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Intro Ausgabe 3

Die Dinge sind immer noch schlecht, und seit dem letzten Heft sind sie vielleicht auch nicht unbedingt besser geworden, sondern, wenn wir ehrlich sein wollen, eher viel schlimmer. Es tut uns leid. Es war nicht unsere Absicht und soll nicht wieder vorkommen.

Namentlich leid tun uns die Fortschritte der islamischen wie der militärischen Konterrevolution in den arabischen Ländern und im Iran und Pakistan, sowie der nahende Zusammenbruch des europäischen Währungssystems ohne jede irgendwie vorstellbare Gegenkraft gegen die faschistischen Tendenzen, die dieser Zusammenbruch bereits jetzt freisetzt; insgesamt also der doch überraschend klar ausgefallene Fortschritt der Katastrofe, bei gleichzeitiger fortschreitender Zerstörung desjenigen Bewusstseins, das eine Revolution um 2011 überhaupt erst möglich gemacht hätte. Wir bitten unsere Leser vielmals um Entschuldigung.

Teil dieser Entwicklung ist die Fortdauer einer angeblich oppositionellen Bewegung, deren geistiger Zustand von gedankenloser Homogenität bestimmt ist, von einem derart elenden Konformismus und dem Fehlen jeden Funkens von wachem, kritischem Bewusstsein, jeder intellektuellen Neugier und jedem rastlosen Ungenügen mit dem, was für wahr zu halten man gewohnt ist; dem völligen Verzicht auf den Drang, zu verstehen, um zu verändern, und zu verändern, um sich selbst zu verändern; insgesamt also eine Bewegung, die sich mit allem als das Gegenteil ausweist von dem, was von einer oppositionellen Bewegung heute gefordert wäre. Schreiben Sie bitte den Namen dieser Bewegung auf eine Postkarte und gewinnen Sie tolle Preise!

Die Unzulänglichkeit aller bestehenden Kritik ist erschreckend. Wir hoffen, ihr etwas auf die Sprünge zu helfen. Dass man dazu freilich den Antideutschen keinen Moment der Selbsttäuschung und der Resignation gönnen darf, ist schon öfter gesagt worden; ob wir uns wirklich noch mit jedem Unsinn gesondert beschäftigen müssen, darf man trotzdem bezweifeln. Ganz erspaert wird es uns nicht bleiben, und damit per extensionem auch euch nicht.

Zuletzt ist unsere Aufgabe aber nicht nur die, zu zerstören, sondern auch aufzubauen. –

Noch eine wichtige Durchsage: diese Ausgabe ist noch ein letztes Mal kostenlos. Für die nächste wollen wir Geld, und zwar zunächst 2 Euro pro Heft. Wir bitten, ein Abonnement zu bestellen (über die üblichen toten Briefkästen) und zu bezahlen (Bankverbindung gibt es mit der Abobestätigung) bis

1. Dezember 2012.(1)

Fürchtet euch vor
dem Krassen Tor.

1 Frist gegenüber Druckausgabe verlängert, wegen der Verzögerungen der Drucklegung.

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Keiner kommt hier lebend raus

von Schnittler

Als „Arbeitsmarktdienstleister“ bezeichnet sich die Firma auf ihrer Homepage und diese Selbstbezeichnung ist ebenso nichts sagend wie die Umschreibung ihrer Tätigkeit: „Wir bieten interessierten Personen, Betrieben und öffentlichen Organisationen (Arbeitsagenturen, ARGEn, Kommunen, Behörden) ein umfassendes Dienstleistungsangebot rund um die Themen Arbeitsmarkt und Integration.“ Übersetzt: Hier handelt es sich um eine privat wirtschaftende Außendienststelle des Arbeitsamtes, die Vermittlungsarbeit auf Provisionsbasis übernimmt. In Frankfurt besitzt dieser „Arbeitsmarktdienstleister“ drei Filialen und ein mehrstöckiges Schulungszentrum in bester Lage. Dass „interessierte Personen“ und Betriebe die angebotenen Dienste freiwillig in Anspruch, nehmen ist sicherlich Blödsinn. Warum sollten sie? Derlei Firmen sind dazu gegründet worden, um diejenigen zu vermitteln, zu deren Weiterreichung in die Lohnarbeit sich das Amt außerstande sieht. Sie existieren seit Jahren in jedem Kaff. In informierten Kreisen geht man davon aus, dass pro Kopf bei erfolgreicher Vermittlung rund 2000 Euro Provision vom Arbeitsamt gezahlt werden. Man darf getrost davon ausgehen: Das Geschäft läuft blendend.

Wer als Lohnarbeitsloser und von Arbeitslosengeld abhängiger Mensch nicht fleißig genug Bewerbungen schreibt, Termine verpennt, angeordnete Maßnahmen verweigert (1Euro-Jobs, Bewerbungstrainings, unbezahlte Praktika, Werbeveranstaltungen von Zeitarbeitsfirmen etc.) oder sich ansonsten unwillig zeigt, jeden Blödsinn mitzumachen und jeden Drecksjob anzunehmen, um aus der Arbeitslosenstatistik herauszukommen, und lieber seine Zeit mit etwas ihm oder ihr sinnvoller Erscheinendem verbringt, fällt unter den Sanktionskatalog der „Mitwirkungspflicht“. 15% Kürzung der Bezüge, 30% Kürzung der Bezüge, 45% Kürzung der Bezüge und zuletzt Ernährungsgutscheine. Die konsequente oder nichtkonsequente Anwendung dieser Strafmaßnahmen obliegt dem „PAP“ (Persönlicher Ansprechpartner), dem Sachbearbeiter. Die damit notwendig einhergehende Willkür ist eine gewollte Vervollkommnung der repressiven Atmosphäre, die auf dem Arbeitsamt vorherrscht.

