Anmerkungen über die kapitalistische Weltmarktdynamik

(aus dem aktuellen Heft #13)

von Christian Girschner

Die entweder beklagte oder angepriesene Weltmarktdynamik wird nicht durch die Herausbildung eines Finanz- oder Kasinokapitalismus verursacht. Ebenso wenig resultiert sie aus einer neoliberalen Politik, die ideologisch verblendete oder korrumpierte Ökonomen und Politiker durchgesetzt haben. In diesem Beitrag soll demgegenüber skizziert werden, dass die Weltmarktdynamik aus der besonderen sozial-ökonomischen Qualität der kapitalistischen Ökonomie entspringt.

1. Es klingt paradox, aber der Weltmarkt war die *historische Voraussetzung* für die Herausbildung der kapitalistischen Warenproduktion: Durch den Austausch von *überflüssigen Arbeitsprodukten* zwischen vorkapitalistischen Gemeinwesen entstand bereits ein Weltmarkt. Hierbei nahmen die Produkte im Augenblick des Austausches die *Warenform* an. Nach der Beendigung des Austauschaktes *verloren* die Produkte diese *Formbestimmung* als Waren wieder. Die Produkte erhielten im Austauschakt die Warenform, weil sie *nicht mehr in den*, sondern*zwischen* verschiedenen Gemeinwesen vermittelt wurden. Nur durch die Hervorbringung dieser ökonomischen Form konnte sich eine *Arbeitsteilung* zwischen den sich fremd gegenüberstehenden Gemeinwesen konstituieren, die auf einer *bewusstlos* und nicht willentlich von den Austauschenden vorgenommenen *Abstraktion* beruht, die die überflüssigen Arbeitsprodukte im Austausch auf eine *gleichförmige, allgemeine Arbeit bzw. einen Tauschwert* reduziert, um sie durch diese *ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* vergleichbar und damit austauschbar zu machen. Eine Besonderheit dieses *tauschwertsetzenden* Handels zwischen den Gemeinwesen lag darin, dass dieser *keine* objektive ökonomisch-*quantitative* Bestimmung der Produkte konstituierte. Auf dieser primitiven Grundlage konnte sich nicht nur eine unentwickelte Geldform, sondern auch ein Handelskapital herausbilden. Dieses primitive Handelskapital lebte davon, dass es Produkte von einem Gemeinwesen aufkaufte und anschließend diese mit einem Preisaufschlag an ein anderes Gemeinwesen weiter verkaufte. Nur durch die stetige Wiederholung dieses Austauschgeschäftes konnte sich das Handelskapital *selbst erhalten* und sein Geld selbstzweckhaft vermehren: Aus Geld mehr Geld machen, ist zugleich die einfachste Bestimmung des Kapitals.

