NARRENMATT IM THEATERENSEMBLE

Zu Karolin Benkers Inszenierung August Strindbergs GläubigerINNEN
von Lisa Thomas

Im Theaterensemble Würzburg hat Regisseurin Karolin Benker August Strindbergs Gläubiger entgegen seinen Regieanweisungen nur mit Frauen besetzt. Und das mag ein genialer Schachzug gewesen sein!

Wenn ein Theaterstück zu einer Zeit gesellschaftlicher Verhältnisse geschrieben wurde, unter denen es zweifelhaftes Priveleg des Mannes war, frei entscheiden zu können darüber, ob er seine Frau schlägt oder nicht schlägt, und wenn der Autor des Stückes dem nicht etwa skeptisch gegenüber stand, sondern auch noch für sein pathologisches Frauenproblem bekannt war, und wenn der Autor die Rollen seines Stückes geradezu auf das Männer- und Frauenbild, das er hatte, zuschrieb, und wenn dann aber eine Regisseurin die Probe aufs Exempel wagt, indem sie das Stück nur mit Frauen besetzt und die Geschichte, die erzählt wird, so zu einer Geschichte unter homosexuellen Frauen wird und wenn sich dabei zeigt, es gelingt und zwar, ohne dass die Handlung des Stückes abgeändert werden musste, dann ist ein Beweis geführt!

August Strindbergs Gläubiger handelt von der Rache eines Mannes an seiner ehemaligen Geliebten, indem er zwichen ihr und ihrem neuen Mann intregiert, bis nicht nur die Beziehung der beiden bricht, sondern auch der neue Rivale in den Tod getrieben ist. Wer Benkers Inszenierung von August Strindbergs GläubigerINNEN sieht, ohne zu wissen, welche der drei Protagonistinnen, die Benker auf die Bühne bringt, der einzigen Frauenrolle im Original entspricht, muss unweigerlich annehmen, es könne einzig Sarah (gespielt von Annika Förster) sein. Wer hingegen GläubigerINNEN sieht und um die Originalrollen weiß, der wird auf die Probe gestellt. Denn wie Sarah handelt, die Ängste, die sie äußert und auch wie leicht sie zu manipulieren ist, all das entspricht derart der Vorstellung des Weibischen, dass unvortsellbar ist, ausgerechnet Strindberg, der so gar nicht die Klischees von Mann und Frau infrage gestellt hatte, habe diese Attribute einem Manne angedeihen lassen. Jedoch: dies führt zum Widerspruch. Denn, wenn Sarah im Original die Frau wäre und die beiden anderen Rollen somit Männer, so hätte aufgrund der Handlungsstränge des Stückes Strindbergs Original eine homosexuelle Beziehung zwischen den zwei Männern zum Gegenstand gehabt.
Hegt Benker etwa mit ihrer Inszenierung die Absicht, dass nur hinter der falschen Rolle die Frau im Original vermutet werden kann, während der “gegenderte” Text, leste man ihn im Stillen für sich, das gar nicht hergäbe? Schließlich hauchen die Schauspielerinnen durch nichts als durch Regieanweisungen ihren Rollen das Leben ein – und zwar den einen, speziellen Odem, nämlich den der Interpretation der Regisseurin.
Es gilt also auf den Text, den sie sprechen, zu achten und zwischen Schauspiel und Material zu unterscheiden und sich dabei die Frage zu stellen: Ist die Darstellung durch Kostüm und Schauspielweise vor dem Text, dem Material gerechtfertigt?
Um es vorweg zu nehmen: Benker spielt Schach mit Strindberg und die Partie, die sie spielen, heißt Narrenmatt. So wird eine Partie im Schach genannt, bei der der Verlierer, trotz dass er den Vorteil des ersten Zuges hatte, matt gesetzt wird, weil er selbst mit einem überflüssigen Zug seinem Gegner das Matt erst ermöglicht. Soll heißen, Strindberg hilft Benker dabei, ihn matt zu setzen. Strindberg schrieb das Stück; er ist im Vorteil des ersten Zuges. Doch Benker zieht nach, in dem sie das Stück bei Ihrer Inszenierung mit Schauspielerinnen nur eines Geschlechts besetzt, und macht so deutlich, dass Strindberg der Narr ist in der Partie.
Der Zug, den Strindberg nicht hätte machen brauchen, und der es Benker ermöglicht, ihn matt zu setzen, ist der, dass Strindberg, Sexist, der er war, Charaktere gezeichnet hat, von denen er zwar gedacht haben mag, sie entsprächen ihren biologischen Geschlechtern. Was aber, wie die Inszenierung von Benker zeigt, schlicht nicht stimmt. Sie braucht daher die Handlungsweisen der Rollen, die in Ihrer Inszenierung eine Geschlechtsumwandlung erfahren, nicht umzuschreiben. Die angeblich männlichen Verhaltensweisen fügen sich all zu leicht in das Bild von “der Frau” ein, das gesellschaftlich vorherrscht und was Strindberg, ohne es kritisch auszuleuchten, aufgriff.
Es ist durch den Originaltext selbst gerechtfertigt, dass Sarah von Benker in Strampelhosen gesteckt wird und ihr zwei lächerliche Zöpfchen frisiert werden, während Thekla (gespielt von Kristina Förster) einen khaki-farbenen Hosenanzug trägt. Denn Sarah und keine andere im Stück ist so sehr beeinflußbar und verhält sich derart kindlich, während Thekla noch am ehesten bemüht ist, die vermeidbare Eskalation, nach der kein Vor und Zurück mehr möglich ist, tatsächlich zu vermeiden und den kühlen Kopf zu bewahren. Und wer allein kann nur den schwarzen Hosenanzug mit roter Bluse, rotem Lippenstift und roter Brille tragen, als Justine, die rachesüchtige, verführerische Intregantin (gefährlich gut gespielt von Annika Roth), die in das Leben der anderen beiden mit ihren eigenen Plänen zerstörend eingreift!
Doch, ist damit hinreichend geklärt, woher die Tendenz kommt, ausgerechnet in Sarah die Originalfrau zu vermuten? Sicher, sie ist die kindliche, manipulierbare im Stück, während die anderen Charaktere mehr von Stärke zu zeugen scheinen. Doch das sollte stutzig machen! Wir, die wir über 100 Jahre später leben, sind verführt, dies, das Kindliche an Sarah, als Erklärung hin zu nehmen dafür, dass wir sie fälschlicherweise als Originalfrau vermuten. Es zeigt sich: Ob jemand als eifersüchtige “Zicke” oder etwa als den, von einer “Schlampe” Hintergangenen, wahrgenommen wird, hängt vom Geschlechterbild der Gesellschaft ab. Ein anderes Geschlecht liefert uns offenbar Anlaß zu einer anderen Projektion auf das gleiche Verhalten. Gesellschaftliche Konstruktionen über männliche und weibliche Rollenbilder sind damit nichts anderes als eben nur das: Konstruktionen und Bilder, die wir projizieren. Das ist der Beweis, den Benker führt. Berauben uns die Rollen auf einer Bühne ihrer Verschiedenheit im Geschlecht, so konfrontieren sie uns mit der Verantwortung, die wir als Individuen tragen im Umgang mit den gesellschaftlichen Bildern von Mann und Frau. In der Inszenierung von Benker gibt uns niemand auf der Bühne mehr den Hinweis, was als weibisch – entschuldigung, weib-lich, was als männlich interpretiert werden soll. Wie schwer es ist, von den gesellschaftlich vermittelten Bildern von “der Frau” und “dem Mann” ab zu lassen, kann keine wissenschaftliche Abhandlung lehren in der Art wie die selbst gemachte Erfahrung – beispielsweise im Theater.