Die Androhung einer Kürzung brachte mich ebenfalls zum erwähnten Frankfurter „Arbeitsmarktdienstleister“. Für drei Monate sollte ich zweimal wöchentlich in dessen Büro antanzen, um mich vermitteln zu lassen.
Der junge Mann, dem ich dort gegenübersaß, war ein echter Profi. Mit allen psychologischen Wassern gewaschen. Ein Doktor Jekyll und Mister Hyde.
Während der ersten drei Termine war er freundlich, fragte scheinbar aus ehrlichem Interesse nach dem Privatleben und nach persönlichen Interessen, sprach von „individuellen Lebenswegen“, plauderte unverbindlich daher und erstellte während dieses Smalltalks ohne mein Zutun, ganz nebenbei das was er für eine professionelle Bewerbungsmappe hält (alles erstunken und erlogen). Kurzzeitig vermochte er sogar, mir einen gewissen den Arbeitsmarkt betreffenden Optimismus einzuflößen. Er versprach, keine Zeitarbeit zu vermitteln, schwadronierte von anständigen Löhnen und seinen guten Kontakten in die Welt der Arbeitgeber, prahlte mit seinen Vermittlungserfolgen und gab sich im Allgemeinen leutselig und gutmütig.
Einen Riss bekam dieses beruhigende Bild, als ich es partout nicht fertig brachte, auf einem Bewerbungsphoto ausreichend zu lächeln. Nach dem dritten Versuch mit seiner Digitalkamera, fing er unvermittelt an zu brüllen, drohte mit der Mitwirkungspflicht und machte ernsthafte Anstalten, meine Sachbearbeiterin telefonisch über mein Fehlverhalten zu informieren. Folgerichtig zog er in den kommenden Wochen hemmungslos die Daumenschrauben an. Von Vermittlung keine Rede mehr. Die gespielte Freundlichkeit war verflogen. Ich musste wöchentlich zehn Bewerbungen schreiben und in einem Vordruck Name und Emailadresse der Firma und einen individuellen Bewerbungstext als Nachweis eintragen. Als ich nach zwei Wochen aus Nachlässigkeit (er hat tatsächlich jede Firma auf ihre Existenz hin im Internet nachgegooglt und gegebenenfalls auch dort angerufen) ein falsches Anschreiben an die falsche Firma geschickt habe, wurde es noch schlimmer. Geschrei, wildes Gestikulieren, wüste Drohungen. Er prophezeite eine 45-Stunden Woche in einer Hanauer Spinatverpackfabrik, die er auch gerne zwangsweise vermitteln könne.
Trotzdem unterlief ich seine Maßnahmen wo es nur ging. Ich schrieb Bewerbungsschreiben an Freunde, versendete meinen Lebenslauf an falsche Emailadressen und bei zwei Bewerbungsgesprächen habe ich mich absichtlich danebenbenommen. Klappte ganz gut, seine Laune wurde aber naturgemäß immer schlechter. Das Geschrei und das penetrante Pochen auf Sekundärtugenden und längst widerlegte Propagandalügen („Sie können doch nicht auf Kosten der Allgemeinheit leben… haben Sie den überhaupt kein schlechtes Gewissen… denken Sie doch einmal an die Rente…“ etc.) wurde schier unerträglich.

Nachdem ich zwei Drittel dieser „Wiedereingliederungsmaßnahme“ hinter mich gebracht hatte, wurde ich in sog. „Seminare“ geschickt, die ab da wöchentlich stattfanden. Die Titel der ersten drei Veranstaltungen ließen nichts Gutes erahnen. 1. „Networking im Sinne meines zukünftigen Arbeitsplatzes“, 2. „Gesundheit und Stressbewältigung für die erfolgreiche Jobsuche“, 3. „Zwischenmenschliche Kommunikation am Arbeitsplatz“. Dauer: Jeweils sechs Stunden, plus einer halbstündigen Pause. Leiterin: Frau Doktor P. – eine grauberockte, hoffentlich kinderlose, etwa 40 Jährige Frau mit dunkelblondem Haar, lautstarkem Organ und sportlicher Figur.

Der völlig enthemmte Arbeitsmarktvermittler, der mich in den Wochen zuvor unter vier Augen in die Mangel genommen hatte, saß auf seinem Posten nicht lediglich aufgrund schlechten Recruitments von Arbeitsmarktdienstleisterarbeitgeberseite. Seine Verbalinjurien waren keine unprofessionellen Patzer. Der Mann ist kein Unikat und ich hatte mit ihm nicht einfach „Pech gehabt“, wie ich bis dahin naiv mutmaßte. Der repressive Umgang hat System. Das erste „Seminar“ war der beste Beweis dafür.

Nach einer, auf das angekündigte Thema „Networking…“ hin ausgerichteten Fragerunde („benutzen Sie ein Handy… wer von Ihnen hat schon einmal von sozialen Netzwerken gehört… waren Sie schon einmal im Internet… Ihr Nachbar kann auch ein Teil ihres sozialen Netzwerkes werden. Sprechen Sie ihn einfach an…“) wurde ich zusammen mit einem 55jährigen arabischstämmigen Doktor der Philosophie1, einer allein erziehenden Mutter von drei Kindern2, einem ehemaligen Casinomitarbeiter3, einem sich selbst als Kommunisten bezeichnenden Serben4, einer jungen Frau aus Afrika5, einer sehr unglücklich dreinblickenden Frau6 und ein paar anderen Namenlosen (von den 20 vorgeladenen Personen konnten sich neun die Selbstachtung leisten und sind gleich daheim geblieben) dazu genötigt, soziale Situationen in einem Rollenspiel nachzustellen. Die Aufgabe bestand darin, z.B. in einer Kneipe ein Gespräch mit einer fremden Person zu beginnen, um in kürzester Zeit – „unaufdringlich, aber zielgerichtet“ – mit dem jeweiligen Gegenüber auf das Thema Lohnarbeit zu sprechen zu kommen. Nach dem Rollenspiel gab es eine Manöverkritik. „Bestimmen Sie in Ihrem sozialen Netwerk die relevanten Knotenpunkte und platzieren Sie sich in ihrer Nähe“. Frau Doktor P. glaubt an diese Formeln – so scheint es – , und sie verbreitete weiteres entsprechend allgemeinplätzliches Geschwätz. Mit dem serbischen Kollegen – der während des Vortrags mehrfach lautstark anmerkte, dass er die ganze Veranstaltung für „Sklavenpropaganda“ halte – lieferte sie sich einige kurze verbale Gefechte, die sie mittels des kaltschnäuzigen Verweises auf die „Mitwirkungspflicht“ allesamt für sich entschied. Nach drei Stunden ging es mir durch bloßes Zuhören genauso mies wie dem abgewatschten Deliquenten.
Nach der Pause ging es ans Eingemachte. Ein zehnseitiger Katalog wurde verteilt, in dem die bisher vermittelten Networking-Weisheiten zusammengefasst waren. Mit einer Heftklammer angehängt waren zwei Formblätter, auf dem wir nun Personen aus unserem Bekanntenkreis eintragen sollten0. Die arbeitsplatzmäßige Relevanz der einzelnen Sozialkontakte musste in einer Skala von eins bis sechs benotet und mit individuellen Vermerken pedantisiert werden.
Unmut regte sich im Publikum. Die dicke Frau, die vor mir saß, drehte sich hilfesuchend zu mir um und lächelte verschämt, als wolle sie fragen: „Ist das ernst gemeint?“. Die Afrikanerin meldete sich und teilte in schlechtem Deutsch mit, dass sie sich weigere, ihre Freundinnen und Freunde auf dem Blatt einzutragen. Der serbische Kommunist sprang ihr zur Seite und verkündete, sein Bekanntenkreis bestände sowieso nur aus Arbeitslosen, und dass deswegen dort keine Jobs zu holen seien, und die Schreibarbeit somit umsonst wäre. Frau Doktor war an der Grenze ihrer sozialtechnischen Fähigkeiten angelangt, und an diesem Tag brachte sie auch niemanden mehr dazu, bei einem weiteren Rollenspiel mitzutun („Knotenpunkte“ kennen lernen in der U-Bahn!7). Wir verbrachten den Rest des Seminars mit dem verordneten Lesen der von ihr selbst zusammengestellten Networking- Broschüre.