2. Unter bestimmten historischen Bedingungen ergriff das primitive Handelskapital in seinem rücksichtslosen Gewinnstreben die *vorkapitalistische Produktion* der alten Gemeinwesen, um diese in den Dienst seiner selbstzweckhaften Geldvermehrung zu stellen. Damit ging die bis dahin nur im Austausch hervorgebrachte ökonomische *Tauschwert-Abstraktion*, wodurch die Produkte die Warenform erhielten, in die vorgefundene Produktion ein und wälzte diese in eine *wertsetzende Produktion von Waren* um. Die *ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* der Arbeitsprodukte auf eine *allgemeine Arbeit*, um sie als Waren vergleichbar und austauschbar zu machen, findet jetzt nicht mehr im Moment des Austausches statt, sondern wird in der unmittelbaren Produktion gesetzt. Folglich werden *nicht* mehr *überflüssige Arbeitsprodukte* in den Austausch geworfen, *sondern Waren*, die nur zu dem Zweck produziert wurden, um mit ihnen einen Gewinn im Austausch zu erzielen. Gleichzeitig wurde nun auch der noch im tauschwertsetzenden Handel fehlende *ökonomisch-quantitative Inhalt* konstituiert, nämlich die gesellschaftlich notwendige *Arbeitszeit*, die zur Produktion einer Ware aufgewendet wird. Unter diesen neuen Bedingungen *erhält sich die ökonomische Form* über den Austauschakt hinaus, denn die in der Warenproduktion verausgabte *Arbeit* ist nun das *lebendige Feuer*, weil sie als wertsetzende Arbeit gilt und damit das die *Produktion und Austausch übergreifende und sich selbst vermehrende Kapital* konstituiert. Das primitive Handelskapital war immer von den zufälligen Bedingungen in den Gemeinwesen abhängig gewesen, die die überflüssigen Produkte für den Austausch hervorbrachten. Da das Handelskapital diese Bedingungen weder beherrschen noch steuern konnte, war seine ökonomische Existenz fortlaufend gefährdet. Aber mit dem geschilderten Eingehen in die Produktion hat sich das (Handels-)Kapital die ihm bis dahin fehlenden Bedingungen für seine eigene ökonomische Erhaltung selbst geschaffen, deshalb ist die unmittelbare Arbeit auch nicht mehr der im Austausch konstituierten und sich nicht selbst erhaltenden abstrakten bzw. allgemeinen Arbeit äußerlich. Vielmehr sind die konkreten Arbeitsarten jetzt nur noch Erscheinungsformen der allgemeinen Arbeit bzw. des Wertes. Die konkreten Arbeiten wurden in diesem Umwälzungsprozess nicht nur dem Gewinnstreben des Kapitals unterworfen, sondern auch entsprechend den Anforderungen des kapitalistischen Verwertungsprozesses umgeformt und fortentwickelt. Unter diesen neuen Bedingungen sind sowohl das Handelskapital als auch das Geld nur noch vermittelnde wie verschwindende Gestaltformen innerhalb des die Produktion und Austausch übergreifenden und prozessierenden Wert- bzw. Kapitalkreislaufes. Mit diesem Transformationsprozess wurde das Zeitalter des sich historisch durchsetzenden Kapitalismus eingeläutet, der zur Herausbildung und Entwicklung von Nationalmärkten und damit zur Konstitution des kapitalistischen Weltmarktes führte. Eine unabdingbare Voraussetzung für diesen sozioökonomischen Umwälzungsprozess, den Marx als ursprüngliche Akkumulation bezeichnete, war die Schaffung einer freien Lohnarbeiterklasse durch die politische Gewalt der Gemeinwesen.

3. Der entstandene kapitalistische Weltmarkt beruht auf einer die Produktion und den Austausch übergreifenden sozial-objektiven Totalität der Arbeit, d. h. einer *gesellschaftlichen Arbeit privater Produzenten*. Damit ist ein für das Alltagsbewusstsein widersinniges und unbegriffenes sozial-objektives Verhältnis entstanden: Die *Arbeit* hat eine *gesellschaftliche Form* erhalten und deshalb vermittelt sich der arbeitsteilige Zusammenhang *durch die Arbeit selbst*; also nicht nur ohne das bewusste und steuernde Dazwischentreten der Menschen, vielmehr sind letztere nur noch *ausführende Organe der gesellschaftlich gewordenen Arbeit*. Wir haben es hier mit einer im Austausch entstandenen und verselbstständigten sozial-objektiven Verkehrung zu tun: Eine von den Menschen *unbewusst* und *historisch zuerst im Austausch konstituierte ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* von Arbeitsprodukten, d. h. die Reduktion der verschiedenen Arbeitsprodukte auf eine allgemeine bzw. abstrakte Arbeit, die später die Produktion ergriff und diese in eine wertsetzende Produktion verwandelte, steuert von nun an die arbeitsteilige Interaktion und Entwicklung der Gesellschaft. Damit wird die kapitalistische Arbeitsteilung durch eine *sozial-objektive Abstraktion beherrscht* und *gelenkt*, die eine anonyme bzw. subjektlose Knechtschaft mit eigener Gesetzmäßigkeit konstituiert. Letzteres macht sich gegenüber den Menschen als stummer und scheinbar naturgegebener wie anonymer Sachzwang der Verhältnisse geltend. Damit ist eine strukturelle Unterjochung der Individuen unter den kapitalistischen Verwertungszweck eingetreten. Unter dieser gesellschaftlichen Bedingung gilt für jeden Produzenten, dass er das für die unmittelbare Produktion von Waren vorgeschossene Geld selbstzweckhaft zu vermehren hat, also die von ihm produzierten Waren mit Gewinn auf dem Markt absetzen muss, wenn er ökonomisch weiter existieren will. Währenddessen gilt für jeden Lohnabhängigen, dass er seine Arbeitskraft auf dem Markt den Privatproduzenten verkaufen muss, wenn er überleben und seine soziale Existenz erhalten will: Die Vertragsfreiheit der Lohnabhängigen existiert nur unter der Bedingung des Vertragszwangs.

