Szenescheiss: Neuestes aus der Stirnerkritik

Bei Gelegenheit des Buches „Staat oder Revolution“ fiel es der Bahamas ein, in einem Aufwasch mit ihren ehemaligen Genossen abzurechnen. Irgendwie hängt man das an Stirner auf und folgt im Übrigen der recht manischen Stirnerkritik des Hans Günter Helms von 1967, der nicht zufällig eine ebenso wahnsinnige Adorno-Kritik von 1969 folgte.

Neben Finkenberger geht es dann z.B. um Scheit, den man aus irgendwelchen Gründen für einen Existenzialisten hält. Über den heisst es:

Ich persönlich möchte gerne und dabei durchaus demütig eingestehen, aus den (früheren) Schriften von Scheit und Genossen einiges gelernt zu haben. Die Kritik über den Wandel ist ferner über weite Strecken schlichtweg Ausdruck einer gewissen Trauer über den Verlust einer vergangenen gehörigen, wenn auch nicht per se ungetrübten geistigen Nähe.

In der Tat. Ich würde noch etwas weitergehen: Diese Leute haben von Scheit alles gelernt, was sie können, nämlich das gewandte Daherschreiben über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Sie hatten allerdings das Unglück, das wenige, was sie davon behalten haben, mit kritischer Theorie zu verwechseln, und so stehen sie heute tatsächlich da, wo Helms 1969 stand. Und verwechseln auch das mit Kritischer Theorie.

Und dieses Selbstmissverständnis ist auch das einzige originelle an der Sache. Muss man wirklich noch mehr dazu sagen?

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7 Gedanken zu “Szenescheiss: Neuestes aus der Stirnerkritik

  1. ich will ja nicht eure mikro-szenen-fehde stören, aber offenbar war adorno der stirner-kritik von helms doch nicht so abgeneigt: „Als Adorno nach Deutschland zurückkehrte, lebte Helms, der als Jude nie wieder in Deutschland hatte leben wollen, in Schweden. Der Komponist Helms erhielt jedoch Arbeitsmöglichkeiten beim Westdeutschen Rundfunk in dessen elektronischem Studio, einem Mekka der musikalischen Avantgarde. Helms lebte seit 1957 in Köln und begegnete in Darmstadt, dem Zentrum der Neuen Musik, Adorno und war „so eine Art Privatschüler über mehrere Jahre“. Er wurde von Adorno eingeladen, ein einwöchiges Privatseminar über Max Stirner abzuhalten; seine Hörer waren u.a. Jürgen Habermas, Max Horkheimer, Gerhard Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann, – und eine Frau: Gretel Adorno.“ https://www.linksnet.de/artikel/18934

    • naja bis dahin stimmt die geschichte, und deswegen wird die immer nur bis hierhin erzählt. interessanter ist ja, wie es weiterging bzw wie adorno und auch horkheimer auf die ansichten, die helms da verbreitet, reagierten: nämlich entsetzt. von einer veröffentlichung in der schriftenreihe des instituts wurde sehr hastig abstand genommen. es ist doch auch mit händen zu greifen, dass dieses zeug vollkommen gegen alles geht, wofür z.b. die negative dialektik steht; und es ist ja doch auch kein zufall, dass adorno dann nach stirner bei helms ganz oben auf der liste der faschistoiden ideologen der „mittelklasse“ steht, siehe nur seine behandlung in „fetisch revolution“. – das müsste alles bekannt sein, ist es aber nicht, stattdessen gibt man das einfach in google ein und findet da immer nur denselben alten scheiss, und zwar aus denkfaulheit.

  2. Großes Thier,

    Thou Diffamierung der Arbeiten Helms ist sehr bedauerlich. Sie einfach als „wahnsinnig“ zu abzuwatschen, entspricht auch nicht unbedingt dem, „wofür z.B. die negative Dialektik steht“ und hat gleichfalls sehr wenig mit kritischer Theorie zu tun. Es erinnert eher an die von der Bahamas-Truppe bekannten Feinderklärungen.

    Thou Auffassung, „dass adorno dann nach stirner bei helms ganz oben auf der liste der faschistoiden ideologen der „mittelklasse“ steht, siehe nur seine behandlung in „fetisch revolution““, halte ich für nicht stichhaltig. Helms attackiert Adorno scharf und tut ihm dabei sicherlich an manchen Punkten unrecht, aber die Kritik am Herrschaftsbegriff der kritischen Theorie und der Rede von der verwalteten Welt ist begründet und treffend. Helms betont an mehreren Stellen, dass er Adornos ästhetische Schriften sehr schätzt und diese von seiner Kritik ausnimmt. Stirner dagegen will er vollständig erledigen.

    Ich hatte mir schon länger vorgenommen, mir die Entwicklung der Beziehung Adorno und Helms genauer anzusehen. Deshalb interessiert es mich sehr, wo Thou das Entsetzen Adornos und Horkheimers über die Stirnerarbeit dokumentiert gefunden haben.

    Mit ergebenen Grüßen

    J.S.

