„Für mich als Marxisten ist die Wahl zwischen den Weißgardisten und Petljura-Anhängern offensichtlich“

An dieser Stelle veröffentlichen wir ein Interview, welches das Nihilisten-Netzwerk mit einem Soldaten der ukrainischen Nationalgarde geführt hat. Zugegeben, wir wussten lange nicht, wie wir das kommentieren sollten. Wir wissen das immer noch nicht. Dass die radikale Linke auf dem gesamten postsowjetischen Raum immer noch Lenin und Trotzki im Hinterkopf hat, vor allem wenn sie sich auf Marx bezieht; dass im Krieg selbst die fortschrittlichsten Teile der Gesellschaft unvermeidlich degradieren müssen; wie der Herr Marxist zu den Neonazis in der ukrainischen Armee und den Freiwilligenbataillons steht; und dass es eher die Neonazis sind, und nicht die vermeintliche Linke, die vorhaben, den Krieg nach Hause zu tragen – das könnte z.B. drin stehen, tut’s aber nicht. Dennoch gewährt das Interview einen kleinen Einblick in den Zustand der ukrainischen Gesellschaft in einem Krieg, in dem eine kommunistische „Partei“ fehlt. Wer auch immer vor lauter Aufrichtigkeit nun die Nase rümpft, sollte sich zunächst fragen, ob jahrelange Lesekreiserfahrungen eineN in einem hypothetischen Kriegsfall wirklich besser dastehen ließen.„…(D)ass man einfacher und richtiger lebt, wenn man annimmt, dass es gar keine westlichen Linken gibt“ – das hätte man nicht besser ausdrücken können. – das GT.

Andrej M. (Name von der Redaktion geändert) ist einer jener Kiewer „Büro-Linken“, die sich im letzten Winter nach einigem Zögern dem Maidan angeschlossen und im Frühling eine entschiedenen Position gegen die Reaktion auf der Krim und im Osten der Ukraine eingenommen haben. Diese Position führte Andrej schließlich in die ukrainische Armee und jetzt nimmt er an der anti-terroristischen Operation in Donbass teil. Als das „Nihilist“-Kollektiv davon erfuhr, wollte es ihm ein paar Fragen stellen. – nihilist.li

Wie bist du zum Militär gekommen? Was ist das für eine Abteilung?

Die Abteilung ist eine ganz gewöhnliche – die 72. autonome mechanisierte Brigade. Diejenige, die im Juli unter Izwarino eingekesselt wurde. Sie wurde damals ständig beschossen, sie erlitt schwere Verluste an Menschen und Technik, vierhundert ihrer Kämpfer mussten sogar auf das russische Territorium ausweichen – das hat viel Lärm in der Presse gemacht. Danach nahmen die ukrainischen Streitkräfte die Ortschaft Saur-Mogila ein, was ermöglichte, zur eingekesselten Brigade vorzudringen und sie aus den umkämpften Gebieten zurückzuziehen. Im August und September wurde sie bei Melitopol‘ mit Soldaten und Technik ausgestattet. Da bin ich zur Brigade gestoßen als Operator-Schütze von Schützenpanzern – ich wurde im August eingezogen. Jetzt befindet sich die Brigade wieder im Gebiet der „anti-terroristischen Operation“.

Hättest du den Einzug vermeiden können?

Technisch gesehen, ja, zweifellos. Aber bereits im März ging ich ins Kreiswehramt und sagte dem Vorgesetzten, dass die Armee mit mir rechnen kann. Das war genau, als sich die Krim-Annexion ereignete und die Unruhen in Donbass und Charkow begannen. Mir war klar, dass ein großer Krieg auf uns zukommt und ich war überzeugt, dass der Einfall der russischen Armee eine Frage der nächsten paar Wochen sei. Für mich sind Putins Regime, die russische Besatzung und die Ideen der „russischen Welt“ absolut unannehmbar, deswegen hielt ich es für nicht möglich, ein außen stehender Beobachter zu bleiben. Dann entwickelte sich alles etwas anders, als ich erwartet hatte: statt einer Invasion der regulären Armee nutzte Putin zunächst paramilitärische Verbände vor Ort, im Wesentlichen änderte sich dadurch aber nichts. Natürlich boten mir viele Kollegen, Freunde und Bekannte ihre „Hilfe“ an – mich frei zu kaufen, aus Kiew zu verschwinden, etwa ins Ausland, ein Visum zu besorgen usw. Aber diese Möglichkeiten zog ich prinzipiell nicht in Betracht.