4. Das Kapital ist ein anonymes, abstraktes, selbstbezügliches und sozial-objektives Arbeitswertverhältnis und damit ein die Gesellschaft beherrschendes „automatisches Subjekt“ (Marx), welches sich nur durch seine Selbstvermehrung erhält. Es konstituiert *ein kategoriales System* (Profit, Zins, Lohn, Preis, Ware etc.), das die Privatproduzenten und (Klassen-)Individuen fertig vorfinden und innerhalb dessen sie frei entscheiden und handeln müssen, um *ihre soziale Existenz zu sichern*. So reproduziert sich dieses abstrakt-objektive Verhältnis durch das kategorial vorherbestimmte Handeln und Denken der Menschen. Und dieses formbestimmte Handeln der Individuen und Produzenten treibt die ökonomisch-quantitative Expansion des Kapitals widersprüchlich und keineswegs linear an. So bringt beispielsweise das Kapital beständig neue Produktionszweige und -technologien hervor, zerstört damit die bestehenden Produktions- und Lebensbedingungen. Daneben vernichtet das Kapital mit seiner überlegenen Produktivität sukzessiv alle vorkapitalistischen Produktionsweisen und räumt immer wieder alle sich einstellenden sozialen, politischen, kulturellen und technischen Hindernisse und Grenzen für seine Selbstverwertung aus dem Weg. Statistische Erhebungen, die schon immer unzulänglich und lückenhaft waren, und die darauf basierenden ökonomischen Analysen und Theorien sollen die ökonomischen Veränderungen der kapitalistischen Weltordnung dokumentieren und erklärbar machen. Jedoch werden diese immer wieder über den Haufen geworfen, weil die kapitalistische Ökonomie eine blinde, naturwüchsige und unberechenbare ökonomische Entwicklungsdynamik konstituiert.

5. Der Weltmarkt ist die alles beherrschende Totalitätsform der kapitalistischen Produktionsweise. Demgegenüber verdecken nationalstaatliche Kategorien und Statistiken, dass die nationalen Märkte nur *Besonderungen des Weltmarktes* sind. Der Weltmarkt ist den nationalen Binnenmärkten also *nicht äußerlich*. Vielmehr findet die Weltmarktkonkurrenz der Kapitale vor allem in den nationalen Binnenmärkten statt. Auch dort, wo der Weltmarkt scheinbar *nicht* anwesend ist, bestimmt die internationale Konkurrenz der Kapitale die ökonomische Entwicklung von Regionen und Staaten. Denn die Staatenwelt hebt keineswegs die Weltmarktkonkurrenz der Privatproduzenten auf, sondern modifiziert sie nur in ökonomisch-quantitativer Hinsicht: Die Nationalstaaten verzögern und verschieben die Anpassungsprozesse zwischen den kapitalistischen Warenproduzenten. Aber selbst diese Modifikation der Konkurrenzverhältnisse ist eine historisch verschwindende. Denn das Kapital überwindet diese in seinem unermüdlichen Expansionswillen, wenn es sich selbst erhalten will. Sowieso ist es der unendlichen Rastlosigkeit des Kapitals geschuldet, dass es ihm *völlig gleichgültig ist, wo und was es ausbeutet, produziert und verkauft*. Das Kapital besitzt kategorial einen *anationalen bzw. transnationalen ökonomischen Charakter*.

