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Nicht den Blick erwidern!

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Muttis und Vatis

Von Torsten Tobolt

Triggerwarnung: Szenescheiss
Wir bekamen diesen Text zugeschicht mit der Bitte um Veröffentlichung auf dem Blog. Er bezieht sich auf die Zeitschrift Bahamas. Wir hatten in letzter Zeit wieder einiges darüber, deswegen wurden wir wohl auserkoren. Wir geben bei dieser Gelegenheit für die Zukunft bekannt, dass wir sowas schon machen, aber bitte nicht zu oft, weil das alles eh schon ungebührlich viel Platz einnimmt.

Immer wieder hat der große Agitator Justus Wertmüller der geneigten Öffentlichkeit verständlich machen wollen, dass er sich zu Aufrufen der autoritären Parteinahme nicht zu schade ist. Vor der Bundestagswahl im September hat er, ohne jeden Anfall von Ironie, über langweilige deutsche Satiriker, die mit ihrer Partei ‚Die PARTEI‘ nicht einmal die Wahlkampfkostenrückerstattung für sich beanspruchen konnten, geblöckt: „Sie müssen also, wenn Sie es mit Israel und dem Westen überhaupt ernst meinen, sofort in ihrem Umfeld unter dem Motto ‚keine Stimme für Die PARTEI!‘ agitieren [sic!], auch auf die Gefahr hin, als humorloser Spielverderber dazustehen. Tun sie es nicht, dann geben Sie sich auf, zucken mit den Achseln und machen giggelnd die jüngste Parole von Die PARTEI: ‚Weil ich mir egal bin.‘ zu der Ihren.“
Doch bereits im Winter 2015 entschloss sich Wertmüller zum intellektuellen Bankrott und konstatierte, dass „der Sinnspruch [Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheide] von Carl Schmitt“ lange Zeit als „Aufhänger [sic!] für allerlei staatskritische Einlassungen diente.“ Wer aus Carl Schmitts fraglos mythischem Denken, das den realen Antinomien der Gesellschaft selbst entspringt, einen lebensphilosophischen Sinnspruchkalender machen kann, kann auch von Aufhängern allerlei staatskritischen Einlassungen so sprechen, als sei der staatskritische (ergo der revolutionäre) Materialismus je ein Addon gewesen. Wertmüller, das ist klar, geht es nicht um Aufhänger, sondern bloß um Anhänger und er versucht mit seiner ganzen Posse lediglich die hegemoniale Macht über das Vorpolitische zu gewinnen. Andere haben dieses Spiel unlängst erkannt und es als eine „Politik mit Begriffen“ charakterisiert. Hier wäre auch der Anknüpfungspunkt zur Neuen Rechten durchaus zu suchen, die in der Metapolitik die hegemoniale Begriffshoheit erstreiten wollen. Fortan geht es dann darum, die Begriffe nur mehr instrumental zu gebrauchen und entlang der Verwendung die politische Feind/Freundbestimmung zu tätigen. Um eine „Arbeit am Begriff“, wie es lange Zeit zum Jargon der Adorno-Stalinisten gehörte (freilich ohne die Tragweite zu begreifen und zu erkennen, dass Adornos Bestimmung der