Der Torpedokäfer

Zeugnisse aus dem Weg nach Unten

Der Torpedokäfer ist wissenschaftlich nicht genügend beschrieben, um in seiner Art für die Einordnung in einem fachlich zuständigen Nachschlagewerk reif zu sein.

Der Käfer hat etwa die Länge einer Gewehrpatrone, auch die Form. Zu beiden Seiten des Körpers sind die Platten, hart wie Panzerplatten, zum Schutz gegen Feinde am Boden. Die Platten decken die Flügel, die nach innen gefaltet sind. Sie klappen nach unten, wenn die Flügel auseinanderschwingen, zugleich der Stabilisierung des Fluges dienend, als Tragfläche. Der Kopf ist eingehüllt in einen Kranz kleinerer und zugespitzter Platten, die sich nach vorn schieben, sobald der Käfer dem Flugziel sich nähert, Kanzel des Piloten, in die hinein sich die Fühler einziehen – diese sind nicht zu lang, eher kurz; sie tasten nicht so sehr das Ungewisse einer Richtung, sie halten das Gleichgewicht, sie steuern. Die Beine sind im Flug in die Bauchseite hochgefaltet, in die Tragflächen geborgen. Der Rücken ist mit weichem Pelz bedeckt.

Das Besondere an diesem Käfer ist die Kraft, mit der er das Ziel anfliegt, vorwärtsgetrieben wird, wie ein Torpedo. Der Antrieb dieser Kraft ist am Körper selbst nicht zu finden, im koordinierenden System der Nerven vielleicht, in der Ausscheidung von Wärmetropfen in den Gelenken. Der Käfer hebt sich vom Boden, scheints schwerfällig und ungeschickt und beinahe, würde man sagen, mit einigem Widerwillen. Und dann setzt die Triebkraft ein. Der Käfer kommt in Fahrt, schnellt nach vorwärts, ständig akzelerierend dem Ziel entgegen.

Die Flugkraft wird zu einer selbstständigen Wesenheit, vibrierend mit eigenen Empfindungen von Lust und Widerspruch, Angst, und der Triumpf über Enge und Weite … ich erinnere mich, daß es weh tut, selbst im Jubel der Ungewissheit, wie das Leben ist und sein wird.

Ablauf der Zeit in einer panikgeladenen Spannung, die Augen geschlossen. Stoß gegen den Widerstand – und dann der Sturz. Das Ziel ist groß genug. Das Ziel ist geradezu drohend, in abschreckender Klarheit, überdimensionale Präzision. Es wird sein, daß mehr Anziehungskraft ausgeht von diesem Ziel, als in dem motorisierten Antrieb des Fluges sich umsetzen ließe …

Ein sehr schmaler Eingang, der Durchgang zum Ziel, der verdeckt ist und sich wahrscheinlich verschiebt, in der Blitzsekunde des Anpralls; daher der Sturz. Dieser Sturz wird sich wiederholen. Es ist die biologische Eigenschaft des Torpedokäfers, daß er das Ziel anfliegt und stürzt.

Einmal am Boden, ist dann alle Kraft gewichen. Es ist Schaden entstanden. Der weiche Rücken ist im Sturz verletzt. Die Platten sind angeschlagen, später auch gebrochen. Am Boden klaubt sich der Käfer zusammen, bewegt, was sich noch bewegen läßt, schleppt sich zurück, kriecht – für den Beobachter steht es bereits fest: der Käfer wird es nicht schaffen. Aber er schafft es. Wieder zurück zu dem Punkt, von wo aus er startete.

Der Start muß warten. Die Verletzungen müssen heilen, die Schäden auswachsen. Leben schwingt bereits wieder in vollbestimmten Rhythmus. Der Körper pulst und wird sich weiter straffen. Der pflaumig weiche, der ungeschützte Rücken, würde jemand die Hand darüber streichen lassen, ist warm – und würde aus dieser Liebkosung Worte sich bilden können, so wären sie voller Zutrauen und Zuversicht.