6. Der kapitalistische Weltmarkt erhält seine besondere Dynamik durch die Konkurrenz der Warenproduzenten um einen Extraprofit. „Wachse-oder-stirb“ bringt diese kapitalistische *Verdrängungs- und Vernichtungskonkurrenz* zwischen den Privatproduzenten passend auf den Punkt. Über den Mechanismus des Extraprofits wird die Produktivität bei Strafe des Untergangs der Privatproduzenten kontinuierlich, manchmal auch explosionsartig erhöht. Das erreichte *Produktivitätsniveau* setzt den für die Produzenten *gültigen Maßstab* in der Weltmarktkonkurrenz, wenn sie nicht ökonomisch vernichtet werden wollen. Aufgrund des nie ruhenden Produktivitätswettbewerbs verändert sich unaufhörlich die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt. In seiner ständigen Jagd nach einem Extraprofit überwindet deshalb das Kapital alle kulturellen, räumlichen und politischen Grenzen. Es führt kontinuierlich neue Produktionsmethoden und -techniken ein, vergrößert den Produktionsumfang, erschafft neue Gebrauchswerte, Stoffe und Chemikalien, setzt damit neue Bedürfnisse und Gelüste bei den Menschen durch, revolutioniert und erweitert nebenbei die Verkaufsmethoden, Kommunikations- und Transportmittel. Dadurch wird die räumliche Durchdringung der Welt durch das Kapital rigoros vorangetrieben, während die sozialen, politischen und kulturellen Verhältnisse der Gesellschaft permanent nach den sich verändernden kapitalistischen Verwertungsanforderungen restrukturiert werden.

7. Aufgrund der kapitalistischen Entwicklungsdynamik bilden sich industrielle Zentren oder Staaten heraus, die eine konkurrenzfähige Infrastruktur entwickeln. Dagegen werden produktivitätsrückständige Länder und Regionen von dieser industriell-kapitalistischen Reichtumsproduktion ausgeschlossen, sie verarmen bzw. bleiben arm und technologisch rückständig. Diese Weltmarktverlierer, die an einem Kapitalmangel leiden, können sich allenfalls noch als Rohstofflieferanten bzw. Agrarwarenproduzenten behaupten. Allerdings ist es angesichts der Entwicklungsdynamik des Kapitals nicht ausgeschlossen, dass einst jahrzehntelang erfolgreiche kapitalistische Industrieregionen langsam, aber sicher zerfallen, weil sie ihre Konkurrenzfähigkeit verloren haben. Dagegen können sich unter bestimmten Weltmarktbedingungen kapitalistisch rückständige Regionen oder Länder in neue industrielle Wachstumsgebiete des Kapitals verwandeln. Solche Entwicklungen sind häufig mit veränderten Kapital- und Staatsstrategien als auch mit dem Aufstieg neuer Produktionszweige und dem Niedergang hoch standardisierter Produktionszweige verbunden.

8. Der aus der ökonomischen Formbestimmung resultierende Expansionsdrang des Kapitals macht es einerseits zu einer grenzüberschreitenden und alle Barrieren niederreißenden Ausbeutungs- und Unterwerfungsmaschine. Andererseits führt die kapitalistische Vernichtungskonkurrenz unausweichlich zu einer *wachsenden Konzentration bzw. Größe des Kapitals*. Obwohl dieser Konzentrationsprozess durch entgegenwirkende bzw. dekonzentrierende Tendenzen gebremst wird, die aus der kapitalistischen Konkurrenz selbst entspringen, entwickelt sich im historischen Verlauf irgendwann, aber zwangsläufig, das *transnationale Kapital*. Mit der Herausbildung des transnationalen Kapitals hat der sich selbst verwertende Wert ein *neues Organ für seine Selbsterhaltung* *und -vermehrung* hervorgebracht. Dieses transnationale Kapital verfügt über die notwendigen finanziellen, produktiven und technologischen Grundlagen, um sowohl das erreichte Produktivitätsniveau weiter zu steigern als auch um Produktinnovationen zu entwickeln und auf dem Weltmarkt durchzusetzen. Für seine Selbsterhaltung ist das transnationale Kapital auf eine ungehinderte internationale Bewegung von Geld, Investitionen, Waren, „Dienstleistungen“ und Arbeitskräften angewiesen, d. h. auf offene und einheitlich regulierte Absatzmärkte und Produktionsstandorte.

9. Dank der Verbilligung und Beschleunigung der Kommunikation und des Transports sind inzwischen die Konzerne in der Lage, sowohl die Produktionen rasch in andere Länder auszulagern als auch die Produktionsprozesse selbst zu zerlegen und auf verschiedene Staaten zu verteilen, um dann die daraus hervorgehenden Komponenten an anderer Stelle wieder zusammenbauen zu lassen. Überhaupt treibt ein rücksichtsloser Kampf um globale Marktanteile die Konzerne an. So werden je nach Kostenlage alte Produktions- und Zulieferungsstrukturen aufgelöst, unrentabel gewordene Produktionsstandorte aufgegeben, weshalb Regionen oder Staaten veröden, verarmen und zerfallen, während sich andere Länder in neue ökonomische Wachstumsregionen oder Produktions-/Produktivitätsinseln bzw. Exportproduktionszonen verwandeln, weil dort beispielsweise sehr niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten etc. existieren und nur niedrige Umweltschutzauflagen einzuhalten sind.

