Wie Religionskritik nicht geht, Teil 1

Jörg Finkenberger

Felix Riedel, passenderweise, zeigt, wie man es nicht macht. Ich nehme das als Beispiel, weil ich keine Lust mehr habe, immer die komplett-irren herzunehmen, auch, weil ich glaube, dass man, was ich meine, bei Felix Riedel deutlicher aufzeigen kann. Felix Riedel gilt wohl überall als jemand guten Willens.

Irgendwie hat er sich, über diese unmögliche Jungle World, mal wieder in was gebracht, was man „Debatte“ nennt und was anscheinend für alle Beteiligten eine sehr wichtige, alle voranbringende Aktivität ist; nur dass diese Debatten niemanden voranbringen, seit Jahrzehnten immer identisch geführt werden, auf dem selben Fleck treten und dadurch einen Besitzstand von Argumenten schaffen, die schon allein durch ihr ehrwürdiges Alter Respekt erheischen, ohne dass jemand ihre Richtigkeit noch prüfen müsste.

Dumme Sache, das, also. Ziemlicher Totalschaden. Könnte man komplett ohne auskommen.

Und irgendwie, es ist ironisch, gibt Felix Riedel auf dieser Bühne die Rolle Thomas Mauls. Ironisch deswegen, weil sich zeigt, wieviel seine Argumentation eigentlich mit der des Bahamas-Kreises verbindet. Mehr, als er selbst gerne möchte, nehme ich an; die im Effekt mörderischen Konquenzen, die dort genauso leichthin in Kauf genommen werden wie das Opfer des eigenen Verstandes zugunsten der Hetzparole, sind ihm sicher so zuwider wie uns. Das macht ihn objektiv nicht zu ihrem Gegner, jedenfalls nicht zu einem, der eine konsistente Position zu vertreten hätte. Er bewegt sich im Gegenteil auf dem selben Boden, aber mit weniger Konsequenz, und mit weniger Aussicht auf Gefolgschaft ausser unter denen, die von Konsequenz selbst etwas zu befürchten hätten.

In dieser sogenannten „Debatte“ nun geht es irgendwie darum, wer eher Aussicht hat, selig, d.h. emanzipiert zu werden, der Christ oder der Muslim. Und das hat man doch irgendwo schon einmal gehört? Und das nimmt nun die Form an, welche Religion ist liberaler, säkularer:

Das Christentum ist anders als der Islam eine säkulare Religion.

Eine säkulare Religion ist nun allerdings ein Unding, wie Ludwig Feuerbach herausfinden musste, als er aus dem Christentum heraus als dessen Kritik eine säkulare Religion zu gründen unternahm. Wie man einen Satz: das Christentum ist eine säkulare Religion überhaupt hinschreiben kann, ist ein Rätsel. Das ist ungefähr das Niveau, auf dem in den Kreisen unserer heutigen Junghegelianer über Religion geredet wird. Eine säkulare Religion! Gütiger Gott.

Religion ist nicht „liberal“ oder „säkular“, wer Religionen danach misst, misst sie danach, wie wenig sie als Religion noch gelten. Geht es euch um den theologischen Gehalt einer Religion, ihren allgemeinen „menschlichen“ Inhalt, das heisst das unbegriffene Rätsel aller bisherigen Gesellschaft, das sich daran ausdrückt? Oder geht es euch darum, dass sie doch so ernst nicht gemeint sein soll, dass sie keineswegs mit dem Asnpruch auftreten soll, von Gesellschaft zu reden und Gesellschaft zu sein?

Was aber heißt „keineswegs illiberaler als das damalige Christentum“?
Das Abbassidenreich wird oft als goldenes Zeitalter des Islam bezeichnet. Hier nahm Wissenschaft vor allem der Medizin, Mathematik und Geographie Fahrt auf, einige der Wissenschaftler waren arabische Christen und Juden.
Aber während des gleichen Kalifats kam es im 9. Jahrhundert zum Zandsch-Sklavenaufstand im Irak. Männliche Sklaven wurden durchweg kastriert, die Sklavenjagden hörten nie auf.

