Down by Law

von Schnittler

Wer einen ihm zugewiesenen Zusatzjob ohne wichtigen Grund nicht aufnimmt oder fortführt oder deren Anbahnung durch sein Verhalten verhindert, der wird nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, § 31a SGB II sanktioniert, das heißt, die Zahlung des Arbeitslosengeldes II wird in der Höhe um mindestens 30 % gekürzt.„, lautet es im vorletzten Absatz eines Informationsblattes, das vom Arbeitsamt an zukünftige Ein-Euro-Jobber ausgehändigt wird.a Dass eine nennenswerte Anzahl von unfreiwillig Langzeitarbeitslosen sich hartnäckig weigert, fünf Stunden tägliche gemeinnützige Arbeit zu verrichten, ist jedoch unwahrscheinlich. Bei einem Regelsatz von 364 Euro, der jedem Sozialhilfeempfänger zum Lebensunterhalt zur Verfügung steht, können es sich nur die Wenigsten leisten, auf die zusätzlichen 150 Euro zu verzichten und Kürzungen in Kauf zu nehmen. Im Frankfurter Arbeitsamt herrscht sogar ein spürbarer Mangel an zu vergebenden Ein-Euro-Stellen und die PAPs (die „Persönlichen Ansprechpartner“) haben keine Mühe die – an der Masse der in Frage kommenden Menschen gemessen – wenigen freien Stellen zu vergeben. Man muss sich regelrecht bewerben, um eine sog. „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung (AGH-MAE)“ zu ergattern.
„Die Zusatzjobs sollen Arbeitslose wieder an den Rhythmus des Arbeitstages und die Erwartungen des Arbeitsmarkts an ein gewisses Maß an Arbeitsdisziplin gewöhnen und so die Verwertbarkeit der Arbeitskräfte für Arbeitgeber wieder herstellen. Hierdurch sollen die betreffenden Personen für eine Einstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder attraktiver gemacht werden“, vermeldet das schon zitierte Informationsblatt und auf einer diesbezüglichen Page des Arbeitsamtes steht des Weiteren: „Die Zusatzjobs mit Mehraufwandsentschädigung müssen zusätzlich sein, im öffentlichen Interesse liegen und wettbewerbsneutral sein… Arbeiten sind wettbewerbsneutral, wenn durch sie eine Beeinträchtigung der Wirtschaft als Folge der Förderung nicht zu befürchten ist und Erwerbstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt weder verdrängt noch in ihrer Entstehung verhindert wird“.
Als ich meinen PAP, meine Sachbearbeiterin, um einen solchen „Zusatzjob“ gebeten habe, waren mir diese hehren Ansinnen des Arbeitsamtes egal, ebenso wie mir die permanent betonte „Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt“ egal war. Auf den „ersten Arbeitsmarkt“ wollte ich nämlich gar nicht zurück. Ich war arbeitslos, ergo von Arbeitslosengeld abhängig, kam mit dem äußerst knapp bemessenen Geld nicht zurecht und hatte keine Lust mich erneut in der Fabrik zuschanden richten zu lassen. Ich hielt einen Ein-Euro-Job für eine gute Gelegenheit, ohne die marktübliche Arbeitshetze an ein paar zusätzliche Euros heranzukommen.1

Der Auftakt zu meiner Beschäftigung als Ein-Euro-Jobber war schlecht. Nach einem völlig sinnlosen „Seminar“, bei dem mir und dem restlichen gelangweilten Publikum nur allzu Wohlbekanntes mitgeteilt wurde (nämlich die schon angerissenen, den Ein-Euro-Jobs zugrunde liegenden gesetzlichen Bestimmungen), saß ich in einem Büro einer Sachbearbeiterin der „Werkstatt Frankfurt e.V.“, einem „Arbeitsmarktdienstleister“ und „Unternehmen der Sozialwirtschaft“, das – nach eigenen Angaben – jährlich mehr als 3000 „Arbeitssuchende qualifiziert… und auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet“. Diese Sachbearbeiterin, die sich keine Mühe gab, ihren Ekel (vor was auch immer. Mit dem Hinweis „ich will mir nicht permanent die Hände waschen müssen“, verweigerte sie mir den Händedruck zur Begrüßung) zu verbergen, vermittelte mir nach einer kurzen Unterhaltung über meine arbeitsbezogenen Vorlieben und Interessen, einen Job als Platzwart auf einem Tennisplatz, der von einem Sportverein in Unterliederbach – einer, wie ich bald feststellen musste, z. T. sehr wohlhabenden Gegend im Frankfurter Westen, die u. a. von prominenten Fußballspielern, Managern und Politikerinnen und Politikern wegen des nahen Taunus bewohnt wird – betrieben wurde. Nach ihrer Aussage sollte ich dort den Rasen mähen, Hecken schneiden und jeden Morgen den „Platz abziehen“ – also das mit rotem Schotter bedeckte Spielfeld mit einem großen Netz im Schlepptau von den Spuren des vorherigen Spieltages bereinigen. Eine einfache Aufgabe, wie ich fand, und in entsprechend gelassener Stimmung tauchte ich am darauf folgenden Montag in der Werkstatt des Sportplatzes auf. Sieben Uhr morgens. Die anderen Kollegen waren schon anwesend. Der Vorarbeiter Ziggy, ein 55-jähriger, stämmiger Kerl aus Ex-Jugoslawien, korpulent, im Blaumann gekleidet, mit glasigen Schweinsaugen und verschwitzter Halbglatze, begrüßte mich freundlich. Die vier anderen Ein-Euro-Jobber nahmen von mir fast keine Notiz und gaben sich wortkarg und mürrisch. Allesamt proletarische und subproletarische Archetypen, wie man sie an jeder Trinkhalle antrifft. Ich wunderte mich zunächst, wie wir zu sechst einen Sportplatz abziehen, Hecken schneiden und Rasen mähen sollten. Da würde bald nicht viel Arbeit übrig bleiben für uns alle, argwöhnte ich innerlich und richtete mich auf langweilige Stunden ein. Entgegen meiner Erwartung, war die Abzieherei jedoch eine ziemliche Schinderei. Zwei Stunden arbeiteten wir unter der Sommersonne, bis die 14 Spielfelder für die Clubmitglieder (die pünktlich um 10 Uhr im Sportdress aus ihren Limousinen stiegen) bereit standen. Danach, wie auch an jedem anderen Tag den ich dort verbracht habe, fuhren wir mit Schubkarren umher, schaufelten Kies, schleppten Steine und bedienten eine Motorwalze. Wir legten einen neuen Gehweg an, der aus mir nicht ersichtlichen Gründen zwischen den einzelnen Spielfeldern benötigt wurde. Weil der Vorarbeiter Ziggy und alle anderen in der Kolonne offensichtlich keine Ahnung hatten, wie man einen Gehweg anlegt, wurde unsere Arbeitskraft meistens sinnlos vernutzt. Der Lasterfahrer lud das bestellte Baumaterial an der falschen Stelle ab, sodass wir den gesamten Schotter, Steine und Sand mit Schubkarren circa zweihundert Meter an seinen eigentlichen Bestimmungsort befördern mussten. Danach verteilten wir in tagelanger Arbeit den Kies in das zuvor von uns mit Spaten und Schippen ausgehobene Gehwegbett2, bis Ziggy feststellte, dass sich die wenige Zentimeter großen Steine auf dem harten Untergrund nicht festtraten und wir den eben für diesen Zweck mitbestellten Sand unter den Kies bringen mussten. Also die ganze Veranstaltung retour.
Ich war schnell frustriert und habe bald darüber nachgedacht, die Sache hinzuschmeißen und eine Kürzung meiner Bezüge in Kauf zu nehmen, denn nicht nur die sinnlose Arbeit war quälend. Ziggy und die Ein-Euro-Jobber-Brigade waren wirklich keine angenehme Gesellschaft. Der Vorarbeiter – der im Übrigen auch der Einzige war, der vom Tennisclub mit einem regulären Gehalt bezahlt wurde – nervte permanent mit Sexismus und Arbeitshetze. Wie schnell mitzubekommen war, hatte Ziggy seit seinem fünfzehnten Lebensjahr als sog. „Vertragsarbeiter“ im gesamten sozialistischen Teil der Erde auf Großbaustellen gearbeitet, bevor er wegen einem Job nach Frankfurt kam, sich dort endgültig niederließ und heiratete. Er erzählte ständig anzügliche Geschichten aus den Bordellen dieser Welt. Einmal, während ich Kies ins Gehwegbett schippte, stellte er sich neben mich und schwadronierte von Asien, der dortigen Baustelle, den Arbeiten die er damals verrichten musste und den Kinderprostituierten, die er und seine Kollegen allabendlich aufsuchten. Er formte Zeigefinger und Daumen zu einem kleinen Kreis, lachte und sagte dazu: „so klein war ihre Muschi, ich bin mit meinem Schwanz gar nicht rein gekommen“.