10. Die Internationalisierung der Produktionsprozesse der Konzerne, die recht offenherzig auch als „Wertschöpfungsketten“ bezeichnet werden, gehen mit strategischen Allianzen zwischen Konkurrenten, Unternehmenskooperationen und -beteiligungen, Fusionen, Übernahmen, Schaffung von Subunternehmensketten usw. einher. Eine notwendige Voraussetzung für die transnationale Konzernexpansion war die gleichzeitige Internationalisierung und Deregulierung der Banken und Finanzmärkte, um Finanzierungen (Kredite), Zahlungen, Absicherungen, Versicherungen etc. weltweit, unbehindert und mit geringen Kosten tätigen zu können. Durch die internationale Deregulierung und Digitalisierung der Finanzmärkte kam es auch zu einer explosionsartigen Ausdehnung von spekulativen Finanz-, Börsengeschäften und Wetten, die für überdurchschnittliche Gewinne für alle Beteiligten sorgten. Auf dieser Grundlage konnten sich nicht nur neue ökonomische Finanzakteure, Wachstumsfelder, Finanzverflechtungen und Konzernstrategien entwickeln, sondern es mussten zwangsläufig neuartige Finanz- und Überproduktionskrisen auf dem Weltmarkt entstehen. Diese Weltmarktkrisen, deren Häufigkeit und Intensität kontinuierlich zugenommen haben, weisen darauf hin, dass es für das transnationale Kapital, bedingt durch das erreichte Produktivitätsniveau, immer schwieriger und aufwendiger wird, seine lebenserhaltende ökonomische Expansion weiter fortzuführen. Darüber hinaus wird diese säkulare Krisentendenz des transnationalen Kapitals durch die zunehmende Erschöpfung der stofflichen und energetischen Ressourcen sowie durch die galoppierende Zerstörung der Natur- und Lebensgrundlagen verstärkt.

11. Der Aufstieg des transnationalen Kapitals leitete eine notwendige Denationalisierung und Internationalisierung von Staatsaufgaben ein, um die weltweite Öffnung und Liberalisierung der Märkte zu erzwingen und zu forcieren. Auf bestimmte Staatsaufgaben ist das expandierende Kapital auf dem Weltmarkt unweigerlich angewiesen, weil es durch die Verfolgung seiner individuellen Verwertungsinteressen diese Aufgaben selbst nicht gesellschaftlich herstellen kann. Zu diesen Aufgaben des Staates auf dem Weltmarkt gehören:

a) der Schutz und die Sicherung des Eigentums (samt Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit), also der Kapitalanlagen, Investitionen, Patente, geistiges Eigentum, Gewinne etc.;

b) die Schaffung und Regulierung eines Weltgeldes;

c) die Durchsetzung einer Rechtsprechung im Konfliktfall;

d) eine Vereinheitlichung und Standardisierung von Regeln für die Waren-, Kapital- und Finanzmärkte.

