0

Zum Stand des Antifaschismus in Polen: „Wir sind etwas besser organisiert als vor vier Jahren“

(Aus dem aktuellen Anlass aus dem aktuellen Heft, sozusagen, da in Polen die Regierungspartei PiS die gemeinsame Sache mit den ONR-Faschos macht und die Solidarnosc gerne dabei ist, als wär‘ nix: Interview mit Antifaschisten und Anarcho-Syndikalisten Jakub Neumann. Gibt’s auch hier in englischer Fassung, aber ohne die ganzen guten Fußnoten. – das GT)

Seit die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) 2015 an die Macht kam, hat sich in der polnischen Gesellschaft einiges verändert. Dazu habe ich ein paar Fragen.Warum haben sozialdemokratische oder sozialliberale Kräfte wie die Bürgerplattform (PO) die Wahlen nach der Krise verloren? Wo ist in diesem ganzen Durcheinander die Solidarnosc?

PO ist nicht und war nie eine sozialdemokratische oder sozialliberale Kraft. Sie ist eine typische konservativ-liberale Partei, mit starken Verbindungen zur CDU, dem Partido Popular oder Fidesz. Sie hat sehr lange regiert, aber ihre Macht basierte auf Angst – Menschen, die sich an die schrecklichen zwei Jahre der rechtspopulistischen PiS-LPR-Samoobrona-Koalition erinnerten. Die PO hat verloren, weil sie sich nicht für soziale Fragen interessiert hat und sich sicher war, dass ihre konservativ-liberale Agenda für einen erneuten Sieg ausreichen würde. In Polen sind die Parteien und ihre Wähler nicht deckungsgleich, weil Leute eine Partei gegen eine andere Partei wählen. Während der Ukraine-Krise und der Eskalation des Syrien-Konflikts hat sich weltweit das politische Klima verändert. Der hybride Krieg hat der PiS sehr geholfen. Es sollte angemerkt werden, dass die PiS in diesem Zeitraum noch radikaler wurde und dass die antimuslimische Rhetorik der Nazirhetorik gegen die Juden sehr ähnelte. Nach der Aufdeckung des Skandals um Cambridge Analytica und Facebook wissen wir auch, wer die PiS-Regierung mithilfe massiver Propaganda in der sozialen Medien eingesetzt hat.

Das Problem ist, dass die liberale Opposition auch rechts ist. Sie kritisieren die Politik der PiS nur aus einer neoliberalen Position und stimmten gegen die Liberalisierung der Abtreibungsgesetzgebung. Sie stimmten auch für das offizielle Lob des NSZ (1), der extrem rechten antikommunistischen und antisemitischen Guerilla im 2. WK, im Gegensatz zur AK (2), der führenden antideutschen Widerstandsbewegung.

Solidarnosc ist keine normale Gewerkschaft. Sie ist vielmehr eine national-konservative antikommunistische Bewegung, die hin und wieder soziale Bewegungen unterstützt. Ihr früherer Vorsitzender Janusz Śniadek wurde später PiS-Abgeordneter, der derzeitige Vorsitzende Piotr Duda behauptet, dass die Gewerkschaft unter seiner Führung apolitisch sein würde. Doch sie ist stärker pro-PiS eingestellt als je zuvor. Ihre Zusammenarbeit mit neofaschistischen Bewegung ist ein separates Thema, das auf einer weltweiten Ebene diskutiert werden sollte. Internationale Gewerkschaften, die in ihren Ländern gegen die extreme Rechte auftreten, haben nichts gegen andere Gewerkschaften in anderen Ländern, die extrem rechte Regierungen und neofaschistische Organisationen unterstützen. Wenn sie solche Positionen unterstützen, sollten sie das meiner Meinung nach in ihren Ländern tun und solches Verhalten nicht in Polen legitimieren.

Welche Veränderungen durch die Justiz- und Medienreformen sind schon festzustellen? Weiterlesen

Advertisements
0

Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Chemnitz

Irgendwie zufällig erinnert, ist jedenfalls eine witzige Anekdote aus dem Kapitel über Johann Most: die proletarische Spassguerilla gegen Chemnitzer Mordspatrioten. Der nationalistische Mob, völkische Schullehrer und sogar die kostenlosen Konzerte sind zumindest wieder da. Der Counterpart dagegen noch nicht.

