Vier Jahre in der Donezker Volksrepublik. Ein ukrainischer Bergarbeiter berichtet

Das Interview haben wir vom anarchistischen Portal situazion.info aus Russland übernommen, um wieder ein Stimmungsbild aus den ostukrainischen Gebieten – nach fünf Jahren Krieg –  einzufangen. Und das tut das Interview unseres Erachtens durchaus gut. Was der Kollege denn ansonsten nicht aus der Arbeitersicht, sondern aus der Sicht eines Anarchisten von sich gibt, lassen wir unkommentiert. Sucht euch selbst was aus, weswegen ihr die Hände über euren Köpfen zusammenschlagt. – das GT

Dmitry ist 26. Von 2015 bis 2019 arbeitete er im «Bergbaubetrieb A.F. Sasjadko» in Donezk. 2019 zog er nach Kiew. Er war Zeuge vieler Ereignisse, die in Donezk in jener Zeit stattfanden: Er erlebte die Entstehung der Donezker Volksrepublik (DVR), sah den Krieg, sah, wie seine Kollegen im Betrieb darauf reagierten. Aus verständlichen Gründen möchte er unerkannt bleiben. – situazion

Wie groß ist die Belegschaft eures Bergbaubetriebs?

Sie ist groß, über dreitausend Arbeiter.

Wem gehört die Kohlengrube?

Der Besitzer war und bleibt Jefim Leonidowitsch Swjagilski. Er saß in allen Legislaturperioden im ukrainischen Staatsparlament. Er ist der älteste aktive Politiker. Dass er der Besitzer „war und bleibt“, habe ich nicht ohne Grund hervorgehoben. Am 1. März 2017 hat die Donezker Volksrepublik alle ukrainischen Unternehmen nationalisiert und ihnen den Status von Staatsbetrieben der DVR zugesprochen. Das alles aber hindert Jefim Leonidowitsch nicht, mit seinem persönlichen, mit Maschinenpistolen bewaffneten Sicherheitsdienst in das von der DVR kontrollierte Territorium zu reisen und interne, technologische Probleme im Betrieb zu lösen.

War der Lohn in Ordnung? Konnte man mit diesem Lohn eine Familie unterhalten?

Unser Lohn ist gut, aber gering“ ist der Lieblingsspruch der Bergleute. Die Lebensmittelpreise in Donezk sind genauso hoch wie in Moskau. Die Löhne betragen aber nur etwa 15.000 bis 25.000 Rubel (etwa 200 bis 350 Euro – A.d.Ü.), das hängt vom Beruf und der Arbeitsnorm ab. Manchmal hatten manche Brigaden bis zu 30.000, das sind aber Sonderfälle. Macht euch also selbst ein Bild davon. Früher waren die Löhne in „Sasjadko“ etwa 1000 bis 1500 US-Dollar.

Wie waren die Arbeitsbedingungen, also Sicherheitsvorkehrungen, Amortisierung der Arbeitsmittel usw.?

Man kann beim Arbeiten nie alles nach Sicherheitsnormen machen. Im Allgemeinen hat man auf die Arbeitssicherheit schon mehr oder weniger gut geachtet. Die Mine „Sasjadko“ ist nicht das schlechteste Beispiel was die Arbeitssicherheit in den Kohlegruben des Donbass angeht.

Hat die Grube von 2014 bis 2019 gearbeitet? Gab es Unterbrechungen wegen Kriegshandlungen? Wie lang waren sie? Gab es Lohnzurückhaltungen?

Unterbrechungen wegen aktiver Kriegsführung gab es praktisch so gut wie nicht, ebensowenig bedeutende Nichtauszahlung der Löhne. In dieser Hinsicht ist es natürlich der Verdienst der guten Betriebsorganisation, denn in den anderen Bergbaubetrieben haben sich beachtliche Schulden angesammelt und wurden bis heute nicht abgebaut. Es kam mal zu Unterbrechungen wegen Materialknappheit, weil der Nachschub nicht schnell genug transportiert werden konnte. Verstöße bei der Gewährleistung des gesetzlichen Urlaubs und der Auszahlung des Urlaubsgeldes – auch das gab es. Arbeitszeiterhöhungen ohne Lohnerhöhungen – gab es. Die eine Summe versprechen, die andere zahlen – kam vor. Dass der Lohn nicht gezahlt wurde, gab es allerdings nie.

Wie änderte sich die Stimmung unter den Kumpeln während der Ereignisse zwischen 2014 und der Zeit, als du das Donezker Gebiet verlassen hast?