“Es interessiert mich nicht, auf der Bühne zu zeigen, wie Sexismus funktionert”, so Regisseurin Karolin Benker. Stattdessen führt sie uns vor, wie sie einen sexistischen Autor mit der Inszenierung eines seiner Stücke Schachmatt setzt – und setzt dabei uns alle matt.

Wer die Frau in Strindbergs Original ist, sei an der Stelle verschwiegen, denn im Oktober bietet sich erneut die Gelegenheit, GläubigerINNEN im Theaterenemble anzuschauen. Die wahr zu nehmen, jedem ans Herz gelegt sei. Denn, was die Besetzung nur mit Frauen ebenso eröffnet, ist, sich ein Stück anzuschauen, das behandelt, was zwischen Menschen passieren kann, die nicht zu lieben wissen; Schwächen sich weder einzugestehen fähig sind, noch am anderen ertragen können. Ein Stück, dass endlich mal nicht Antworten und Schuld im Geschlecht sucht. Interessant wäre auch eine Inszenierung nur mit Männern. Vielleicht wagt das ja mal eine Mutige oder ein Mutiger. Doch es ist wahrlich erfrischend, eine Geschichte erzählt zu bekommen, die völlig ohne Mann prima auskommt. Wer hätte denn das gedacht? Sind wir doch nach wie vor Strindberg im Patriarchart! Daher wohl der eigentliche Schachzug Benkers: GläubigerINNEN mit Frauen zu besetzten. – “Ich bin deine Frau! – Ja. Und ich bin deine Frau!” – Das Narrenmatt wird auch Matt in zwei Zügen genannt.

Noch zu sehen am 8., 12. und 13. 10.

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2 Gedanken zu “NARRENMATT IM THEATERENSEMBLE

  1. hab das stück gesehen und fand es eigentlich nur eins …langweilig. dass frau benker eine frau (?) mit schweren psychoballast ist, ist eins – – – dass sie ihr publikum von anfang an mit pseudoemanzenpsychoschmarrn belästigt ist das andere. ein sitzung beim psychologen wäre für alle beteiligigten gesünder.

    • ah, der erste hasskommentar. sehr schöner einblick in die seele des würzburger theaterpöbels. mehr davon!

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