Der linke Flügel des Antikommunismus, Pulsarnacht der revolutionären Vernunft

von Seepferd

Kann ein Schriftsteller dermaßen vom Geist verlassen sein, dass er, den Vorgaben der kulturindustriellen Feuilletonerinnerung gehorchend, plötzlich anfängt, aller Ernstes mit Floskeln des kruden DDR-Sprechs um sich zu werfen? „Die Partei hat immer recht“, „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, e patati e patata? Dietmar Dath kann‘s. Im Presseorgan der friedensbewegten DKP, die sich immer noch aus irgendeinem Missverständnis heraus für kommunistisch und revolutionär hält.

Es geht um Liebknecht und Luxemburg, um die historische Abrechnung mit der deutschen (und nicht nur) Sozialdemokratie, um die US-Amerikanische (und nicht nur) Linke, die in ihrer gegenwärtigen Lage nicht weiter weiß. Es geht u.A. um eine wichtige Fragestellung – um den Zusammenhang von (kapitalistischem) Staat und seiner spezifischen organisierten Gewalt, stehendem Heer. Waffensysteme besitzen Klassencharakter, das Militär – letzten Endes das Rückgrat der Staatlichkeit, Gewalt – der Anfang und das Ende des Rechts, an dem es friedfertigen BürgerInnen so viel liegt, so hätte das wohl Ekkehart Krippendorf formuliert. Man/frau kann sich also was denken beim Lesen von „Ohne Partei weder Gedanke noch Tat“. Man kann an rätekommunistische Staats- und Parteienkritik eines Cajo Brendel denken; an Pannekoeks Erledigung des sog. Marxismus-Leninismus als Theorie und Praxis der bürgerlichen, aber nicht der proletarischen Revolution in der sog. 3. Welt; an Norbert „Knorfo“ Kröcher, der die Frage danach, ob alle radikalen sozialen Bewegungen erst einmal als partei- und staatsunabhängige entstehen und fortbestehen, mit der rhetorischen Gegenfrage, ob der Bär in den Wald scheiße, beantwortet hatte. An die Überlegungen eines Johannes Agnoli zum Klassenkampf in den institutionalisierten Formen der „wehrhaften Demokratie“. Gut, wenn man/frau es sich dabei selbst denken kann, denn von klügeren Genossen wie Dath erfährt man/frau solche Sachen nicht. Eher das, was seinem deutschen Herz an der Revolution so teuer ist: der

Sozialismus als Staatenverbund wie als Parteigedanke(n).

Hat Dath sich einmal warmgeschrieben, purzelt es immer schöner heraus:

Der linke Flügel des Antikommunismus, soweit es so etwas gibt, zitiert bekanntlich bis heute Luxemburg mit kritischen Sätzen gegen Lenin und dessen Parteikonzeption, in denen sie für robusteren, freieren innersozialistischen Streit eintritt als die junge, von innen wie außen tödlich bedrohte Sowjetunion zuließ. Was man jedoch lieber nicht zitiert, ist etwa der glasklare Gedanke: „Das deutsche Proletariat braucht heute an seiner Spitze eine sozialistische Partei, die der großen Stunde gewachsen ist.“ Dieser Satz wurde veröffentlicht am 3. Dezember 1918 in der „Roten Fahne“, Überschrift: „Die ‚unreife‘ Masse“. Die Anführungszeichen in der Überschrift sollten davor warnen, dass sich eine Führung, die taktiert, paktiert und versagt, auf den mangelnden Reifegrad der von ihr schlecht angeleiteten Masse herausreden könnte – eine Warnung, die nichts von ihrem Wert verloren hat. Diejenigen, die aus Rosa Luxemburg im Nachhinein eine bürgerliche Liberale im roten Kostüm machen wollen, können kaum ertragen, daran erinnert zu werden, wo sie wirklich stand, nachzulesen in einem Fragment aus der Zeit ihrer Auseinandersetzung mit der russischen Revolution: „Worauf es ankommt, ist, das eigentliche Problem dieser Periode zu begreifen. Dieses Problem heißt: Diktatur des Proletariats, Verwirklichung des Sozialismus.

Und der Personenkult vom feinsten:

Damit vollzog sich in diesen beiden außergewöhnlichen Menschen an einem historischen Scheitelpunkt die sozialistische Ideengeschichte als Bewegungsgeschichte und darüber hinaus diese Bewegungsgeschichte als Parteigeschichte…

Die Frage aber, wie sie seit dem Anfang dieser Debatte überall auftaucht, wo diese nur geführt wird, lautet in etwa: Wenn die Massen bzw. die Verhältnisse aber „reif“ sind, warum dann diese Avantgarden-Partei, die sich vor die Masse setzt? Wir können das geneigte Publikum an Michail Bakunin und seine ParteigängerInnen (hehe) in der 1. Internationale erinnern, oder vielleicht doch lieber an die Organisationsdebatte in der bolschewistischen (damals noch der Sozial-Demokratischen) Partei selbst, während welcher Trotzki klipp und klar die autoritären Organisationsansichten Lenins zerlegt hat:

Kein Zufall, sondern sehr charakteristisch ist die Tatsache, dass der Führer des reaktionären Flügels unserer Partei, Genosse Lenin, in der Aufrechterhaltung der taktischen Methoden einer Karikatur des Jakobinismus psychologisch genötigt war, eine Definition des Sozialdemokratie zu geben, die nichts anderes darstellt als einen theoretischen Anschlag auf den Klassencharakter unserer Partei. Ja, einen Anschlag, der keineswegs weniger gefährlich ist als die kritizistischen Ansichten irgendeines Bernsteins. (Schriften zur revolutionären Organisation, 1904)

Der hauseigene Märchenonkel der DKP kann uns gerne weiterhin über den innersozialistischen Streit belehren, der die junge Sowjetunion von innen bedroht hat. Und uns bei Gelegenheit noch aufklären, ob das Gefahr-Argument jemals aufhört, die innerlinke Repression zu rechtfertigen. Oder vielleicht mal erklären, warum wir uns im Jahre 2019 in Mittel- oder Westeuropa noch an solche Gebote halten sollen. Ein paar Tage später erledigte er in derselben UZ mit klaren, präzisen Worten Pappkameraden in Gestalt von „Quatschköpfen“ von einem „linksliberalen anarchistischen sponti-linksradikalen Radiosender“ aus Freiburg. So wird wohl diese Debatte dann aussehen.

Dabei hat man/frau sie sogar mal im deutschen Fernsehen geführt:

Dutschke: Wir erheben nicht den Anspruch, die Gesamtbevölkerung aufklären zu wollen. Wir wissen, daß im Augenblick Minderheiten aufgeklärt werden können, aber Minderheiten, die geschichtlich die Chance haben, Mehrheiten zu werden. Heute sind wir nicht sehr viele. Aber das schließt doch nicht aus, daß immer mehr Menschen, besonders jetzt am Ende des sogenannten Wirtschaftswunders, besonders jetzt, wo international viele Ereignisse anstehen, die also bewußtseinsfördernd sind, warum soll das ausschließen, daß viele Menschen vielleicht unsere Einsichten als richtige begreifen.
Gaus: Ich habe zwei Bemerkungen dazu zu machen. Erstens: Wie wollen Sie es vermeiden, daß auch Sie in der Gefahr untergehen, als Minderheiten-Revolutionsbewegung Mehrheiten unterdrücken zu müssen, wenn Sie jemals an die Macht kommen würden? Wie wollen Sie die Gefahr vermeiden, der die anderen Revolutionen nach Ihrer eigenen Definition unterlegen sind? Nachdem Sie zugeben müssen, daß Sie ja jetzt nur mit einer Minderheit operieren können.
Dutschke: Heute können Minderheiten – heute können nur rechte Minderheiten siegen, aber nicht linke Minderheiten. In Griechenland konnte eine rechte Minderheit siegen. Aber es wird keinen Sieg linker Minderheiten heute im organisierten Spätkapitalismus geben können, wo die internationale Konterrevolution alle Bedingungen eingebaut hat, um Minderheitenrevolutionen zu vermeiden. Das ist gut, das ist richtig.
Gaus: Das heißt, die konterrevolutionäre Bewegung erspart Ihnen die Gefahr …
Dutschke: … so zu werden wie die Bolschewiki.

Wie auch immer, nehmen wir es dem guten Mann nicht übel, es ist schon in der Geschichte vorgekommen, dass das Kunstwerk sich als klüger herausstellte als der Künstler. Es ist ein Symptom der Zeit, dass allerlei „sozialrevolutionäre“, „maoistische“, „plattformistische“ und „neokommunistische“ Sekten überall entstehen, dass sogar die angehende Bildungsbourgeoisie glaubt, es gehe unmittelbar voran, wenn man/frau nur die DKP in die KPD zurück umbennent, dass die DDR- und UdSSR-Duseligkeit unter den sog. IdeologiekritikerInnen grassiert. Es passiert etwas, die Debatte um die angemessene Organisationsform der Gesellschaftskritik wird noch fortgeführt. Wir danken Dietmar Dath für seinen wertvollen Beitrag dazu und hoffen weiterhin auf erstklassige Science-Fiction (oder soll man es „Social-Fiction“ wie bei Ursula le Guin nennen? Übrigens auch so ‘ne „linksliberale anarchistische sponti-linksradikale“ und „Quatschkopf“-Tante, also beste Empfehlung!) aus seiner Feder.

P.S. Und der Antikommunismus hier nicht zu vergessen –

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3 Gedanken zu “Der linke Flügel des Antikommunismus, Pulsarnacht der revolutionären Vernunft

  1. Pingback: Der linksverwirrte Flügel des Antikommunismus | Das grosse Thier

  2. Der Vorwurf, erhoben von einem Linken, dass ein anderer Linker sich durch Unterlassung wahrhaft revolutionärer Tätigkeit hervortue, kann niemals von jemanden erhoben werden, der revolutionär tätig ist. Wer das ist, hat diese Probleme nicht. Der Vorwurf wird also nur richtig, wenn er von allen Linken gegen alle Linken erhoben wird. Vielleicht begreifen sie dann, dass sie alle miteinander nicht revolutionär sind. Und vielleicht änderten sie es dann.

    • das ist wiederum nur dann richtig, wenn man annimmt, dass alle linken dasselbe ziel haben. wofür eigentlich nichts spricht.

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