Bei jeder Pause, die ich einlegte, fing er an von Heizkörpern und Zementsäcken, die er in meinem Alter geschleppt haben will, zu erzählen, während die anderen höhnisch grinsten. Ich wurde auf dem Tennisplatz bald nur noch „Student“ genannt.
Während Ziggy seine dummen Sprüche und Witze machte, den proletarischen Musterarbeiter heraushängen ließ und mich zur Arbeit antrieb, fügte sich der Rest der Truppe ohne zu klagen. Seine Untergebenen multiplizierten den vorhandenen Druck sogar freiwillig, indem sie die unausgesprochene Hierarchie, die Ziggy mit seinem lautstarken Auftreten initiierte, selbsttätig nach unten fortsetzten. Die beste Schaufel bekam nur der fleißigste Schaufler, den Rasen bewässern durfte nur derjenige, der immer pünktlich war, der kleine Traktor und die Motorwalze durften nur von demjenigen gefahren werden, der freiwillig Überstunden machte und auf dem Sitz des großen, neuen Traktor durfte sowieso nur Ziggy Platz nehmen. Warum ich die Kettensäge und den elektrischen Heckenschneider nicht bedienen durfte und stattdessen den anderen hinterher fegen musste, habe ich inzwischen vergessen. Weil ich nicht bereit war, schon morgens um Acht Bier zu trinken, stand schnell mein Status als „echter Mann“ in Frage. Eine einzige Drangsal.
Hätte es nicht die Betreiber und Mitglieder dieses Tennisclubs gegeben, ich wäre auf meiner sich schlagartig entwickelnden exklusiven Wut auf das Subproletariat sitzen geblieben. Die Tennis spielenden Bonzen verschafften mir aber bereitwillig die Gelegenheit, nicht nur Ziggy und seine Untergebenen zu verachten, sondern auch sie. Sie residierten in ihrem feinen Clubhaus, in ihrem feinen Unterliederbach, parkten mit ihren großen Limousinen auf dem Parkplatz des Clubhauses, grüßten mich gönnerisch wie einen Boy, waren allesamt reich und ohne materielle Sorgen und scheuten sich nicht, unsere kostenlos zur Verfügung stehende Arbeitskraft für die Pflege und den Ausbau ihres Vereinsgeländes zu vernutzen. Wie einer der anderen Brigademitglieder mir mitteilte, betrieben sie das ganze Areal schon seit Jahren mit Ziggy und Ein-Euro-Jobbern. Seitdem das neue Gesetz und die durch das „e.V.“ hinter ihrem Clubnamen verbürgte Gemeinnützigkeit sie dazu berechtigte. Zuvor hatte der Verein mehrere Angestellte, die allesamt gekündigt worden waren, nachdem irgendeinem der Dreh mit Biligstarbeiter Ziggy, dem SGB II3 und Unseresgleichen eingefallen ist. Diese Leute hatten auch keine Scham, uns ganz direkt auszubeuten. Ich war zweimal mit einem Kollegen auf dem kameraüberwachten Privatgrundstück eines Clubmitglieds in Unterliederbach und habe in Schwindel erregender Höhe und unter den wachsamen Augen einer um ein sauberes Eigenheim bemühten Ehefrau Dachrinnen von Laub befreit. Ziggy bekam dafür einen Kasten Bier und wir beiden Ein-Euro-Jobber durften eine Stunde früher nach Hause gehen.