Welche Sklavenjagden auch z.B. die sehr christliche Stadt Lübeck reich gemacht haben, die auf wendische Sklaven nämlich. Was für einen Beweiswert hat das alles? Und glaubt irgendjemand ernsthaft, das Christentum des 9. Jahrhunderts hätte sich als Religion sowenig ernst genommen wie das Christentum Margot Kässmanns?  Und wie repräsentativ ist, was ihr für das Christentum haltet, für das Christentum in Freudenstadt, oder dort, wo es eine wachsende und lebendige Religion ist, in Afrika und Amerika?

Ich könnte auch fragen: der Islam des Ibn Arabi enthält Weintrinken und ausserehelichen Geschlechtsverkehr, ist er darum „liberal“ oder „säkular“? Nein, denn er enthält das als religiöse Praxis. Die Idee, dass irgendeine Religion der letzten 10.000 Jahre darauf gewartet hätte, dass die Leute der 1970er kommen und sie an ihren Lebensgewohnheiten messen (das, nehme ich an, meint Felix Riedel mit „liberal“, und nicht Adam Smith) und bestätigen, ist wahnhaft. Waren die Orphiker „liberaler“ als die Mysterien von Eleusis? Die Ebioniten „liberaler“ als die Bewegung von Cluny? Die Ranters mehr als Cromwell? Wovon redet der Mann?

Der nach dem zweiten Kalifen benannte, von der Quellenkritik erst für das 10. Jahrhundert bestätigte Kodex Umar mit seinen Kleidungsvorschriften, Ghettoisierung der Juden und diskriminierenden inspirierte die Diskriminierungen des 4. Laterankonzil 1215 vor.

Diese Verhältnisse, einschliesslich des Rechtsstatus des sog. dhimmi, findet sich nun vielleicht nicht inspiriert, sondern direkt ausgeführt im Codex Theodosianus von 438. Überhaupt wird man finden, dass die Kalifen vieles, bis hin zu ihrer Titulatur, von den römischen Kaisern, vicegerentes Dei, übernommen haben.

Ich argumentiere, dass liberales Denken im Islam gegen die Religion oder abseits der Religion entsteht, während Säkularismus und Individualismus im Christentum als Rückkehr zum wahren Christentum immerhin denkbar war. Das Christentum ist theologisch auf den Säkularismus und den Humanismus vorbereitet, der Islam ist es nicht.

Da juckt es einen doch, die Schlusskadenz des Originals zu ergänzen, die hier so spürbar fehlt:

Vor dem Menschen ist aber nichts unmöglich.

Was sollen solche Artikel? Warum muss diese Szene sich und uns wie unter einem Wiederholungszwang vorführen, dass sie den Bannkreis des vor-materialistischen Denkens unfähig ist zu überschreiten? Warum scheint das Original überall durch, als ob niemand wüsste, wie sehr es in die Katastrophe verstrickt ist? Zur Erwiderung verweisen die Opponenten gerne mit grosser Entrüstung auf wirkliche Schrecken, als ob diese Rechtfertigung wären für die eigene Verbissenheit in eine grundfalsche Fragestellung, die von selbst zu immer denselben grundfalschen Antworten führen muss.

Bei Felix Riedel ist die Tragweite dieser falschen Antworten nicht zu sehen, weil er sich vor den Konsequenzen zu drücken versteht. Uli Krug hat weniger Skrupel und spricht den „Anhängern des Islam“ in einer früheren Runde deselben Debatte  die Sublimationsfähigkeit, das heisst Zivilisationsfähigkeit ab, gestützt auf folgende sehr bauerische Erwägung:

Ohne Innerlichkeit, ohne Demut, ohne Trost und ohne Hoffnung; darin liegt der binnenreligiöse Grund dafür, dass der Islam seine Anhänger so extrem aggressiv und sublimationsunfähig macht

Das klingt wie aus Büchern von Bauer abgeschrieben, die er gar nicht gelesen haben kann. Wie schlafwandelnd wird hier ein Argumentationsfeld ausgetestet bis an seine Grenzen, wie wenn der Verfasser den inneren Zusammenhang der Argumente, die in ihm aufsteigen, kennen könnte:

Denn dieser Monstersekte fehlte dazu noch eine wenigstens auf utopische Versöhnung ausgerichtete Botschaft, womit wir beim zweiten Unterschied ums Ganze wären. Der Islam ist eine Religion ohne Transzendenz, ungemein praktisch und diesseitig

Der Autor kann, ich wiederhole es, das unmöglich gelesen haben, was er da zitiert. Er sagt mehr, als er weiss, sozusagen:

Die ersten beiden Religionen lassen Hermeneutik nicht nur zu, sie verlangen sie sogar; das ermöglicht eine kontextuelle Deutung und damit überhaupt ernsthafte Theologie; letzten Endes resultiert daraus die Säkularisierungsfähigkeit beider Religionen, die ihre Wunschreiche entweder in messianischer Zukunft oder in göttlicher Jenseitigkeit errichten, was der wesenhaft totalitäre Islam nicht kann

Soweit Uli Krug. Felix Riedel hütet sich vor solcher Nekromantie Bruno Bauers, als wüsste er, wo diese Reise enden wird. Aber irgendein wirksamer Einspruch von seiner Seite gegen die Neuauflage dieses verblendeten Irrsinns? Oder ist das Zeug viel zu tief in den linken Intellektuellen eingebacken, als dass man es wieder herausbekäme?

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5 Gedanken zu “Wie Religionskritik nicht geht, Teil 1

  1. Pingback: Wie kommt es eigentlich… | Das grosse Thier

  2. Was soll das Argument sein? Der Text, den Jörg Finkenberger in sich wohnen und ausbrechen ließ, verrät es nicht.
    Es bleibt richtig: Das Christentum ist eine Religion, die sich in ihren Gründungstexten zunächst GEGEN „das Gesetz“, einen Staat, den römischen und den jüdischen, verhält, sich dann unterwirft in die Anerkennung des Staates Anderer (Redde Caesari quae sunt Caesaris, et quae sunt Dei Deo.) Und die die nächsten 300 Jahre als Märtyrerreligion überdauert, Märtyrer wohlgemerkt, die für den individuellen Glauben sterben und nicht im Krieg für die Expansion der heiligen Sache.
    Und wenn man den Vergleich am Material und nicht in der freien kühnen Luft der Assoziation durchführt, dann hat der Islam die Bindung von Religion ans politische Gesetz dem Judaismus entlehnt, ihn dann aber sowohl des immanenten historischen Zeugnischarakters beraubt, verewigt und den Herrschaftsanspruch, den die Juden als einen über die Juden als Pflichtengewebe gegenüber Gott aussprachen zu einem Vorrechtsanspruch der Muslime über die Nichtmuslime und deren Pflichten den Muslimen gegenüber verwandelt. In ihrem heiligen gottgemachten Text, nicht erst in irgendeinem Codex vierhundert Jahre später.
    Aber man kann sich vor vielen Konsequenzen drücken. Insbesondere vor der, den Islam mit dem Judaismus und Kritik am Islam mit der „Judenkritik“ eines Bauers gleichzusetzen.
    Ähnlich klingendes für Gleiches zu halten ist zwar sehr fly, aber es bleibt halt ohne Material nur eine freie Assoziation. Wo endet diese Reise?
    Viel Glück beim nächsten Versuch.