Im neuen deutschen Kaiserreich war der 2. September >der Sedantag<; die patriotischen Bürger feierten die Schlacht, in der über 80000 Menschen niedergemetzelt wurden und Preußen den Sieg über Frankreich davontrug. Die Chemnitzer Nationalisten wollten ihre Stadt im schönsten Patriotismus erstrahlen lassen und hatten um massenweise Beflaggung der Häuser ersucht. Dort, wo die Bürger wohnten, hingen auch die dreifarbigen Lappens wie Most sie spöttisch nannte, zum Fenster hinaus: Schwarzweißrot. Die Proletarierfamilien waren jedoch seiner Empfehlung gefolgt und hatten statt dessen ihre Steuerbescheide zu langen Fahnen zusammengeklebt und damit >geflaggt<. Am Giebel des Redaktionshauses der >Chemnitzer Freien Presse< wehten zwei schwarze und eine rote Fahne, und im Wirtshaus >Zur Stadt Köln< versammelten sich die Arbeiter, die an diesem Tage freihatten. Am Nachmittag gab die Stadtverwaltung ein >Freikonzert<, und fein herausgeputzte Familien spazierten in Kirmesstimmung zu den Bierzelten und auf die öffentlichen Plätze. Eine >Festzeitung< wurde überall verteilt, und man schwelgte in vaterländischem Hochgefühl. Um so herber war die Enttäuschung, als die feinen Leute im Gehrock entdecken mußten, daß die Festzeitung eine Mostsche Fälschung war und von A bis Z ein Hohn auf die > Sedanerei<…
Das war aber erst der Anfang. Für den Abend war ein deutschnationaler Fackelzug angesagt, und auf den Balkonen, an Erkern und Fenstern warteten die besseren Bürger mit Bowle, schwarzweißroten Fähnchen undFeuerwerk auf das Defilee von Feuerwehr, Militärkapelle und Honoratioren. Die Sozis aber waren fixer. Sie hatten selbst mehrere Züge gebildet, die nun, von verschiedenen Seiten her, auf den Marktplatz marschierten. Es war schon dämmrig, und so kam es, daß die nicht mehr ganz nüchternen Bourgeois glaubten, der Fackelzug rücke an. Sektkorken knallten, Hüte wurden geschwenkt, bengalische Feuer abgebrannt und den demonstrierenden Sozialisten scholl ein vielstimmiges »Hurra!« entgegen. An der Spitze eines jeden Zuges stand auf einem Spruchband: »40 000 Todte auf deutscher Seite, mehr noch erschlagene Franzosen; die Verwundeten sind zahllos; und solche Schmach bejubelt die Bourgeoisie. Nieder mit den Mordspatrioten!« – »Bravo!« brüllten die Mordspatrioten zurück. »Hoch die Soziale Revolution!« skandierten die Demonstranten – »Hoch! Hoch! Dreimal Hoch!« kam es von den Balkonen retour. Erst das schallende Hohngelächter klärte die Reichsschwärmer über ihren peinlichen Irrtum auf. Als dann etwas später der richtige Fackelzug folgte, ein mickriger Haufen im Vergleich zur Sozialistendemo, war die Hochstimmung schon verflogen.
Die Arbeiter hatten den Marktplatz mittlerweile regelrecht besetzt und ließen dem Fackelzug gerade noch eine Gasse, durch die er auf die Mitte des Platzes gelangte. Dann wurde die »Nachtwächter-Prozession vom Volke umzingelt«, wie Most angeregt berichtet, und es dauerte auch nicht lange, da wurde die unvermeidliche >Wacht am Rhein< intoniert. Tausende Proletarierkehlen brüllten mit:
»Heran, heran, Du kühne Schar!
Es bläst der Sturm, es fliegt das Haar.
Ein Ruf aus tausend Kehlen braust,
Zum Himmel hoch ballt sich die Faust.
Es wirbelt dumpf das Aufgebot;
Es flattert hoch die Fahne roth;
-Arbeitend leben oder kämpfend den Tod!«
Die Stadtväter leerten auch diesen Leidenskelch mit bitterer Miene, und alsbald erklomm ein Realschulmeister die Tribüne und langweilte die Zuhörer mit vaterländischen Bandwurmsätzen. »Auf, nach dem Schützenplatz!« hieß nun die Parole, »Most wird sprechen!«
Zurück blieb das Häuflein Patrioten, während Johann Most vor den Toren der Stadt die internationale Verbrüderung aller Völker gegen Tyrannen und Ausbeuter predigte.

