Ontologie der Passivität, Pathologie der Linken

von Jörg Finkenberger; erschienen im Heft Nr. 11/2016

 

Die Dinge, die uns bevorstehen, sind hart und gefahrvoll. Deswegen ist es natürlich besser, sie gar nicht oder zumindest unrichtig zur Kenntis zu nehmen. Benötigt wird dazu eine vollständige Logik der Ohnmacht, eine Metaphysik der Passivität. Diese kann ans Alltagsbewusstsein anknüpfen, wo die Unterwerfung, die Ergebung ins Schicksal schon eingeübt ist. Den Einzelnen ist schon lange gezeigt worden, dass ihr Handeln keine Folgen hat; dass bloss, weil sie es anders könnten oder bräuchten, es nicht anders wird; aus demselben Grund übrigens, warum Hunger nicht der Grund ist, Brot zu backen. Die Illusion, dass andere Verhältnisse unmöglich sind, gerät ins Wanken, wo die Vereinzelten sich auch nur finden könnten, und sie muss notwendig mit Gewalt wiederhergestellt werden, wo Ideologie allein nicht ausreicht. Die Linke bietet aufgrund ihrer Erfahrungen der Niederlage hinreichend Reserve sowohl für die Reflexion der Niederlage als auch für ihre Verewigung. Je nach dem, in welcher Absicht sie die Dinge nachzeichnet, schlägt sie sich auf diese oder jene Seite; in ihr reproduziert sich unvermeidbar immer wieder der Gegensatz.

1. “Das europäische Grenzregime ist die Voraussetzung dafür, dass es hierzulande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halbwegs friedlich zugeht und das soziale System nicht kollabiert: Die Finanzkrise und der Staatsbankrott in Griechenland haben gezeigt, dass eine Nationalökonomie nicht unendlich belastbar ist. Wenn die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde, wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlucker zu sorgen, und wenn sich die Krise in finanzieller Hinsicht stärker auswirken würde als bisher, dann könnten auch diejenigen Gefallen an der Parole »Ausländer raus!« finden, die sich zur Zeit noch über die hinterwäldlerischen Ausländerfeinde in Tröglitz empören.”

Diese Sätze stammen nicht aus einer Regierungserklärung Helmut Kohls zur Abschaffung des Asylrechts von 1992, sondern von der AG NTFK Halle und aus der “bonjour tristesse”, dem anerkannt einzigen verbliebenen bahamas-Generikum der antideutschen Provinz. Sie bezeichnen den momentanen Endpunkt der Selbstzerstörung der Linken. Das ist etwas ironisch, weil diese Selbstzerstörung ganz anders vonstatten geht, als die bahamas-Fraktion ihr Programm der Kritik der Linken selbst versteht. Nur sie und ihre intimen Feinde glauben ja, dass sie nicht Teil der Linken und ihrer Elendsgeschichte ist, und dass sie diese beiden nicht in mindestens dieser Hinsicht erst zur Kenntlichkeit bringt. Wie fehlgeschlagen diese Partei ist, zeigt sich daran, dass man heute die Linke anhand der bahamas-Fraktion kritisieren kann. Umgekehrt kann man dieser Fraktion eine grosse Zukunft prognoszieren: die Zukunft innerhalb der Linken gehört zweifellos ihr, solange deren Kritik, und zwar gründlich praktische Kritik, nicht gelingt.

Die innere Logik dieser übrigens willkürlich herausgegriffenen Zeilen funktioniert wie folgt: auf der einen Seite finden wir den Staat, den offiziellen Agenten der schlechten Verhältnisse unter dem Kapital. Dieser Staat betreibt sein Geschäft unter anderem durch “das tägliche Verrecken im Mittelmeer”, wie es eine Zeile vorher heisst. Das prangert man zunächst selbstverständlich, und subjektiv vielleicht auch ehrlich, an; aber nicht ohne andererseits noch dem Staat gegenüber von der Gesellschaft zu reden. Diese ist näher bestimmt als “Mob”, als “neuer Naturzustand, in dem alle gegen alle kämpfen”, “Rassismus, Lynchjustiz und Heugabelmeuten”, “Hauen und Stechen postindustrieller Wastelands”, immer in einem merkwürdig abstraktem Gegensatz zum Staat. “Anders als unsere anarchistischen Genossen glauben, erwächst” aus diesem merkwürdig abstraktem Gegensatz allerdings vor allem dieses, dass zwar “der Staat Barbaren nicht unbedingt in bessere Menschen verwandelt”, aber doch zumindest fast, nämlich “gelegentlich eine gewisse Mäßigung bewirken” kann, solange nicht auch noch der den Staat tragende “Teil des Mittelstands … permanent mit dem konfrontiert” wird, “was unter den gegebenen Verhältnissen alle fürchten: Degradierung und sozialer Abstieg”.

