Who can spell “Autokrise” without “rise”?

von Jörg Finkenberger

Der Leitsektor des deutschen Kapitals gerät in Schwierigkeiten, und niemand weiss, was das bedeutet. Es wird vorläufig nicht schaden, etwas zur Interpretation dieser Schwierigkeiten sagen. Aber es wird einen Punkt geben, an dem es nicht mehr darauf ankommt, zu interpretieren. Was vielleicht gut ist, denn das war die Stärke der Linken bisher ohnehin nicht.

1. Es gab schon einen Namen, ehe es die Sache gab: Autokrise. Noch sind die beginnenden Exportschwierigkeiten im Leitsektor der deutschen Ökonomie nicht in harten Zahlen fassbar, und wenn irgendwann einmal Zahlen da sein werden, wird kein Mensch wissen, was sie bedeuten. Denn es ist nicht der schrumpfende chinesische Markt alleine, der Ausbruch und Verlauf dieser speziellen Etappe der Krise bestimmt, sondern innere Schwierigkeiten der Autoindustrie, und Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Und diese Dinge tauchen mit Grund in den Zahlen nicht auf, und sie prägen trotzdem das gesellschaftliche Bewusstsein.

In ökonomischen Begriffen ist so etwas wie die Autoindustrie nicht einmal fassbar, so etwas wie Leitsektor nur sehr unklar, und die Autoindustrie als Leitsektor ist eine derart monströse Absurdität, dass man sich schwertun wird, geeignete Begriffe dafür zu finden. Was in der Krise einer solchen Absurdität zu erwarten und zu tun ist, ist nun leider von einem gewissen Verständnis von alledem abhängig, und es ist keineswegs eine akademische Frage, dass ein solches Verständnis nirgendwo existiert. Stattdessen existieren ungeheuer viele sicherlich sehr plausible Theorien über alle diese Dinge, mit denen sich linke Ökonomie ebenso wie linke Ökonomiekritik beruhigt; dazu sind sie auch da. Ganz gelehrte haben gar schon herausgekriegt, wie man mit Marx begründet, dass derartig ökonomisches Zeug garnichts zu bedeuten hat, aber so vorgeschritten wollen wir ja nun nicht sein.

Unsere Aufgabe ist nun weder, eine vollständige und richtige kritische Weltmarkttheorie kurz vor zwölf noch zu formulieren, noch der bisherigen Literatur nachzuweisen, dass sie sich geirrt hat. Unsere Aufgabe ist es, gegenüber dem kommenden Crash alles zu tun, um wenigstens einer Handvoll Linker den Rückzug ins Missverständnis abzuschneiden. Eine summarische Behandlung der Sache wird ausreichen müssen. Alles wird von dem hypothetischen Moment aus betrachtet werden müssen, wo der ganze Dreck runterkommt. Ideologiekritik bestimmt sich von dort aus, oder sie ist keine.

2. Automobilismus ist ein Produktionsfaktor der sogenannten entwickelten Welt, die Trennung der Wohn- von den Arbeitsorten ohne ihn nicht zu haben, und auch nicht die logistischen Lieferketten. Das Auto wird gekauft, weil die Gesellschaftsstruktur es erfordert, und die Gesellschaftsstruktur hängt daran, dass es produziert wird. Das Auto als Massengut ist ungefähr die Spitze der sogenannten Wertschöpfungskette in denjenigen Ökonomien, die an der Spitze der globalen Wertschöpfungsketten stehen. Es ist ein staunenswert getreues Abbild des vollkommenen Irrsinns, den diese Gesellschaft darstellt, und das plastischste Beispiel für die Zerstörung dessen, was man einmal Gebrauchswert genannt hat.

Auch Linke nehmen immer gerne an, dass solche Sachen irgendwie ihre Richtigkeit haben, dass es sich also um eine notwendige Stufe in der Entfaltung der Produktivkräfte handelt, oder um ein bestimmtes Akkumulationsregime, oder wie die Redensarten sonst heissen. Damit lenkt man sich davon ab, dass dieses Zeug in genau der spezifischen Weise zusammengerutscht ist, weil es zufällig eine ganze Weile funktioniert hat. Und zwar aus denselben zufälligen Gründen, aus denen es bald nicht mehr funktionieren wird. Der ganze Prozess geschieht ziellos und blindlings, und es hält alles nicht etwa deswegen zusammen, weil die 50 Jahre des Kondratjeff-Zyklus noch nicht um sind. Keine innere ökonomische Makrostruktur garantiert dieses System. Es funktioniert blind bis zu dem Tag, an dem es crasht.