Einer von diesen Unterliederbacher Amigos (ein Vorstandsmitglied der ******-AG) besuchte uns eines Tages morgens vor Arbeitsbeginn in der Werkstatt, um irgendetwas mit Ziggy zu besprechen. „Na Männer, alles klar bei euch?“, grüßte er in die stillschweigende Runde. Ziggy, in offensichtlich guter Laune und zu Frotzeleien aufgelegt, zeigte mit dem Finger prompt auf mich und antwortete: „Nein, gar nichts ist klar. Der ist heute wieder sieben Minuten zu spät gekommen“.4 Der Höchst-Mann schaute aus seinem weißen Kragen auf mich herab und bemerkte belustigt: „Wann würde der junge Mann denn gerne zur Arbeit kommen, wann hat er denn ausgeschlafen“, nur um sich danach und ohne meine Antwort abzuwarten wieder mit Ziggy zu unterhalten. Der schickte uns bald aus dem Raum zum allmorgendlichen Platzabziehen. Während ich mein Arbeitswerkzeug zusammenpackte, hörte ich noch etwas von „…Kasten Bier… wie immer“ und „wann kommt ihr…“. Nach diesem Erlebnis habe ich Ziggy mitgeteilt dass ich nicht mehr auf dem Privatgelände von solchen Leuten arbeiten werde und insofern er das nicht akzeptiere, petzen gehe beim Arbeitsamt. Ziggy hatte verstanden und war einverstanden, aber der Erfüllung meines Wunsches, den Traktor fahren zu dürfen, war meine Drohung nicht zuträglich.

Ein-Euro-Jobber sind in den allermeisten Fällen zu alte, zu dumme, zu exzentrische, oder aus anderen Gründen nicht marktkonforme, ergo chronisch unvermittelbare Langzeitarbeitslose, oder Leute, die sich in die Berufsunfähigkeit gearbeitet und/oder gesoffen haben. Das Gerede von „Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt“ ist eine Lüge, die jeder leicht als Lüge erkennen kann, der sich die betreffenden Verhältnisse auch nur eine halbe Stunde anguckt.5 Auf dem Tennisplatz habe ich einen trockenen Alkoholiker, einen Fabrikkrüppel mit kaputtem Arm, einen älteren Italiener mit schlechten Deutschkenntnissen und einen 45jährigen Deutschrussen kennen gelernt. Dieser Deutschrusse, Ernst hieß er, war außer Ziggy der Einzige, der ab und zu etwas aus seinem Leben erzählte. Er hat 30 Jahre als gelernter Traktorist in Sibirien verbracht und nachdem die landwirtschaftliche Produktgenossenschaft, in der er von seinem 14. Lebensjahr an beschäftigt war, geschlossen worden ist, bis kurz vor seiner Emigration nach Deutschland auf einem Friedhof Gräber in den gefrorenen sibirischen Boden gesprengt. Eine Knochenarbeit bei 40 Grad Minus, die er nach eigener Aussage nur mit zwei Kilo Fleisch und einer Flasche Wodka pro Tag aushielt. Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte und zurück nach Russland gegangen war, lebte er alleine mit seiner 16jährigen Tochter. Die saß nach dem Hauptschulabschluss nur noch in der Wohnung und weigerte sich nach 40 ergebnislosen Bewerbungsschreiben weiter nach Arbeit zu suchen. Deswegen hatte er einige „häusliche Probleme“ mit ihr und war an einem der vielen Tage, die ich mit ihm auf dem Tennisplatz verbracht habe, sichtlich verzweifelt. Eine Sachbearbeiterin des Jugendamtes hatte ihn Vortags aufgesucht und Vorhaltungen wegen seiner Erziehungsmethoden gemacht. Sie drohte mit der Polizei. Er berichtete davon und fragte in seiner Ratlosigkeit: „Wie soll ich meine Tochter dazu bringen, arbeiten zu gehen, wenn ich sie nicht verprügeln darf? Sie sieht doch jeden Tag, was ich machen muss“. Das war einer der wenigen wahren Sätze, die ich in Unterliederbach zu hören bekommen habe.
Wenige Tage nach dem Gespräch kam Ernst nicht mehr zur Arbeit. Er war ansonsten immer pünktlich, machte sogar freiwillig Überstunden und war deswegen der einzige, der den kleinen Traktor fahren durfte. Morgens in der Werkstatt, vor dem Arbeitsbeginn, befragte ich Ziggy nach dem Verbleib des Kollegen. Auf seinem Frühstück herumkauend, teilte der mir wortkarg mit, dass Ernst „kaputt“ sei. „Der liegt im Krankenhaus, weil er einen Hirnschlag hatte. Kann nicht mehr sprechen und laufen… den siehst du nie wieder“, ergänzte einer der anderen. Damit war für diese abgestumpften Typen das Thema beendet.