Das droht offenbar dann, wenn “die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde”. Der Staat verteidigt also im Mittelmeer den sozialen Frieden, letztlich damit uns alle, die Geflohenen voran, gegen “den Mob”, die unzivilisierten Barbaren der Wastelands. Zu so einer Antifa kann sich die deutsche Linke überhaupt nur gratulieren, die sich nicht entscheiden kann, ob sie fordern soll: “Bring back the State!”, oder “die Abschaffung der »ganzen alten Scheiße« (MEW irgendwo)”. Sie wägt ab, dass fürs erste wie fürs zweite das Subjekt fehlt, und schliesst deshalb zuletzt, nach all diesen verschiedenen Erwägungen, damit: “Wenn wir den Flüchtlingen mehr als warme Worte zukommen lassen wollen, bleibt uns aus diesem Grund nicht viel anderes übrig, als zu fordern: »Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt!« Genauer: Dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in einem lebenswerten Viertel der Großstadt ihrer Wahl.” Wir! In der Tat. “Uns” bleibt tatsächlich nichts anderes übrig bzw. fällt offenbar nicht mehr ein. Was ist mit den Geflohenen selbst? Was fordern die? Hat man sie einmal gefragt? Was tut man, um sie in den Stand zu bringen, es zu sagen?

2. Die dümmsten würzburger Antiras sind schon immer mit den dümmsten hallischen Antifas darüber einig gewesen, dass es die deutsche Linke ist, die zu denken, zu sprechen und zu fordern hat; und zwar Forderungen, die an den deutschen Staat zu richten sind, und zwar nach Möglichkeit keine masslosen. Eine eigene Rolle für die Geflohenen selbst ist in diesem Spiel nicht vorgesehen. Sie kommen als Faktor im innenpolitischen Kalkül nur insoweit in Betracht, als ihre Anwesenheit rassistische Reflexe provozieren könnte, oder, wenn man ganz unten angekommen ist, als ökonomische Bedrohung des sozialen Friedens, wie bei der AG NTFK.

Im Milieu der deutschen Linken ergänzen sich hervorragend das ideenlose Politikantentum der einen mit dem sozialarbeiterischen Paternalismus der anderen; staatsbürgerliche Ordnungsliebe mit dem hohlen Wortradikalismus; die Verachtung der Praxis mit der Verachtung des Intellekts. In diesem Kosmos steht alles still, während ungeheuer viel geschieht. Hier blühen die Lesekreise und Diskussionszirkel. Nur hier kann auf ein dringendes Bedürfnis, statt ihm abzuhelfen, geantwortet werden, man habe doch schon lange vorgeschlagen, dass ihm jemand abhelfen solle. Hier lebt das hypothetischste Volk auf Erden, das der deutschen Linken, denen es immer zu konkret ist, wenn es ihnen gerade nicht zu abstrakt ist. Nur diese können gleichzeitig so tun, als wären sie selbst gewissermassen objektiv gar nicht da, und subjektiv meinen, alles relevante bezöge sich nur auf sie selbst.

Unklar, was bei solchen Leuten schiefgegangen ist. Aber es scheint anzustecken. Auch, wenn alles stimmt, ist doch nichts davon richtig. Auftrumpfend fragt man uns: und ihr, glaubt ihr etwa, wegen der Krise käme auch schon die kommunistische Revolution, anstatt, wie es zu erwarten steht, irgend eine neue Art des Faschismus? So grundgescheit erklärt man uns, als wüssten wir es nicht, dass diese Gesellschaftsordnung in der Krise Mord und noch einmal Mord produziert. Und, natürlich, auch die AG NTFK weiss natürlich, blitzgescheite Musterschüler, dass “die einzige vernünftige Antwort auf die sogenannte Flüchtlingsfrage… – um es präzise, differenziert und sachlich mit Marx auszudrücken – die Abschaffung der »ganzen alten Scheiße« (MEW irgendwo).” wäre; aber natürlich, leider, es ist nirgendwo “eine Bewegung in Sicht” und so weiter.