Aus „Leben ohne Chef und Staat. Träume und Wirklichkeit der Anarchisten“ von Horst Stowasser, 1986. Gibt’s z.B. hier.

 

 

0

#13 ist da!

IMG_0538Auch wenn wir es selber nicht mehr geglaubt und beinahe vergessen haben, die Nummero 13 (in Worten: dreizehn) ist da. An den üblichen Stellen bei üblichen Verdächtigen erhältlich. Oder eben so, wie es geschireben steht:

In vergangenen Jahren haben wir uns mehrmals überlegt, wie wir die Finanzierung dieses äußerst unregelmäßig erscheinenden Blattes auf unser liebes Publikum abwälzen. Das hat mäßig bis gar nicht funktioniert. Und weil Gelder von George Soros und der Gustav-Noske-ehemals-Rosa-Luxemburg-Stiftung bei weitem nicht reichen, gibt es jetzt im Jahre sieben des Bestehens folgende Neuerungen:

Sammelbestellungen werden generell bevorzugt, die alten „Großkunden“ werden größtenteils nach wie vor beliefert. Wer ein, zwei oder mehrere Hefte bestellen möchte, hat von nun an zwei Möglichkeiten. Old school / DIY-LiebhaberInnen können gerne einen entsprechend (das sind derzeit bei der Deutschen Post 1,45€, kann sich mal wieder ändern) frankierten Briefumschlag (DIN A5) an A.Mittelstädt, Zweinaundorferstr. 19, 04318 Leipzig schicken. Leute, bei denen die Zukunft bereits angefangen hat, überweisen etwa 1,5€ oder gerne mehr via PayPal an dasgrossethier (a) gmx . de. Bitcoin-, Ethereum- und Yandex.Money-Konten werden noch eingerichtet. Spenden sind generell willkommen. (Bitte keine Sachspenden!) Es lohnt sich allerdings immer davor uns eine Email mit der Anfrage / Bestellung zu schreiben, vor allem wenn es mehr Hefte werden sollen. So viel kann man einem interessierten Publikum unseres Erachtens zumuten.

In diesem Sinne, was kost’n die Säu‘?

2

Ein schwieriges Verhältnis: Thomas von der Osten-Sacken, Bahamas und die Revolution

von Seepferd

 

Nach dem langen Überlegen, ob es sich denn überhaupt lohnt, darauf einzugehen; ob es überhaupt Sinn macht, solche Sachen noch zu erklären. Es schadet nicht dem besagten Nahost-Experten nicht mehr als der Antizionismus-Vorwurf letztens, der aus der bekannten Ecke kam. Das Hündchenrudel, der den Experten daraufhin angefallen hat, soll sich künftig vorsehen. Es kann ihm jede Zeit genauso ergehen, denn die „Ideologiekritiker“ (und  „-kritikerInnen“, wenn Paulette Gensler schon darauf besteht) verhalten sich nicht anders als der von ihnen kritisierte Zusammenschluss von Einzigen bei Max Stirner, als die Formierung des Kritikers zur Bande, als ein Raket nämlich. Und dieses wird jeden (und jede, wenn Paulette Gensler schon darauf besteht), der/die gestern noch dabei war, unter die Räder werfen, wenn es die heutige Geschäftslage erfordert.

Wir aber wollen nicht von der Osten-Sacken an die Pelle rücken, sondern der „Szene“ und ihrer Presse. Denn die „Rufschädigung“ habe er „ganz selbstständig in eigener Sache betrieben“, wie man so schreibt. In der Tat. Es ist vor ein paar Tagen ein interessanter Text auf mena-watch.com und auf dem Blog der jungle world erschienen – wie soll man es überhaupt bezeichnen? – über „das Ende der Revolution“ im Iran.

