0

Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Chemnitz

Irgendwie zufällig erinnert, ist jedenfalls eine witzige Anekdote aus dem Kapitel über Johann Most: die proletarische Spassguerilla gegen Chemnitzer Mordspatrioten. Der nationalistische Mob, völkische Schullehrer und sogar die kostenlosen Konzerte sind zumindest wieder da. Der Counterpart dagegen noch nicht.

Im neuen deutschen Kaiserreich war der 2. September >der Sedantag<; die patriotischen Bürger feierten die Schlacht, in der über 80000 Menschen niedergemetzelt wurden und Preußen den Sieg über Frankreich davontrug. Die Chemnitzer Nationalisten wollten ihre Stadt im schönsten Patriotismus erstrahlen lassen und hatten um massenweise Beflaggung der Häuser ersucht. Dort, wo die Bürger wohnten, hingen auch die dreifarbigen Lappens wie Most sie spöttisch nannte, zum Fenster hinaus: Schwarzweißrot. Die Proletarierfamilien waren jedoch seiner Empfehlung gefolgt und hatten statt dessen ihre Steuerbescheide zu langen Fahnen zusammengeklebt und damit >geflaggt<. Am Giebel des Redaktionshauses der >Chemnitzer Freien Presse< wehten zwei schwarze und eine rote Fahne, und im Wirtshaus >Zur Stadt Köln< versammelten sich die Arbeiter, die an diesem Tage freihatten. Am Nachmittag gab die Stadtverwaltung ein >Freikonzert<, und fein herausgeputzte Familien spazierten in Kirmesstimmung zu den Bierzelten und auf die öffentlichen Plätze. Eine >Festzeitung< wurde überall verteilt, und man schwelgte in vaterländischem Hochgefühl. Um so herber war die Enttäuschung, als die feinen Leute im Gehrock entdecken mußten, daß die Festzeitung eine Mostsche Fälschung war und von A bis Z ein Hohn auf die > Sedanerei<…
Das war aber erst der Anfang. Für den Abend war ein deutschnationaler Fackelzug angesagt, und auf den Balkonen, an Erkern und Fenstern warteten die besseren Bürger mit Bowle, schwarzweißroten Fähnchen undFeuerwerk auf das Defilee von Feuerwehr, Militärkapelle und Honoratioren. Die Sozis aber waren fixer. Sie hatten selbst mehrere Züge gebildet, die nun, von verschiedenen Seiten her, auf den Marktplatz marschierten. Es war schon dämmrig, und so kam es, daß die nicht mehr ganz nüchternen Bourgeois glaubten, der Fackelzug rücke an. Sektkorken knallten, Hüte wurden geschwenkt, bengalische Feuer abgebrannt und den demonstrierenden Sozialisten scholl ein vielstimmiges »Hurra!« entgegen. An der Spitze eines jeden Zuges stand auf einem Spruchband: »40 000 Todte auf deutscher Seite, mehr noch erschlagene Franzosen; die Verwundeten sind zahllos; und solche Schmach bejubelt die Bourgeoisie. Nieder mit den Mordspatrioten!« – »Bravo!« brüllten die Mordspatrioten zurück. »Hoch die Soziale Revolution!« skandierten die Demonstranten – »Hoch! Hoch! Dreimal Hoch!« kam es von den Balkonen retour. Erst das schallende Hohngelächter klärte die Reichsschwärmer über ihren peinlichen Irrtum auf. Als dann etwas später der richtige Fackelzug folgte, ein mickriger Haufen im Vergleich zur Sozialistendemo, war die Hochstimmung schon verflogen.
Die Arbeiter hatten den Marktplatz mittlerweile regelrecht besetzt und ließen dem Fackelzug gerade noch eine Gasse, durch die er auf die Mitte des Platzes gelangte. Dann wurde die »Nachtwächter-Prozession vom Volke umzingelt«, wie Most angeregt berichtet, und es dauerte auch nicht lange, da wurde die unvermeidliche >Wacht am Rhein< intoniert. Tausende Proletarierkehlen brüllten mit:
»Heran, heran, Du kühne Schar!
Es bläst der Sturm, es fliegt das Haar.
Ein Ruf aus tausend Kehlen braust,
Zum Himmel hoch ballt sich die Faust.
Es wirbelt dumpf das Aufgebot;
Es flattert hoch die Fahne roth;
-Arbeitend leben oder kämpfend den Tod!«
Die Stadtväter leerten auch diesen Leidenskelch mit bitterer Miene, und alsbald erklomm ein Realschulmeister die Tribüne und langweilte die Zuhörer mit vaterländischen Bandwurmsätzen. »Auf, nach dem Schützenplatz!« hieß nun die Parole, »Most wird sprechen!«
Zurück blieb das Häuflein Patrioten, während Johann Most vor den Toren der Stadt die internationale Verbrüderung aller Völker gegen Tyrannen und Ausbeuter predigte.