„Gesundheit und Stressbewältigung für die erfolgreiche Jobsuche“. Mit der selben Besatzung wie eine Woche zuvor saß ich erneut in dem schlecht belüfteten Seminarraum. Die Frau im grauen Rock in ihrer Rolle als Mentorin des Prekariats vor der Tafel. Begonnen wurde wieder mit einer Fragerunde. Ausschließlich Suggestivfragen, die einem einzigen Zweck dienten, nämlich weiter Propaganda zu verbreiten. „Was können Sie an ihren Essgewohnheiten verändern, um gesünder zu leben?“. Gerne wäre sie nach dieser Frage auf die Ernährungspyramide zu sprechen gekommen, die sie neben der Tafel auf eine Leinwand projizierte. Leider wurde der gewünschte Ablauf erneut torpediert. „Ich kann gar nichts tun, weil ich als Hartz4-Empfängerin nicht genug Geld habe und immer das kaufen muss, was ich mir gerade leisten kann“, vermeldete eine der Frauen, und nachdem auch der nächste sich weigerte, die gewünschten Antworten zu geben, und stattdessen begann minutenlang über verschiedene Ernährungsphilosophien zu referieren, die er sich vermutlich auf der GMX-Startseite und bei Wikipedia zusammengelesen hatte, gab die Seminarleiterin genervt auf und switchte zur nächsten Frage. „Was können Sie gegen den alltäglichen Stress tun, den wir alle kennen? Stellen Sie sich doch bitte einmal eine alltägliche Situation vor. Sie fahren mit dem Auto auf der Landstrasse und vor Ihnen fährt ein Traktor…“. Sie hatte ihren Satz noch nicht zu Ende gebracht, da wurde sie schon aus dem Publikum unterbrochen. „Als Arbeitslose dürfen wir doch gar kein Auto besitzen. Das ist doch schon seit Jahren Gesetz“. Einige lachten und die Laune der Dame verschlechterte sich zusehends. „Wenn Sie hier weiter stören wollen, kann ich sie auch nachhause schicken und ich berichte Ihrem Sachbearbeiter von Ihrem Verhalten… das fängt ja gut an heute“. Nach dieser kleinen unplanmässigen Aufregung sammelte sie sich kurz, blickte in ihre Unterlagen und fuhr mit der nächsten Frage fort. „Sagen Sie mir doch bitte einmal ein Beispiel, wie Sie Ihr soziales Umfeld verändern könnten, um in Zukunft weniger Stress zu haben“. Der studierte Araber meldete sich und gab eine Antwort, die ebenfalls auf Zustimmung im Publikum traf. „Ich kann an meinem sozialen Umfeld überhaupt nichts ändern. Wenn ich auf die Strasse gehe und die ganzen armen Leute sehe, dann geht es mir schlecht. Ich kann nichts ändern, dafür bräuchte ich viel Geld, um den Leuten etwas geben zu können“. Unvermittelt fing sie an zu brüllen. „Wir diskutieren hier nicht politisch. Wir sprechen hier nur über Dinge, die Sie an sich selbst verändern können, um stressfreier zu leben, damit Sie bald einer geregelten Tätigkeit nachgehen können“.

Damit war die inhaltliche Stoßrichtung dieser Veranstaltung klar zu erkennen. Das allgemeine Elend der kapitalistischen Produktionsweise, das es einem zum bloßen Arbeitskraftbehälter degradierten Menschen sukzessive verunmöglicht, weiterzumachen wie bisher, ohne dabei ernsthaften psychischen und physischen Schaden in Kauf nehmen zu müssen, wird in ein persönliches, von jedem selbst zu lösendes Problem der richtigen Lebensführung umgedeutet8. Das auf entsprechende Selbstoptimierung getrimmte bürgerliche Konkurrenzsubjekt – in diesem Fall glaubwürdig verkörpert durch Frau Doktor P. – entlässt niemanden aus dem selbst geschaffenen Hades und verfolgt als Wächter der Totenwelt Jene, die sich anschicken, aus diesem Feuerkreis der Selbstentfremdung zu entfliehen. Wenn es mir schlecht geht, soll es dir auch schlecht gehen, lautet das unausgesprochene Credo der „Leistungsträger“. Deren Widerpart, die Mitglieder der industriellen Reservearmee, die (Lohn-)Arbeitsscheuen, die bis zur Arbeitsunfähigkeit Beschädigten, diejenigen, die hartnäckig auf das beharren, was sie für eine „würdige Entlohnung für ehrliche Arbeit“ halten, und all die Anderen, die aus mannigfaltigsten Gründen nur fressen und nichts zur alltäglichen Reproduktion und Produktion des materiellen gesellschaftlichen Reichtums beitragen, müssen mittels Drohungen, Erniedrigungen, einem Leben in materiellem Mangel und anderer Quälereien zu befolgen lernen: Findest du keinen Job, weil auf dem Arbeitsmarkt deine Arbeitskraft nicht benötigt wird, bist du selber schuld. Drücke erneut die Schulbank, bilde dich weiter, nimm ab, lebe gesund, sei immer freundlich, friß Dreck und nenne es ein Festmahl… Kurz: Recke, strecke, strebe und geissel dich, rede den Leuten nach dem Mund, tritt nach unten, buckel nach oben, räume die Konkurrenz aus dem Weg, schreibe Bewerbungen und ertrage jede Ablehnung,… aber denke bloß nicht darüber nach und thematisiere auf keinem Fall den Umstand, dass die eigene, ausschließlich an den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals gemessene, objektive Überflüssigkeit, die sich tagtäglich schmerzhaft ins Bewusstsein drängt, etwas mit dem menschenfeindlichen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse und der zugrunde liegenden kapitalistischen Produktionsweise zu tun hat. Schwindel nicht bloß, glaube an den Schwindel!9
Von dieser bürgerlichen Lebenslüge – in deren variationsreichen Erzählungen der Mensch immer wieder als Robinson, als vorgesellschaftlich lebender Einzelner figuriert – leben abertausende Lebenshilfebücherproduzentinnen und Ratgebersendungsmacher. Diese ideologische Vorstellung ist ein weit verbreiteter Allgemeinplatz, und Frau Doktor P. wollte sich diese Tatsache instinktiv zunutze machen, um die Seminarteilnehmerinnen und Teilnehmer über ihr individuelles Limit hinaus unter Druck setzen zu können10. Die Leute haben dieses Spielchen aber nicht mitgemacht. Für die allein erziehende Mutter von drei Kindern, für die junge Afrikanerin, für den arabischstämmigen Philosophen und alle anderen war die Schmerzgrenze erreicht. Keine Ideologie ohne materielle Basis. Das Geschwätz von Frau Doktor P. ging an ihrer Lebensrealität vorbei und damit blieb für sie jede Möglichkeit, den verlangten konstitutiven Akt des Selbstbetrugs nachzuvollziehen, verstellt.

