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Weltwetter: kleineres Unwetter über Portugal

Die Südwestprovinz Portugal hat bei der jüngsten Wahl ein Patt gewählt: Einerseits gewann die Partei der imperialen Sparmaßnahmen die relative Mehrheit. Andererseits gewann die linke Nörgelei gegen die Sparmaßnahmen die absolute Mehrheit, aber verteilt auf eine Fronde aus proeuropäischen Sozis, antieuropäschen Sozis und Sozis, die sich Kommunisten nennen. Der Präsident dieser Provinz gehört der imperialen Minderheit an, die allerdings relativ gesehen die meisten Stimmen besitzt. Eben ein Patt. Er hat der linken Fronde die Regierung untersagt und uns so ein weiteres Griechenspektakel erspart. Es war und ist notwendig: Die imperiale Sicht sieht vor, dass die EU im Weltmaßstab besteht und Europa kann daher nicht auf die albernen Wahlen seiner Provinzen Rücksicht nehmen. Es gibt eine Informationssperre über dieses Thema und nur in England kann man noch spotten, als diese Macht die Herrschaft des Festlandes nicht akzeptiert.

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„Brüder“krieg forever

Wolodimir Zadiraka / nihilist.li

Die Verwandtschaft des alten ukrainischen und des neuen russischen Nationalismus

Die UkrainerInnen haben es einfach, Putin zu verstehen. Besonders gut können ihn diejenigen verstehen, die mit der Ideologie des ukrainischen „integralen“ Nationalismus bekannt sind. Der Begriff selbst entstand, wie SpezialistInnen sagen, nach dem 2. Weltkrieg. Er bezeichnet zwei miteinander verwandte, aber nicht übereinstimmende Ideologien: den „wirklichen Nationalismus“ und den „organisierten Nationalismus“. Unter dem ersten versteht man theoretische Arbeiten eines parteilosen Intellektuellen, Dmytro Donzow, eines originellen und belesenen, literarisch begabten Autoren, der von den meisten seiner ehemaligen Kampfgefährten verflucht und verachtet wird, der dabei methodologisch wirr geblieben ist. Das sind alles Qualitäten, die für einen populären faschistischen Autoren Pflicht sind.

Donzows Ansichten basieren auf einem für das Vorkriegseuropa charakteristischen totalitären Nationalismus. Der Wille zur Macht, Aggressivität, politischer Autoritarismus, Disziplin, Immoralismus, Selbstaufopferung und metaphysische Betrachtungsweise der Geschichte. Das Letztere, freilich, verwundert ein wenig. Donzow kam schließlich aus der marxistischen, nicht aus der religiösen Ecke. Entweder zeugt das von einem Bruch mit der alten Methodologie, oder von einem gewissen politischen Zynismus.

Für Donzow ist eine christliche Rhetorik charakteristisch, dabei widerspricht – wenn man ehrlich ist – die Idee des Nationalismus der Botschaft des Evangeliums komplett, das nationale Unterschiede negiert. Nation bedeutet dem Gott des Neuen Testaments nichts. In der zynischen Welt des „wirklichen Nationalismus“ sind Angriff und Verteidigung gleichwertig, Lüge im Namen der Nation moralisch annehmbar, wenn es sich dabei um die ukrainische Nation handelt. Übrigens sind Cholmogorow oder Markin (1), die die Notwendigkeit der Lüge zugunsten Russlands anerkennen, nicht sehr weit von Donzow entfernt. Genauso im Rahmen der integralen Nationalismusdoktrin handelt der offen ins Gesicht lügende Putin.

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Buchbesprechung: Sin Patrón — Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs

Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle. Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren. Lavaca (Hg.), AG SPAK Bücher, 2015