Ich beschreibe mal ganz kurz das Stimmungsbild nicht nur unter den Kumpels, sondern in ganz Donezk insgesamt. Ich persönlich kenne niemanden, der ursprünglich die Ukraine unterstützt und dann mit der DVR sympathisiert hat. Aber ich habe öfters miterlebt, wie die DVR-Unterstützer angefangen haben, sich offen und sehr negativ über die DVR zu äußern. Ich habe persönlich mit einem russischen Staatsangehörigen, einem Elitesoldaten gesprochen, der aus ideologischen Gründen nach Donezk gekommen ist, um zu kämpfen, dann aber angefangen hat, dieses Gebilde als „Bananenrepublik“ zu bezeichnen. Er versuchte zu kündigen und nach Hause zu fahren, dies wurde aber unter diversen Vorwänden stets abgelehnt. Solche Beispiele sind zahlreich. Die Hauptbasis der DVR-Unterstützer sind Leute, die der DVR leben – auf Kosten ebenjener Bergbauarbeiter. Die anderen überleben einfach und warten auf das Ende des Konflikts.

Warst du anwesend auf der Versammlung, auf der die DVR ausgerufen wurde? Falls ja, beschreibe bitte deine Eindrücke.

Diese Versammlungen fanden sehr oft statt. Ich habe sie von außen gesehen. Was für Eindrücke kann man da haben… Normale StadtbewohnerInnen erschienen, um zu sehen, woher der Lärm kommt, und bezahlte AktivistInnen mit russischen und DVR-Fahnen haben für die bildliche Untermalung gesorgt. Ich weiß noch, wie sie verstockt und unsicher in der Ecke des Platzes standen. Erst mit der Zeit, mit Propaganda und großem Geld sind sie zu den Leuten geworden, die sie heute sind.

Kam jemand von deinen Nächsten, Bekannten oder Freunden im Verlauf der Kriegshandlungen zu Schaden?

Beschädigte gibt es! Sowohl Tote, als auch Verwundete und Verkrüppelte.

Gab es zwischen deinen Kollegen Konflikte aufgrund politischer Überzeugungen, wegen Unterstützung bzw. Nichtunterstützung der DVR, Unterstützung bzw. Nichtunterstützung der Geschehnisse auf dem Majdan, der damaligen und der neuen Regierung Poroschenkos?

Nein, unter den Arbeitern gab es während dieser Zeit keinen einzigen politischen Konflikt. Na, ich habe alles nicht miterlebt. Das sind sehr optimistische und fröhliche Menschen. Und unter den Bergarbeitern habe ich keine überzeugten DVR-Unterstützer oder Ukrainegegner kennengelernt. Viele Witze und unterschiedliche Aussagen über den Konflikt im Allgemeinen. Die Leute sind einfach zu Geiseln der Situation geworden.

Gab es solche Konflikte unter den BewohnerInnen von Donezk?

Von solchen Konflikten unter den StadtbewohnerInnen habe ich nichts gehört. Aber die wird es sicherlich gegeben haben. Diese Prozesse werden im Übrigen von der Willkür der hiesigen Polizei gebremst. Viele haben einfach Angst, ihre Meinung auszusprechen.

Die russische Propaganda bezeichnet manche Abteilungen des Milizheers der DVR/LVR (die sogenannte Lugansker Volksrepublik – A.d.Ü.) hartnäckig als «antifaschistische internationale Brigaden». Gemeint sind einige EU-Bürger «kommunistischer» Überzeugung, die gekommen sind, um an der Seite der DVR/LVR zu kämpfen. Inwiefern ist so eine Bezeichnung wie die von den «antifaschistischen internationalen Brigaden» zutreffend? Bist du solchen ausländischen «Linken» schon mal begegnet? Was hältst du von deren Positionen?

Keine Ahnung, was die Linke aus dem Ausland angeht, aber russische Rechte gibt es hier mehr als genug! In der DVR-Armee kann man alle möglichen Leute treffen: ordentliche Soldaten und Offiziere der russischen Armee, russische Militärberater, hiesige Rechte und Alkoholiker und andere Marginalisierte aus Donezk; außerdem noch Söldner, die ihr Leben lang von einem Krisenherd zum anderen ziehen, Tschetschenen und andere „Freiwillige“. Aber es kann hier von keinem Antifaschismus und menschlicher Befreiung die Rede sein. In der Volksrepublik sieht man wenig vom Volk. Also sind die antifaschistischen Interbrigaden eher noch ein weiterer Propagandatrick, um die „faschistische“ Ukraine in einem noch drastischeren Licht darstellen zu können.

Haben sich viele Kumpel, deine Kollegen, dem Milizheer der DVR angeschlossen?

Nein, niemand von meinen Arbeitskollegen ist in den Krieg gezogen.

Gab es welche, die gegen die DVR waren und versuchten, Widerstand zu leisten?

Ja, der Widerstand war da, den gibt es immer noch, aber in einer anderen Form. Im ersten Kriegsjahr hatte das Milizheer beinahe unbegrenzte Macht. Besonders streng kontrolliert wurde es nicht und es machte, was es wollte. Die Milizionäre liefen überall in der Stadt bewaffnet herum, in den Einkaufszentren, auf Kinderspielplätzen, konfiszierten Autos, plünderten verlassene Häuser. Selbstverständlich haben sie die Bevölkerung einfach mundtot gemacht. Gegen ein Maschinengewehr argumentiert man nicht.

Gab es Leute, die gleich zu Beginn das Donezker Gebiet verlassen haben?

