8 Thesen zu Geschichte

1. These

Als zunächst revolutionäre, gegen den Feudalismus/Absolutismus gerichtete Ideologie beinhaltete der Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts verschiedene Vernunftutopien: den Markt als Austauschort von Freien und Gleichen, der bürgerlich-demokratische Nationalstaat als Selbstregierung der Bürger, letzten Endes (bei Kant) die Idee einer kosmopolitischen Weltöffentlichkeit. Die damit einher gehende Geschichtsphilosophie stellte sich die Geschichte als kontinuierlichen, tendenziell linearen Fortschritt der Menschheit vor: die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Das Geschichtsbild war also eines der kontinuierlichen Entwicklung: des Fortschritts der Menschheit durch die Aufklärung und die fortschreitende Beherrschung der Natur. Der bürgerliche Geschichtsoptimismus deutete einerseits die bisherige Geschichte der Menschheit als Fortschritt; damit eröffnete er aber auch Geschichtsdeutungen Spielraum, die einen Fortschritt über die bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse anstrebten/vorher sagten: Aus dem liberalen Geschichtsbild konnten also Momente entnommen werden, die wiederum die bürgerliche Gesellschaft transzendieren könnten (immanente Kritik). Ideologie war das bürgerliche Geschichtsbild indes auch in dieser Phase schon, soweit sich die bürgerliche Gesellschaft zu dieser Zeit als friedliche Gesellschaftsform setzte, in der alle Menschen zu ihrem Naturrecht als Individuen kamen (Ideologie der Freiheit vor dem Recht etc.); dass die Durchsetzung dieser Gesellschaft ein gewaltförmiger Prozess war, und diese Gewalt auch bis in die Gegenwart reichte, wurde hingegen ausgeblendet.
Mit der vollkommenen Durchsetzung der kapitalistischen Totalität (zunächst in Europa und Nordamerika, später im Zuge des Kolonialismus/Imperialismus weltweit) wandelte sich der Liberalismus zur Herrschafts- und Legitimationsideologie; zentraler Inhalt war jetzt nicht mehr das Ziel der Durchsetzung liberaler, bürgerlicher Verhältnisse gegen überkommene feudale und absolutistische, sondern die Festigung und Legitimation der bürgerlichen Herrschaft: Das Bürgertum war von einer objektiv revolutionären zu einer objektiv konterrevolutionären Klasse geworden.
Im Zuge dessen wandelte sich auch die Ideologie, und damit auch die Geschichtsphilosophie. Die Legitimation bürgerlicher Herrschaftsverhältnisse setzte deren Anthropologisierung voraus; Geschichte wurde nun nicht mehr als tendenziell offener, gestaltbarer Entwicklungsprozess gesehen, sondern als Verwirklichung der wesenhaften Anlagen des Menschen. Spätestens mit Auschwitz hat sich der bürgerliche Fortschrittsoptimismus auch objektiv endgültig blamiert: die Idee eines linearen, zwangsläufigen Fortschritts hin zur vervollkommneten Menschheit kann nach dem deutschen Zivilisationsbruch nicht mehr aufrecht erhalten werden. Wo dies doch noch geschieht, erhält es den Anschein eines „ungeglaubten Glaubens“, des trotzigen Aufrechterhaltens offensichtlich falscher Ansichten.

