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Nächstes Heft

Lieber Lesepöbel,

es scheint kaum glaubhaft, aber das todte Thier ist wieder untodt und arbeitet an der nächsten Ausgabe. Freuet euch! Es wird zauberhaft wie immer.

Eine Ankündigung des Inhalts kann ich noch nicht geben, weil ich mir noch nicht einig bin,

also spricht

das Grosse Thier.

PS. Weiss jemand, ob man statt Druckkopf-Reiniger auch Fensterputzmittel nehmen kann?

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Presseschau

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn warnte seinerseits davor, gerettete Flüchtlinge nach Libyen zurückzubringen, solange sich die Zustände in den dortigen Lagern nicht verbesserten. „Das sind zum Teil Konzentrationslager“, sagte er.

Kann man in der Zeitung lesen.

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26.7. Heftvorstellung: „Wir sind Russen, Gott ist mit uns“

26.7., 20 Uhr in K-Fetisch, Wildenbruchstraße 86, Berlin

 

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„Wir sind Russen, Gott ist mit uns“, so geht eine russische Militärhymne. Im maroden Russland ahndet man nach irgendeiner nationalen Idee, um nach außen hin handlungsfähiger zu werden, sich von der Knechtschaft durch fremde Mächte zu befreien und endlich einen eigenen zivilisatorischen Weg zu gehen. Die Annexion der Krim sei die Wiederaneignung des für orthodoxe ChristInnen heiligen Bodens, die Militäroperation in Syrien – gar der heilige Krieg gegen das Böse schlechthin; man auferlegt sich innenpolitisch „geistige Fesseln“, was so viel heißen soll, dass kaum ein repressiver, reaktionärer Gesetzesvorschlag ohne eine wie auch immer geartete Bezugnahme auf höhere, religiöse Werte auskommt. Da kommt die Russische Orthodoxe Kirche mit ihrer tausendjähriger Geschichte auf ihre Kosten und darf sich als staatlich genehmigtes Monopol für höhere Werte inszenieren.

Doch der Schein trügt. Es ist die Schwäche, die verzweifelt nach Bindung sucht. In der postsowjetischen Postmoderne muss man sich zwischen Fundamentalismus und Nihilismus nicht entscheiden; nicht gläubige Individuen inszenieren sich als gläubige Nation in einem säkularen Staat. Die Religion ist im heutigen Russland ein umkämpftes Gebiet, doch es geht nicht mehr um sie.

Die neue Ausgabe des Grossen Thiers möchte zu einer Religionskritik beitragen, die notwendigerweise die Kritik des irdischen Jammertals und keine „idealistische Hermeneutik“ sein soll.

 

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Was macht eigentlich…

Neulich aus einer Veranstaltungsankündigung:

und nicht zuletzt der, der Grenzen sichert, gerade jene Grenzen, die einen Raum möglichst angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehrs sichern und definieren

Bevor man diesen Gedanken solchermassen ins linksdeutsche übersetzt hatte, hiess das „Grenzen retten Leben“ und war ein Motto der Identitären Bewegung.

Es fällt deswegen nicht auf, weil die Ähnlichkeit so unabweisbar ist.

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Brennende Autos

Randalierer steckten landesweit 897 Autos in Brand, wie das Innenministerium in Paris am Samstag mitteilte. 13 Polizisten und Soldaten seien verletzt, 368 Menschen in Gewahrsam genommen worden.

Huch, da passt ja G20 mehrmals rein. Interessant, aus welchem Anlass derartige Eskalationen geschehen: aus Anlass des Nationalfeiertags.

Man muss aber auch zu sagen, dass das in Frankreich der Jahrestag der Erstürmung der Bastille durch besitzlose pariser Massen, die dabei waren, überall Waffen zu plündern. Man könnte jetzt sagen: durchaus angemessene Art zu feiern. Man könnte aber auch sagen: ist noch Luft nach oben drin.

Soviel erst mal vorläufiges zu der deutschen Aufregung über Hamburg.