Die ersten Bombardierungen begannen im Somme und viele haben die Stadt sofort verlassen, bereits in den ersten Tagen. Niemand hatte geglaubt, dass das passieren würde. Gestern noch eine Millionenstadt voller Möglichkeiten, die sich entwickelte und frei atmete, heute explodieren Kanonengeschosse und es sterben die ersten Opfer. Viele dachten, es sei schnell zu Ende, und fuhren ans Meer. Dem war aber nicht so…

Warst du RKAS-Mitglied? (Revolutionäre Konföderation der Anarcho-SyndikalistInnen, aktiv von 1994 bis 2014 – A.d.Ü.) Wie lange?

Ich bin seit 2010 RKAS-Mitglied.

Hast du versucht, als RKAS-Mitglied deine Kollegen zu agitieren? Wie erfolgreich warst du dabei?

Nach der Besetzung von Donezk hat man jeglichen Dissens ohne Gerichtsverfahren unterbunden. Jede Unzufriedenheit wäre als Unterstützung der „Ukrofaschisten“ gewertet worden und man hätte sehr leicht zu den „Ukrainern“ gezählt werden können. Jetzt ist es ein bisschen besser geworden, damals war es richtig mittelalterlich. Ich habe nicht agitiert, eher so private Gespräche geführt.

Gab es eine Gewerkschaft im Bergbaubetrieb? Was für eine? Wie gut war sie in der Belegschaft verankert? Worin bestand ihre Arbeit?

Die Gewerkschaft im Betrieb ist genau wie in den anderen Staatsbetrieben. Seit der Sowjetzeit haben sich ihre Funktionen kaum verändert: Urlaubsreisen, Freitickets, Geschenke für Kinder. Sie befasst sich mit den unterschiedlichsten Problemen von Bergarbeitern, sammelt Gelder, Blutspenden für verwundete Kollegen oder ihre Angehörigen, hilft bei der Organisierung von Begräbnissen. Um zur Organisierungsfrage zurückzukommen: Die Arbeiter helfen immer ihren Kollegen, selbst wenn sie sich persönlich nie gekannt haben. Jeder gibt, was er kann.

Kam es im Betrieb zu Arbeitskonflikten? Hast du an welchen teilgenommen? Mit welchem Resultat?

Arbeitskonflikte gehen nie über wüste Beschimpfungen hinaus. Leute verfluchen einander, zehn Minuten später scherzen sie zusammen. Das ist ganz normal und weit verbreitet.

Was denkst du über die Organisationsfähigkeit der ArbeiterInnen im Kampf für ihre ökonomischen Interessen, für Lohnerhöhungen und Verbesserung von Arbeitsbedingungen? Was fehlt dieser Selbstorganisierung?

Die Fähigkeit der ArbeiterInnen, sich selbst zu organisieren, ist ziemlich hoch. Höher als bei vielen ideologisierten „true-Linken“. Ich glaube, das ist die wichtigste Kraft der libertären Revolution. In ihren Herzen schlummert echte Wut und Stärke des betrogenen Volkes. Sie lassen sich nicht bestechen und wollen nicht viel. Nicht alle sind so, aber viele. Die Hauptprobleme sind, wie man diese Wut richtig kanalisiert, die finanzielle Unterstützung, der Ressourcenmangel. Dann finden sich schon sowohl eigene Anführer, als auch eigene Propagandisten und Macher. Während der DVR-Zeit gab es zwei Selbstorganisierungsversuche, beide sind aber an Ressourcenmangel gescheitert. Das eine Mal ließ „Genosse Sachartschenko“ zwei Minivans voller Bewaffneter vor dem Betrieb auffahren, dann hat‘s auch aufgehört. Nach etwa einem Monat aber waren die Forderungen der Arbeiter erfüllt. Das zweite Mal schickte man StudentInnen mit Luftballons, Flaggen, Plakaten und Musik zu einem Sportfest auf den Lenin-Platz, wo sich Arbeiter aus allen Bergbaubetrieben versammelt hatten. Die Bergleute sind einfach in dieser unheimlich fröhlichen Veranstaltung untergegangen. Außerdem hat man ihnen mit Waffen gedroht.

Warum bist du persönlich nach Kiew gezogen? Wann was das?

Warum verließ ich die DVR? Man bekommt keine gute Arbeit, kein gutes Geld, Banken gibt es kaum. Bahnhof und Flughafen sind zerstört. Man hat das Gefühl, in einem Reservat zu leben. Es gibt keine Meinungsfreiheit, unabhängige Gewerkschaften sind verboten, überhaupt darf man keine Agitation betreiben, wenn ihre Inhalte den Ansichten der Obrigkeit widersprechen. Ab 23 Uhr gilt polizeiliche Sperrstunde, Jugendliche kriegen dort keine Luft zum Atmen. Ich sehe dort keine Perspektiven für berufliche Karriere oder persönliche Entwicklung. Außerdem finde ich dort keine Verwendung für mich als Anarchist. Aus diesen Gründen bin ich im Frühjahr 2019 nach Kiew gezogen.

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