Du verstehst dich heute als Linken und Marxisten?

Der Überzeugung, der Weltanschauung nach – ja, klar. Obwohl, wenn man annimmt, dass Marxismus in erster Linie politische Praxis ist, dann kann ich mir vorwerfen lassen, dass ich unter diesem Aspekt kein Marxist bin. Das bestreite ich nicht, ich frage einfach zurück, ob die Bolschewiki Marxisten waren, als sie die Regierung Kerenski gegen den Kornilow-Aufstand verteidigt haben.

Als Marxist bin ich mir im Klaren, dass der heutige ukrainische Staat ein wenig sympathisches Ding ist. In ihm sind rechts-konservative und nationalistische Tendenzen sehr stark, die Macht ist immer noch in den Händen des Großkapitals, es finden massive Angriffe auf die soziale Sphäre, auf die Rechte der arbeitenden Bevölkerung statt. Aber weiß du, wie im Sozrealismus die Darstellung des Konflikts zwischen dem Guten und dem „noch Besseren“ Priorität hatte, so findet heute im Donbass der Konflikt zwischen dem Schlechten und dem noch Schlimmeren statt. In Russland sind der rechte Konservatismus und Autoritarismus keine Tendenz, sondern zustande gekommene Realität. Der neue Expansionismus, der unter der Soße der „russischen Welt“ verhandelt wird, ist eine widerliche reaktionäre Ideologie, die tatsächlich in Kriege, Gewalt, Lügen und Hass mündet. Das alles gedeiht in voller Kraft in Donbass und versucht sich weiter auszubreiten. Dies zu stoppen ist meines Erachtens die vorrangige Aufgabe. Um zur Analogie mit der Kornilow-Bewegung zurück zu kommen, möchte ich erwähnen, dass einer meiner Bekannten, ein Sozialist, behauptet, dass der heutige Krieg einer zwischen Petljura-Anhängern und den Weißgardisten ist. Der Vergleich hinkt ein wenig, aber wenn es im Krieg keine eigenständige kommunistische „Partei“ gibt, ist für mich als einen Marxisten die Wahl zwischen den Weißgardisten und den Petljura-Anhängern zugunsten der Letzteren offensichtlich. Indessen ist klar, dass wir nicht einmal Alliierte sind, sondern bloß Weggefährten – und zwar bist zur nächsten Kreuzung.

Wie beurteilst du den Maidan? Was ist das?

Der Maidan ist ein schwieriges Thema. Auf der einen Seite ein Volksaufstand, ein Versuch der Selbstorganisierung der Massen, der später die Schaffung von Freiwilligenbataillons und eines starken Helfer-Netztes hervorbrachte. Auf der anderen Seite seine offen rechte Verpackung. Meine Einstellung zum Maidan änderte sich von der vorsichtigen Neutralität zur kritischen Unterstützung. Grund dafür waren die berühmt-berüchtigten „Gesetze vom 16. Januar“. Auf jeden Fall schaffte es selbst die starke rechte Agenda nicht, die massive demokratische Komponente des Maidans zu diskreditieren – und das ist in meinen Augen Grund genug, ihn zu würdigen. Wie dem auch sei, der Maidan ist bereits Vergangenheit, wir leben nach dem Maidan und jetzt zerfällt diese Mischung aus Fortschritt und Reaktion, die auf dem Maidan entstand, in ihre ursprünglichen Komponenten. Umso besser: So wird es einfacher, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Was bedeutet für dich dieser Krieg?

Vor allem ist er eine ungeheure Tragödie für Millionen von Menschen, verzeih mir diese Banalität. Die Zivilbevölkerung wird desinformiert, belogen und terrorisiert von beiden Seiten. In jenen seltenen Fällen, in denen man dazu kommt, mit der Bevölkerung zu reden, fragen die meisten: Warum kommt ihr bewaffnet in unser Land? Und wenn du antwortest: Damit Separatisten und Putins Soldaten nicht bewaffnet in unser Land kommen, verstehen sie das nicht. Aber es ist so. Dieser Krieg hat viele Facetten und ich kann deutlich politische Vorteile für ukrainische und russische Eliten aus diesem Krieg erkennen; Vorteile, die sich gründen auf den zahlreichen Toten unter der Zivilbevölkerung, den ukrainischen und russischen Soldaten. Für mich persönlich haben solche Chimären wie die der territorialer Integrität und der nationalen Einheit keine Bedeutung und ich glaube nicht, dass man dafür mit Blut bezahlen sollte.