3. Alle wissen, dass der chinesische Markt schrumpft, und dass die Autoindustrie an der Expansion dieses Marktes hängt. Wissenschaft braucht man dagegen, um zu erklären, wieso dieses Schrumpfen keinerlei bedrohliche Wirkungen haben sollte. Die Rettung wird in Wahrheit erwartet vom Sieg im Handelskrieg. Handelskrieg nennen wir diejenigen staatlichen Massnahmen, mit denen Vorteile auf dem Weltmarkt versucht werden zu erreichen, die man innerhalb des Geltungsbereichs des Rechts als kriminell ansähe; und die innerstaatliche Gesetzgebung gehört zu diesen Massnahmen.

Hierzu sind zu zählen die Praktiken bei VW und anderen Autohäusern ebenso wie die Gegenmassnahmen der US-Behörden. Ohne den Hintergrund eines schrumpfenden Weltmarkts sind diese Dinge nicht zu verstehen. Ebensowenig kann man davon absehen, dass die US-Ökonomie sich gerade mitten in einer grundlegenden Umorientierung befindet; wir haben darüber in diesem Heft bereits gesprochen. Diese Umorientierung besteht in einer offensiven Orientierung auf Leistungsbilanzüberschüsse, sowohl bei den Rohölimporten als auch bei der Eroberung der asiatischen Märkte. Das ist die Substanz einer Politik, für die Obama bereits den Friedensnobelpreis erhalten hat, ehe er noch einen einzigen Menschen umgebracht hatte. Zu dieser Umorientierung gehört auch die Annäherung an den Iran, die Neuausrichtung sämtlicher Bündnissysteme, vermittelt über den syrischen Krieg und über die Konterrevolutionen in der arabischen Welt insgesamt. Sie läuft auf etwas hinaus, was wir einmal mit einem Polsprung in den internationalen Warenströmen bezeichnet haben.1

4. Der Automobilsektor steht aber auch in der Weise an der Spitze der Industrie, dass er die wchtigse Basis für die Akkumuluation in den Sektoren des Maschinen- und Anlagenbaus, der chemischen Industrie, der metallverabreitenden Industrie und unzähliger anderer Zulieferindustrien bildet, die in seinem Windschatten weltmarktfähig sind. Er steht hier in einer Reihe mit der Waffenindustrie, nur nicht unter der direkten Protektion des militärischen Beschaffungswesens. Hauptsächlich in diesen Sektoren amortisieren sich Forschungs- und Entwicklungsinverstitionen, und hauptsächlich die so verbundenen Industrien sind es, die den deutschen Vorsprung in Europa und den europäischen Vorsprung auf den Weltmärkten sichern.

Dieser Vorsprung wird zu einem gewissen Teil gestützt durch Subventionierung bestimmter Technologien. Die Dieseltechnik ist deutsche Spezialität seit Hitlers Rüstungskonjunktur. Zu einem gewissen anderen Teil zeigen die neuen Offenbarungen über deutsch eIngenieurskunst, dass die alte Tradition der Produktfälschung nicht ganz in Vergessenheit geraten ist. Die Wirkung dieser Enthüllungen auf die deutsche Industrie wird mittelfristig materiell so verheerend sein wie ideologisch. Staatlich protegierte Prellerei, das ist die Substanz der deutschen Industrie.2

Noch dazu zeigt die Angelegenheit, wie sehr technologisch veraltet eine Industrie sein muss, die ihre eigenen Standards, die sie zum Zweck der Konkurrenz selbst hat aufgestellt hat, nur durch Betrug einzuhalten im Stande ist. Gesteht man dem Kondratieff-Zyklus eine Existenz zu, wird man sich fragen, ob die Tragkraft des jetzigen Zyklus sich nicht verbraucht hat; ob nicht eine Sackgasse begonnen hat, aus der es nicht ohne grössere Verwerfungen wieder herausgeht. Kondratieffs Theorie der langen Wellen ist den Bolschewiken mit Recht immer suspekt gewesen; sie spielt sich zu sehr auf der Gebrauchswertseite ab. Spätestens, wenn sich die Frage stellt, was man mit dem ganzen Schrott, in den ein Crash diese blühende Industrie verwandlen wird, anfangen kann, wird das alles auf einmal sehr wichtig.