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Ontologie der Passivität, Pathologie der Linken

von Jörg Finkenberger; erschienen im Heft Nr. 11/2016

 

Die Dinge, die uns bevorstehen, sind hart und gefahrvoll. Deswegen ist es natürlich besser, sie gar nicht oder zumindest unrichtig zur Kenntis zu nehmen. Benötigt wird dazu eine vollständige Logik der Ohnmacht, eine Metaphysik der Passivität. Diese kann ans Alltagsbewusstsein anknüpfen, wo die Unterwerfung, die Ergebung ins Schicksal schon eingeübt ist. Den Einzelnen ist schon lange gezeigt worden, dass ihr Handeln keine Folgen hat; dass bloss, weil sie es anders könnten oder bräuchten, es nicht anders wird; aus demselben Grund übrigens, warum Hunger nicht der Grund ist, Brot zu backen. Die Illusion, dass andere Verhältnisse unmöglich sind, gerät ins Wanken, wo die Vereinzelten sich auch nur finden könnten, und sie muss notwendig mit Gewalt wiederhergestellt werden, wo Ideologie allein nicht ausreicht. Die Linke bietet aufgrund ihrer Erfahrungen der Niederlage hinreichend Reserve sowohl für die Reflexion der Niederlage als auch für ihre Verewigung. Je nach dem, in welcher Absicht sie die Dinge nachzeichnet, schlägt sie sich auf diese oder jene Seite; in ihr reproduziert sich unvermeidbar immer wieder der Gegensatz.

1. “Das europäische Grenzregime ist die Voraussetzung dafür, dass es hierzulande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halbwegs friedlich zugeht und das soziale System nicht kollabiert: Die Finanzkrise und der Staatsbankrott in Griechenland haben gezeigt, dass eine Nationalökonomie nicht unendlich belastbar ist. Wenn die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde, wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlucker zu sorgen, und wenn sich die Krise in finanzieller Hinsicht stärker auswirken würde als bisher, dann könnten auch diejenigen Gefallen an der Parole »Ausländer raus!« finden, die sich zur Zeit noch über die hinterwäldlerischen Ausländerfeinde in Tröglitz empören.”

Diese Sätze stammen nicht aus einer Regierungserklärung Helmut Kohls zur Abschaffung des Asylrechts von 1992, sondern von der AG NTFK Halle und aus der “bonjour tristesse”, dem anerkannt einzigen verbliebenen bahamas-Generikum der antideutschen Provinz. Sie bezeichnen den momentanen Endpunkt der Selbstzerstörung der Linken. Das ist etwas ironisch, weil diese Selbstzerstörung ganz anders vonstatten geht, als die bahamas-Fraktion ihr Programm der Kritik der Linken selbst versteht. Nur sie und ihre intimen Feinde glauben ja, dass sie nicht Teil der Linken und ihrer Elendsgeschichte ist, und dass sie diese beiden nicht in mindestens dieser Hinsicht erst zur Kenntlichkeit bringt. Wie fehlgeschlagen diese Partei ist, zeigt sich daran, dass man heute die Linke anhand der bahamas-Fraktion kritisieren kann. Umgekehrt kann man dieser Fraktion eine grosse Zukunft prognoszieren: die Zukunft innerhalb der Linken gehört zweifellos ihr, solange deren Kritik, und zwar gründlich praktische Kritik, nicht gelingt. Weiterlesen