Nach der Pause wurde Schlaflosigkeit als Quelle für alltäglichen Stress ausgemacht. „Was kann man tun gegen Schlaflosigkeit?“. Eine reguläre Wortmeldung vom serbischen Kommunisten: „Man kann die ganze Nacht fernsehen, wenn man arbeitslos ist. Morgens um zehn fallen die Augen schon von alleine zu“. Wieder Gelächter, wieder Geschrei vom Lehrerpult.
Nun begann sie, mit den existentiellen Ängsten und Wünschen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu spielen. Sie befragte die mehrfache Mutter (und das perfideste ist: Diese hatte zuvor berichtet, wie sie sich mit einem Nagelpflegeservice selbständig zu machen versucht hatte, nachdem sie der Mann verlassen hatte. Nach einer Pleite saß sie nun tief in der Schuldenfalle und musste zum Arbeitsamt gehen), ob sie nicht den Wunsch hege, ihren Kindern einmal einen Urlaub in fernen Ländern zu gönnen. „Ja, das wünsche ich mir schon, ich glaube nur kaum, dass ich mir das jemals leisten kann als Ungelernte“. Die Antwort klang gequält und das zuvor heiter gestimmte Publikum verstummte. Das zielsicher bediente Bild der treu sorgenden Mutter machte auf unterschiedliche Weise betroffen. Die Afrikanerin blickte verschämt auf den Boden und der arabischstämmige Philosoph (selber Vater von vier erwachsenen Sprösslingen) murmelte: „Du musst neu heiraten“.
Die bedrückende Zwangslage der Frau war allen klar, und jeder Mensch mit einem sozial verträglichen Mindestmaß an Empathie hätte an dieser Stelle mit der eindringlichen Fragerei aufgehört. Nicht so Frau Doktor P., die meinte einen Hebel zur Unterminierung des trotzig präsentierten Selbstbewusstseins gefunden zu haben. Zielsicher wendete sie sich mit der nächsten Frage an das gesamte Auditorium und an die Eltern unter uns im Speziellen. „Denken Sie doch einmal an das Alter. Sie wollen doch bestimmt einmal eine anständige Rente bekommen und nicht Ihren Kindern auf der Tasche liegen müssen?“. In das anschließende ratlose Gemurmel platzte erneut der Serbe und es entwickelte sich ein Streitgespräch zwischen ihm, dem Araber und der Seminarleiterin, das nach wenigen Minuten in wildes Geschrei mündete.
Serbe: „So etwas können Sie der Frau doch nicht sagen, Sie wissen doch ganz genau, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nur schlecht bezahlte Zeitarbeit finden wird“.
Doktor P. : „Das ist nicht ganz richtig. Auch Zeitarbeitsfirmen zahlen inzwischen in vielen Branchen den Mindestlohn. Wir hatten hier gestern einen Vertreter von RXXX (eine große Zeitarbeitsfirma. Anm. der Verf.) und wären Sie hier gewesen, hätten Sie erfahren können, dass diese Klischees, die überall verbreitet werden, längst nicht mehr stimmen“.
Serbe: „Na und? Mehr als tausend Euro monatlich kommt nicht herum. Was man dabei an Beiträgen einzahlt, reicht niemals für eine gute Rente. Das Scheiss-Argument mit der Rente…, das ist sowieso eine Lüge.“
Doktor P. (in einem extrem herrischen Tonfall): „Wir diskutieren hier nicht politisch!“ (Nach einer kurzen Atempause und in einem schlagartig einsetzenden freundlicherem Tonfall:) „Anstatt hier immer nur rumzumeckern, sollte Sie lieber einmal von ihren Träumen sprechen und diese versuchen zu verwirklichen“.
Serbe: „Natürlich habe ich Träume. Ich wäre gerne Millionär“. Alle lachten.
Doktor P. : „Nein, machen sie sich einmal realistische Träume, Träume, die Sie hier und jetzt auch verwirklichen können“.
Araber: „Du verstehst das nicht, du musst davon träumen, für 850 Euro netto, 45 Stunden pro Woche zu arbeiten. Wenn du davon träumst, dann sind deine Träume realistisch“. Alle lachten ausgiebig, sogar die dicke Frau in der ersten Reihe. Der Araber und der Serbe, die nebeneinander saßen, gaben sich zur gegenseitigen Aufmunterung HighFive.
Doktor P. : „Bitte lassen Sie das“.
Ab diesem Punkt wurde es unübersichtlich, und es ist mir nicht möglich, die geführte „Diskussion“ wiederzugeben. Frau Doktor verbreitete noch weiteren gehässigen Unsinn und brüllte noch mehrfach durch den Raum „Wir diskutieren hier nicht politisch“. Auf die Androhung ernsthafter Sanktionen erwiderte der Serbe, dass ihm diese inzwischen scheißegal seien und das er gerne von Essensgutscheinen lebe, wenn er nur nicht noch einmal so eine „Sklavenpropaganda“ zu hören bekomme. Bezug nehmend auf die aktuelle Nachrichtenlage schob er noch hinterher, dass ihm die Bombardierung Kerneuropas mit Atombomben durch Nordkorea ganz recht sei – „…damit der Dreck hier ein Ende hat“.
Die Pause beendete diese Diskussion. Anstatt nach drei Zigaretten wieder brav in das Seminar zurückzukehren, schaltete ich mein Mobile aus, ging nach Hause und legte mich schlafen. Am nächsten Tag bin ich zu meiner Sachbearbeiterin auf dem Arbeitsamt gegangen und habe ihr mitgeteilt, das ich den bösen Spaß nicht mehr mitmache und lieber eine Kürzung in Kauf nehme, anstatt meine Lebenszeit und Nervenkraft weiterhin mit diesen „Seminaren“ zu vergeuden. Sie hörte sich meine Einwände geduldig an und teilte mir mit, dass sie meine Gründe für vernünftig halte und versprach mir, von einer Kürzung der Bezüge Abstand zu nehmen. Diese Reaktion hatte ich beileibe nicht erwartet. Da war sie wieder, die allgegenwärtige Willkür auf dem Arbeitsamt.

