Aktivismus in eigener Sache? Das SC4A und sein (Gesellschafts)Kritiker

Von Seepferd

Wenn in einigen Städten der Bundesrepublik zurzeit „soziale Zentren“, oder wie sich solche Einrichtungen sonst nennen mögen, entstehen, ist das Resultat subjektiver Wünsche und Lageneinschätzungen der beteiligten Personen und eines Zusammenspiels objektiver Faktoren (ob es Leerstand gibt, ob die Staatsgewalt das wenigstens toleriert ob es tatsächlich Nutzungsbedarf für solche Orte gibt usw.). Dementsprechend sind sie auch recht unterschiedlich konstituiert: von OM10 in Göttingen, wo ein u.a. auch von Flüchtlingen genutztes „linkes“ Haus in einer klassischen Hausbesetzung entstand, bis zu Grandhotel Cosmopolis aus Augsburg, wo die städtische kunst- und kulturaffende Szene mit „ihren“ Flüchtlingen irgendwelche Kunstprojekte macht. Im November letzten Jahres meldete auch in Leipzig eine Initiative ihren Wunsch nach einem Social Center 4 All an. Die Initiative ist seitdem mit Diskussionen und Planungen beschäftigt, wie sich die Sache entwickelt wäre noch abzuwarten.

Am 15. Januar veranstaltete die Initiative eine Podiusmsdiskussion mit VertreterInnen ähnlicher Projekte. Zu Wort meldete sich auch der AK Gesellschaftskritik. Es wäre vielleicht mal nicht schlecht gewesen, die VertreterInnen des SC4A, die angereisten DiskussionsteilnehmerInnen und das Publikum mit den Argumenten zu konfrontieren, AK Gesellschaftkritik war sich zu schade dafür und stand drüber. Trotzdem waren dieser Appell an „die Rest der Vernunft“ immerhin so wichtig, dass er vorm Westwerk, wo die Diskussion stattfand, in schriftlicher Form verteilt wurde. Wie auch immer, der Grund für die Nichteinmischung der GesellschaftskritikerInnen in die Podiumsdiskussion war vermutlich der, dass es gar kein kritischer Beitrag war, sondern eine als vernichtend gemeinte und aus wohlorientierter Überlegenheit formulierte Kritik an Leipziger Linken und ihrem Antirassimus. (1)

Das Vorgehen, die Wortwahl („ostzonaler Vorgarten“, aha) und die Argumentationsweise erinnern an Vorfälle in Halle, als AG NoTearsForKrauts es für angebracht hielt, die öffentlichen Auftritte eines Kommunisten mit ähnlich verschriftlichten „Argumenten“ zu begleiten (2). Wie auch immer, ihre Anliegen und Vorstellungen haben die SC4A-Leute dargestellt (3) und sind immer noch dabei, diese auszudiskutieren und umzuformulieren. Aber die selbsternannten LinguistikexpertInnen vom AK Gesellschaftskritik haben gründlich zwischen die Zeilen geschaut und „Motive und Absichten“ gedeutet.

Im hämischen Ton ist von „alternativem Krisenverwalter“ die Rede, der ehrenamtlich staatliche Verwaltungsdefizite ergänzt, in Bezug auf Antifaschismus wird das Bild der Freiwilligen Feuerwehr bemüht. Es soll angeblich „brennen“, damit die Leute was zu tun haben. Nun, „brennt“ es etwa nicht? Oder hat etwa die unterbeschäftigte Leipziger Linke „das Feuer gelegt“ und etwa gewalttätigen Rassismus geschaffen, um was zu tun zu haben? Man könnte wirklich froh sein, dass nicht gleich „die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“ unterstellt wurde. (4) Es wird angezweifelt, dass Flüchtlinge durch das staatliche Handeln „entmenschlicht“ werden. Werden sie etwa nicht als bloße potenzielle Arbeitskraftbehälter erst einmal „gelagert“ und aussortiert, in wem denn so alles ein „in Deutschland lebenswertes Leben“ (5) steckt? Die Linke sehe in Flüchtlingen einen potenziellen Bündnispartner „im Kampf gegen das abstrakte Vermittlungsprinzip“, nachdem schon das Proletariat sich aus der Geschichte verabschiedet hat. Wird nicht am Schicksal der verwalteten Masse von Flüchtlingen vielmehr sichtbar, was auch mit deutschen Pässen ausgestatteten Arbeitskraftbehältern im Falle ihrer Überflüssigkeit droht? Die Hartz-IV-BezieherInnen sind nicht umsonst öfters so ausländerfeindlich eingestellt: das abstrakte Vermittlungsprinzip spüren sie schon ganz deutlich im Nacken. Das „neue, flüchtlingsfreundliche Deutschland“ immer wieder. Wenn das nicht dieselben Verhältnisse sind, die „sich geändert haben“, mit denen die Lesung und Filmvorführung über Eike Geisel neulich im Cineding serviert wurden? Ist diese Freundlichkeit nicht oft paternalistisch, caritytiv, menschenunwürdig? Glauben die IdeologiekritikerInnen jetzt den „Vergangenheitsbewältigungsmeistern“ ihre Weltoffenheit und Ausländerfreundlichkeit doch noch? Die ganze Exegese des postnazistischen Bewusstseins, die die ideologiekritische Strömung vor Jahren so eifrig betrieben hat, war anscheinend umsonst, wenn man sie nicht einmal in akademischen Kreisen wahrnimmt. Was die Menschen, die sich auf die Flucht begeben und dank der Politik der EU mehrere Grenzen teilweise zu Fuß passieren müssen, für ein Deutschland-Bild in ihren Köpfen haben, ist wohl eine Sache, die vermutlich ziemlich schnell nach der Ankunft im „Paradies“ noch zerbröckeln wird. Aber die Bundesregierung mit ihrem „refugees welcome“, die eine Verschärfung des Asylrechts der anderen nachjagt, die an den Außengrenzen der EU Menschenjagd und Menschentod installiert und in unsichere Länder abschiebt, ist das „das neue Deutschland“, das dem SC4A vorgehalten wird? „Antirassistisches und weltoffenes Nationalbewusstsein“ ist wohl, wenn jedeR vierte Deutsche auf sie schießen ließe. (6) „Sie können den deutschen Staat nur dann kritisieren, wenn er seine offen fremdenfeindliche Fratze zeigt“. Und der AK Gesellschaftskritik ist imstande ihn in anderen Situationen zu kritisieren, wenn er z.B. sein menschliches Material im „Normalmodus“ verwaltet oder „Wir schaffen das“ sagt? Die Antwort ist offensichtlich: Nein. Denn Freunde kritisiert man ja nicht, vor allem wenn sie’s so schwer haben. Wann waren denn, des Weiteren, die Neonaziaufmärsche nicht von Bündnissen „Die Stadt XY ist bunt!“ und/oder Kirchen nicht begleitet? In den 90ern – oder wie der AK das formuliert: im letzten Jahrhundert? „Benachbarte Turnhallen“ allerdings werden angezündet oder auf eine andere Weise angegriffen auch westlich des „ostzonalen Vorgartens“. Womit die GesellschaftskritikerInnen Recht haben, ist der Umstand, auf den die Linke angeblich erst gar nicht kommen will, dass die Flüchtlinge (oder doch noch „der Flüchtling“, denn wir sprechen ja nicht von einer konkreten Zahl?) keine homogene Masse bilden und sich öfters nicht ausstehen können. Ja, von Konflikten zwischen „Syrern“ und „Afghanen“, „Tschetschenen“ und „Jesiden“, „Sunniten“ und „Schiiten“, Frommen und Nichtgläubigen, Homo- und Heterosexuellen, „Russlanddeutschen“ und „Kontingentflüchtlingen jüdischer Abstammung“ hat man oft genug gehört und wenn man Pech hatte, stand man dazwischen. Nur, was im SC4A passieren wird (falls überhaupt), das weiß man noch gar nicht, alles andere ist Spekulation. Woher allerdings die Vorstellung, dass in ein „Haus für alle“ tatsächlich auch alle liebenswerten Minderheiten eingepfercht werden wie in die Arche Noahs, ist mir unklar.