12. Wichtige Staatsaufgaben für die Sicherung der Expansion des transnationalen Kapitals werden inzwischen von zahlreichen internationalen Institutionen ausgeübt, die zudem durch Verträge zwischen den Staaten ergänzt wurden. Damit wurde mehr oder minder eine staatslose *Weltregierung* (stateless global governance) erschaffen, deren konkrete Konfiguration noch nicht abgeschlossen ist. Letztere stellt ein neues Organ zur Selbsterhaltung des Kapitals dar, weil sie die internationale Expansion des Kapitals sichert und unterstützt. Zu dieser „virtuellen“ Weltregierung gehören beispielsweise: der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank, Welthandelsorganisation (WTO), EU, NAFTA, ASEAN, APEC usw. Daneben wurden bzw. werden „Freihandelsabkommen“ (wie CETA, TTIP, TPP etc.) abgeschlossen, die eine über den Nationalstaaten stehende Regulierungsinstanz etablieren, um die *geschäftsdienliche Handlungs- und Investitionsfreiheit* der transnationalen Konzerne auszubauen und gegenüber den Nationalstaaten durchzusetzen. Die Nationalstaaten unterwerfen sich damit dem transnationalen Kapital, um, so ihre Kalkulation und Hoffnung, das eigene ökonomische Wachstum zu steigern und an dem von den Konzernen vorangetriebenen Technologiewettbewerb gewinnbringend zu partizipieren. Neben den genannten Institutionen einer Weltregierung existieren zahlreiche *internationale Schattenparlamente* (Konferenzen, Beratungsgremien etc.), wo die politischen und ökonomischen Eliten aus den führenden Industriestaaten Rivalitäten austragen, Strategien entwickeln und Kompromisse schließen, um die Expansion des transnationalen Kapitals durch Schaffung eines einheitlich regulierten Weltmarkt zu sichern und voranzutreiben. Hierbei geht es immer um die *Durchsetzung eines kapitalistischen und verrechtlichten Handlungs- und Kontrollrahmens* auf dem Weltmarkt, der die entfesselte Kapitalkonkurrenz und das ökonomische Wachstum für die Zukunft garantiert. Eine zentrale Stellung nimmt hierbei die Welthandelsorganisation (WTO) ein. Die WTO ist mit einer Legislative, Judikative und Exekutive (mit Erzwingungskompetenzen) ausgestattet, um die allseitige Freiheit des Kapital- und Warenverkehrs gegenüber den Staaten durchzusetzen. Damit soll die *Sicherung des Zugangs und Zugriffs* auf die Ressourcen (Rohstoffe, Arbeitskräfte, Natur), lokalen Unternehmen und Märkte (Kaufkraft) der Länder durch das transnationale Kapital gewährleistet werden. Auf diesem Wege werden alle nationalstaatlichen Barrieren, die das ökonomische Wachstum einschränken und schädigen, aus dem Weg geräumt. Denn es darf keine gesellschaftliche Sphäre auf der Welt geben, die dem universellen Zugriff und Verwertungsinteresse des internationalen Kapitals entzogen ist.

13. Die eingeleitete „Entsouveränisierung“ der Nationalstaaten wird sich angesichts der unaufhörlichen Expansion des transnationalen Kapitals fortsetzen. Daher werden die Nationalstaaten immer mehr *auf lokale Autoritäten innerhalb eines Systems globaler Steuerung und Kontrolle zusammenschrumpfen*. Hierzu gehört auch, dass die öffentlichen Güter, Staatsunternehmen und staatlichen Dienste in allen Ländern „privatisiert“ werden. Zugleich sehen die Staaten in diesen Privatisierungen die Chance, ihre nationale Konkurrenzfähigkeit und Attraktivität für das transnationale Kapital zu steigern. Die neoliberale Ideologie liefert dazu die passenden „Argumente“, um nicht nur die Privatisierungen, sondern auch, um die freie und ungehinderte Bewegung für Investitionen, „Dienstleistungen“, Geld, Waren, Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt zu rechtfertigen. Die fest verankerte neoliberale Politik in den Staaten und Weltmarktinstitutionen ist aber nicht das Resultat des Aufstiegs von korrumpierten und einfältigen Ökonomen, Politikern und Medien, sondern hat ihre entscheidende Ursache in der Entstehung und Expansion des transnationalen Kapitals, weil es auf international offene und deregulierte Wachstumsmärkte angewiesen ist, die vor allem der Neoliberalismus einfordert und predigt. Zudem kann im Interesse des transnationalen Kapitals mit dem Neoliberalismus jede nationale Marktabschottung, Subventionierung, Sozialpolitik, staatliche Reglementierung wie Schutzzollpolitik als schädlich für das Wachstum verdammt und verhindert werden. Im Übrigen wird die neoliberale Theorie überall dort *nicht* angewendet und gepredigt, wo es den Expansions- und Erhaltungsinteressen des transnationalen Kapitals zuwiderlaufen würde. Denn die politische Anwendung und gesellschaftliche Relevanz einer ökonomischen „Theorie“ hängt nicht von ihrem Erklärungs- und Wahrheitsgehalt ab, sondern ob sie mit der grundsätzlichen Interessenslage der ökonomisch mächtigsten Kapitalgruppen übereinstimmt.

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