In einem aber liegt die Daily Mail ganz falsch, wenn sie ihren Artikel so betitelt: ‚Revolution is coming‘. Nein, was immer im Iran geschehen mag, eine Revolution wird es nicht sein, wenn Menschen für ‚ „Meinungsfreiheit und Frauenrechte“ auf die Straße gehen. Vielmehr handelt es sich darum, eine Revolution, die islamische von 1979, zu beenden, wie Amir Taheri schon im Jahre 2009 richtig bemerkte. Und nichts bräuchte der Iran dringender als ein Ende dieser Revolution mit all ihren fatalen Folgen.

Davon angesehen, dass der besagte Experte die Klassenzusammensetzung bei den Geschehenissen von 1979 und 2009 komplett ignoriert; die Frage umgeht, ob eine bürgerlich-demokratische Revolution ohne das, was man früher als das Proletariat bezeichnet hat, jemals funktionieren und erfolgreich werden konnte; ob das, was sich im Iran anbahnt, im bürgerlich-demokratischen Rahmen verbleiben und seine Erfüllung finden kann. Er kauft nämlich der klerikal-faschistischen Gegenrevolution ihre Selbstbezeichnung als Revolution (wenn auch nur „islamische“) ohne Widerrede ab.

Diese „Meinungsfreiheit und Frauenrechte“, sind kein Normalzustand, keine Einrichtung der Welt, die man per default hat und die erst durch Revolutionen und andere Katastrophen gestört wird. Sie sind selbst revolutionären Ursprungs, eine Störung des bisherigen Weltlaufs. Dass es nicht einer Revolutionierung aller Verhältnisse in der iranischen (und nicht nur; ist es vielleicht wieder Zeit sich mit Trotzkis Konzeption der permanenten Revolution zu beschäftigen, hm?) Gesellschaft, sondern einer Beendigung jeglicher umstürzlerischen Tätigkeiten bedarf, mag die Position von der Osten-Sackens sein. Ähnliche Aversionen gegen revolutionäre Umwälzungen wurden allerdings auch auf der Bahamas-Konferenz Dezember 2017 in Halle verlautbart.

Was man aber von der Osten-Sacken zugutehalten kann, ist, dass er mit unnötigen Horkheimerzitaten nicht um sich wirft. Weder mit dem von einem wahren Konservativen, der eher einem wahren Revolutionären verwandt ist (findet man sinngemäß auch bei Paul Goodman btw), noch mit dem vom Kommunismus, an dem man umso fester hält, je unrealistischer dieser wird. Mit diesem „Kommunismus“ gehen mittlerweile Leute hausieren, die sich jeglicher kommunistischen Sache längst versagt haben, wenn sie ihre noch trotteligere Generika von Hate Speech Antifa maßregeln. So ein „Kommunismus“ lässt sich bequem in der Ecke abstellen, muss nicht gefüttert werden und verlangt nicht nach seiner Verwirklichung, weil er abstrakt ist, weil dem Zitatenkasten entnommen ist.

Und nun die Gewinnfrage, warum – von der Vorliebe für Horkheimerzitaten abgesehen – vertragen sich Bahamiten mit von der Osten-Sacken nicht? Ist die Frage Ihnen „existenziell“ genug? Schreiben Sie uns und gewinnen Sie tolle Preise!

0

‚Cause I am a champion, and you’re gonna hear me roar

Good news: Man hat diese Lügenfresse, Alex Jones von Infowars.com, von Facebook u.Ä. gekickt, zumindest vorübergehend. Ist vielleicht tatsächlich nicht so schlimm, er kann natürlich vor’s Gericht ziehen und noch monatelang die nötige Aufmerksamkeit für seinen Narzissmus und Übermachtphantasien bekommen. Er kann sich mit seinem Publikum auf Diaspora oder friendica umgruppieren, er hätte heute schon eine große Fangemeinde auf nicht kommerziellen opensource social media. Make non-corporate social media great again, ugh? Oder vielleicht doch auf der russischen Plattform Vk.com weiter machen? Da liest zwar der FSB immer mit, aber das sind ja die Guten.