Nach drei Monaten habe ich beschlossen, den Kram hinzuschmeißen. An meinem letzten Tag habe ich den Platz bewässert. Ich durfte diese einfache Tätigkeit nur deswegen verrichten, weil Ernst nicht mehr da war. Ziggy und ich arbeiteten gemeinsam Rücken an Rücken auf Platz Eins, direkt vor der Terrasse des großen Clubhauses, auf der schon einige Gäste unter den Sonnenschirmen Platz genommen hatten und Cola tranken. Er winkte gelegentlich zu ihnen herüber und machte lauthals harmlose Scherze, während wir beide mit Schläuchen auf dem Platz standen und den roten Schotter besprengten. Irgendwann hörte ich ihn stöhnen. Er röchelte regelrecht und bat mich im Flüsterton, zu ihm zu kommen. Er hing in einer seltsam gekrümmten Haltung über dem Hydrant, an dem er Sekunden zuvor noch herumgeschraubt hatte, um den Wasserdruck zu erhöhen. Er bat mich darum, ihn in seinem hilflosen Zustand mit meinem Körper vor den neugierigen Blicken der Clubgäste auf der Terrasse abzuschirmen. „Die dürfen mich so nicht sehen, sonst habe ich den Job nicht mehr lange.“ Langsam begriff ich: Auf den Baustellen dieser Welt hatte er sich das Rückgrat kaputt gemacht. Mit diesem Rückenschaden kann er nicht einmal mehr einen Eimer Sand hochheben. Nach mehreren Operationen ist er nur noch unter starken Medikamenten arbeitsfähig. Seitdem er auf dem Tennisplatz für einen Niedriglohn den Hausmeister mimt, kann er sich die für die Behandlung notwendigen Spritzen nicht mehr leisten.6 Seine Starke-Mann-Attitüde, die Sexgeschichten, die permanenten Arbeitskommandos, also der komplette lautstarke Arschlochauftritt, ist eine reine Fassade, mit der er sich vor der Entlarvung als Arbeitsinvalide zu bewahren sucht und nicht nur auf diese Weise das Letzte, was er im Leben noch zu bieten hat. Wir Ein-Euro-Jobber waren, oder sind, seine Versicherung, sein einziges Werkzeug, nützliche Gegenstände, die ihn im Arbeitsleben halten. Die Handgriffe, die er nicht mehr erledigen kann, erledigen wir und er muss uns dazu antreiben.
Was Ziggy zum Krüppel und die Anderen wortlosen und stumpf gemacht hat b, ist dasjenige gesellschaftliche Verhältnis, in dem das Proletariat als bloße Summe von Arbeitskraftbehältern tagtäglich in die knochenbrecherische Entfremdung der Lohnarbeit gepresst wird, ohne dass einem bei diesem alltäglichen Prozess die Zeit bliebe, sich über dieses unvernünftige Verhältnis Gedanken zu machen. Der Kapitalismus: Ein System in dem die Menschen von Dingen beherrscht werden, in dem sie sich gegenseitig zu Dingen machen müssen, um zu funktionieren, d.h. zu leben und darüber selber tendenziell zu wortlosen Dingen werden.

Anmerkungen:
1. Inwieweit das angesprochene Thema der Ein-Euro-Jobs in Frankfurt a. M. aktuell noch relevant ist, weiß ich nicht. Meine Teilnahme an dieser Maßnahme liegt drei Jahre zurück. Bei meiner letzten Unterredung mit der für mich zuständigen Sachbearbeiterin, wurde mir mitgeteilt, dass die Gelder für diese Maßnahmen gekürzt worden seien, weil sich viele der Tätigkeiten, die im Rahmen des § 16 Abs. 3 SGB II vermittelt worden sind, als wenig sinnhaft, also arbeitsplatzfördernd erwiesen haben. Ob die von Staatswegen her organisierte Disziplinierungs- und Zwangsmaßnahmen gegen die Überflüssigen als Ein-Euro-Job, oder in veränderter Form, bis heute fortgesetzt werden, ist für diesen Artikel aber nicht von Belang. Schließlich geht es lediglich darum, anhand eines kleinen konkreten Beispiels, die im Sinne des Kapitals und seiner Charaktermasken geformte Arbeitslosenverwaltung und die von ihr entscheidend mitgeprägte proletarische Lebensrealität zu charakterisieren und damit zu denunzieren. Dieser Text wurde nicht als Agitation für eine Reform des Arbeitslosenverwaltung geschrieben und er thematisiert auch nicht ausschließlich die (vermeintliche) Sinnlosigkeit von Ein-Euro-Jobs. Dieser Text ist eine revolutionär motivierte Madigmachung des Bestehenden. Material für eine entsprechende Madigmachung findet sich aber nicht nur an Orten, wo Ein-Euro-Jobber für jeden klar ersichtlich zum Narren gehalten und ausgebeutet werden, sondern überall dort, wo Menschen unter multiplen Peinigungen lebenslang den Rücken krumm machen müssen für das Kapital!