Auseinandersetzung mit Kant und Hegel geschuldet war), geht es schon längst nicht mehr, denn wem die Rede vom Diskurs über die Lippen kam, hat sich in der Diskussion als Feind entlarvt. Doch zurück zu Wertmüllers Auslassungen: Das von Wertmüller und Co. als solches behandelte Schmittsche Gesetz träfe nach dem Sommer 2015 nicht mehr zu. Die „Gewissheit“ geriete ins Wanken. (Sehr offenherzig beschreibt er damit gleich auch seine manifeste Bewusstseinskrise.) Er notiert weiter: „Seither ist die Souveränität teilweise außer Kraft gesetzt und zwar nicht etwa gegen die Exekutive, sondern mit deren ausdrücklicher Billigung und unter aktiver Mitwirkung der Repressionsorgane. Die Kanzlerin erklärte die Grenzen für offen und die zu ihrem Schutz dienende Bundespolizei, ergänzt um die Ordnungspolizei, organisiert durchaus in Merkels Sinn den Souveränitätsverzicht.“ Vorausgesetzt, dass es sich um eine Grenzöffnung gehandelt hätte, wie Wertmüller behauptet, wäre der simple Einwand, dass gerade derjenige, der über die Grenzöffnung entscheidet, doch als jener Souverän zu betrachten, sofern die Souveränität in der Trennung von Wesen und Erscheinung überhaupt an sich je selbst wesensmäßig erscheinen könnte. Eine weitere Mystik: „Die Kanzlerin gebietet somit nicht über den Ausnahmezustand, sie erklärt vielmehr die Situation an den Grenzen für außer Kontrolle und den Staat für machtlos.“ Wenn es stimmt, was man in Berliner Schankwirtschaften abends vom Stapel lässt, um es dann bei nächstbester Gelegenheit auf Papier zu bringen, also wenn es stimmt, dass Merkel die Grenzöffnung veranlasste, dann kann sie schlechterdings die Souveränität (die man nie einfach bei sich in der Tasche trägt) suspendieren. Er schreitet weiter fort und redet von einem Souverän, der auf dem Papier „konstruiert“ sei: „Über den Ausnahmezustand, so scheint es, gebietet vielmehr der eigentlich doch nur auf dem Papier konstruierte Souverän ohne Waffen, aber qua wirklicher oder eingebildeter Mehrheit – das Volk.“ Wenn die Rede von einem Souverän Sinn machen soll, dann gerade nicht, weil er sich qua Niederschrift konstituiert, sondern, weil er sich qua Gewalt setzt, und zwar aus keinem anderen Grund als den, souverän sein zu wollen. Ob er es schafft, liegt in der Gewalt allein begründet. Das Volk jedoch hätte die Souveränität übernommen, da die deutschen Gutmenschen die Flüchtlinge willkommen geheißen hätten, es gälte damit nur mehr die Volkssouveränität. Merkel hätte, wenn man Wertmüller folgt, nur ex post das Volk legitimiert. Auch damit würde sich Merkel aber als souverän erweisen. Aber sei es, wie es ist. Wer der Sache auf den Grund gehen möchte, könnte sich einmal den Rechtstheoretiker Jellinek widmen, der zumindest noch über den Geltungsanspruch des Rechts sich bewusst, wenn auch nicht im Klaren, war.