    • hallo,
      meines erachtens sind es die arbeiten von helms, die bedauerlich sind. anyway, ich will mich über solche fragen nicht streiten.
      ich begreife aber, weil mir das jetzt öfter gesagt wird, dass ich das vielleicht ein bisschen nachvollziehbarer ausführen muss bei gelegenheit. das kommt dann nicht hier in die kommentare, sondern wird dann ein eigener kleiner text, wenn es dazu langt.
      und es wird ein bisschen dauern.

  3. Lieber Jörg Finkenberger,

    ich komme nicht umhin, ein oder zwei Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Erst einmal war Dein Buch wahrlich kein Anlass, noch nicht einmal ein echter Aufhänger für den von Dir gerügten Artikel. Nur weil man zitiert wird, ist man noch nicht automatisch der Nabel eines Textes. Vielmehr dienten Deine Einlassungen als bloß illustrative Beispiele für eine politisch motivierte Legasthenie (oder subjektiv motiviert zum Zwecke der Distinktion und Selbsterhöhung).

    Wer nun Hans G Helms eine „manische“ Beschäftigung mit Stirner unterstellt, selbst sich aber recht obsessiv mit der Bahamas beschäftigt und hier ein öffentliches Quasi-Tagebuch inklusiver Denunziation durch Besucher irgendwelcher Bahamas-Veranstaltungen pflegt, macht sich nicht unbedingt glaubwürdiger. Es entbehrt nicht gerade einer gewissen Komik, dass man hier etwas lesen kann über „sinngemäß von Krug und Klaue übernommene Passagen.“ Solche Dinge lassen doch ziemlich viel Spielraum für das Assoziationsvermögen sowohl des Informanten als auch der Leser.

    Nun ist es schlichtweg falsch, dass von Helms Seite „eine ebenso wahnsinnige Adorno-Kritik von 1969 folgte“, die – in diesem Fall – ich aus „Denkfaulheit“ nicht sehe. Adorno wird hier schon als Heiliger angeführt, an dem eine Kritik nicht zulässig sei. Dies aber verweist nur auf das eigene Autoritäre. Wobei doch die Frage, inwiefern er Anteil hatte an den Exzessen seiner Studenten eine durchaus berechtigte war. Das Problem ist nur, dass Adorno in „Fetisch Revolution“ keineswegs der zentrale Gegenstand der Kritik ist [oder gar „dass adorno dann nach stirner bei helms ganz oben auf der liste der faschistoiden ideologen der „mittelklasse“ steht, siehe nur seine behandlung in „fetisch revolution“.“], was selbst eine oberflächige Lektüre des Werkes zeigt. Der tatsächliche Mangel des Werkes lässt sich an einem Satz veranschaulichen: „Für diesen Kontext sind die tendenziellen und terminologischen Differenzen zwischen den drei >Kritischen Theoretiker< Adorno, Horkheimer und Marcuse von geringerer Relevanz als ihre prinzipiellen Korrespondenzen.“ (Fetisch Revolution; S. 81) Dem Satz nachgestellt ist ferner eine ausdrückliche Lobpreisung der geschichtsphilosophischen Arbeiten Adornos und Horkheimers.

    Helms ist dabei vor allem vorzuwerfen, dass er die Differenzen innerhalb der Kritischen Theorie, die sich gerade 1969 zunehmend abzeichneten, dezidiert und willentlich ignorierte. Denn „Fetisch Revolution“ ist über weite Strecken vor allem eine gute und sehr treffende Kritik (insbesondere des späteren) Marcuses – gewisse Zitate Adornos wie Horkheimers dienen nur einer randständigen Illustration, die – das stimmt – oftmals fehlgehen, und unterschlagen, dass Adorno über Marcuse und Horkheimer über Habermas immer wieder recht ähnlich urteilten wie Helms in „Fetisch Revolution“.

    Deine Behauptungen, dass die Schrift mit Entsetzen etc. aufgenommen worden wäre, findet sich in ziemlich genau jener Form (nur) bei Bernd Laska, den man nicht zuletzt ob seiner völlig obsessiven Stirnerverteidigung, der er sein ganzes Leben verschrieben hat, nicht wirklich als satisfaktionsfähig betrachten kann. Auch geht etwas unter, dass im IfS von der Veröffentlichung zahlreicher durchaus lesenswerter Arbeiten oftmals aus notwendig strategischen Gründen Abstand genommen wurde bzw. werden musste.

    Festzuhalten wäre auch, dass selbst die Dummheiten Helms noch interessanter und diskussionswürdiger sind als der Großteil der heutigen Publikationen. Aber Dein „Muss man wirklich noch mehr dazu sagen?“ verdeutlicht recht prägnant, dass es in der obigen Invektive sowieso nur um völlig abstrakte Abgrenzung ging, in der Du Dich selbst als Gralshüter der einmal „kritischen“ und dann wieder „Kritischen“ Theorie einzusetzen gedenkst, wenn es denn einmal dienlich ist. Mir erscheint dies etwas traurig und gleichzeitig durchaus repräsentativ für den Stand von Kritik heute.

    Mit höflichen Grüßen

    Paulette Gensler

  4. Pingback: Erster Nachtrag zur neueren „Stirnerkritik“ | Das grosse Thier

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