2. These

Die Rekonstitution bürgerlich-demokratischer Gesellschaften nach 1945 kann nur ein Abklatsch der großen liberalen Ideologien des 18. und 19. Jahrhunderts sein. Auschwitz als ein dem Liberalismus entsprungenes hat ein einfaches Zurück zum klassischen Liberalismus unmöglich gemacht. Zudem sind die materiellen Grundlagen für den klassischen Liberalismus – der tatsächlich fast freie Markt von kleinen Kapitalisten mit nur sehr geringer Staatseinmischung: v.a. Festlegung der Rahmenbedingungen: Vertragssicherheit, Schutz des Privateigentums, Währung – verschwunden. Der Neoliberalismus ist eben kein Zurück zum Liberalismus, keine einfache Deregulation, kein Zurückrollen des Sozialstaats; er ist vielmehr die Form eines pseudoliberalen staatlich gestützten Kapitalismus, in dem dem Staat vor allem die völlige Durchsetzung der sozialdarwinistischen Prinzipien des Neoliberalismus zufällt: zumal die Mobilisierung der Arbeitskraft, notfalls auch die „Ausmerzung“ alles „Unproduktiven“ mit staatlich-autoritären Mitteln. Im nunmehr total verwalteten Kapitalismus sind die Brüche, sind die transzendierenden Momente, die im Liberalismus noch Utopie möglich gemacht haben, verschwunden. Damit entfällt auch überhaupt die Idee einer bewussten Gestaltbarkeit der Gesellschaft; diese wird nun als vollendet irrationaler Gesamtzusammenhang gesehen, innerhalb dessen höchstens noch Teilbereiche zweckrational untersucht werden können. Die kapitalistische Vergesellschaftung wird nunmehr total naturalisiert: Konkurrenz, Arbeit, Herrschaft lägen in der Natur des Menschen, man könne höchstens versuchen, sie einigermaßen verträglich zu gestalten/einzuhegen.
Das Geschichtsbild entspricht unter diesen Bedingungen einer völligen Rückprojektion unbewusster gesellschaftlicher Verhältnisse. Die heutigen Verhältnisse (also eben: Konkurrenz, Arbeit, Herrschaft…) werden als natürliche hypostasiert; sie müssen dementsprechend übergeschichtlich gültig sein. So werden frühere Gesellschaften als strukturell identisch mit der heutigen gesehen, geschichtliches Geschehen wird insgesamt mit genau den Motivationen und Ideologien erklärt, die aus der heutigen Perspektive als menschliche Natur angesehen werden. So kann Geschichte als Ablauf reiner gesellschaftlicher Naturgesetze gedeutet werden, innerhalb dessen die Akteure lediglich zweckrationale Entscheidungen treffen. Damit wird auf der einen Ebene die Möglichkeit negiert, dass gesellschaftliches Handeln auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben kann, dass also geschichtliche Ereignisse (Revolutionen, Kriege etc.) auch die Grundlagen der Gesellschaft verändern können. Auf einer anderen Ebene wird jedes geschichtliche Handeln als zweckrationales angesehen, da die neoliberale Ideologie kein anderes Handeln kennt.
3. These

Die Rekonstitution einer bürgerlichen Demokratie, der Versuch eines ungebrochenen Zurück zum Liberalismus nach Auschwitz kann im Angesicht von Horkheimers Diktum, dass vom Faschismus nicht reden solle, wer vom Kapitalismus schweigen wolle, (gerade in Deutschland) nur unter den Bedingungen einer gesellschaftlichen Erinnerungslosigkeit versucht werden. Die neoliberale Gesellschaft ist also schon bei ihrer Genesis notwendig eine, in der Geschichte keine Rolle spielt, die sich selber nicht als aus der Geschichte entstandene sieht, sondern ihre eigene Geschichte leugnen muss, um ihres Hervorgehens aus dem Massenmord nicht gewahr zu werden. Dementsprechend wird der nationalsozialistische Massenmord eben nicht als ein dem Liberalismus entsprungenes gesehen, sondern als eine Ausprägung einer totalitären Tendenz, die (nach Hayek) irgendwann in der Neuzeit in Europa entstanden sei: eines Staatsfetischismus, der dem Zeitalter der Freiheit (das offensichtlich bis in die Neuzeit geherrscht hat…) ein Ende bereitete und seine radikalste, d.h. totalitäre Verwirklichung in NS und Stalinismus finde. Unter dieses Fazit fallen bei Hayek im Übrigen alle philosophischen und politischen Strömungen, die eine rationale Erkennbarkeit von Gesellschaft annehmen: d.h. von Teilen des (v.a. französischen) klassischen Liberalismus über den orthodoxen Marxismus bis zur kritischen Theorie alles.
Der Neoliberalismus behauptet, den klassischen Liberalismus wieder beleben zu wollen. Gleichzeitig leugnet er den Zusammenhang zwischen Liberalismus und Nationalsozialismus, und schiebt die Genese des Nationalsozialismus auf vermeintlich antiliberale Gesellschaftsideen: die Idee, dass Gesellschaft als ganze erkannt und dementsprechend auch gestaltet werden könne. Damit bricht er den Nationalsozialismus aus der Dialektik der Aufklärung heraus, er erklärt ihn letzthin als Betriebsunfall der Geschichte; der Neoliberalismus leugnet dementsprechend die historischen Kontinuitäten, die zum einen in den Nationalsozialismus hinein geführt haben, und ebenso diejenigen, die vom Nationalsozialismus in die neoliberale Gesellschaft fortwirken. Die neoliberale Gesellschaft ist also nicht nur überhistorisch in dem Sinne, dass sie sich als nur eine Verwirklichungsform ewiger gesellschaftlicher Naturgesetze darstellt, sie ist gleichzeitig auch unhistorisch, indem sie von sich selber behauptet, nicht geworden zu sein und so notwendig die eigene Entstehungsgeschichte leugnet.