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Zum 8. Mai: Über die Gerechtigkeit eines Soldaten

von Seepferd

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Traditionsgemäß begeht die Linke am 8. Mai den Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus. Ebenso traditionsgemäß diskutiert man, ob man eher eine „antideutsche Sexparty“ feiern oder eher der gefallenen KämferInnen gedenken sollte. (Es ist vielleicht auch nicht falsch, sich das jedes Jahr zu fragen. So besteht wenigstens eine geringe Chance, dass sich jemand irgendwas dabei denkt). Jedenfalls bedankt man sich bei den Alliierten in den Sprachen, die man kennt, und schmückt die Räumlichkeiten linker Biotope mit Plakaten und Aufklebern, auf denen man unter Anderem das berühmte Bild mit drei Rotarmisten sieht, die eine rote Fahne auf dem Dach des Reichstags befestigen. Nicht alle kennen die Geschichte dahinter. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Menschen wollen mitgemacht haben. Es ist wie der legendäre Holzbalken, den 1920 während des Maisubbotniks gefühlt Hunderte von Menschen zusammen mit W. I. Lenin auf dem Roten Platz getragen haben.

Am 30. April überquerten die Einheiten der 3. Stoßarmee der 1. belarussischen Front den Spandau-Kanal und näherten sich dem Reichstag. Es kam der Befehl, das Gebäude zu erstürmen. Der stellvertretende Politoffizier Alexej Berest stellte eine kleine Gruppe aus erfahrenen Soldaten und ging unter Feuerschutz ins Gebäude. Pjotr Pjatnitzkij, der die rote Fahne getragen hatte, starb vor dem Eingang. Etage für Etage, unter ständigem Feuer kämpfte sich die Gruppe nach oben, bis sie nach 11 Uhr Abends die Fahne im obersten Stock an der Kolonne befestigte: Meliton Kantarija, Michail Jegorow und Berest. Erst später hängten sie die Fahne auf dem Dach um, mit einem Gürtel ans Bein einer zerschossenen Pferdestatue gebunden, damit man’s besser sieht.

Neben dieser lebensgefährlichen, aber immer noch symbolischen Tat, riskierte Berest diese Tage noch mal heldenhaft sein Leben in diesem Gebäude. Diesmal ganz unten. Im Bunker und den Tunnels unter dem Reichstag saßen noch etwa 1600 Wehrmachtsoldaten und waren fest entschlossen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Lediglich über das Schicksal von ca. 500 verwundeten Kameraden wollten sie mit den Roten reden und bestellten deswegen einen ranghohen Offizier. Von den wichtigen Leuten traute isch selbstverständlich keiner, also gab sich Leutnant Berest für einen Oberst der Rotarmee aus und verhandelte mit den verschanzten Deutschen. Er weigerte sich, die Verwundeten zu evakuieren: entweder ergeben sich alle oder alle werden unter den Trümmern begraben. Nach zwei Stunden ergab sich die Garnison der Reichstag.

Dass das berühmte Foto am 2. Mai unter besseren Lichtbedingungen nachgestellt wurde und nur Jegorow und Kantarija mit einer anderen Fahne an einer ganz anderen Stelle zeigt, ist noch längst nicht alles. Während Jegorow und Kantarija (und mit ihnen selbstverständlich alle Abteilungs-, Trupp- und Divisionsführer) zu Helden der Sowjetunion ernannt und mit entsprechenden Orden ausgezeichnet wurden, musste sich Berest mit einem „einfachen“ Rotbannerorden zufrieden geben. Warum, weiß man immer noch nicht. Es ist bekannt, dass Stalin sich über die Beteiligung eines georgischen Landmanns, Kantarija, an der Aktion sehr freute, ebenso dass er generell den UkrainerInnen (Berest war übrigens einer, der seine Eltern und die Hälfte der Geschwister in der Hungersnot Anfang 30er Jahre verloren hatte) misstraute. Es ist bekannt, dass Marschall Schukow Politoffiziere nicht mochte. Man weiß sogar, dass Berest mit „Kollegen“ aus dem SMERSch im Clinch lag, da er sie „nie kämpfen sah“. Was davon für die ausgebliebene Auszeichnung und das Streichen aus Geschichtsbüchern war, weiß man nicht. Mehrmals reichte er Revisionsklagen an, wurde als Disziplinarmaßnahme in die Schwarzmehrflotte versetzt, woher er 1948 aufgrund von Verleumdungen schließlich entlassen wurde. In Rostow am Don arbeitete er als Direktor des lokalen Kinodienstes. Aufgrund erneuter Verleumdungen 1953 verurteilte das Gericht Alexej Berest zu 10 Jahren GULag, welches er wegen der Amnestie nach fünf Jahren wieder verlassen hat. Die 1961 von Breschnew allein zu diesem Thema einberufene Kommission entschied sich, an den Beschlüssen von 1946 zu halten, demnach Berest weiterhin ein Niemand blieb. Er kehrte nach Rostow zurück, arbeitete in der Fabrik und starb 1970, als er ein Kind vor einem rollenden Zug wegzog und selbst vom Zug erwischt wurde. Erst 2005 ernannte damaliger ukrainischer Präsident Berest posthum zum Helden der Ukraine. Die Russländische Föderation als Nachfolgerin der Sowjetunion hat es bis jetzt nicht nachgeholt.