Bad news: Es ist nicht der viel gelobte „Leviathan“ gewesen, der Jones in die mediale Wüste geschickt hatte; es ist nicht einmal jemand vorbei gekommen und ihm seine widerlichen Verschwörungstheorien zurück in sein Rachen gestopft hat; es ist halt Facebook mit seiner willkürlichen Zensurpolitik, die sich bekanntlich immer nach dem Wind der communis opinio dreht und bis jetzt nie durch eine besondere Vernunftigkeit aufgefallen ist. D.h. morgen auch du und ich, für „hate speech“ oder Satire, spielt keine Rolle.

Zu all diesem Müll übrigens gibt es dezentrale, nicht kommerzielle, gut funktionierende Alternativen, selbst zu Twitter. Und sie werden in der nächsten Zeit sehr von Nutzen sein.

Eine Frage nur: Warum aber teilt Alexander Dugin auf FB ausgerechnet dieses, ein Jahr altes Video, über welches man eigentlich nur noch lachen könnte, würde es einem dann doch nicht ein bisschen gruseln?

spf

P.S. Sorry, Katy Perry, no pun intended.

0

„…wer uns verstehen will, muss sich erst bemühen…“

…den Boden aufzufinden, auf dem wir stehen“. (Gustav Landauer)

leadImage_leadimageSchon witzig: alle paar Jahre beschäftigt man sich mit dem Anarchismus, findet durchaus lobende Worte dafür und stellt abschließend fest, das ist so etwas für die ruralen Gesellschaften der sog. Dritten Welt und passt zu Deutschland nicht so recht. (Wollte übrigens auch früher nicht zu Deutschland passen, just sayin‘.) So etwa ila 2012, ph(r)ase2 2015 und nun – befasst sich iz3w in „Tschüss, die Herrschaften“ mit dem weltweiten Anarchismus. Erfreulich ist es, keine Widerrede. Wer schafft nun als Erster in zwei-drei Jahren die nächste Ausgabe zu diesem Schwerpunkt? Die Blätter für deutsche und internationale Politik oder das Grosse Thier? Wir werden es erfahren, wenn es soweit ist.

Die Juli/August-Ausgabe von iz3w hat spannende Beiträge zu bieten: zu Indien, zu Phillipinen, zu Bolivien, zu „Black Anarchism“ und zur neu gegründeten syndikalistischen Internationale (höhö!). Unter anderem haben auch werte GenossInnen von der Anarchistischen Gruppe Freiburg werte GenossInnen von Anarchist Black Cross Belarus interviewt, was uns wiederum zusätzlich freut.

„…eine Diktatur manifestiert sich in dem Versuch, jeden Aspekt deines Lebens zu kontrollieren. Deine Wünsche gehören nicht dir, es wird vielmehr von oben herab entschieden, was du zu wollen hast. Sie manifestiert sich in dem Druck auf Angestellte des öffentlichen Dienstes, die Staatszeitungen zu abonnieren oder an staatlich organisierten Versammlungen teilzunehmen. Sie übt Druck auf Studierende und ArbeiterInnen aus, wählen zu gehen, um nicht aus dem Wohnheim geworfen oder am Arbeitsplatz kontrolliert zu werden. Es ist nahezu unmöglich, eine Veranstaltung auf der Straße ohne staatliche Genehmigung durchzuführen. Eine Diktatur trifft den Kern der Gesellschaft: Sie zerstört zwischenmenschliche Verbindungen, versucht dich vom Rest der Gesellschaft zu isolieren und minimiert so die Möglichkeit, dich zu organisieren oder auch nur den Status Quo zu hinterfragen. In einer Diktatur stehst du dem Staat ganz allein gegenüber. Es gibt das Sprichwort: ‚Wir hoffen das Beste und sind auf das Schlimmste gefasst‘. Und so hoffen wir, dass die Diktatur vielleicht in ein paar Tagen schon vorbei ist, aber bereiten uns darauf vor, dass sie noch lange Zeit bleiben wird. (…)

Der Kampf gegen die Diktatur ist nicht nur ein Kampf gegen Lukaschenko, sondern auch auch dafür, dass das Gleiche nicht auch in anderen Ländern passiert. Liberale Länder sind oft näher an autoritärer Herrschaft als sie denken. Von seinen Nachbarn zu lernen, kann der erste Schritt sein, dieser vorzubeugen“.