5. Die Zeichen sind überdeutlich an der Wand. Es wird in diesem oder dem nächsten Jahr gewaltige Schockwellen in den weltmarktfähigsten Bereichen der Industrie geben. Es handelt sich um Volumina, die durch staatliche Intervention mit üblichen Mitteln kaum abgefedert werden können. Und es handelt sich nicht mehr um die Abwicklung der einen oder der anderen nachrangigen Industrie, die man der Spezialisierung opfern kann. Es handelt sich um alles.

Es wird genügende Stimmen auch von links geben, die den Staatseingriff fordern werden, genügende, die von der Gier einiger Manager reden, von einem finanzmarktgetriebenen Kapitalismus, von der Entkoppelung von der Realwirtschaft.3 Die Realität, die diesen Redensarten entspricht, ist die Mechanik der Krise selbst: die Ausserkurssetzung des zu vielen akkumulierten Kapitals4, samt staatlich garantierter Verwaltung der Krisenfolgen. Eine vollkommen gezähmte Linke wird dergleichen vielleicht akzeptieren; sie tröstet sich damit, nicht gewusst haben zu wollen, wie so etwas real aussieht. Gegen ein solches Arrangemant muss alles aufgefahren werden, was es gibt; es läuft auf den neuen Faschismus hinaus.

Aber in dem kommenden Crash spiegelt sich nicht nur das Grauen des jetzigen Krieges und die Erinnerung an dasjenige des letzten. Er spiegelt, wie jede Krise, die fundamentale Unlogik, Unangemessenheit und damit, so leid es mir tut, das zu sagen, Unmöglichkeit dieses Zustandes. Es ist undenkbar, dass er andauert. Und er dauert auch empirisch nie an. Er bricht zusammen und wird gewaltsam restauriert, immer und immer wieder, und das, seit er in der Welt ist. Diese Ordnung bricht von jeher zusammen. Sie setzt dann ihre inneren Dämonen frei. Gelingt es, sie niederzuwerfen, dann nur um den Preis, das man sie wieder integriert. Sie stehen immer noch bereit.

6. Unsere Position in diesem Kampf ist dadurch bestimmt, dass wir auf keine höhere Instanz vertrauen können. Nicht auf den Staat, der die Krise abwehren soll, und nicht auf eine neue Anti-Hitler-Koalition, die schon beim letzten Mal unwahrscheinlich war. Es rettet uns wirklich kein höheres Wesen. Der Kampf gegen einen an allen Fronten überlegenen Feind bietet wenig Grund zur Hoffnung. Es ist eine verzweifelte Spekulation darauf, dass nur im Verlauf des Kampfes die Chancen besser werden können; dass jede eroberte Position neue Verbündete aufs Spielfeld ruft, dass zuletzt die “grösste Produktivkraft” selbst in Aktion tritt. Neben einem solchen Faktum sähen die Armeen von Spezialisten des Mordes aus wie die Handvoll verworfener Desperados, die sie wirklich sind.

Diese Spekulation ist riskant. Aber, und das ist der Punkt, jede andere Option bietet nur die Aussicht auf eine fürchterliche und endgültige Niederlage. Es ist keinesfalls irgendeine Hoffnung, die uns antreibt, sondern das Gegenteil: blank verzweifelte Einsicht in die objektive Lage, die erzwingt, dass man das wenige aufbietet, das man hat. Es wird sich erst zeigen, ob das so wenig wirklich ist. Und was die Hoffnung betrifft, so haben wir schon alles über sie gesagt. Sie ist eine Kraft der Passivität.

Die Krise wird uns eine Frage aufdrängen, die wir nie beantworten konnten, und die wir beantworten müssen bei Strafe des Untergangs. Die Praxis der Gegenwehr, ihr inneres Prinzip und die Quelle ihrer Kraft, liegt in Assoziierung; Massregel der Verteidigung und Organisierung in dieser Welt, muss sie auch die Elemente der Gesellschaft einer anderen Welt zur Entfaltung bringen. Wo auch immer auf diese Weise mit der Ordnung der Dinge der Kampf geführt wird, dort ist die lebendige, kämpfende Partei, und man schliesst sich ihr nur auf die Weise an, dass man an ihrem Kampf teilnimmt.

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2 Gedanken zu “Who can spell “Autokrise” without “rise”?

  1. Und die Fußnote? Ist das Unvermögen oder wieder so eine antiintelleluelle Spielerei?

Nicht, dass es uns interessierte...

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