Aus „Leben ohne Chef und Staat. Träume und Wirklichkeit der Anarchisten“ von Horst Stowasser, 1986. Gibt’s z.B. hier.

 

 

Advertisements
0

Über „Maoismus“ und „Neomaoismus“

(Dieser Artikel aus dem aktuellen Heft: sehr gut. Den wollen wir nicht länger zurückhalten, denn das wäre: nicht richtig. – GT)

von Maxine

1
Seit den letzten drei Jahren treten auf der Bühne des linksradikalen Spektakels „neomaoistische“ Gruppen in Deutschland und den USA auf (1). Als „Neomaoismus“ bezeichnen wir diese neuere Strömung, weil sie sich auf die Ideologie und Politik des „Maoismus“ beruft bzw. sich selbst als der Ideologie des „Marxismus-Leninismus-Maoismus“ folgend deklariert. Uns interessiert in diesem Zusammenhang die Frage, warum und wie die von Mao Tse-tung gebildete und politisch verkörperte Ideologie heute (scheinbar) noch einen Anziehungspunkt für sich subjektiv als revolutionär verstehende Individuen bildet und in welchem Verhältnis der „Neomaoismus“ zum historischen „Maoismus“ steht.
Schon die Bezeichnung „Maoismus“ ist fragwürdig, denn unter diesem Label werden widersprüchliche politische und ideologische Formen zusammengefasst. Mao selbst hatte nie explizit einen „Maoismus“ gebildet, sondern verstand sich als Verteidiger und Fortsetzer eines authentischen revolutionären Marxismus-Leninismus im Gegensatz zu dem, was er als „modernen Revisionismus“ (die sowjetische Form des Marxismus-Leninismus) bekämpfte. In China sprach und spricht man vom „Mao-Zedong-Denken“ oder den „Mao-Zedong-Ideen“.
Um die Fragen zu beantworten, muss die Sache in ihrer historischen Entwicklung dargestellt werden. Dann kann auch das Phänomen des „Neomaoismus“ verstanden werden. Hier kann nur ein kurzer Überblick geliefert werden.