Wir haben schon gehört, dass es besser ist, sich bereits im Sommer warm anzuziehen.

Verkaufsstellen der iz3w.

spf

0

Von Tobias Riegel lernen, heißt denken lernen!

Von Seepferd

Der Vorsitzende der FDP Christian Lindner hat anscheinend mit seinem Vorschlag, die Krim-Annexion durch Russland erst einmal als dauerhafte Tatsache ganz nüchtern zu akzeptieren und sich damit wenn nicht politisch, dann aber wenigstens wirtschaftlich zu arrangieren, die bundesdeutsche „Politik“ und ihre berufsmäßigen Kommentatoren polarisiert. Aus welchem Grund sich so viele empört gaben und wie ernst das gemeint war, muss uns hier nicht interessieren. Also, mich interessiert es nicht. Ich persönlich meine, wer sich über die Russlandanbiederung der AFD echauffiert, aber nicht über die steile Karriere des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), macht seinen Mitmenschen zumindest irgendwas vor.

Lindner wurde tatsächlich in dieser Sache Unrecht angetan. Dem Klientel seiner Partei zuliebe macht er einen durchaus pragmatischen Vorschlag, die Sanktionen gegen Russland noch mal zu überdenken und den deutschen Außenhandel nicht mit dem unnötigen Moralisieren zu beeinträchtigen. Sollte man irgendwas anderes von der FDP erwarten? Das mit Siemens wäre schon ausbaufähig.

Selbst die Russlandpolitik der AFD zerfällt bei näherem Besehen in ebenfalls handfeste wirtschaftliche Interessen des Parteiklientels aus dem großen und mittleren Business und ein gewissermaßen Kürprogramm aus autoritären Sehnsüchten und Projektionen „anständiger“ deutscher (und russlanddeutscher) Reaktionäre, das nach dem Ausscheiden der proatlantischer Lucke-Fraktion immer mehr zum Pflichtprogramm wird. Jaja, der politische Märtyrer Horst Mahler, die zu unrecht verschrieene Waffen-SS und die Chemitrails, das alles hat selbstverständlich so viel mit Russland zu tun, das man es alles kürzlich auf dem AFD-Russlandkongress in Magdeburg ansprechen musste.

Warum aber pflichtet Sahra Wagenknecht Linder bei? Was und wem will diese „Kapitalismusgegnerin“ verkaufen? Was meinen die deutschen „FriedensfreundInnen“ von Thomas Mann bis heute mit ihrem „Frieden mit Russland“? Sie wollen auch nur in ihre Märchenwelt, nur ohne Chemitrails, aber mit vielen-vielen Faschos. Die immer die anderen sind. Nur man selber ist ja links. Und Russland, irgendwie. „Alerta, alerta, Tolkienista!“, wie ukrainische Genossen über die westeuropäische Linke einst schrieben.

Als der in die gewähnte westliche Freiheit geflohene und mittlerweile zum „verbitterten Emigranten“ gemachte Boris Schumatzky schrieb: „Mein Geburtsland muss als Projektionsoberfläche für etliche Aversionen gegen die marktwirtschaftliche Demokratie oder gegen die Bürokratie der real existierenden Rechtsstaats herhalten. Die Romantiker sehen in Russland ein besseres Deutschland; ein Traumland, das sich nie dem Diktat der Siegermächte beugen musste; das sich nie dem Kommunismus hingab; das seiner völkischen Seele treu blieb. Und da ist noch dieser Führer, der sich so souverän gibt und sogar Deutsch spricht. Diese Art Liebe zu Russland macht mir Angst, sie ist fast schon demonstrativ faschistoid...“ (Schumatzky, „Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin. 2016), meinte er nicht nur die AFD-Gesichter.