2. Ein reiner Irrsinn. Nicht die kleinste Grube wird heute noch mit der Hand ausgehoben. Auf dem Bau – wir arbeiteten schließlich auf einer regelrechten Baustelle – wird jede Grube mit einem Caterpillar oder einem Bobcat ausgehoben. Für die Arbeit, die mit einem dieser Geräte in zwei Stunden erledigt ist, benötigten wir mit Spaten und Schaufel vier Tage. Ein Bobcat z.B. kann man für 100 Euro pro Tag mieten, ebenso einen Laster, eine kleine selbst fahrende Dampfwalze, einen Presslufthammer, etc. Die Straßenarbeiter, die zufällig in Sichtweite auf einer Baustelle arbeiteten, haben uns nicht nur einmal in ihrer Mittagspause mitleidig zugeschaut, mit dem Kopf geschüttelt und dumme Witze herüber gerufen.
3. Eben das Gesetz, das die Ein-Euro-Jobs regelt und seit dem 1. Januar 2005 in Kraft ist.
4. Die 7 Minuten-Zuspätkommerei war wochenlang ein Streitthema zwischen mir und Ziggy. Ich kam regelmäßig genau 7 Minuten zu spät. Meine Zugverbindungen lagen genau so, das ich entweder einen Zug früher nehmen konnte, um dann 20 Minuten zu früh vor der verschlossenen Werkstatt zu stehen, also zum Arbeitsbeginn pünktlich, oder eben sieben Minuten zu spät. Allerdings ist diese gehässige Pingeligkeit nicht auf Ziggys Mist gewachsen. Die Sachbearbeiterin von der Frankfurter Werkstatt rief regelmäßig in der Werkstatt an und verbreitete Arbeitspropaganda und ängstigte Ziggy mit dem Entzug von uns Ein-Euro-Jobbern. Warum er vor dem Verlust unserer Arbeitskraft so eine Heidenangst hatte, habe ich erst später begriffen und das wird im letzten Absatz auch noch Thema sein.
5. Dies war nicht der einzige Ein-Euro-Job, den ich gemacht habe. Zwei Jahre zuvor habe ich 10 Monate an einem besseren Ort gearbeitet, wo die Verhältnisse von der Vereinsleitung freundlicher eingerichtet worden waren. Ich habe also ein wenig Erfahrung mit den Verhältnissen, die durch das SGB II ermöglicht worden sind. Die Leute, die dort arbeiteten, waren ebenfalls zur Lohnarbeit völlig untaugliche, von der Arbeitswelt und damit von der Gesellschaft ausgespieene Menschen. An eine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt war bei keiner und keinem von ihnen zu denken.
6. Seine Medikamente sind mit der Arzneimittelreform 2001 – wie viele andere sinnvolle und lebenswichtige Medikamente – von der Verschreibbarkeitsliste gestrichen worden, sodass Menschen wie Ziggy das sie Erhaltende selber zahlen müssen. In seinem Fall waren das 300 Euro monatlich, die er schon lange nicht mehr aufbringen kann, wie er mir erzählte.