Nun vergehen zwei Jahre und Tjark Kunstreich, der die väterliche Autorität geradezu sucht, will zeigen, dass „Muttis Gesetz“ gilt, die „Angleichung des Westens an die islamische Kultur“ stattfand. Er referiert die Rolle der Mutter in der muslimischen Familie und kennzeichnet sie als weniger entmachtet als sie in der Wirklichkeit sei. Innerhalb der familiären Bande spiele sie psychodynamisch eine weit wichtigere Rolle als gemeinhin angenommen, da sie medial immer nur beleuchtet werde, sofern sie sich der familiären Blutsbande (die er freilich nicht so nennt, sondern ganz liebevoll von Vatis und Muttis spricht) entziehen. „Die Unfähigkeit vieler moslemischer Männer, in die Erwachsenenwelt einzutreten, ist der nie gelösten Abhängigkeit von der Mutter geschuldet, die auch selbst kein Interesse an einer Ablösung haben kann.“ Die arabisch-islamische Welt, eine Welt von Adoleszenten, tyrannenhaften Adoleszenten und weniger tyrannenhaften Adoleszenten. „Sie [die Mutter] ist diejenige, die ihren Söhnen Allmacht und ein Leben ohne Verantwortung verspricht, und dieses Versprechen wird beim Eintritt in die Männerwelt ebenso unvermittelt wie ungebrochen aufrechterhalten.“ Damit erscheine die Rolle der Mutter in einem durchaus anderen Licht, sie sei nicht nur sündiges Opfer des Patriacharts, sondern ebenso Mittäterin. Was für den familiären Ehrenmord noch eine gewisse Plausibilität beansprucht, wenn es dadurch auch nicht richtig wird, wird dann aber psychoanalytisch auf die Gesellschaft ausgeweitet. So erklärt er sich die erhöhte Anzahl der Ehrenmorde in Europa dadurch, dass „diese Männer in Europa die Grenzenlosigkeit des mütterlichen Paradieses wiedergefunden haben, und wähnen sich dadurch legitimiert, alle anderen Frauen als Huren zu behandeln.“ Diese skizzierte Behandlung von Frauen erfolge dadurch, dass sie im Einvernehmen mit der Mutter morden und vergewaltigen. „Die französische Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel hat diese regressive Bewegung der Vereinigung mit der Mutter als unbewussten Wunsch nach Ungetrenntheit und als Voraussetzung der Barbarei beschrieben: ‚Es geht darum, mit der Mutter zu verschmelzen (sich im Rausch vom Ich zu befreien), indem man alle Vertreter des Vaters (die Vernunft und das Gesetz) zerstört.‘“ Im nachfolgenden Satz kommt Kunstreich dann zur besagten Ausweitung und dem eigentlichen Clou seiner Darstellung: Er identifiziert die Mutter mit Merkel und die moslemischen Flüchtlinge mit der Rolle des Sohnes. „Unbewusst dürfte die Grenzöffnung von 2015 von vielen moslemischen Männern als Einladung verstanden worden sein, sich mit ‚Mutti‘ gegen Vernunft und Gesetz zu vereinigen.“ Merkel, die nicht länger Souverän gewesen sei, sondern bei Kunstreich (im Gegensatz zu Wertmüller, der ja die Volkssouveränität behauptet), verantwortlich für die Misere ist, weil sie die Flüchtlinge nach Deutschland („Wir schaffen das“) eingeladen hätte, wäre als Mutter zu identifizieren, die die Souveränität (und hier ist er wieder mit Wertmüller im Einverständnis) zugunsten ihrer narzisstischen Mutterrolle aufgegeben hätte. Doch noch mehr: Erlaubt „Mutti Merkel“ ihren moslemischen Söhnen, da sie dem väterlichen Staat entsage, gleich auch das Vergewaltigen (hier spielt Kunstreich womöglich auf die sogenannte Kölner Silvesternacht an). „Schon in der familiären Ansprache der Kanzlerin verbinden sich Frauenverachtung und die Unterstellung einer ungeheuren, archaischen Macht der Mutterinstanz.“ Weiter geht es: „Merkel hat ihren Spitznamen schon vor 2015 gehabt, aber erst mit der Grenzöffnung wurde er zum Programm einer kollektiven unbewussten Wunscherfüllung.“ Dass ein Wunsch nur ein Einzelner haben kann, die Rede von einem kollektiven Unbewussten (eine Vokabel C. G. Jungs, gegen die Freud sich bekanntlich schon sperrte) sich einmal in gewissen Kreisen diskreditiert hatte, als man noch Adorno ein wenig besser verstand, ist an dieser Stelle vermutlich überflüssig zu betonen. „In ihrem gewährenden Gestus und in ihrer Omnipräsenz – in der Gleichzeitigkeit von medialer Selfie-Darstellung und Ungreifbarkeit des mütterlichen Prinzips – entspricht sie jener antiödipalen Mutter-Imago, mit der die moslemischen Männer das Gesetz des Vaters außer Kraft setzen.“ Die „Mutti“ Merkel hätte also durch ihren Gestus, der weniger einer Staatsfrau, sondern viel mehr einer Mutter glich, muslimische Flüchtlinge ins Land eingeladen. Im folgenden Satz wird dann auch der Untertitel Kunstreichs exploriert, da das angeblich westlich-universale Gesetz getilgt wurde, indem der Vater (Staat und Gesetz) besiegt sei, hätte die „Angleichung des Westens an die islamische Kultur“ stattgefunden: „Der Vater ist besiegt, die Mutter gehört den Söhnen und die Söhne der Mutter: Diese unbewusste Phantasie ist der Urgrund der Islamisierung.“ Quod erat demonstrandum.