4. These

Der kapitalistische Weltmarkt reduziert die atomisierten Einzelnen auf ihre reine Funktionalität: die Menschen haben hier Geltung einzig und allein als Arbeitskraftbehälter, d.h. als Teil des kapitalistischen Verwertungsprozesses. Die Einzelnen werden dadurch zwar tatsächlich als Freie und Gleiche gesetzt, aber in völliger Absehung von ihren konkreten Eigenschaften, in völliger Abstraktion vom jeweils konkreten Individuum. Demgegenüber steht der Nationalstaat als komplementärer Gegenspieler des sich global verwertenden Kapitals. Das bedeutet einmal, dass der Staat notwendiges Ordnungsprinzip für die globale Kapitalverwertung ist, indem er die Rahmenbedingungen: Vertragssicherheit, Schutz des Privateigentums, Aufrechterhalten der Arbeitsfähigkeit etc. bereitstellt, die dem unmittelbaren Interesse der einzelnen Kapitalien (tendenziell) widerspricht und daher von ihnen nicht übernommen würden; er ist dafür verantwortlich, dass sich die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung nicht selbst zerfleischt (Stichwort: ideeller Gesamtkapitalist). Damit kommt dem Nationalstaat allerdings sowohl objektiv als auch im Bewusstsein der Individuen eine dem Markt entgegengestellte Rolle zu: der Staat ist die Institution, die sich um das leibliche wie das seelische Wohl der Individuen kümmere, der sowohl Sozialleistungen bereitstelle als auch den Einzelnen eine Identität jenseits ihrer abstrakten Funktion bereitstelle: die nationale. Der Staat schafft damit eine vermeintliche, eine partikularistische Konkretheit als Gegenstück zur falschen Universalität der Marktes.
Zu dieser vermeintlichen Konkretheit, zur nationalen Identität gehört an zentraler Stelle ein nationales Geschichtsbild, ein nationaler Geschichtsmythos. Der leeren Abstraktion des Marktes, der Vorstellung von Geschichte als immergleichem Ablauf immergleicher gesellschaftlicher Naturgesetze, wird eine Vorstellung einer vermeintlich besonderen, herausragenden nationalen Geschichte gegenüber und gleichzeitig zur Seite gestellt (große Persönlichkeiten, wichtige Ereignisse…). Geschichte wird hier versucht, mit Sinn zu füllen: mit dem nationalen Sinn, als Herleitung der derzeitigen nationalen Konstitution der Gesellschaft zu dienen. Die nationalen Geschichtsmythen schaffen als gemeinsame Erzählungen einen gemeinsamen Bezugspunkt, auf den sich die ansonsten atomisierten Individuen berufen können.
Sie sind dabei von einer ambivalenten Haltung gegenüber der Vergangenheit geprägt, von einer Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Diskontinuität. Diese Ambivalenz entsteht aus der doppelten Stoßrichtung der Legitimierung des nationalen Status Quo: auf der einen Seite stellt sich die Nation in einen historisch begründeten Abstammungszusammenhang: Legitimität wird hier aus Tradition bezogen, aus einer beinahe mythischen Herkunft der Nation. Diese Herkunft bestärkt die nationale Identitätsbildung, sie verstärkt die Abgrenzung gegenüber dem geschichts- und traditionslosen globalen Verwertungszusammenhang.
Auf der anderen Seite nehmen auch nationale Mythen eine Abgrenzung gegenüber der Vergangenheit vor: die bestehende Form der Nation soll immer die beste sein, sie grenzt sich gegenüber einer als defizitär empfundenen nationalen Vergangenheit ab. Legitimität wird hierbei nicht aus Tradition gewonnen, sondern daraus, besser zu sein als die Vorgänger („freiester Staat auf deutschem Boden…“).