2
Die „Partei Mao“ (verstanden als die Parteigänger der von Mao entwickelten politischen und ideologischen „Linie“) ist nicht identisch mit der KP China. Sie ist letztendlich nur als Produkt der über hundertjährigen chinesischen Revolutionsgeschichte (beginnend mit dem Taiping-Aufstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts) zu verstehen und bildete sich vor dem Hintergrund der Folgen der russischen Revolution und des weltrevolutionären Anlaufs von 1917ff heraus.
Mao hatte nie die Stellung eines allmächtigen Herrschers in der KP China inne, sondern befand sich zeit seines Lebens permanent in Auseinandersetzung mit anderen Fraktionen der Partei sowie im internationalen Maßstab mit der KPdSU bzw. der KomIntern, was sich in seiner tragenden Idee des „Kampfes zweier Linien in der Partei“ ausdrückte. Er erkannte die „Bauernfrage“, d.h. den Widerspruch zwischen der Klasse der bäuerlichen Produzenten und der landbesitzenden, die Bauern unmittelbar ausbeutenden Klasse als das grundlegende ökonomische Verhältnis der chinesischen Gesellschaft. Ohne der Arbeiterklasse ihre Rolle als „führende Klasse“ der Revolution in China abzusprechen, bestimmte er die Bauern als ihre „Hauptkraft“. Damit stellte er sich gegen die linke Fraktion der Partei, die schematisch allein der Arbeiterklasse eine revolutionäre Rolle in China zusprach; eine Linie der strategischen Offensive in den wenigen proletarischen Zentren, die sich mit dem Desaster der Shanghaier Kommune von 1927 erledigt hatte. Verantwortlich für die katastrophale Niederlage war auch das von Moskau verordnete Bündnis mit der Kuomintang als angeblicher Repräsentantin der fortschrittlichen „nationalen Bourgeoisie“ (im Gegensatz zur „Kompradorenbourgeoisie“). Infolge dieser Niederlage, von der sich die chinesische Arbeiterbewegung nie mehr erholen sollte, zog sich die KP China auf das Land zurück, um einen von der Landarmut getragenen Guerillakrieg zu führen.
Hinzu kam in China als halbkolonialem Land das Problem des antiimperialistischen Kampfes um nationale Unabhängigkeit, zugespitzt im antifaschistischen Krieg gegen Japan ab 1937. Maos Verdienst bleibt, dass er (wieder gegen den Widerstand in der eigenen Partei) durch die Spaltung der Kuomintang eine antifaschistische Allianz herausbilden und dem Vorrücken der Japaner in China Widerstand entgegensetzen konnte. Dass das Militär der USA während des Zweiten Weltkriegs Kontakt mit den chinesischen Kommunisten aufnahm, ist ein Indiz ihrer militärischen Bedeutung für den „Pazifikkrieg“ und indirekt auch für den europäischen Kriegsschauplatz.
Dieses Bündel von Widersprüchen in China wurden noch „überwölbt“ durch das Verhältnis zur sozialimperialistischen Sowjetunion unter Stalin, der von seinen Ideologen den Marxschen Begriff der „asiatischen Produktionsweise“ manipulatorisch liquidieren ließ. Dabei hatte die Frage nach den ökonomischen Grundlagen der chinesischen Gesellschaft eine entscheidende politische Bedeutung. Stalin unterstützte die Partei der Kuomintang, den Feind der KP China, bis zum Ende des Bürgerkrieges 1949, weil sie in einem angeblich feudalen Land wie China eine revolutionäre Kraft darstellen würde. Zwischen Mao und Stalin bestand angesichts dieser bleibenden politischen Widersprüche ein permanenter Konflikt, der letztendlich erst stellvertretend in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion in den 1960er Jahren und in der Kritik am „Chruschtschow-Revisionismus“ zum Vorschein kam.
Bekannt ist Mao vor allem aufgrund des „Großen Sprungs nach vorne“ ab 1957, einem „Experiment“, das ungefähr 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Im Unterschied zur Industrialisierung in der Sowjetunion, die mit terroristischen Mitteln gegen die Bauern durchgesetzt wurde, sollten in China Landwirtschaft und Industrie in einer nichtantagonistischen Weise entwickelt werden. Es wurden auf staatliche Initiative von oben überall Volkskommunen gebildet und die berühmten ineffizienten Schmelzöfen aufgebaut, mit denen weitgehend unbrauchbares Stahl produziert wurde. Während man offiziell den nahen Übergang zum Kommunismus prophezeite, ereignete sich die wahrscheinlich größte Hungerkatastrophe der Weltgeschichte. In dieser Hinsicht war Mao ein guter Schüler von Stalins linkem Voluntarismus. Trotz der Kritik an der Sowjetunion („Das machen wir anders als Moskau“) handelte es sich auch in China um eine gigantische Staatsdespotie und Staatssklaverei. Weiterlesen

0

Komplizen

Die FAZ hat sich die Doktorarbeit des Ordnungmanns angesehen und zitiert aus einer Rezension (Lübbe-Wolff AöR 2000, 154): Der Autor lässt

sich „auch abgelegenste Bedrohungsszenarien“ einfallen …, „wenn es um den effektiven Schutz der Staaten vor unerwünschter Zuwanderung geht“: etwa „die Besorgnis, dass Asylrechtsgewährleistungen von Verfolgerstaaten gezielt zur Destabilisierung eines Aufnahmestaates durch massenhafte Flüchtlingsproduktion genutzt werden könnten“.