von ndejra; erschienen in der Oktober-Ausgabe von GaiDao

Für sie wie für die Marxisten der anderen Richtungen gibt es zwischen der gegenwärtigen kapitalistischen und der künftigen sozialistischen Gesellschaft diese Kluft und Generalpause der Revolution. Der Kapitalismus entwickelt sich bis zu seinem Gipfel, dann, teils durch diese Entwicklung selbst, teils durch unermüdliche Agitation und Aufklärung, kommt die große Revolution, das fruchtbare Chaos, und wenn sich die Wolken verzogen haben, wird der Sozialismus da sein. Ganz wie auf der Wagnerbühne, wo zwischen zwei total verschiedenen Szenenbildern sich schleierhaftes Gewölk herabsenkt. (…) Ich meine, in irgendeinem Winkel des Kommunisten, tief verborgen und ängstlich immer wieder ins Dunkel heruntergestoßen, muss das Wissen wohnen, dass es doch so in der Welt nie zugehen kann, dass die Dinge gar nicht diesen Gang nehmen können. Man ist nur hilflos, man weiß nichts anderes, jedes Einlassen mit der Gegenwart, jede tatsächliche Betätigung erscheint als eine unwürdige Anpassung…“ – so schrieb einst mit bitterem Spott Gustav Landauer über die anarchistisch-kommunistischen Revoluzzer seiner Zeit (1), so oder so ähnlich ließe sich über die heutige radikale Linke schreiben, die – jedenfalls meistens – recht fassungslos vor der Welt steht, sich in Pseudo-Aktivität verheizt und um Nachwuchs zum Weiterverheizen unter sich konkurriert. Dass es Orte und Zeiten gibt, wo es anders zugehen kann, wo Menschen ohne viel link(isch)es Spektakel lernen, sich und die Welt zu verändern, zeigt das Buch „Sin Patrón – Herrenlos“, erstmals 2004 von der argentinischen Verlagskooperative Lavaca herausgegeben, jetzt von Daniel Kulla ins Deutsche übersetzt und mit Aktualisierungen versehen.

Das Wertvollste am Buch sind freilich die Berichte von Frauen und Männern, die über ihre sehr persönlichen Verwicklungen in die Geschichte erzählen. Die zehn Berichte aus zehn unterschiedlichen Betrieben, aus einer gemeinsamen Lage: der Krise der argentinischen Wirtschaft 2000/2001, als die Regierung de la Rua den harten neoliberalen Kurs fährt und die Ökonomie des Landes soweit „optimiert“, dass diese zusammenbricht. Es kommt praktisch in allen im Buch versammelten Augenzeugenberichten vor: das waren alles profitable, gut funktionierende, in den Markt integrierte Betriebe, die absichtlich von ihren Eigentümern und der Politik ausgeschlachtet und aufgegeben wurden. Wir lesen über die Belegschaften einer Keramik-, einer Haushaltsgeräte- und einer Textilfabrik, zweier Metallbetriebe, zweier Druckereien, eines Steinbruchs, einer Klinik und einer Zeitung. Wie sie zunächst von ihren Bossen übers Ohr gehauen wurden, wie sie fassungslos warteten, dass der Vater Staat sich ihrer annimmt, wie sie auf eigenen Leibern lernen mussten, dass die Polizei und die Justiz nur noch eine besser bewaffnete mafiöse Struktur unter anderen sind, wie ihre Rechte von den sogenannten Arbeiter*innen-Vertretung der peronistischen Gewerkschaften sie – nun ja – mit Füßen getreten werden. Wie sie schikaniert, eingeschüchtert, verprügelt, ausgesperrt, ohne Lohn gelassen und mit mickrigen Geldbeträgen bestochen werden; wie sie sich über ihre rechtliche Lage mal klug machen, sich mit anderen Belegschaften und Einwohner*innen vor Ort vernetzen. Wie die Besetzungen so trivial anfangen: „Es begann mit ‚Ich verliere meinen Job‘, nicht mit der Entscheidung, Eigentümer zu werden“, wie ein Arbeiter im Buch verrät. Und wie sie schließlich, die Produktion wieder ankurbeln (manchmal heimlich, unter dem Rücken der Polizeiposten), selber Kredite, Kunden und Absatzmöglichkeiten finden, sprich die unnötige und betriebswirtschaftlich kontraproduktive Managementabteilungen ersetzen, für Gleichheit in betrieblichen Strukturen und Einkommen sorgen; wie sie mit der Zeit sogar Produktivität steigern, neue Leute einstellen und trotzdem ohne Hetze arbeiten; wie sie Schulen, Theater, soziale und kulturelle Zentren in ihren Betrieben aufmachen. Alles voller Erfolg also?

Wir erfahren außerdem, dass die neue Regierung, die sich gerne als die „Volksregierung“ präsentiert, sie zu vereinnahmen versucht, die kleinen Erfolge des sozialen Bewegungen und Betriebsbesetzungen stolz sich selbst zuschreibt und die Repression gegen sie in abgewandelter Form fortsetzt. Eine Art wissenschaftlicher Nachbetrachtung im Anhang des Buches zeigt allerdings die Grenzen dieser aus der Not entstandenen Bewegung: oft fehlt es am Kapital für die Erneuerung des Maschinenparks, der Zugang zum Markt und Rohstofflieferung gestalten sich schwierig. Oft geraten solche Betriebe in Abhängigkeit von „normalen“ Betrieben, welche sie in Produktionsketten beliefern, außerdem verbleiben sie auch im staatlichen Rechtssystem und nehmen ihm als eine Art selbstorganisierter Billiglohnsektor einige Sorgen ab. Die Autoren weisen darauf hin, dass es den Besetzer*innen im Großen und Ganzen nicht gelingt, einen parallelen Markt mit anderen selbstverwalteten Betrieben aufzubauen. Dafür werden wohl die über 300 instandbesetzte Betriebe volkswirtschaftlich gesehen immer noch zu wenige sein.