Anmerkungen:
0. Anhand ihrer Ausführungen und nach ein paar kritischen Fragen war leicht festzustellen, dass Frau Doktor P. offensichtlich prinzipiell nicht in der Lage ist, Freundeskreis und Bekanntenkreis, Geschäftskontakte und private Beziehungen begrifflich auseinander zuhalten. Ein erschreckendes Ausmaß an Selbstentfremdung!
1. Akademischer Titel nicht anerkannt, zu alt: Arbeitslos.
2. Scheinselbstständigkeit, Schulden, dreifache Mutter: Arbeitslos.
3. Arbeitgeber pleite: Arbeitslos.
4. Jahrelange konsequente Arbeitsverweigerung: Arbeitslos.
5. Wenig Deutschkenntnisse, schwarz: Arbeitslos.
6. Offensichtlich zu übergewichtig: Arbeitslos.
7. Ich versichere an dieser Stelle – wie auch bei dem Rest dieses Artikels – , dass ich mir nicht ein Wort ausgedacht habe, und dass sich alles so zugetragen hat, wie ich es hier beschrieben habe.
Leseempfehlungen:
8. „Das Gesetz endlich, welches die relative Übervölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“(Das Kapital, MEW Band 23, S. 675) – Dies alles soll also aus individuelle Fehler hervorgehen und zu beseitigen sein (Anm. der Verf.).
9.Es ist, als hätte dieser Abschaum Brechts „Flüchtlingsgespräche“ gelesen und sich Herrenreitters Methode zu eigen gemacht (Anm. der Verf.). „Kalle: „Ich erinnere mich, dass wir gleich am ersten Tag eine gute Lektion erhalten haben. Wie wir ins Klassenzimmer gekommen sind, gewaschen und mit einem Ranzen, und die Eltern weggeschickt waren, sind wir an der Wand aufgestellt worden, und dann hat der Lehrer kommandiert: „Jeder einen Platz suchen“, und wir sind zu den Bänken gegangen. Weil ein Platz zu wenig da war, hat ein Schüler keinen gefunden und ist im Gang zwischen den Bänken gestanden, wie alle gesessen sind. Der Lehrer hat ihn stehend erwischt und ihm eine Maulschelle gelangt. Das war für uns alle eine sehr gute Lehre, daß man nicht Pech haben darf. Ziffel: Das war ein Genius von einem Lehrer. Wie hat er gehießen? Kalle: Herrenreitter. …. Ziffel: … Ein wie feines Modell im Kleinen der aufgestellt hat mit zu wenig Bänken, und doch habt ihr die Welt, die euch erwartet hat, klar vor Augen gehabt nach so was. Nur mit ein paar kühnen Strichen hat er sie skizziert, aber doch ist sie plastisch vor euch gestanden, von einem Meister hingestellt! Und ich wett, er hat’s ganz instinktiv gemacht, aus der reinen Intuition heraus! Ein einfacher Volksschullehrer!“ (Brecht, Flüchtlingsgespräche, Gesammelte Werke Band 14, S. 1405f)
10. „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht“. (Die deutsche Ideologie, MEW Band 3, S. 5-530)

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Ein paar Notizen zu unmöglicher Praxis

Jörg Finkenberger

1.
In der „Phase 2“ irgendwann schrieb ein gewisser Hannes Giessler neben anderem auch ein paar Worte über uns. Ich erinnere mich an Hannes Giessler von früher, habe aber nicht verfolgt, was er die letzten 5 Jahre getrieben hat. Die leipziger Szene ist mir ein Rätsel: man schaut einmal kurz nicht hin, und schon sind 5 Jahre vergangen und irgendwelche ehemaligen antideutschen Kommunisten haben ihre Liebe zum Reformismus entdeckt.

Ich habe seinen Artikel nicht genau gelesen, aber soviel ich verstanden habe, wirft er uns vor, wir verachteten den Reformismus.(1) Nun könnte ja Hannes Giessler durchaus ein oder zwei Dinge über mich wissen. Es gab eine Zeit, da waren Leute wie ich bei den Reformisten, und wir hielten Leute wie ihn ganz zurecht für Anhänger eines sterilen und völlig uninteressanten Linksradikalismus. Seine und meine Richtung hatten recht wenig gemein, und das war gut so und wäre wahrscheinlich auch so geblieben, wenn nicht 2001 alles verändert hätte.

Nach 2001 ist der Reformismus vollends unmöglich geworden. Nicht nur in dem allgemeinen, grundsätzlichen Sinn, in dem er schon immer unmöglich war, sondern in einem genaueren, sehr praktischen. Nicht, weil er nie und nimmer zum Sozialismus führt, sondern weil er 1. nicht mehr imstande ist, auch nur Linderung, Aufschub, ein Minimum an praktischer Vernunft zu organisieren, sondern das Gegenteil, und 2. seit 2001 endgültig vom Antisemitismus verschlungen worden ist. Vielleicht war es aber auch gar nicht der richtige Reformismus, der da verdarb? Vielleicht muss man einen neuen aufmachen? So etwas dachten sich bekanntlich auch die wackeren Recken der bayerischen IG Metall und die unverzagten Streiter um die Zeitschrift Sozialismus, die nicht müde werden, seit Jahrzehnten immer den gleichen Artikel zu schreiben, als sie eine neue SPD gegründet haben.

Nach 2003 ist eben nicht eine Linke entstanden, die zu irgendetwas gut war, sondern genau diese Linkspartei, die zur Bedeckung ihrer antisemitischen Blössen der Dienste unseres gemeinsamen Bekannten Voigt bedarf, und das ist kein Zufall, sondern hängt mit dem Innersten des Reformismus zusammen, von dem Giessler offenbar nicht so viel weiss. Komischerweise gibt es recht gute Analysen des Reformismus von innerhalb des Reformismus, aber die Göttinger Thesen sind tatsächlich rein für nichts geschrieben worden.

Steril und völlig uninteressant sind viele ehemalige Linksradikale geblieben. Und den Reformismus haben sie einmal aus Gründen abgelehnt, von denen sie jetzt vielleicht ahnen, dass es die falschen waren, aber andere hatten sie nicht; und jetzt wüsste ich nichts, das sie noch daran hindern soll, sich ihm mit Haut und Haaren zu ergeben. Das kommt, weil in ihren Köpfen Schablonen arbeiten.

2.
Noch ein schönes Beispiel dafür, was für hervorragende Ideen die radikale Linke hervorgebracht hat: 2000 hatte Gerhart Schröder die Bekämpfung des Nationalsozialismus zur Sache des Staates und der Mitte erklärt. Daraus zog man in Teilen derjenigen Fehlkonstruktion, die man Antifa nennt, den berechtigten Schluss, dass es nun so nicht einfach weitergehen könne.

Der Hauptteil der Kritik richtete sich gegen die zuweilen vertretene Lehre vom „revolutionären Antifaschismus“, die im NS ein Werkzeug kapitalistischer Klassenmacht sehen wollte und Antifaschismus in eine antikapitalistische Gesamtstrategie einbinden wollte. Dieser vollendete Wahnwitz wäre ja nur dann völlig richtig gewesen, wenn die Nazis damals welche gewesen wären, die das deutsche Volk mit Gewalt geknechtet hätten. Gerhard Schröder zeigte 2000 jedenfalls auch sehr eindrucksvoll, dass der Staat die Nazis keineswegs als Vortruppe braucht, und dass Konsens bis an den Rand der Auflösung jeder Opposition auch genau gegen diese durchgesetzt werden kann.