Das, deutet die FAZ an, war es auch, was Leute wie Maaßen 2015 umgetrieben habe. Das ist interessant genug, um eine kleine Frage zu stellen.

Wenn das so war; wenn Maaßen und andere seiner Sorte hier das Handeln auswärtiger Mächte gesehen haben, etwa die gezielten Vertreibungen durch Assad, oder den Versuch Erdogans, Europa unter Druck zu setzen: warum hat er das nicht ausgesprochen? Es wäre 2015 sehr einfach gewesen, die gesamte Flüchtlingspolitik auf einer gleichzeitig humanitären und legalen Basis einzurichten, ohne einen gesellschaftlichen Konflikt daraus zu machen.

Warum stattdessen die heimtückischen Intrigen, die Protektion der AfD, das methodische Säen von Ängsten vor den Flüchtlingen? Weil man sich auf keinen Fall mit Erdogan oder mit Assad anlegen wollte, weil man von der bestehenden Weltordnung und ihren Regimen soviel wie nur möglich retten wollte. Leute wie Maaßen betrachten die Syrienflüchtlinge und die türkische Opposition im Grund genauso als Unruhestifter, als gefährliche Elemente, wie Assad und Erdogan das tun.

Das ist Komplizenschaft. Das ist ein und dieselbe Sorte Gegner. Und sie streiten es gar nicht so sehr ab.

0

Die Einsendungen Teil II

Man könnte auch sagen „Anti-westliche Islamkritik II“.

Wir sind bereits beschuldigt worde, es übermässig spannend zu machen, weil anscheinend alle ausser uns die Auflösung eh schon kennen. Aber wir haben wirklich Einsendungen sehr verschiedener Art bekommen, und man musste die erst ein bisschen sortieren.

Das hier dürfte erstmal Beweisstück A sein:

Soros! Quelle surprise. Wie sagte Thomas von der Osten-Sacken so schön:

Und dann wäre da noch diese anti-Soros Kampagne: … Hinter all diesen Phantasien steckt eine nur allzu bekannte Vorstellung: Es seien sinistere Kräfte in den USA, Israel und dem vermeintlichen Weltjudentum, denen es um die Zerstörung der bestehenden Ordnung voranzutreiben. Ihre Waffe sind dabei auch Islamisten und/oder muslimische Flüchtlinge.

Usw. Oder man kann auch sagen:

Dass bisher niemandem eingefallen ist, die Rolle der jüdischen Hintermänner mit Sunniten zu besetzen (ausser General Flynn), hat historische Gründe; und genau das ist der Garant dafür, wo das alles enden wird, ob es unsere Islamkritiker wollen werden oder auch nicht.

Und man kann sich auf mehr, auf viel mehr gefasst machen, was aus dieser Richtung noch kommen kann. – Martin Stobbe scheint überdies ein ohnehin sehr nationaler Mann zu sein:

„Wir, als Deutsche“, das ist eine Sprache, die man von Bahamas-Autoren früher eher selten gehört hat. Was „uns, als Deutschen“ wohl noch alles einfallen wird?

So, das ist natürlich erst mal der eine. Es war ja noch die Rede von einem anderen. Der ist ein etwas anderer Fall. Das nehmen wir uns nächstes Mal vor.

1

Die Einsendungen Teil I

Die ersten Einsendungen unseres Gewinnspiels sind da, und auch wenn wir die meisten erst noch genauer anschauen müssen, gibts doch schon ein paar, die ausscheiden.

Das hier ist zwar ein Screenshot:

aber aus einer ganz anderen Geschichte, wie sich zeigt. Das hier ist vielleicht auch nicht das gesuchte:

Als Faschisten gleich! Na was nicht gar. Jedenfalls beides keine Gewinner. Es bleibt also spannend!