Das wird wohl dieses „schleierhafte Gewölk“ sein, von dem Landauer sprach. Das salto mortale der mit dem Rücken zur Wand gestellten Menschen in einer Welt, in der der Trieb der individuellen Selbsterhaltung mit dem Interesse der kapitalen Akkumulation zusammenfällt. Der Sexismus, der „machismo“, der die argentinische Gesellschaft prägt, ist unter den Arbeiter*innen noch weitgehend präsent, wie der Übersetzer Daniel Kulla in seiner lesenswerten Einführung schriebt. Hin und wieder begegnen uns in jenen zehn Berichten patriotische Floskeln, wie „Es gibt Leute, die morgens aufstehen und sich überlegen, wie sie andere übers Ohr hauen können, und es gibt die, die überlegen, wie sie dieses Argentinien wieder aufbauen können, das auseinandergerissen wurde“. Das Vorwort des Lavaca-Kollektivs versteckt ebenfalls hinter der ganzen Soziologiebegeisterung den Wunsch nach einer guten Marktwirtschaft, wie sie angeblich vor dem neoliberalen Einbruch war. Dennoch: Jeder einzelne Zug im Verblendungszusammenhang ist doch relevant für sein mögliches Ende. Gut ist das sich Entringende, das, was Sprache findet, das Auge aufschlägt. Als sich Entringendes ist es verflochten in die Geschichte, die, ohne dass sie auf Versöhnung hin eindeutig sich ordnete, im Fortgang ihrer Bewegung deren Möglichkeit aufblitzen lässt“. (2) Es kommen auch Stimmen vor, die „…ein Betrieb ohne patrones und eine Welt ohne patrones“ einfordern. Wie auch immer, man sieht: staats- und regierungsgläubig werden diese Frauen und Männer wohl nicht mehr.

Man wünscht sich mitunter mehr Einblicke ins Innere der Menschen. Was machen diese Erfahrungen, diese turbulenten Zeiten mit ihnen? Sie werden gelassener, mutiger, selbstbewusster. Und am Rande, aus der Zeit des Zelteblagers vor der Textilfabrik Brukman: „Gab es auch Liebesgeschichten? – Oh, jede Menge“.

Zurecht weist Kulla darauf hin, dass die Situation in Argentinien an die Deindustrialisierung der DDR erinnert, dass auch Deutschland eine Geschichte von Arbeitskämpfen, Klassenkonflikten und Betriebsbesetzungen hat. Zu schnell verschwinden aus der Erinnerung solche Erfahrungen wie die z.B. von der Fahrradfabrik in Nordhausen und viele andere. (3) Wäre die Reaktion sich ihres historischen Sieges sicher, würde sie uns nicht permanent eintrichtern, dass nicht mehr geht. Zum Schluss nur noch zwei Fragen: erstens, muss es wirklich erst schlimm werden, damit die Belegschaften in Deutschland den Klassenkompromiss aufgeben? Zweitens, was macht man mit der „Pegida im Betrieb“? (4) Das werden wir erst herausfinden müssen.

Nur im Gewölk kann was aufblitzen!

1) Vgl. Landauers „Brief über die anarchistischen Kommunisten“, S. 305f, in: ders. „Anarchismus“, ausgewählte Schriften, Bd. 2, Siegebert Wolf (Hg.), 2009, Lich

2) Theodor W. Adorno: „Fortschritt“, S. 34, in: ders. „Stichworte. Kritische Modelle 2“, 1969, FfM

3) Heiko Grau-Maiwald: Betriebsausfall. Herbststurm 1989/90 in der DDR und die Kampftraditionen in 20 Jahren Nachwende“, Syndikat-A Medienvertrieb, 2009, Moers. Nur würde ich mich nicht so für den Arbeiteraufstand von 1953 begeistern.

4) http://www.heise.de/tp/news/Anfeindungen-von-Gewerkschaften-Pegida-im-Betrieb-2575018.html