Vor dem Hintergrund wundert es nicht, dass in diesen Kreisen Karl Lagerfelds kürzlich vom Stapel gelassenes Statement ungeteilte Zustimmung erfährt. Und damit gleichwohl auch eine These vom Reimport des Antisemitismus nach Europa vertreten wird. Die Grenzen der Dummheit sind unergründlich.

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Währenddessen in Würzburg II

Über die neueren Patrouillengänge berichtet die Main-Post:

… sind überzeugt, dass mit den „Soldiers of Odin“ eine neue Gruppe von Neonazis in Würzburg Fuß fassen will. Sie beschreiben die Gruppe als Abkömmling der 2015 in Finnland gegründeten „Soldiers of Odin“, einer rassistisch motivierten Bürgerwehr, die sich rasch über ganz Skandinavien verbreitet hat.

„Soldiers of Odin“ distanzieren sich von „Soldiers of Odin“

Gröbel bestätigt die Herkunft. In Würzburg aber hätten sie sich distanziert von den Skandinaviern, die seien ihnen viel zu rechts. Gefragt, warum die „Soldiers“ hierzulande Namen und Emblem der Skandinavier übernehmen, antwortete er, eine Namensänderung käme teuer. Sie, die ihre Zugehörigkeit durch Logo und Frakturschrift auf T-Shirts und Jacken zeigten, müssten neue Kleidung anschaffen.

Auf ihrer Facebook-Seite behaupten die „Soldiers“, „viele bedürftige Deutsche“ würden nicht unterstützt, weil „das Geld für ,Nichtdeutsche‘ verschwendet“ werde. Damit konfrontiert sagt Gröbel, er distanziere sich davon. Vor zwei Wochen hat er den Text auf Facebook veröffentlicht.

Vieles spricht dafür, dass die „Sons of Odin“ auch in Würzburg Teil eines rechtsradikalen und rechtsextremistischen Netzwerks sind. So verbreiten sie ein Video der vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“. Gröbel war Mitglied der rechtsextremistischen „Kameradschaft Unterfranken“. Das sei er nicht mehr, sagt er, sie sei ihm „zu rechts“. Aber er verbreitet ihre Inhalte allerdings ebenso wie die der Neonazi-Partei „Der III. Weg“. Zahlreiche Facebook-Verbindungen Göbels und der „Soldiers“ weisen tief in die neonazistische Szene hinein.

Währenddessen bietet Jürgen Gröbel in den Kommentaren an, doch bei seinen Patrouillen mitzumachen. Völlig merkbefreit, könnte man jetzt denken. Aber wie ist es ihnen denn ergangen auf ihren Streifengängen?

Am vergangenen Samstag, spät am Abend, wurde in der Kaiserstraße die Luft dünn für die „Soldiers of Odin“ (Soldaten des nordischen Kriegsgottes und Göttervaters Odin). Augenzeugen berichten von zornigen Männern, die „richtig wild“ wurden beim Anblick der „Soldiers“. Neonazis vermutend, hätten sie ihre Jacken ausgezogen und weggeschleudert, drauf und dran, dem Quartett, drei Männern und einer Frau, an den Kragen zu gehen.

Die Schutzengel der „Soldiers of Odin“ kamen von der Antifa. Die, ein gutes Dutzend meist junger Leute, hatte die „Soldiers“ verfolgt, springend, tanzend und in Sprechchören vor Nazis warnend. Jetzt stellten sie sich schützend vor die Vier und besänftigten die aufgebrachten Angreifer. Die zogen ihre Jacken wieder an und gingen ihrer Wege.

Kann man sich schon denken, dass die gerne Geleitschutz hätten.

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6 Jahre (und 4 Monate) Grosses Thier

Nach dem Luther-Jahrestag, dem Lenin-Jahrestag und dem Trump-Jahrestag haben wir nunmehr, 13.11., den Thier-Jahrestag, der auch dieses Jahr wieder traditionsgemäss mit einem ausgiebigen Besäufnis begangen werden wird.

Vor 6 Jahren ging das erste Doppelheft in Druck. Damals schaffte man das noch nach circa 4 Monaten Vorbereitung, heute, wo das alles Routine hat, dauert es natürlich länger. Immerhin ist das neue Heft jetzt im Druck, wie man hört, und bald aus demselben heraus.

Take the hint, punk!