2

Das Grosse Thier bittet um Mithilfe

Dieses bemerkenswerte Stück Innenansicht aus der Welt des Bahamas-Fussvolks wirft eine interessante Frage auf. Und zwar diese Stelle:

nachdem ein Ba’hamas Autor von „globalistische(n) Freunde(n) islamischer Massenintegration“ schwadronierte, und meines Erachtens nach in übelster Tradition* einem Juden vorwarf, an der Zersetzung des Abendlandes mitzuwirken. Ich habe mal gelernt, dass genau das Antisemitismus ist. Autoren, denn es sprang ihm ein weiterer bei, derjenigen Zeitschrift, die zurecht immer linken Antisemitismus kritisiert hatte, scheinen auf dem anderen Auge blind zu sein.

Wir wären natürlich sehr daran interessiert, wer das war und was er gesagt hat, und wo man das findet. Ob in irgendeiner Druckausgabe (sng), oder wie üblich auf Facebook. Am schönsten wäre natürlich ein sauberer Screenshot.

Die Stelle trägt folgende Fussnote:

*Passage auf Wunsch des Herausgebers geändert.

Mit Herausgeber ist vermutlich Stefan Laurin gemeint. Wäre doch auch interessant, wie die Passage ursprünglich gelautet hatte. Wer kann dazu etwas beitragen?

1

Anti-westliche Islamkritik?

Und damit wäre ein zentrales Unterscheidungsmerkmal formuliert: Es gibt einerseits weltweit antiwestliche Islamkritik und dann eine, die sich unverbrüchlich den Ideen des Westens verpflichtet fühlt. Die einfache Frage lautet deshalb: Which side are you on?

Schreibt Thomas von der Osten-Sacken auf dem Blog der jungle world. Ich meine: wenn er schon dabei war, hätte er gleich noch Köpfe auf die Nägel machen können. Thomas, du hast mit den Typen doch eh abgeschlossen bzw. die mit dir; auf wen musst du Rücksicht nehmen, dass du nicht sagen kannst: es gibt so etwas wie antisemitische Islamkritik. Und damit meine ich gar nicht nur eine gewisse Hassliteratur der Hizbullah, wo man ganz ungeniert auf westliche Vorarbeiten aufbaut und den sunnitischen Salafismus direkt zu einer „talmudischen Sekte“ erklärt. Ja, das ist auch „Islamkritik“, und sie ist der christlichen übrigens in den theologischen Argumenten gar nicht unähnlich. Ich meine aber gar nicht nur diese.

Ich kenne da welche, die vor lauter „Verteidigung des Abendlands“ Islamkritik treiben, als wären sie Bruno Bauer und trieben „Kritik“ des Judentums. Wie weit ist das denn alles wirklich voneinander weg? Wieviel der heutigen „Islamkritik“ erinnert an antisemitische Auslassungen von früher über das traditionelle Milieu des osteuropäischen Judentums? Oder an Auslassungen unserer auf den St. Paulus immer so stolzen Gelehrten über den fanatischen Glauben an den toten Buchstaben des religiösen Gesetzes? Bei wie vielem, was sich gegen die Muslime richtet, kann man das Gefühl haben, es geht vorläufig nicht gegen die Juden?

Oder lass es mich andersrum probieren: Die Antideutschen haben jahrzehntelang an einer Kritik des Antisemitismus gearbeitet, und entweder das war alles umsonst, oder es sollte doch ein bisschen was davon stimmen. Irgendwas hiervon: der Antisemitismus ist nicht einfach dasselbe wie Rassismus; er tritt nicht einfach als Herrschaftsideologie auf, sondern als Welterklärungsmodell; er wandelt sich über die Epochen, nimmt neue Vorstellungen auf, maskiert sich, chiffriert sich; er kommt nicht aus Unwissen, und mit Argumenten ist ihm letztlich nicht beizukommen; er ist nicht eine Summe persönlicher Vorurteile, sondern eine gesellschaftliche Bewusstseinsform; er kommt bei Linken wie bei Rechten vor; er kommt ohne jeden Bezug darauf aus, was Juden tatsächlich sind und tun; und die, die ihm verfallen sind, streiten vehement ab, das zu sein, gerade weil sie sich hinter der jeweils neuen Maske des Antisemitismus verstecken können.