Was haben die drei auf dem Dach des Reichstags aufgestellt? Die rote Fahne der sozialen Revolution oder eine an die Nationalfahne angelehnte Militärfahne der Roten Arbeiter- und Bauerarmee (RKKA), die zu dem Zeitpunkt längst nichts mit der einstigen demokratisch-revolutionären, ja, antistaatlichen Truppe von 1918 zu tun hatte1? Verteidigten sie eine bloße Möglichkeit einer befreiten Menschheit gegen die schwärzeste Reaktion des Nazifaschismus oder kämpften auf Befehl eines ideellen Gesamtlageraufseher mit seiner Säuberungspädagogik und nachholender Kapitalisierung? War es nicht dieselbe RKKA, die bereits zwei mal, 1919 und 1939, in Polen auf Tour war? Die die Frauen und Kinder zuhause beschützte und den Sieg über Nazideutschland mit Massenvergewaltigungen feierte? Für die Vernunft und Macht der Menschen oder für die marxologische Wissenschaft, die Versklavung mit dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte zu rechtfertigen und die wirtschaftliche Macht der Elektrifizierung plus landesweites Lagersystem2? Ist ein weiterer Orden wirklich die Gerechtigkeit des Soldaten? Amnestie die Gerechtigkeit eines Sträflings? Guter Name – die eines Denunzierten? Gerechter Lohn – die eines Arbeiters?

„Die Apologetik des Bestehenden gründet nicht auf Freude über das Wirkliche, sondern auf verdrängter Trauer um das Mögliche, nicht auf Angst um das Erreichte, sondern auf Furcht vor dem Erreichbaren. Beides aber ist – historisch – begründet“3. Aus diesem Grund feiert man auf dem Roten Platz, als gäb’s kein Morgen, kleidet kleine Kinder in historische Soldatenuniformen; schickt falsche Veteranen unter’s feiernde Volk, die jedes Jahr mit verschiedenen Medaillen und Abzeichen herum posieren; droht fröhlich – „wir könnten es wiederholen, 1941 – 1945“ als freue man sich auf das Leid, blutigen Schlamm und Massentod und ist stolz auf die höchste Opferzahl unter den Alliierten – 27. Millionen, die zum nicht geringen Teil dem geliebten Herrscher zu irgendwelchen feierlichen Anlässen erbracht wurden. Die einzige gesellschaftlich relevante Kraft, die von Revolution redet, ist die vorauseilende Gegenrevolution. „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“, schrieb 1961 kürzlich verstorbene Jewgenij Jewtuschenko, dessen Feder auch das herzzerreißende Gedicht „Der Babij Jar“ gehört. Er bereiste die ostukrainischen „Volksrepubliken“ und stellte sich in seinen letzten Gedichten – gewohnt pathetisch – unmissverständlich auf die Seite der prorussischen Kräfte.

Na, was meinst du, Leutnant Berest, wollen sie oder wollen sie nicht?

1Ekkehardt Krippendorf: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft, 1985

2André Glucksmann: Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, 1976

3Bini Adamczak: gestern morgen. über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft, 2011