu der Geschichte der Menschen, das heisst ihrer Handlungen und nicht ihrer zufällig erlittenen Wechselfälle, ihrer Freiheit und nicht ihrer Not.

Notwendigkeit ist unter dem Kapital eine gespenstische Kategorie: notwendig ist allemal das, was nicht mehr nötig wäre, und das, was wirklich nötig wäre, ist auf gar keine Weise notwendig. – Sobald Not, Hunger, Elend nicht mehr sein müssten, nimmt die Unvernunft ihrer Fortdauer die Qualität objektiven Wahnsinns an.

Das Bedürfnis nach festen Kategorien, nach einem sicheren Boden, auf dem man steht, führt in die Irre; es wird von der Tücke des objektiven Prozesses ohne Mühe überwältigt werden, denn es reflektiert nicht auf die unheimliche Dialektik, die allen Begriffen innewohnt. Zuletzt liefert sich das Denken, wenn es diesem Bedürfnis zu weit nachgibt, ohnmächtig dem Gegenstand und dem Gang, den dieser nimmt, aus. Ein Beispiel aus der neueren ideologiekritischen Schule mag das beleuchten: so gilt dort allgemein zwar, und zu Recht, Carl Schmitt als Theoretiker des Faschismus, aber Souverän und Gewaltmonopol können ohne Widerspruch als Gegensatz dazu aufgestellt werden, als Garantien der Freiheit, als gäbe es jene Dialektik der Aufklärung nicht, deren Umschlagen man am Beispiel Schmitt doch zu studieren hätte; weil man gerne die abstrakte Republik gegen die Barbarei ausspielen möchte, statt einzusehen, dass z.B. Schmitt nicht zufällig beides, ein Staatsrechtslehrer der Republik und ein Ideologe des Nationalsozialismus gewesen ist. Begreifen, was nicht zu begreifen ist, oder vor dem Gegenstand kapitulieren: das kann man sich nicht einmal aussuchen.

Überhaupt ist es gar nicht einmal eine so einfache Frage, inwiefern Kritik verstehen oder begreifen überhaupt kann. Der Antisemitismus z.B. kann eigentlich nicht begriffen werden. Es ist ganz einfach völlig unmöglich, zu begreifen, warum die Nazis die Juden ermordeten, ja geradezu um dieses Mordvorhaben herum ihr ganzen Reich herum bauten. Will die Vernunft nicht davor kapitulieren, muss sie versuchen zu begreifen, ohne dass eine Erklärung, gar eine einleuchtende, jemals zu finden wäre. Wie sollte eine solche Erklärung auch zu finden sein, erklärte sie doch zumindestens das, was geschehen ist, für unausbleiblich? So etwas kann nicht erklärt werden, ohne ihm Vernunft unterzuschieben. Und nichts in aller bisherigen Geschichte kann davon unaffiziert bleiben: es kann von niemandem mehr so getan werden, als gäbe es für irgend etwas, was Menschen tun, Gründe, in denen das, was die Menschen tun, ganz aufgeht. Es bleibt ein irreduzibles Moment der Freiheit übrig, das eine zu tun und das andere zu lassen; kein Versuch, zu begreifen, kann davon absehen; so erschreckend der Gedanke auch ist, es muss gedacht werden, dass der objektive Prozess in seiner ehernen Zwangsläufigkeit sich gerade durch die für sich genommen freien Handlungen und Gedanken der Einzelnen hindurch herstellt, und die freie Tat und der freie Gedanke zunächst nichts anderes sind als die Elemente, aus denen das furchtbare, blinde Verhängnis gebaut ist. Dieses böse Paradoxon wird dadurch nicht erträglicher, dass es gerade in dem historischen Moment beginnt, sich zu entfalten, in dem die Einzelnen, wenn sie es denn wollten, wirklich die Wahl hätten, zu machen, dass alles anders sein soll. – Und doch begründet dies, weil es aus freier Tat herkommt, also nicht sein müsste, die Hoffnung eben darauf: dass es anders sein soll. Dieser Gedanke, der wohl allen bekannt ist, macht sich zuweilen mit gewisser Hartnäckigkeit geltend; ob er herbei zu zwingen ist, lässt sich bezweifeln; Notwendigkeit, was man so nennt, hat er wohl nicht; dass jedenfalls aus dem Versuch, ihn zu manipulieren, nichts gutes kommt, ist dagegen gewiss.

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Es kann,was begriffen werden kann, vielleicht überhaupt nur begriffen werden, indem es als abschaffbar begriffen werden kann; vielleicht ist der Moment, in dem die Abschaffung denkbar wäre, der einzige, in dem etwas begriffen werden konnte. Was aber, wenn dieser Moment schon vergangen ist? Es kann aber doch noch etwas begriffen werden; ist also jener Moment gar noch nicht vergangen?

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