Leseempfehlungen:
a. Wer glaubt, die gehässige Idee, Lohnarbeitslose, also für die Kapitalakkumulation größtenteils Überflüssige, permanent auf Trab und damit zu allem bereit halten zu müssen, indem man sie unter materiellem Mangel und direktem Arbeitszwang hält, wäre eine „unmoralische“ Idee des „Spätkapitalismus“, die erst nach der Zeit des prosperierenden Fordismus in den Hirnen der volksverräterischen Politiker aufgekommen ist, sei auf folgende Zeilen aus dem Kapital hingewiesen, in denen K. Marx einen damals schon toten (der von ihm zitierte und kommentierte Diskussionsbeitrag stammt von 1734!) englischen Regierungsbeamten zitierte, der sich damals über die mangelnde Arbeitsmoral des Proletariats mokierte: „Daß die Menschheit im allgemeinen von Natur zur Bequemlichkeit und Trägheit neigt, davon machen wir die fatale Erfahrung im Betragen unseres Manufakturpöbels, der durchschnittlich nicht über vier Tage die Woche arbeitet, ausser im Falle einer Teuerung der Lebensmittel… Da aber der Arbeitslohn in diesem Königreich viel höher steht, verglichen mit dem Preis der Lebensmittel, so besitzt der Manufakturarbeiter, der vier Tage arbeitet, einen Geldüberschuß, womit er den Rest der Woche müßig lebt… ich hoffe ich habe genug gesagt, um klarzumachen, daß mäßige Arbeit während 6 Tagen in der Woche keine Sklaverei ist“. Der Verfasser dieser um die Arbeitsmoral des Proletariats und damit um das Wohl des Kapitals besorgten Zeilen hatte auch eine Lösung, die nicht von ungefähr stark an das heutige Arbeitsamt und seine Maßnahmen erinnert. Marx erläutert weiter, den Engländer zitierend: „Zu diesem Zwecke, wie zur „Ausrottung der Faulenzerei, Ausschweifung und romantischen Freiheitsduselei“, ditto „zur Minderung der Armentaxe, Förderung des Geistes der Industrie und Herabdrückung des Arbeitspreises in den Manufakturen“, schlägt unser treuer Eckhardt des Kapitals das probate Mittel vor, solche Arbeiter, die der öffentlichen Wohltätigkeit anheimfallen, in einem Wort, Paupers, einzusperren in ein „ideales Arbeitshaus“ (an ideal workhouse). „Ein solches Haus muß zu einem Hause des Schreckens (House of Terror) gemacht werden“.
Man ändere nur den Wortlaut und behalte den Inhalt bei, und man merkt, wie sich die Argumente und Denkfiguren mit den Inhalten aktueller Arbeitsmarktdebatten zu 100% decken. 280 Jahre ist das her! Fürwahr, Marx hat einen entscheidenden Text zitiert und einen der wichtigsten Ideologiestränge innerhalb des gesellschaftlichen Gesprächs über Lohnarbeitslose entlarvt. Ein Stichwort aus unserer Zeit wäre das oft genannte sogenannte „Abstandsgebot“. Das reine Verwertungsinteresse des Kapitals spricht aus diesen mitleidlosen Zeilen ebenso deutlich, wie aus den Merkblättern und Richtlinien des heutigen Arbeitsamtes! Alles nachzulesen in MEW 23, Seite 291 – 293.
b. Der Autor eines sehr klugen und unbedingt lesenswerten biographischen Buches, beschreibt die unbedingte Notwendigkeit zur Abstumpfung und individuellen Anpassung der proletarischen Subjekte an wirklich jede Lage u. A. folgendermaßen: „Am Abend nimmt er einen Traum mit in den Schlaf, um am Morgen darauf wieder grausam nüchtern zu erwachen, die Gewissheit immer tiefer, die Verzweiflung näher. Zuerst hofft er auf das Ende von drei Tagen, dann auf das Ende von drei Wochen, vielleicht ist er stark genug, das Ende von drei Monaten, vielleicht sogar von drei Jahren zu erhoffen. In den meisten siegt am Ende der Alltag: Sie richten sich im Elend häuslich ein, werden Gefangene aus Gewohnheit. Wehe aber dem, dessen Hoffnung stärker ist als drei Jahre Wartens, dem Grau grau bleibt, der gezwungen ist, wach zu bleiben und zu erkennen, daß er für immer und ewig gefangen ist. Er spürt, wie die Verzweiflung endlich das Herz erreicht. Wie dröhnende Tropfen folgen sich ihm die Morgen und treiben ihm die Gewißheit mit Hammerschlägen in das Gehirn“. Georg K. Glaser, „Geheimnis und Gewalt“, Seite 197.

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2 Gedanken zu “Down by Law

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