Wie fürchterlich schade! Wahrscheinlich ist das auch die patentiert richtige Begründung für die tätlichen Übergriffe aus dem Umfeld der AG NTFK, denen sich die wenigen ausgesetzt sehen, die heute öffentlich für eine solche Bewegung eintreten. Uns erscheint aber die andere Rechnung plausibler: wenn die gegenwärtige Krise, und wer wollte das bestreiten, die Kräfte des Faschismus auf den Plan ruft, ist es dringend geboten, sich nach Gegenkräften umzusehen, notfalls solche, vielleicht auch erst in allerletzter Minute, erst zu organisieren. Hierher gehören vielleicht die Erfahrungen der besetzten Betriebe von Argentinien; hierher gehören ganz sicher die Lektionen von 2012 aus den selbstorganisierten Protesten von Geflohenen.

In den Kreisen, von denen wir gerade noch reden, nennt man solche Dinge zum Beispiel Revolutionsromantik oder Praxisfetisch.. Solche Einwände kommen bei Leuten sicher gut an, die lieber langfristig über Lukacz promovieren möchten. Solche Leute sind leicht in Stellung zu bringen, wenn man sie an ihrer Angst vor Veränderungen und ihrem tief sitzenden Gefühl von Ohnmacht packt. Sie lassen sich dann, wie die Erfahrung zeigt, ohne Schwierigkeiten zu Tätlichkeiten gegen die mobilisieren, die diese affektiven Stützen bedrohen. Dass ausserdem die strebsam studierende Jugend vor und nach 1968 eine gewisse Tradition darin hat, im Rudel über linke Leute herzufallen, wissen wir ohnedies. Aber Lektionen in Kritischer Theorie wird sich von solchem Volk in Zukunft wohl nur noch anhören, wer selbst ohne schlechtes Gewissen zum Rudel gehören will.

3. Über die Gründe, warum solche Dinge inmitten der linken und antideutschen Szene denkbar sind, haben wir in diesem Heft lange gesprochen. Es ist jetzt damit zu Ende. Niemand, auch die unseren nicht, kann es mehr hören. Es ist buchstäblich alles gesagt. Die groteske Persiflage, die mit der Kritischen Theorie getrieben wird, um Dinge zu rechtfertigen, die ansonsten Parteisäuberungen heissen würden, muss nicht mehr widerlegt werden; es kommt jetzt alleine noch darauf an, dass gegen derlei Umtriebe vorgegangen wird, und zwar mit allen zu Gebote stehenden Mitteln. Längst haben solche Dinge existenzbedrohende Ausmasse angenommen, nicht alleine mehr für Einzelne, sondern für unsere Chancen im Kampf gegen den Faschismus selbst.

Die nicht besonders grosse, aber doch vorhandene, in allen Städten bestehende und, warum nicht, auch aktionsfähige antideutsche Strömung hat sich erst von der eigenen Ohnmacht dumm, und danach auch noch von der eigenen Dummheit ohnmächtig machen lassen. Eine autoritäre Fraktion hat an vielen Orten die Übermacht gewonnen; ihr folgt ein zahlreicher Anhang, denkfaul, konfliktscheu, im stupiden Vertrauen auf die zwei, drei lautesten Grossmäuler an der Spitze, in niemals endendem Schafsgehorsam gegen den gemütlichen Konsens der eigenen vertrauten Herde, auch wenn dieser auf den Mord hinausläuft. Dass sie damit alles das geworden sind, wogegen sie einmal aufgestanden waren, bedarf heute keines Wortes mehr; ihre Dreistigkeit ihnen vorzuwerfen, wäre unlogisch. Die Macht der Autoritären besteht doch nur in ihrer Dreistigkeit. Zu lernen ist vor allem, dass die Trennung längst vollzogen ist, Leute wie die AG NTFK nicht zur selben Partei gehören wie wir, nicht unsere Verbündeten sein können; und dass alle Zustände, in denen man sich mit ihnen zu arrangieren genötigt ist, auf nichts anderes hinauslaufen, als dass man sich ihnen unterordnet. Man soll sich nicht wünschen, solche Leute zu Freunden zu haben; man wird immer finden, dass es sich sicherer lebt mit solchen Leuten als sicheren Feinden. Man befindet sich, insgesamt, in der selben Lage wie mit den Stalinisten im spanischen Bürgerkrieg.