  3. Was soll das Argument sein? Der Text, den Jörg Finkenberger in sich wohnen und ausbrechen ließ, verrät es nicht.
    Es bleibt richtig: Das Christentum ist eine Religion, die sich in ihren Gründungstexten zunächst GEGEN „das Gesetz“, einen Staat, den römischen und den jüdischen, verhält, sich dann unterwirft in die Anerkennung des Staates Anderer (Redde Caesari quae sunt Caesaris, et quae sunt Dei Deo.) Und die die nächsten 300 Jahre als Märtyrerreligion überdauert, Märtyrer wohlgemerkt, die für den individuellen Glauben sterben und nicht im Krieg für die Expansion der heiligen Sache.
    Und wenn man den Vergleich am Material und nicht in der freien kühnen Luft der Assoziation durchführt, dann hat der Islam die Bindung von Religion ans politische Gesetz dem Judaismus entlehnt, ihn dann aber sowohl des immanenten historischen Zeugnischarakters beraubt, verewigt und den Herrschaftsanspruch, den die Juden als einen über die Juden als Pflichtengewebe gegenüber Gott aussprachen zu einem Vorrechtsanspruch der Muslime über die Nichtmuslime und deren Pflichten den Muslimen gegenüber verwandelt. In ihrem heiligen gottgemachten Text, nicht erst in irgendeinem Codex vierhundert Jahre später.
    Aber man kann sich vor vielen Konsequenzen drücken. Insbesondere vor der, den Islam mit dem Judaismus und Kritik am Islam mit der „Judenkritik“ eines Bauers gleichzusetzen.
    Ähnlich klingendes für Gleiches zu halten ist zwar sehr fly, aber es bleibt halt ohne Material nur eine freie Assoziation. Wo endet diese Reise?
    Viel Glück beim nächsten Versuch.

    • für eine debatte wären die dinge, die du sagst, ungeeignete ausgangspunkte.
      a) geht es um historische fragen? dann sollte man nicht sachen in den raum stellen, die man mit „es bleibt richtig:“ einleitet. das ist ein geschwister von „fakt ist doch:“ und leitet meistens sachen ein, die so einfach nicht sind. das christentum in der form, die uns heute bekannt ist, geht nicht weiter zurück als bis zu konstantinos – also bis es eine imperiale religion war. du fällst bei deiner historischen skizze übrigens einfach auf die heilige geschichte der religionen herein, das christentum fängt bei dir mit jesus an und der islam mit muhammad, das kann man behaupten, aber das ist halt nicht historiographie, sondern theologie.
      b) oder geht es um herumgestochere in der theologischen dogmatik? dann sieht mir, was du schreibst, als der versuch aus, ohne viel aufwand ein vorher feststehendes ergebnis zu begründen. und das ist letzten endes: ein christlicher exzeptionalismus, die idee, der christentum wäre anders gelagert als eigentlich alle anderen religionen, indem es in sich die elemente der überwindung von rleigion und vorgeschichte schon enthält. das ist nicht ungewöhnlich, hegel und seine schüler haben das schon gelehrt, u.a. der gute bauer. aber falsch ist es, und unauflöslich verstrickt in die katastrophe.
      verständislos schütteln die heutigen schüler bauers den kopf, als hätten sie benjamins kritik dieses fortschrittsbegriffs nicht gelesen, und tun stur weiter, als trieben sie kritische theorie. gut, naja, bauer hat seins ja auch so genannt. aber von adorno würd ich an eurer stelle die pfoten lassen.
      du redest von material. aber mit material meinst du doch hoffentlich nicht das, was du selbst ausführst, nämlich auch nur spekulation, nur eine solche, die wir schon kennen? sag doch mal, was so spezifisch islamisch am staatsverständnis ghazzalis ist, das nicht entweder auch in deinem jesus-zitat vorkommt, oder bei maimonides?
      sind die christlichen märtyrer solche für den „privaten glauben“ oder für das reich gottes?
      sind die schiitischen märtyrer der alten zeit, übrigens legendenhafte figuren, nicht auch solche für den „individuellen glauben“, nach deiner definition? sie sind jedenfalls stark nach den christlichen modelliert. und was weiss denn die ordinäre, dh nicht die heilige geschichte von den märtyrern der heiligen kriege? und warum sollte man die anders verstehen als innerchristliche ketzerkriege? wäre das nicht pure geschichtsmetaphysik? ich denke ja schon.
      bottom line nach wie vor: du hast dich in die idee verrannt, das christentum wäre immer als privater glaube konzipiert, womöglich sogar vorläufer dessen, was du aufklärung nennst. vielleicht sollte man dich nicht mit bauer vergleichen, sondern mit david strauss. anyway, same lot.

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