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Erster Nachtrag zur neueren „Stirnerkritik“

Von Jörg Finkenberger

Triggerwarnung: Antideutscher Szenescheiss

Nach unserer kurzen Entgegnung auf Gensler wegen der neuerlicher Glanzleistung, den alten H.G. Helms abzuschreiben und auf Gerhart Scheit anzuwenden, schulde ich immer noch den von mir versprochenen längeren Nachtrag. Ich fürchte nur, dieser Nachtrag müsste recht weit in die Tiefen der Neuen Linken führen. Das wird nicht in einem Aufwaschen gehen. Das ist nun mal der Preis, wenn man auf solchen Unsinn versuchen will, umfassend zu antworten. Ansonsten wäre man gezwungen, Zeile für Zeile einzeln zu widerlegen, und dann bringt man sich, gegenüber solchen Leuten, in den Nachteil: in der Zeit, die es kostet, den einen Unsinn zu widerlegen, lässt sich leicht das zehnfache an neuem Unsinn in die Welt plaudern. Ausserdem: die Zeit für so ein Zeug muss man auch erst einmal aufbringen; und erst recht die Motivation. Denn, und das macht die Sache so deprimierend sinnlos: ganz gelingen wird eine solche Übung nie, unser akademischer Betrieb produziert Leute wie Gensler immer wieder neu.

Fangen wir mal mit Adorno an. Ich behaupte in der Tat, er hat Helms‘ Werk nicht im Institut veröffentlichen lassen, weil es ihn entsetzte. Wie soll jemand wie Adorno nicht entsetzt sein, wenn man ihm eine solche gewaltsame Operation präsentiert, die allen Ernstes beansprucht, den einen „Eiterherd“ der deutschen Geistesgeschichte ausfindig gemacht zu haben? Von der krassen Metapher einmal abgesehen: einen! Nicht etwa die ganze Geschichte, sondern nur einen, gut identifzierbaren und isolierbaren „Eiterherd“. Etwas ganz ähnliches hatte, wenn man sich erinnert, zehn Jahre vorher schon Lukács in der „Zerstörung der Vernunft“ versucht. Hier ist es Schelling, der am Anfang einer Geschichte des „deutschen Irrationalismus“ stehen soll, die dann zu Hitler führt. Alle Überlegungen zu einer Dialektik der Aufklärung kann man sich natürlich in die Fuge streichen, wenn das so einfach ist: Schelling ist der Schuldige, Hegel aber z.B. (und auch, wofür der steht) ist freigesprochen. „Das geht aber/nicht (Hölderlin)“ (Adorno).

„Am krassesten wohl manifestierte sich in dem Buch ‚Die Zerstörung der Vernunft‘ die von Lukács‘ eigener“, schrieb Adorno 1958. Ich finde nun, er hat vollkommen Recht. Früher galt unter Antideutschen, in Ermangelung eigener Urteilsfähigkeit, ein Adorno-Zitat wie ein Beweis. Das war wahrscheinlich nicht gut. Aber wenn uns Gensler heute schreibt: „Adorno wird hier schon als Heiliger angeführt, an dem eine Kritik nicht zulässig sei. Dies aber verweist nur auf das eigene Autoritäre“, dann fragt man sich zweierlei: galt das denn schon 2013, als die Bahamas Dahlmann und Scheit in Bann tat für die Häresie, am Beispiel Sartre die kritische Theorie weiterentwickeln zu wollen? War nicht die Sünde Dahlmanns und Scheits die, freventlich Adorno kritisiert haben zu sollen? Und zweitens aber: was soll man denn tun, wenn man zufällig Gründe hat zu glauben, dass Adorno einmal doch Recht hat?

Nehmen wir vorerst zu Protokoll, dass nach Zeugnis Genslers die Fraktion Bahamas den angemassten und lächerlichen Anspruch, die adornitische Orthodoxie zu hüten, nunmehr endlich aufgegeben hat; so wie wir seinerzeit, 2009, erleichtert zu Protokoll nehmen durften, dass sie auf den Namen „Antideutsch“ verzichtet hat. Wir werden bei Zeiten darauf zurückkommen, wenn die Herren, wie sie das gewöhnlich tun, das nächste Mal das eine oder das andere, auf gefälschten Titel hin, doch wieder beanspruchen wollen.

Die Logik sowohl von Helms‘ Buch nun, als auch von Genslers Wiederaufbereitung, entspricht ganz der Methode Lukács aus den 1950ern. Sie hat in der Tat weniger mit dem Geist der kritischen Theorie zu tun als mit dem der Moskauer Prozesse. Adorno war das klar, seinen ehemaligen Musterschülern und heutigen Kritikern ja nun nicht so. Die Deformation der materialistischen Lehre setzt sich fort in die der marxistischen Kulturwissenschaften, und ganz offenschichtlich bis heute.

