Autokrise und deutsche Kartelle

Dass es sich bei der zum Vorschein gekommenen Struktur ausgerechnet um ein Kartell handelt, bringt ein paar Erinnerungen aus der deutschen Industriegeschichte zurück.

Engels schreibt über die Anfänge der deutschen Industrie:

Sobald eine Ausschreibung für Schienen oder andere Produkte ihrer Fabriken angesetzt ist, bestimmt das Komitee reihum, welchem Mitglied der Auftrag zufallen soll und zu welchem Preise es ihn akzeptieren muß. Die anderen Beteiligten machen Angebote zu einem höheren Preis, der ebenfalls im voraus abgesprochen worden ist. Dadurch, daß jede Konkurrenz aufhört, besteht ein absolutes Monopol. Das gleiche gilt für den Export. Um die Durchführung dieses Planes zu sichern, deponiert jedes Mitglied des Ringes zu Händen des Komitees einen Blankowechsel über 125.000 Francs, der in Umlauf gebracht und präsentiert wird, sobald der Unterzeichnete seinen Vertrag bricht. Der aus den deutschen Verbrauchern auf diese Weise herausgepreßte Monopolpreis ermöglicht es den Fabriken, ihren Produktionsüberschuß im Ausland zu Preisen abzusetzen, zu denen sich sogar die Engländer weigern, zu verkaufen – und der deutsche Philister (der es nebenbei gesagt verdient) muß die Zeche bezahlen. So wird der deutsche Export wieder möglich, dank der gleichen Schutzzölle, die ihn nach Meinung des breiten Publikums scheinbar zugrunde richten. …

Es geht natürlich weiter:

Es versteht sich von selbst, daß dieses schöne System den unvermeidlichen Bankrott dieser miteinander verschworenen großen Unternehmen nur einige Jahre hinauszögern kann. Solange, bis die anderen Industrien es ebenso machen; und dann werden sie nicht die ausländische Konkurrenz, sondern ihr eigenes Land ruinieren. Man kommt sich vor, als lebe man in einem Narrenlande…

In der Tat, aber es hat ja länger funktioniert als gedacht.

Über die Gründe dafür kann man z.B. die Textsammlung „Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus“ danach durchsehen, welche Rolle die Kartelle in Kriegswirtschaft und Nationalsozialismus, aber eben auch in der Weimarer Zeit dazwischen gespielt haben. Man ahnt, dass die jetzige Sache kaum in den 1990ern angefangen haben wird, sondern nichts geringeres als die instutionelle Absicherung der deutschen Orientierung auf den Weltmarkt seit 1871 ist.

Den in unserem Heft erschienen Text über die Autokrise, wo es heisst:

Zu einem gewissen anderen Teil zeigen die neuen Offenbarungen über deutsch eIngenieurskunst, dass die alte Tradition der Produktfälschung nicht ganz in Vergessenheit geraten ist. Die Wirkung dieser Enthüllungen auf die deutsche Industrie wird mittelfristig materiell so verheerend sein wie ideologisch. Staatlich protegierte Prellerei, das ist die Substanz der deutschen Industrie.

, möchte der Autor in dem einen Punkt modifiziert wissen, der im nächsten Heft etwas erläutert werden soll:

wird in diesem oder dem nächsten Jahr gewaltige Schockwellen in den weltmarktfähigsten Bereichen der Industrie geben.

Es zeigt sich, dass das erwartete Zusammenfallen solcher fortschreitender Enthüllungen mit einer zyklischen Konjunkturkrise, wo es weitgehende Löcher hätte reissen können, vorerst nicht entreten wird, wohl. Die erwartete zyklische Krise ging just in den Tagen der Abfassung dieses Artikels ihrem Ende entgegen und fiel unerwartet milde aus, was nichts anderes bedeutet, als dass sie mehr Stoff für die nächste lassen wird. Der hier abgezeichnete mögliche Krisenverlauf wird nicht eintreffen. Das heisst aber nur, dass die jetzigen Enthüllungen werden ihre Wirkung nicht schockhaft, sondern langfristig tun werden.

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