Wenn man jedoch die Waffen streckt, verschwindet der Krieg nicht – das imperialistische Russland wird seine blutige Expansion ungehindert fortsetzten. Das ist Aggression, und den Aggressor muss man stoppen, nicht beschwichtigen. Leider gibt es hier keine optimale Lösung – man muss sich zwischen dem Schlechten und dem ganz Schlechten entscheiden.

Wofür kämpfen ukrainische Soldaten in den östlichen Gebieten?

Jeder kämpft für das Seine. Mein Kamerad Sascha z.B., Maidan-Teilnehmer und romantischer Nationalist, kämpft für das Land seiner Vorfahren, für die Verwirklichung eines uralten Traumes des ukrainischen Volkes von der Unabhängigkeit. Der stämmige Bauer Mischa dafür, dass niemand aus dem Ausland ihm, seinen Kindern und Enkelkindern vorschreibt, nach welchen Regeln sie leben sollen. Der Elektriker Sergej kämpft bloß aus dem Grund, weil er eingezogen wurde und ist über diese Tatsache sehr verärgert – unter anderem über den Chef des Kreiswehramtes, der ihn in diese Schlächterei schickte und nicht jemanden, der eher dazu taugte. Was ihn übrigens nicht daran hindert, seine militärische Aufgaben gut zu erfüllen. Einige Leute verheimlichen es gar nicht, dass sie für Lohn kämpfen – Elend und Arbeitslosigkeit im Hinterland machen die Teilnahme am Krieg zu einer akzeptablen Alternative für viele Menschen. Die allermeisten aber sind davon überzeugt, dass sie für die Ukraine, für ihre territoriale Integrität kämpfen, für das Recht, nicht nach Kremls Gutdünken leben zu müssen, dafür, dass „Donetsker Banditen“ und „Kommunisten“ das Land nicht mehr regieren. Das ist die hauptsächliche Motivation.

Das heißt also, dass die Soldaten Antikommunisten sind und dass das ein Massenphänomen ist. Wie erklärst du das?

Ich bin sehr versucht, die ganze Verantwortung auf die KPU abzuwälzen. Wirklich tat die Partei von Pjotr Simonenko ja alles dafür, dass die Bezeichnung „Kommunist“ in der Ukraine zum Schimpfwort wurde. Das jahrelange Bedienen der Oligarcheninteressen bei sozialistischer Rhetorik sowie im letzten Jahr offener Unterstützung des Kriegsgegners – das alles hat seinen Preis. Aber nicht nur die KPU ist schuld. Vorfahren vieler Soldaten und Offiziere wurden Opfer stalinistischer Repressionen oder kamen während Hungersnöte um. Für jeden einzelnen von ihnen sind diese Fakten keine Abstraktionen, keine historische Begebenheiten, sondern Tragödien, die ihre Familien unmittelbar betreffen, Verbrechen, die von Sowjets begangen wurden. Und die Propagandamaschinerie des ukrainischen Staates hämmerte während der letzten zwei Jahrzehnte den Leuten erfolgreich ein, dass hungernde Massen, Gewalt und Hinrichtungen das Ziel und das Wesen jeglichen Kommunismus ausmachen. Kein Wunder, dass die Leute das als ihren eigenen Standpunkt einnehmen.

Und fühlt sich ein Kommunist in so einer Umgebung gut?

Natürlich nicht. Aber es gibt ein gutes Prinzip: nicht heulen, nicht lachen, sondern verstehen. Den Kopf kühl halten. Verstehen, dass der Hass gegen den Kommunismus unter den Soldaten kein Hass gegen die Ideen der Gerechtigkeit, der gegenseitigen Hilfe, der Solidarität und Freiheit ist – sondern umgekehrt: gegen das soziale Parasitentum, das den Parteihierarchien eigen ist, gegen die totale physische, ideologische und ökonomische Gewalt. Und verstehen, dass er sich durchaus mit der offenen Ablehnung der neuen Post-Maidan-Regierung verträgt. Für die Mehrheit der Soldaten sind Poroschenko, Jazenjuk und Klitschko keinen Deut besser als Janukowitsch. Die Aktualität der sozialen Agenda besteht immer noch. Gewiss, die Rechtsextremen versuchen sie heute zu vereinnahmen, aber nur aus dem Grund, dass die Linken in der heutigen Ukraine nicht einmal im Stande sind, das eigene Feld zu bespielen.