Wenn dies aber wahr ist, was hindert uns eigentlich, das Muster wiederzuerkennen? Unsere heutigen Islamkritiker argumentieren ja auch, wie sie selbst als erste betonen, keineswegs rassistisch, sondern erstens gegen eine bestimmte Religion, die aber dann doch zweitens wieder etwas viel allgemeineres ist als eine Religion, nämlich ein gesellschaftliches Verhältnis, Despotie oder Bandenherrschaft oder Nationalsozialismus; aber nicht als gesellschaftliches Verhältnis gefasst, sondern dann doch irgendwie von den einzelnen Angehörigen der konkreten Religion ausgehend.

Revoltierende Jugendliche etwa 2011 in England sind dann Beispiel von z.B. „Gangland-Islamismus“, auch ohne jeden muslimischen Hintergrund; „Islam“ wird auf einmal fast eine Metapher für „Bandenwesen“. Aber neben den wirklich bestehenden Banden, die gewissermassen qua Bande muslimisch sein sollen, auch wo diese aus Christen bestehen, gibt es dann noch die konkreten Muslime, die auch dann pars pro toto für „das Bandenwesen“ stehen, wenn sie selbst überhaupt nicht in Banden tätig sind, sondern z.B. ganz normale Leute. Man bezeichnet dann also den vermeinten Gesellschaftszerfall (in „die Banden“) als Islamisierung der Gesellschaft, aber genauso auch die Zuwanderung von wirklichen Muslimen.

Was ist das überhaupt für eine Logik? Gibt es irgendwelche anderen Leute, über die so geredet wird?

Auf die Weise verdoppelt sich das, was man als Feind ausgemacht hat, in den wirklich bestehenden und in eine Sorte von Leuten, die als dieser Feind gilt kraft Religionszugehörigkeit. Dann muss einem „der Islam“ nur noch zur Weltgefahr und zum uranfänglichen Endgegner werden, (☑) und man hat die Suppe zusammen. Die wirklichen und die bloss eingebildeten Gegner tauschen dann ihre Plätze: die wirklich handelnden Akteure des gesellschaftlichen Prozesses werden zufällige Randfiguren, die bloss eingebildeten Akteure werden zu den wirklichen Ursachen. Die allein noch nötige schattenhafte Macht im Hintergrund ergibt sich organisch aus dem ganzen Wahngebilde, wenn sich zeigt, dass der Staat vermutlich aus schwächlichem Liberalismus gegen diese Umtriebe nicht ausreichend einschreitet; dann fällt einem ein, dass er von sogenannten Globalisten durchsetzt ist, die selbst im Bunde mit „dem Islam“ stehen, und von sogenannten Gutmenschen oder Islamverstehern, die sich aus falsch verstandenem Liberalismus über die wahren Absichten „des Islam“ täuschen lassen.

Dass bisher niemandem eingefallen ist, die Rolle der jüdischen Hintermänner mit Sunniten zu besetzen (ausser General Flynn), hat historische Gründe; und genau das ist der Garant dafür, wo das alles enden wird, ob es unsere Islamkritiker wollen werden oder auch nicht. Bis zu diesem Punkt aber hat man eine Logik vor sich, die man genausogut bei Hitlers Lehrer Dietrich Eckart in seinem Buch „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin“ finden kann. (1)

Oder ich irre mich, und Antisemitismus ist gar keine gesellschaftliche Denkform? Kann sein. Es gibt eine Möglichkeit, das herauszufinden. Vielleicht tragen wir mal zusammen, was wir so an Islamkritik kennen, das ohne Anleihen beim Antisemitismus auskommt. Ich bin sicher, mir ist sowas schon untergekommen. Oder? Vielleicht täuscht man sich ja auch, und es hat so etwas noch gar nie gegeben? Vielleicht wirds Zeit.

1 Wenn einen das unglaubhaft vorkommt, liegt das vielleicht daran, dass man von der Hetze gegen die jüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa nach 1916 noch nie ein Wort gehört hat, die man entweder als rückständig und unzivilisiert verschrieen hat oder als gefährliche bolschewistische Mordbrenner, die schon Russland ins Unglück gestürzt haben und jetzt darauf brennen, auch Deutschland zu zerstören. Es sieht um so irritierende aus wie heute, je genauer man hinschaut.