Die Kritik am „revolutionären Antifaschismus“ war trotzdem falsch.(2) Sie hat es möglich gemacht, dass an vielen Orten die Kontinuität antifaschistischer Recherche unterbrochen worden ist; sie hat an anderen Orten dazu geführt, dass nur noch irre Antiimperialisten aktiv waren; denn plötzlich fanden viele dieser fürchterlichen Hohlbratzen, die in solchen Organisationen den Hauptstrom zu stellen pflegen, Antifa-Arbeit ganz einfach unter ihrer Würde. Das macht jetzt schliesslich Günter Beckstein.

Die Republik aber hält sich zu diesem Zweck einige Dienste, und einer von denen, in Thüringen, hat jemanden hauptberuflich beschäftigt, der zu DDR-Zeiten hektografierte Ausgaben von „Mein Kampf“ vertickt hat, wie man bei einer zufälligen Hausdurchsuchung (!) herausgefunden hat, und der rätselhafterweise in einem Internetcafe sass, als diese Nazi-Truppe, für deren Überwachung Leute wie er bezahlt worden sind, dessen Betreiber erschossen hat. Und die NPD kann nicht verboten werden, weil die Dienste nicht riskieren wollen, ihrer unverzichtbaren Spitzel aus ihr abzuziehen. Wer unterwandert hier eigentlich wen?

Und das ist die Republik, das ist der Verein, den man 2000 für zuständig dafür erklärt hat, andere Leute vor den Nazis zu beschützen. Das ist das Gewaltmonopol, und es gibt Leute aus dieser früheren radikalen Linken, die heute sich dahin vernehmen lassen, so ein Gewaltmonopol sei eine im Prinzip gute Sache.

Mit den Prinzipien hat es aber seine eigene Bewandtnis. Viele haben welche, aber meistens keine guten. Meistens muss man sie gar nicht gross ändern, weil sie eh falsch waren. Es gibt merkwürdige Kontinuitäten, die auch einen Seitenwechsel überstehen: die meisten Leute haben als Angepasste gerade die selben Sachen nicht verstanden wie früher als Radikale.

Vielleicht sieht man mir jetzt nach, dass ich mich von manchen Leuten nicht mehr über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Praxis belehren lasse; von denen nämlich, deren Praxis tatsächlich unmöglich ist.

1 Ausserdem lehnen wir nach Giessler immer noch jede Bewegung unterhalb der Markierung unserer eigenen Vorstellung von einem grossen Umsturz ab. Bevor aber Occupy Occupy hiess, hiess es #spanishrevolution und Make Syntagma Tahrir, und die Narrheit, einen öffentlichen Platz zu besetzen und zu tun, als habe man damit schon fast die halbe Revolution, haben wir damals kritisiert, indem wir die Fehler kritisiert haben, die schon auf dem Midan al Tahrir gemacht wurden. Und wir wissen, dass diese Texte jedenfalls in Spanien gelesen worden sind; auch wenn wir nicht wissen, vom wem die Übersetzung stammt.

2 Der „revolutionäre Antifaschismus“ ist eine Form der Lehre vom Stamokap. Diese idiotische Lehre hat die Linke, als es sie noch gegeben haben könnte, sehr viel gekostet. Es ist natürlich niemandem eingefallen, ihn als genau das zu kritisieren. Die gängigste Kritik ist selber wieder nur neu gewendeter und umgenähter Stamokap; und wieviel Stamokap selbst noch in der gängigen „Ideologiekritik“ steckt, das will ich gar nicht untersuchen.

Nicht in Heft 3 abgedruckt

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»Arbeite viel […] und habe keinerlei Motivation«

INTERVIEW: PETRA DÖRNER

Petra Dörner: Deine EP, „Dinkelbrot & Ölsardinen“, die im April 2012 auf der Homepage deines panels „Antilopengang“ publiziert wurde, enthält sieben reguläre Tracks und zwei Bonuslieder. Du löst dich von dem subkulturellen Reim-Schema. Gut, das könnte man auch von Haftbefehl, Audio88 und Hiob behaupten, allerdings verzichtest du ganz auf Punchlines, auf die für Hip Hop üblichen Kettenreime und Vergleiche. Woher rührt die Motivation?

Danger Dan: Als Vertreter eines HipHop-fremden Magazins darf ich dir deine Unwissenheit in Bezug auf Rap-Handwerk ja nicht vorwerfen. Aber weder Haftbefehl noch Hiob lösen sich vom „subkulturellen Reim-Schema“. Deine anderen Aussagen stimmen leider auch nicht. Ich löse mich nur selten von gängigen Reimstrukturen, ich verzichte nicht auf Kettenreime und Punchlines, arbeite viel mit Vergleichen und habe keinerlei Motivation. Sorry, nächste Frage…

P: Du besingst im ersten Track, die „Ölsardinenindustrie“, eine Metapher und schilderst wie du auf das Fischernetz zu schwimmst. Das hört sich äußerst wohltunend an. Ich schwimme leidenschaftlich gerne, dein dazugehöriges Video drehtest du vermutlich an der Ost- oder Nordsee, bist du im Netz (nicht nur auf Youtube) gelandet? Wo und was ist die Ölsadinenindustrie?

D: Ehrlich gesagt, ich kann und möchte die Metapher im Lied gar nicht auflösen. Ich freue mich aber, dass du ein leidenschaftlicher Schwimmer bist, danke für die Information. Lass mich in Ruhe!

P: Nachdem du in deinem Video zur „Ölsadinenindustrie“ Konserven bewirbst, wie hoch ist eigentlich der Salzgehalt in den Konservenbüchsen? Worin unterscheiden sich die verschiedenen Markenprodukte? Gerne kannst du an dieser Stelle für Anbieter werben, ob in Sonnenblumenöl eingelegt oder nicht.

D: Ich kenne mich damit leider gar nicht aus. Ich habe noch nie eine Ölsardine gegessen. Aber ich finde Delphine süß.

P: Wirklich? Seelachs? Mich haben Delphine sowieso noch nie interessiert.

D: Ich habe nichts von Seelachs gesagt. Aber Seelachs gibt es so ja gar nicht. Der Fisch heißt in Wirklichkeit Köhler und wird aus Gründen der Verkaufsförderung Seelachs genannt, sobald er in das Netz der Seelachsindustrie geschwommen ist.

P: Die von mir schon angesprochenen gängigen Muster fehlen gänzlich. Ist das Album genauso viel Aufwand wie ein herkömmliches? Immerhin haben deine Crewmitglieder als Backroundsänger fungiert und stimmt es, dass dein Album im Zuge deiner Masterarbeit für „Angewandte Kommunikationswissenschaften und Anglistik“ entstanden ist?