5. These

Der scheinbare Widerspruch zwischen der geschichtslosen Geschichtsschreibung der global kapitalverwertenden Gesellschaft und der historischen Sinnsuche nationaler Gemeinschaften löst sich auf, wenn man sich die Form anschaut, in der diese historische Sinnsuche abläuft: das Ritual. Der vermeintliche Inhalt nationaler Geschichtsmythen löst sich im gemeinsamen Gedenkritual tendenziell auf: relevant ist nicht, worauf man sich gemeinsam bezieht, sondern dass überhaupt aktiv Gemeinschaft gestiftet wird; dem nationalen Gedenkritual geht es nicht um den Inhalt des Gedenkens, sondern um das Gedenken selbst: um den Beweis eines gemeinsamen Bezugspunkts und den gemeinschaftlichen Nachweis nationaler Zugehörigkeit.
Geschichte wird somit auch im nationalen Mythos tendenziell jeden Inhalts entleert; hier treffen sich nationale Gedenkkultur und kapitale Geschichtslosigkeit. An der Leere der Gedenkrituale zeigt sich die Leere der nationalen Identität: es geht eben nicht um Zugehörigkeit aufgrund von irgendwelchen tatsächlichen Gemeinsamkeiten, irgendwelchen tatsächlichen gemeinsamen Eigenschaften, die den Einzelnen zukommen, sondern aufgrund einer leeren, formellen Einteilung. So wird auch am vorgeblich partikularen, identitätsstiftenden nationalen Ritual die Funktionalität des Nationalstaats für die Kapitalverwertung sichtbar: in der Geschichtslosigkeit nationaler Geschichtspolitik.

6. These

Die materialistische Geschichtsauffassung hat die bestehende Gesellschaft in der Geschichte zu kontextualisieren. Gegen die neoliberale Anthropologisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat sie deren historische Gewordenheit festzuhalten, die Spezifik der kapitalistischen Gesellschaft gegenüber allen vorausgegangenen. Sie tritt damit auch der Projektion gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse auf die Vergangenheit entgegen. Zentral ist dabei der Hinweis auf die historische Gewordenheit der bürgerlichen Gesellschaft. Insbesondere darauf, dass die bürgerliche Gesellschaft historisch auf Gewalt beruht: einerseits auf Gewalt innerhalb der europäischen „Mutterländer“ des Kapitalismus, andererseits aber auch auf Gewalt der ursprünglichen kapitalistischen Kernländer gegenüber dem kolonialisierten Rest der Welt. Diese historische Grundlage der Gewalt herrscht fort in den kapitalistischen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen; auf der einen Seite in der Ausbeutung der Arbeitskraft, auf der anderen in den fortbestehenden internationalen Machtverhältnissen. Die materialistische Geschichtsauffassung tritt damit dem Selbstbild der bürgerlichen Gesellschaft als befriedeter „bester aller Welten“ entgegen und beharrt auf der Notwendigkeit der Überwindung der herrschenden Verhältnisse. Der Nachweis der historischen Gewordenheit dieser Gesellschaft hält dabei die Perspektive ihrer Überwindbarkeit am Leben.
Gegen die bürgerliche-liberale ebenso wie die orthodox marxistische Geschichtsphilosophie hat sie auf der Kontingenz geschichtlicher Entwicklungen zu beharren; auf der Notwendigkeit eines aktiven qualitativen Bruchs mit den herrschenden Verhältnissen gegenüber der quasi-natürlichen Fortentwicklung zu einer freien Gesellschaft. Sie nimmt der revolutionären Bewegung – wie auch immer sie derzeit konstituiert sein mag – damit die Hoffnung, die aber immer eine Illusion ist, dass sich die befreite Gesellschaft ohne aktives Zutun einfach entwickeln wird. Sie hält aber angesichts des bisherigen Scheiterns der Revolution gleichzeitig die Hoffnung fest, dass eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Ausbeutung noch verwirklicht werden könnte.