Ich habe den Flug unzählige Male in mir selbst erlebt, bei Tag und bei Nacht. Das Ende ist immer das gleiche gewesen: Anprall, Sturz, Kriechen am Boden, sich zurückbewegen zum Ausgangspunkt, zum Startplatz – mit Mühe und jedesmal unter größeren Anstrengungen.

Die Wand, gegen die der Käfer anfliegt, ist solide gebaut. Generationen von Menschheit stehen dahinter. Möglicherweise ist die schmale Öffnung, die angepeilt wird und die noch von Zeit zu Zeit aufleuchtet, vorher wie nachher, nur in Trugbild und sie besteht in Wirklichkeit nicht. In der Folge von Generationen wird sie erst geschaffen, in Opfern herausgemeißelt und aufgesprengt werden.

Es ist nicht die Frage der Zweckmäßigkeit, der besseren Vorbereitung, der Erfahrung, aus der etwas zu lernen wäre – es ist das Ziel, und das Ziel wird immer das gleiche sein: nichts zu verbessern, nichts zu lernen.

Ich habe oft den Käfer dann in der Hand gehalten. Er bewegte sich in einem engen Kreis und war noch nicht fähig, ein Ziel anzunehmen. Er war stark angeschlagen. Dazu kam die Panik, daß alles noch einmal begonnen werden muß und daß es weitergeht. Ich habe die Wärme des Körpers gespürt, der entspannt gewesen ist, das Weiche dieser Hülle von Pelz, das nicht mehr zu den Menschen ringsum gehört.

Die Mißerfolge sind leichter zu tragen. Es gibt die Hoffnung: eines Tages wird es dem Käfer nicht mehr möglich sein, sich wieder zusammenzuklauben und zurückzukriechen. Trotzdem wird dann die Sonne weiter über den Horizont ziehen.

F. Jung

 

 

Wir möchten freundlich auf folgende Veranstaltung hinweisen:

LESUNG: FRANZ JUNG

18.​09.​2014 – „LADEN“ T5 (Trie­rer Stra­ße 5, Wei­mar), 20:00 Uhr

Es lesen di­plo­ma­ti­sche Ge­sand­te des Bu­re­aus für men­ta­le Ran­da­le & fri­ends aus der Au­to­bio­gra­fie des Links­kom­mu­nis­ten, Ex­pres­sio­nis­ten und Aben­teu­rers Franz Jung. Das Pu­bli­kum er­war­tet ei­ni­ge Pe­ri­oden aus dem Flug des Tor­pe­do­kä­fers:

»Ich habe den Flug un­zäh­li­ge Male in mir sel­ber er­lebt, bei Tag und bei Nacht. Das Ende ist immer das glei­che ge­we­sen: An­prall, Sturz, Krie­chen am Boden, sich zu­rück­be­we­gen zum Aus­gangs­punkt, zum Start­platz — mit Mühe und je­des­mal unter grö­ße­ren An­stren­gun­gen. / Die Wand, gegen die der Käfer an­fliegt ist so­li­de ge­baut. Ge­ne­ra­tio­nen von Mensch­heit ste­hen da­hin­ter. Mög­li­cher­wei­se ist die schma­le Öff­nung, die an­ge­peilt wird und die noch von Zeit zu Zeit auf­leuch­tet, vor­her wie nach­her, nur ein Trug­bild und sie be­steht in Wirk­lich­keit nicht. In der Folge von Ge­ne­ra­tio­nen wird sie erst ge­schaf­fen, in Op­fern her­aus­ge­mei­ßelt und auf­ge­sprengt wer­den. / Es ist nicht die Frage der Zweck­mä­ßig­keit, der bes­se­ren Vor­be­rei­tung, der Er­fah­rung, aus der etwas zu ler­nen wäre — es ist das Ziel, und das Ziel wird immer das glei­che sein: nichts zu ver­bes­sern, nichts zu ler­nen.«

 

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