Man wird uns nicht mehr dabei finden, diesen Leuten Fehler nachzuweisen. Man wird nicht mehr ertragen müssen, wie wir sie kritisieren. Auf den Teil der Leserschaft, der diese langweiligen Übungen vermissen wird, werden wir verzichten müssen. In diesem Zeitalter wechselt die Kritik die Form. Sie wird Kritik der Praxis und damit praktische Kritik werden, oder sie wird untergehen. Sie wird, neben anderem, auch den Anmassungen solcher Gegner eine Grenze setzen, und sie wird ihre Leute zu verteidigen wissen müssen.

4. Den Dingen, die uns bevorstehen, ist durch keine noch so richtige Analyse beizukommen, sondern durch eine Art von Arbeit, auf die keine noch so richtige Analyse vorbereiten kann. Im Gegenteil funktioniert linke Theoriebildung meistens gerade, bewusst oder unbewusst, für keinen anderne Zweck, als gerade dieses Problem möglichst auszublenden. Ja akkurater und bündiger die Analyse, warum dieses oder jenes gerade passiert und was alles noch passieren wird, desto zwingender scheint dem Verstand, als könnte es unmöglich anders sein. Statt als Ergebnis von Handlungen erscheinen die Dinge als determinierte Stationen eines ohnehin ablaufenden Prozesses. Diese Denkform herrscht namentlich unter dem studentisch geprägten Teil der jungen Linken völlig vor. Sie entspricht auch völlig seiner wirklichen Lage.

Solche Leute werden sich selbstverständlich freuen, wenn nach ausreichendem Zuwarten die jeweilige Katastrophenprognose ihrer eigenen bevorzugten kleinen Theorieschule eingetroffen ist, und sie werden es als einen Angriff auf ihren jeweiligen theoretischen Fetisch empfinden, wenn man ihnen vorschlägt, statt des Zuwartens doch etwas dagegen in Gang zu setzen. Die Idee aber, es liesse sich überhaupt, jenseits von Lesekreisen, Kongressen und kritischen Artikeln etwas ausrichten, gilt allen Schulen zu Recht als gemeinschaftliche Beleidigung des Fetischdienstes insgesamt.

Dass sie nicht, wie ihre Vorgänger, aus der Praxis einen Fetisch gemacht haben und diesen anbeten, halten sie für einen grossen Fortschritt, weil sie glauben, Adornos Kritik damit glücklich entkommen zu sein. Sie beten ihn nicht mehr an, haben aus der Praxis aber dennoch einen Fetisch gemacht. Ansonsten müssten sie zu dem selben Schluss kommen wie wir.

Praxis, tatsächliche Arbeit ist uns jetzt aufgezwungen. Die Dinge werden, wenn ihnen nichts entgegengestellt wird, tatsächlich katastrophal. Die Logik und Dynamik, die den syrischen Krieg so nachhaltig eskaliert hat, hat längst auf Europa übergegriffen, es ist kompletter Wahnsinn, zu glauben, dass die Institutionen die Entwicklung aufhalten können, statt von ihr in Dienst gestellt zu werden. Es gibt buchstäblich keine Instanz, die standhalten könnte. Und dabei ist noch nicht einmal die Krise der europäischen Industrien mit eingerechnet.

Diese Krise steht erst noch wirklich bevor. Die gegenwärtigen nationalen Absonderungs- und Erweckungsbewegungen können die Linien liefern, in denen sich die Krisenbewältigung abspielt. Aber sie ist noch nicht entschieden. Es hängt alles davon ab, ob neben den Zentren der nationalen und autoritären Konsolidierung noch andere Spieler aufs Feld treten, die potentiell stark genug sind, um die Regeln des Spiels zu ändern. Niemand kann sagen, das wäre unmöglich. Im Gegenteil besteht die Aufgabe gerade darin, neuen Spielern aufs Spielfeld zu helfen. Wenn dies nicht gelingt, dann ist in der Tat das Spiel entschieden.

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