7. These

Auschwitz hat sowohl den liberal-bürgerlichen als auch den marxistischen Fortschrittsoptimismus negiert, der meinte, in der Geschichte quasi naturgesetzhaft wirkende, objektiv notwendige Entwicklungen zu erkennen: im einen Fall hin zu einem kosmopolitischen Weltbürgertum auf der Basis des freien und gleichen Tausches, im anderen hin zur proletarischen Revolution und der „freien Assoziation freier Menschen“, dem Kommunismus. Das Ausbleiben der Revolution 1929/33 und das Weiterleben des Kapitalismus in einer totalisierten Form beweisen, dass die Revolution nicht als quasi automatische Konsequenz aus einer immanenten Entwicklung des Kapitalismus: aus der Zuspitzung des Widerspruchs zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Fessel der Produktionsverhältnisse ausbricht. Die Geschichte kann also nicht als notwendige Entwicklung, als letzten Endes immergleicher Ablauf der „Geschichte von Klassenkämpfen“ gedeutet werden, in der die herrschende, aber von der Entwicklung der Produktivkräfte überholte Klasse naturnotwendig von der dem Stand der Produktivkräfte angemessenen Klasse abgelöst werde – und am Ende das Proletariat als letzte geschichtsmächtige Klasse sich selber abschafft und damit die Idee der freien Menschheit verwirklicht. Vielmehr muss die Idee eines notwendigen, quasi objektiven Geschichtsverlaufs insgesamt verworfen werden.
Daraus ergeben sich Einsichten für die radikale Gesellschaftskritik: der Bruch mit den herrschenden Verhältnissen hat sich in der Vergangenheit nicht notwendig ergeben; er wird es auch in Zukunft nicht tun. Wenn man davon ausgeht, dass die kapitalistische Gesellschaft die bewusstlose Herrschaft von Verhältnissen darstellt; dass also die gesellschaftlichen Verhältnisse, als von den Menschen selber hervorgebrachte, sich ihnen gegenüber verselbstständigen und ihnen als objektiv notwendiges Schicksal gegenübertreten; wenn man davon ausgeht, so kann die Revolution niemals ein objektiv notwendiges, d..h. ihrerseits bewusstloses Ereignis darstellen; sie bestünde vielmehr in der bewussten Überwindung der bewusstlosen gesellschaftlichen Verhältnisse – Gesellschaftskritik wäre dann als notwendige Voraussetzung das Bewusstmachen der Verhältnisse, das Durchdringen des Scheins ihrer objektiven, quasi-natürlichen Notwendigkeit.

8. These

Eine materialistische Geschichtsauffassung hat der Versuchung der Sinnstiftung zu widerstehen. Gerade die orthodox marxistische Geschichtsphilosophie hat häufig vergangenen Opfern und vergangenem Leid einen Sinn zuzusprechen versucht: mal als Vorbilder für kommende Generationen von Revolutionären, mal als Ansporn für höhere revolutionäre Anstrengung. Zudem wurde – im Rahmen des marxistischen Fortschrittsoptimismus – noch den schlimmsten Entwicklungen der Menschheitsgeschichte eine inhärente positive Seite zugesprochen: das fängt an bei Marxens Überzeugung, dass der Kapitalismus notwendiges Zwischenstadium ist auf dem Weg zur befreiten Menschheit, dass nur die gewalttätige Modernisierung durch das sich globalisierende Kapital die alten Banden von Sippe und Tradition zerschlagen könne. Den traurigen Höhepunkt erlebte dieses Denken in der Überzeugung deutscher Kommunisten, dass der Nationalsozialismus nur das letzte Aufbäumen des Kapitalismus darstelle, dass Hitler in einigen Wochen oder Monaten abgewirtschaftet haben werde und sich danach quasi automatisch die proletarische Revolution einstellen würde; weshalb sie nach der Machtübergabe an Hitler auch die Parole ausgaben, dass die kommunistische Bewegung sich ruhig zu verhalten und abzuwarten habe.
Die Opfer der Geschichte haben keinen Sinn; jedes war zwecklos, eine Niederlage gegenüber den Verhältnissen von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung. Jede der bisher vorgeblich gewonnenen Revolutionen hat diese Verhältnisse nur in neuer Form weiter geführt; die Sache der freien Menschheit hat bisher immer verloren. An diesem Gedanken festzuhalten bedeutet aber auch, die Notwendigkeit des Widerstands gegen die bestehenden Verhältnisse aufrechtzuerhalten; es bedeutet daran zu erinnern, dass nur die kommunistische Revolution der Geschichte der Unterdrückung ein Ende setzen kann. Nach Walter Benjamin: Es bedeutet daran festzuhalten, dass die kommunistische Bewegung die Notbremse der „einen einzige Katastrophe“, die die bisherige Geschichte darstellt, zu ziehen habe, dass sie „das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende [zu] führen“ habe. Dass es nicht so weitergehen darf, ist die einzige Lehre, die aus der Geschichte gezogen werden kann.

Benjamin Schilling

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