D: Uiuiui, das sind aber einige Fehlinformationen. Da der Herausgeber dieses Blattes meinen Recherchen nach Jurist ist, bin ich davon ausgegangen, dass seine Mitarbeiter die Informationen, die sie zu veröffentlichen gedenken, prüfen und nicht einfach drauf los spekulieren. Um es richtig zu stellen: Meine Crewmitglieder haben nicht als Backroundsänger fungiert, ich habe nie eine Masterarbeit geschrieben, weder Kommunikationswissenschaften noch Anglistik noch sonst irgendwas studiert, du hast bislang diese ominösen „gängigen Muster“ gar nicht erklärt und ich habe ja auch gar nicht gänzlich auf im Rap gängige Muster verzichtet. Das ist aber keine gute Reputation für dieses Blatt. Die andere Frage kann ich nicht beantworten. Wir als Antilopen Gang haben keine Erfahrung mit herkömmlichen Alben; alles was wir bislang machten, war allerdings mit viel Aufwand verbunden.

P: Außerdem hast du so treffsichere und inhaltlich wertvolle Lines wie:

„Es ist so scheiße mit dieser Scheiße / (Denn) Meine verranzte Lieblingsbar geht pleite / Scheiße mit dieser Scheiße / Ey /“ (3 mal in Folge)

. Dieser Track verfügt nur über wenige bis gar keine Vergleiche. Was ist die Message? Oder ist die Message keine Message? Und du bringst die Message trotzdem so autark und pejorativ herüber, dass man sich wundert, wie authentisch sie in den Ohren der Studenten klingen. In Hip Hop Foren fragt man sich daher – wohlmöglich zu Recht –, ob du deinen Poetry Slam Auftritt vertont hast. Stimmt das?

D: Das stimmt natürlich auch nicht, ich habe nichts mit Poetry Slam am Hut. Allerdings gibt es, seit es die Antilopen Gang gibt, die wahnwitzigsten Spekulationen über uns im Internet. Und was soll das eigentlich immer mit den Vergleichen? Such‘ doch mal die Message und wenn du sie gefunden hast, dann schick sie mir per Email.

P: Du behauptest, im oben schon zitierten Song, „Meine Lieblingsbar (Scheisse)“, selbst mit avantgardistischen Reim-Schemen zu brechen. Ärgerst du dich deswegen, dass man deine Songtexte nicht versteht oder ist das der „Witz“ (lautes Lachen)?

D: Ich ärgere mich deswegen jeden Tag! (lautes lachen)

P: Man kann dir trotz alledem keine fehlende Struktur in der EP vorwerfen. Du kotzt dich auf die Art und Weise aus, wie man es sonst nur von Stammkunden der Currywurstbude kennt, ist das der Clou? Also nah an der Realität zu sein und daher so authentisch aus der „Unterschicht“ berichten zu können? In Politikerkreisen wird das m. E. als nah an der „Basis“ getitelt.

D: Das ist der Clou! (lautes, hysterisches, manisches Lachen und wilde Zuckungen, gefolgt von absoluter Stille und einer eingefrorenen Miene)

P: Mit deiner Hip Hop Combo versuchst du aktuell, seit eurem mittlerweile – unter angehenden Akademikern populärsten Song – „Fick die Uni“, die Zuhörerschaft wieder zu vergraulen. Gewissermaßen verfolgte die Vorgängercrew „Anti Alles“ gleiches Projekt. Das erinnert stark daran, wie ihr mit der hässlichen linken Szene vorsätzlich „abgeschlossen“ habt. Wobei das auch nicht den Umstand mildert, dass ihr hauptsächlich Auftritte in versifften Jugendzentren vor Antifas spielt. Werdet ihr auch künftig das Konzept verfolgen, sich über Nicht-Identifikation mit der Szene zu identifizieren?

D: Das halte ich wieder für eine Spekulation. Ich fürchte noch eher, dass es sich hier um eine Projektion handelt. Auf der Homepage eures unter journalistischen Aspekten recht fragwürdigen „Lifestyle Magazins“ versucht ihr, mit eurem – unter Antifaschisten populären – Artikel „Sehr geehrte Robbenbabys“ eure Leserschaft wieder zu vergraulen. Ich unterstelle feierlich, dass ihr euch in eurer Redaktion damit brüstet, mit der sogenannten „hässlichen Linken“ abgeschlossen zu haben. Wobei das nicht den Umstand mildert, das eure Zeitung überwiegend in versifften Jugendzentren und von (Post-)Antifas diskutiert wird. Anders als bei der Antilopen Gang, spielt die sogenannte „Szene“ in eurem Leben wahrscheinlich eine recht große Rolle. Was auf mich und evtl. Koljah, Panik Panzer und NMZS allerdings zutrifft ist der Umstand, dass ich mich nur damit identifizieren kann, sich mit nichts zu identifizieren. Außer mit den Antilopen, denn diese sind für mich ein Zufluchtsort, ein Freundeskreis, ein Team. Antilopen Gang, das ist etwas schönes, positives, lebensbejahendes.

P: Vielleicht kannst du gerade zum Schluss noch erläutern wie man die gepressten Konservenbüchsen partizipieren kann. Damit kann man sich sicherlich neben den zwei Bonustracks gleich ein handsigniertes Relikt der Kulturindustrie sichern. Wärst du so nett?

D: Dein rhetorisches Rumgegurke ist wirklich anstrengend zu lesen. Das versteht doch keiner. Du willst also ein Autogramm auf deiner CD haben, ja? Gerne. Erwähne das einfach im Bemerkungsfeld, wenn du das Bestellformular der CD-Version meines Albums auf http://www.antilopengang.de ausfüllst.

Ein viel öderes, aber weitaus informativeres Interview mit Danger Dan ist auf diesem Blog einzusehen: http://herrmerkt.blogspot.de/2012/04/mein-album-danger-dan-dinkelbrot.html

Danger Dan – Dinkelbrot & Ölsardinen, EP, 2012, 7 Euro oder kostenloser Download

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Hoffnung?

Zum Schein des Vor-Scheins und den Problemen der Utopie
Von H.