Oder nehmen wir die „Negative Dialektik“, das zweite Hauptwerk Adornos. Hier finden wir, im Hegel-Kapitel, ganze Passagen, in denen die einander widersprechenden Positionen Feuerbachs und Stirners, wie in einem Duett, immer und immer wieder gegeneinander kontrapunktieren, und sich damit als immer wieder aufeinander angewiesen zeigen; als partikulare Momente einer Wahrheit, die sich aber nicht durch einfach Addition aus beiden gewinnen lässt, und damit als unvollständig, und als unwahr. Bis in die Formulierungen hinein scheint die Polemik von 1845 wörtlich durch, die Kritiken und Antikritiken, selbst die unveröffentlichten Briefstellen, meistens (nicht immer) ohne Nennung der Namen; Stirner figuriert meistens als „der Nominalismus“. Der berühmte Einleitungssatz der „Negativen Dialektik“ selbst ist noch ein Kommentar zu dieser Konstellation.

Ich habe in „Staat oder Revolution“ die meisten der betreffenden Stellen aus der Debatte von 1845 zitiert; das war ein grosser Spass, der mich wochenlang aufgehalten hat. Ich hätte auch den bequemen Weg gehen können, dieselben Gedanken einfach aus der „Negativen Dialektik“ zu nehmen. Das hätte sicherlich weniger Anlass zu Widerspruch geboten, aber es hätte auch den historischen Prozess, in dem diese Gedanken in Gestalt gegnerischer Autoren auseinandertraten, unkenntlich gemacht. Dieser Prozess ist aber gerade der Zerfall des hegelianischen Rationalismus, den die Lukács-Schule sich müht zu restaurieren, und er mündet in die Nötigung, zum Materialismus überzugehen.

Und es geht ja, da hat Gensler tatsächlich Recht, nicht darum, Adorno zum Heiligen zu machen, als Beweis anzuführen, als Heilige Schrift zu benutzen; selbst ein wahres Wort wird toter Buchstabe, wenn nicht gelingt, aufzuzeigen, warum es wahr sein soll. Deswegen das ausführliche Zitieren dieser vergessenen oder unverstandenen Schriften. Man kann aber, wenn man das einmal getan hat, unmöglich jemals wieder einem derartigen Vorgehen wie dem Helms‘ zustimmen.

Statt dass ja Helms oder sein Nachfolger das Problem begreifen wollen, das „der Nominalismus“ aufwirft, und zwar das real gesellschaftliche Problem, das er zum Ausdruck bringt – stattdessen üben sie sich darin, den Überbringer der Botschaft zu denunzieren. Statt, wie das z.B. auch Adorno tut, die miteinander unversöhnten, aber doch untrennbaren Positionen aufeinander zu beziehen, und aus dieser Konstellation die ganze vertrackte, recht eigentlich katastrophale Lage der Dinge darstellen zu wollen – stattdessen benennen sie eindeutige Schuldige, nämlich etwa denjenigen, der unter den Junghegelianern am nachdrücklichsten gezeigt hat, dass es so einfach mit der gesellschaftlichen Synthesis nicht geht, wie es der Hegelianismus und die bürgerliche Aufklärung sich vorgestellt haben. Das ist es übrigens, was Adorno mit dem „Hasen“ gemeint haben dürfte, den Stirner als erster aus dem Sack gelassen hat. (Ich sage das auch, weil der Hase oder zumindest vergleichbares, jedenfalls aber keine Katze, an einer anderen Stelle noch einmal vorkommt.)

Das Maß an Unaufrichtigkeit, oder besser Verblendung, wie es einem bei Helms, oder Gensler, entgegentritt, erfüllt einen mit, nun ja, Entsetzen. Man beginnt, zu begreifen, was Adorno gemeint hat, als er von der Zerstörung von Lukács eigener Vernunft sprach. Und dann braucht man nicht mehr lange raten, warum Helms‘ Buch nicht im Institut veröffentlicht wurde, gerade in den Jahren, in denen Adorno die „Negative Dialektik“ schrieb.