Warum verloren die Linken in der Ukraine?

Schwierige Frage. Gleich werde ich allerhand Allgemeinplätze über das Zusammenspiel subjektiver und objektiver Faktoren aufsagen. Wo habt ihr denn einen Sieg der Linken während der Epoche der ursprünglichen Kapitalakkumulation und -umverteilung gesehen? Eine echte klassenkämpferische linke Massenbewegung hatte noch keine Zeit, sich zu formieren – oder sollte man die sowjet-konservative KPU und die rosaroten bürgerlichen Sozialisten für links halten? Von kommerziellen und polit-technologischen Projekten wie „Borot’ba“, die von Beginn an nicht für’s Erreichen linker Ziele geschaffen wurden, ganz zu schweigen. Die Linken, die wirklich versuchten, entsprechende soziale Probleme zu lösen, konnten entweder aufgrund ihrer organisatorischen Schwäche über die Grenzen ihrer Politzirkel nicht hinauswachsen, oder wurden in konkreten Situationen gebraucht – so zum Beispiel die „Prjama dija“ – und konnten außerhalb dieser Situationen nicht wirksam werden.

Hat sich deine Einstellung gegenüber der westlichen und russischen Linken verändert?

Verändert hat sie sich wohl nicht – eher hat sie sich komplettiert. Im Westen ist den Linken entweder rationalistischer Konformismus oder Dogmatismus eigen – öfter noch eine Mischung aus diesen zwei wenig sympathischen Eigenschaften. Sie erreichen mehr oder weniger erfolgreich ihre eigenen Ziele. Was aber die Ukraine angeht, so ist ihre Position beeinflusst vom Zurechtbiegen ihres Bildes gemäß der gewohnten Dogmen sowie von den „exportierten Meinungen“ ihrer ukrainischer Kontakte, die bei der Darstellung und Analyse von Geschehnissen öfters äußerst unzuverlässig sind. Als Resultat sind viele westliche Linke davon überzeugt, dass im Donbass die sozialistische Revolution vonstatten gehe und die Ukraine ein faschistischer Staat sei, der auf Washingtons Geheiß den Volksaufstand im Blut ertränkt. Sie vom Gegenteil zu überzeugen ist sehr schwierig, öfter noch ganz unmöglich. Aus diesem Grund glaube ich, dass man einfacher und richtiger lebt, wenn man annimmt, dass es gar keine westlichen Linken gibt.

Was die russischen Linken angeht, so bleiben sehr viele von ihnen noch immer vom verstorbenen „sowjetischem Sozialismus“ und dem „großen Sieg über den Faschismus“ bezaubert. Die Sowjetunion gibt es längst nicht mehr, im Kreml sind ganz andere Leute am Steuer als die, die 1945 den Faschismus besiegt haben, und in Kiew regieren nicht Bandera und Schuchewitsch. Aber die Masche zieht, und die Leute, die das Putinsche Regime vehement verfluchen, werden zu treuen Putinisten sobald die Rede von der Ukraine ist. Zum Glück sind nicht alle russischen Linken so, dennoch…

Was tun?

Aufmerksam beobachten. Sich auf keinen Fall in den Elfenbeinturm einsperren. Im Gegenteil, mittendrin sein, so nahe wie möglich an den Menschen. Eigentlich ist das ein weitere Grund, warum ich jetzt an der Front bin. Bis wir mit der eigenen Haut spüren, wie das ukrainische Volk lebt und was es denkt, werden wir nicht fähig sein, eine halbwegs effektive Taktik oder gar eine Strategie zu entwickeln. Uns stehen schwere Zeiten bevor. Der rechte gesellschaftliche Konsens in Verbindung mit einer uneingelösten sozialen Agenda droht einen faschistischen Staatsstreich hervorzurufen. Dieser Gefahr sollte man sich bewusst sein und sich vorbereiten: Die Massen aufklären und Lösungen sozialer Konflikte auf klassenkämpferischer Basis anbieten – dabei sollen diese Lösungen effektiver sein als die, die der rechte national-soziale Populismus anbietet. Siehste, ich bin wieder bei Abstraktionen gelandet. Lasst uns erst den Krieg beenden und dann kommen wir auf dieses Thema konkreter zurück, ok?

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