Zugegeben, es war schon witzig, als bei einem SC4A-Treffen Flüchtlinge ihre Befürchtung äußerten, dass die Linken ihnen noch eine Massenunterkunft bereiten wollen, aber sie schon noch eigene Wohnungen wollten. Wen die Freunde und Freundinnen des SC4A für ihre „DIY-Behörde“ begeistern werden, werden sie feststellen spätestens, wenn es soweit ist. Vielleicht werden sie sich, wie das Hasi-Kollektiv in Halle, damit begnügen, „einfach“ noch ein „linkes Hausprojekt“ aufgemacht zu haben. Ich wüsste trotzdem nicht, dass es so viele Menschen mit Erfahrungen in Selbstverwaltung und so viele linke Orte gibt, dass man das so „vernichtend“ selbstdarstellerhaft kritisieren müsste wie der AK Gesellschaftskritik das tut. Aber ich bin ja kein „Gesellschaftskritiker“.

Vollkommen richtig, die eigentliche Lösung muss eine politische sein. Dann hoffe ich doch, den AK Gesellschaftskritik Flüchtlinge in ihren eigenen Forderungen unpaternalistisch unterstützen zu sehen. (7) Aber bis es soweit ist, bleibt nur angesichts dieser als Kritik maskierten Meinung, die uns der AK serviert hat, festzustellen, dass es sich mit der Gescheitheit wohl wie mit dem Harndrang verhält. Hat sich welche angesammelt, muss sie dringend raus und zwar nicht nur im stillen Örtchen des Geistes, an der Hochschule, sondern u.U. in der Öffentlichkeit.

1) https://akgesellschaftskritik.wordpress.com/2016/01/19/fluchtpunkt-antirassismus-zum-linksideologischen-fluechtlingshype/
2) Die „Argumente“ zum Nachlesen: http://nokrauts.org/2014/10/never-trust-a-hippie/. Leider hat AG NTFK es bei Zetteln nicht belassen, wie es sich bei anderer Gelegenheit zeigte, als der Mann auch noch körperlich bedrängt wurde. Wird der AK Gesellschaftskritik auch diese Methode der Kritik sich aneignen?
3) http://socialcenter-leipzig.de/aufruf/deutsch/
4) Sonst könnte man anfangen, wie bei vielen Texten, aus denen die gescheite Dummheit spricht, Bullshit-Bingo zu spielen.
5) ISF: „Flugschriften. Gegen Deutschland und andere Abscheulichkeiten“, Freiburg, 2001. S.101
6) http://www.sueddeutsche.de/news/politik/migration-umfrage-jeder-vierte-wuerde-auf-fluechtlinge-schiessen-lassen-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-160206-99-518396 Wohl gemerkt: nicht selber schießen würde. Dafür hat der Deutsche – wie auch der Gesellschaftskritiker – seinen Staat. Die Verhältnisse ändern sich bekanntlich, nur das abstrakte Vermittlungsprinzip bleibt das alte.
7) Wie z.B. bei ihren eigenen Protesten für würdige Unterbringung: http://www.lvz.de/Specials/Themenspecials/Fluechtlinge-in-Leipzig/Fluechtlinge-demonstrieren-vorm-Neuen-Rathaus-gegen-Zeltlager-in-Leipzig

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