Man muss dazu gar nicht auf den von Gensler dankenswerterweise angeführten Bernd Laska verweisen. Der kommt aus anderen Gründen und auf ganz anderen Wegen zu einem ähnlichen Ergebnis, was den historischen Hergang betrifft, auch wenn er den philosophischen Punkt, mit dem ich argumentiere, überhaupt nicht ernstnimmt. Aber man darf auch das Manöver zur Kenntnis nehmen, mit dem Gensler Laska sofort als „nicht satisfaktionsfähig“ erklärt; aus keinem anderen Grunde, als weil Laska sich bisher wirklich als einziger mit dieser Frage historisch befasst hat. Und weil er der einzige war, deswegen ist das natürlich „obsessiv“, und deswegen nicht ernstzunehmen. Man muss ja wirklich verrückt sein, wenn man etwas sagt, was nicht alle anderen schon immer gesagt haben. Das ist zwar ein Taschenspielertrick der dümmeren Sorte, aber so funktioniert die Argumentation dieser Leute. Mal sehen, wie lange solche Methoden noch stechen. Ich halte meinen Hauptpunkt für bewiesen; Gensler im Übrigen Zeile für Zeile zu widerlegen, ist die Mühe nicht wert.

Es wird nämlich immer Leute geben, die ihm Recht geben. Die Methode ist durchsichtig genug, und dennoch hat er, wie auch Klaue, eine fanatische Leserschaft unter der studierenden Jugend. Warum in diesem Milieu eine derartig unaufrichtige Art der Argumentation immer in Kurs steht, darüber werden wir ein andermal reden müssen; mit Blick auf den vorliegenden Fall, weil er so schön instruktiv ist; aber auch mit Blick auf den ganzen Hegel-Marxismus, der die „Zerstörung der Vernunft“ erst möglich gemacht hat; auf 40 dürre Jahre, die man „die Postmoderne“ nennt, und den Beitrag eines anti-materialistisch gewendeten Marxismus dazu; und ganz sicher auch darauf, was die heutige Art der Hochschulbildung mit alle dem zu tun hat, in welcher Leute wie Gensler und seine Fans so prächtig gedeihen.

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5.11. Berlin: Ideolotterie Spezial mit Hannah Wettig: Anti-Feminismus

Von unseren Freund/inn/en von Zweifel und Diskurs:

Nicht nur der neuen Rechten liegen Fragen zur Familie am Herzen. „Familienpolitik ist Bevölkerungspolitik“ wusste Frauke Petry schon zu Beginn ihrer politischen Karriere. Den AFD-Mitgliedern ist internen Umfragen zufolge dieses Thema besonders wichtig. Diese Betonung von „klassischen“ Familien- und Geschlechterbildern ist nicht von dieser Partei erfunden, beschränkt sich nicht auf deren Anhängerinnen und Anhänger, sondern findet sich allerorts.

„Allerorts“ heißt oftmals: während Gesprächen im Betrieb, der Familie, der Schule oder im Sportverein – also durch Statements, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir es wagen, über selbstbestimmtes Leben zu sprechen. Und auch ein vermeintlicher Witz mit sexistischem Inhalt kann mehr über ein aktuell erstarkendes Weltbild aussagen, als dem Scherzkeks lieb ist.Nicht auf alle dieser Bemerkungen lässt sich eine Entgegnung spontan hervorbringen. Die Ideolotterie soll nun ein Forum zu bieten, um gemeinsam solche zunächst überfordernden Aussagen zu diskutieren. Hierfür sammeln wir Statements aus eurer Erfahrung auf Zetteln in einer Lottokugel. Eine Referentin versucht, zufällig gezogenen Aussagen pointiert entgegenzutreten. Darüber hinaus kann diskutiert werden, wie die thematisierten Aussagen überhaupt als Ideologie funktionieren können und welche Bedürfnisse hinter ihnen stehen könnten.

Referentin für die Veranstaltung ist die Sozialwissenschaftlerin und Arabistin Hannah Wettig. Sie berichtet als Journalistin seit 20 Jahren aus der arabischen Region mit Fokus auf die Situation von Frauen, ist Projektleiterin bei der Hilfsorganisation WADI und engagiert sich in der Initiative „Adopt a Revolution – den syrischen Frühling unterstützen“. Sie schreibt u.a. für Jungle World, Emma, Analyse & Kritik oder iz3w, oftmals zu den Themen Feminismus und Kulturrelativismus.

Wer nicht weiss, was Ideolotterie ist, kann es sich da ruhig mal anschauen.