Warum sonst kommt sich ein „linker“ Schreiberling Tobias Riegel sich so unglaublich klug vor, als er so überheblich im Neuen Deutschland die Reaktionen der Öffentlichkeit auf Lindners Anstoß kritisiert. Über die Intelligenz dieses Mannes will ich zwar nicht spekulieren, aber die Osteuropa-Kompetenz eines Journalisten, der noch im März 2016 folgendes über den Fall Pussy Riot schrieb: „…diese Strategie hat nicht Menschenrechte oder Strafrechtsreformen in Russland zum obersten Ziel, sondern radikalen Sozialabbau, Militärbasen und die Privatisierung von Bodenschätzen“ (nd, „Von trojanischen Pferden“, 12/13.03.2016), ist nicht nur pfusch, sie war anscheinend auch niemals existent. Erst der Vormarsch der USA auf dem russischen Territorium würde dort einen Rückschritt in die ultra-wirtschaftliche Barbarei bedeuten. Alright? Das Russlandbild von Tobias Riegel unterscheidet sich kaum von dem der Familie Griesbach, der die deutsche Sozialhilfe wohl zu wenig war. Er kann offensichtlich Sexualunterricht, Zwangsverchipung und die verfluchten omnipräsenten Chemitrails noch ignorieren. Ansonsten wartet das Sozialparadies im Osten auf ihn wie auf unzählige andere antiimperialistischen „Rebellinnen“.

Und nun sieh einer an, „der erste Teil der Geschichte“, der nationalistische Putsch in Kiew, wird verschwiegen? Hätte man sich der klerikalen Reaktion, der Stagnation der russischen Politik und Zivilgesellschaft beugen sollen? Und die angemessene Antwort darauf wäre eine militärische Intervention und Annexion des ukrainischen Staatsgebiets? Weil man kann’s? Dass die Annexion der Krim so unblutig verlaufen war, ist wohl dem Überraschungseffekt, aber in erster Linie dem desaströsen Zustand der ukrainischen Armee zuzuschreiben, nicht dem Wohlwollen Russland. Wie wohlwollend es sein kann, kennt man z.B. aus Tschetschenien. Warum verschweigt uns aber der Bescheidwisser Riegel selbst die zweite Hälfte der Geschichte, den immer noch andauernden Krieg im Osten der Ukraine? Hat er mit der Krim-Annexion nichts zu tun? Für das Abdriften sowohl Russlands als auch der Ukraine nach rechts nicht relevant?

Über die „aktuelle Zufriedenheit der Krimbewohner“ und vermutlich nicht minder zufriedener BewohnerInnen der ostukrainischer Gebiete spricht die 2017 auf rund 1,5 Mio. herabgesunkene Anzahl der Flüchtlinge nur insofern, dass die Ukraine auf nicht der flüchtlingsfreundlichste Staat ist, selbst für die eigenen BürgerInnen. (Die nach Russland verschleppten und zu drakonischen Gefängnisstrafen verurteilten Alexander Koltschenko und Oleg Sentzow seinen hier nur erwähnt). Selbst wenn der russophiele Riegel solche Sachen im WWW nicht ohne Weiteres findet, google translator gäb’s immer noch.

Man muss schon wirklich dankbar sein, dass in diesen wenigen geistreichen Zeilen in nd die KrimtatarInnen nicht vorgekommen sind. Wie wir letztens bei der Veranstaltung in Berlin von einem anderen bekannten linken Schreiberling erfahren haben, ist es der allzudeutschen Linken so Schnuppe, ob und wohin die Leute noch mal deportiert werden, dass es fast schon an Menschenverachtung heran reicht.

Ja, stimmt: die RT-Propaganda wiederholt sich. Und hässlich ist sie auch. Also Finger weg!

P.S.: Dem zusammengebuhten Russlanddeutschen auf dem AFD-Russlandkongress, der sich mit dem romantischen Russlandbild der Partei nicht zufrieden gab, sage ich nur eins: Du Arme Sau, Великий Зверь ссыт тебе в твои глупые глаза. Но ты, кароч, сам виноват. В общем, бывай, засранец.