Es gibt Zeiten, in denen die Not größer ist und Zeiten, in denen sie nicht groß erscheint. Ebenso gibt es Zeiten, die mehr Hoffnung in sich bergen, wie es auch Zeiten gibt, die grundlegend missmutig stimmen. Dass Not und Hoffnung im Bewusstsein der Menschen in einer konkreten Beziehung stehen, erscheint plausibel, die Frage nach dem Wesen dieser Beziehung ist es, die relevant ist und Fluchtlinien sowie Perspektiven einer Gesellschaftskritik aufzeigt. Ein Blick in Zeiten größter Not sollte zeigen, welche Auswirkungen eine solche Verhältnisbestimmung für die Gesellschaftstheorie hat.
Aus dem anfänglich relativ breiten Kreis um das Frankfurter Institut für Sozialforschung sollte sich im Laufe der 40er Jahre allmählich ein breites Feld an gesellschaftstheoretischem Denken herauskristallisieren, dessen Heterogenität nicht nur äußerlichen Umständen und persönlichen Querelen geschuldet war, sondern wesentlich auch dem subjektiven Umgang mit dem behandelten Material. Die Notlage mitsamt der Vertreibung, der viele Intellektuelle jenes Kreises durch die nationalsozialistische Barbarei ausgesetzt waren, bedeutete bekanntlich einen, bzw. den, Einschnitt in ihrem Denken und Leben – ganz deutlich im Fall Walter Benjamins, der sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, aber auch für Adorno und Horkheimer, denen die Emigration und der nationalsozialistische Terror nicht zuletzt einen neuen kategorischen Imperativ und damit verbunden die (Neu-)Ausrichtung ihrer Philosophie auf die Abwendung der Katastrophe brachte. Die Hoffnungslosigkeit der Situation zwang sie dazu, sich wenigstens um die Verhinderung des Schlimmsten zu bemühen.
Anders Ernst Bloch, der dem Institut anfangs auch sehr nahe stand und für Adornos Philosophie sehr prägend war.(1) Dieser befand sich – nicht zuletzt aufgrund seiner miserablen Englischkenntnisse und den damit verbundenen Schwierigkeiten, das Leben in der Emigration zu bewältigen – in einer nicht gerade hoffnungsstiftenden Situation, was ihn jedoch nicht daran hinderte, genau in jenen Jahren der Emigration weite Teile seines Hauptwerkes „Das Prinzip Hoffnung“ zu verfassen. Vielleicht war es gerade der messianische Geist seines früher sehr engen Freundes Walter Benjamin, der ihm den Optimismus gerade durch die Katastrophe hindurch bewahren ließ.
Blochs an Hegel und Marx orientierte Philosophie entbehrt großteils des düsteren, negativen Klangs, der etwa für Adorno so charakteristisch ist, stattdessen hangelt sie sich an Begriffen wie Utopie, Hoffnung, Vor-Schein etc. entlang und versteht sich selbst als eine Erweiterung der Marx‘schen Theorie: eine Art marxistische „Kritik der praktischen Vernunft“, sozusagen die moralphilosophische Ausarbeitung der Marx’schen Analyse.(2) Elementar sind dabei für Bloch zwei Komponenten: 1. Das Naturrecht, welches gelöst von metaphysicher Begründung auf die Erlangung menschlicher Würde zielt und 2. die Utopie, die auf den besseren Zustand jenseits des Leids hinweist. Einer der Anknüpfungspunkte an Marx ist also für den gerade genannten ersten Aspekt, „dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also (…) [der] kategorische(…) Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“(3) In den Forderungen des Naturrechts findet Bloch eben jenen Weg angelegt, der den Menschen den „aufrechten Gang“ lehrt gegen jene Umstände, die ihn in Abhängigkeiten und die Unmündigkeit werfen. Mit einer nicht ganz unproblematischen Rede von der ‚Natur des Menschen‘ versucht er die Idee eines allgemeinen Menschenrechts zu entwickeln, die emanzipatorischen Charakter haben und etwa über rechtspositive Menschenrechte hinausgehen soll, was er wie folgt betont: „Aber freilich, indem das Privateigentum zu den unveräußerlichen Menschenrechten gezählt wurde, konnten diese selber an den Kapitalismus veräußert werden, an eine viel radikalere Entäußerungsmacht als der Despotismus, gar als die ständische Vertretung.“(4)
Für den zweiten Aspekt, also die Utopie – im Speziellen die Sozialutopie – entwickelt Bloch eine neue Konzeption, die er zunächst von abstrakten Utopien, wie etwa der im luftleeren Raum konstruierten Welt des Schlaraffenlandes, abgrenzt. Derartige „Wolkenkuckucksheime“ brächten keinerlei emanzipatorischen Fortschritt, vielmehr bedürfte es einer strengen Ausarbeitung von Utopien, die nicht losgelöst von der Faktizität erreichbar sei. Die „konkrete Utopie“, wie Bloch sie ausarbeitet, folgt seiner Ontologie des Noch-Nicht, welche er wiederum in Anlehnung an das psychoanalytische Theorem des Noch-Nicht-Bewussten entwickelt. Es gebe im Hier und Jetzt Tendenzen und latente Hinweise auf eine bessere Einrichtung der Welt. In der Ausgabe 0 (Tiger) dieses Blattes schrieb Aquilah Chalid in der Analogie der Gesellschaft als eines Spiegelkabinetts: „Es weist Fehler auf; Fehler, die bei günstiger Sonneneinstrahlung zu gegebenem Zeitpunkt als Risse in den unzähligen Spiegeln erscheinen, Risse, die einen grob erahnen lassen, was sich hinter den Trugbildern verbergen könnte.“ Ähnlich verläuft die Argumentation Blochs, der in diesem Zusammenhang vom „Vor-Schein“ spricht. „Derart ist das bisher Wirkliche sowohl vom ständigen Plus-ultra essentieller Möglichkeit durchzogen wie an seinem vorderen Rand von ihr umleuchtet.“(5) Mit derart fast romantischen Bildern versucht Bloch anzudeuten, dass die Möglichkeiten nur erkannt und ergriffen werden müssen, um dem Vor-Schein entgegenzugehen. Wesentlich dazu wäre einerseits die Willenssetzung, dieses bessere Leben zu erreichen, andererseits die Fähigkeit zum „aufrechten Gang“ und somit die gezielte Praxis des mündigen Subjekts nach dem Motto: „es soll so sein, es muss so werden.“(6)
Entgegen der bisherigen Utopien ist es eben nicht einfach Blochs Ansinnen, eine möglichst phantasievolle Gegenwelt zu entwerfen, sondern aus den Umständen des „schlecht Vorhandenen“ reale Möglichkeiten herauszulesen, ebenso verwehrt er sich gegen einen Automatismus, der ohne das aktive Eingreifen des Subjekts auskommt. Schließlich – und hier gerät er in einen Konflikt etwa mit der Theorie Adornos – setzt Bloch dennoch ein „antizipierbare Gelungenheit“(7) voraus, die dem Drängen des Subjekts Kraft verleiht. Hier offenbaren sich Probleme, geht man mit Adorno davon aus, dass eine solche Antizipation unter das „Bildverbot“ fällt und zwar aus guten Gründen. Eines der Hauptprobleme, das das verdinglichte Bewusstsein in dieser Zeit mit sich bringt, ist, dass die Gesellschaft so, wie sie ist, als unwandelbar und von Natur aus so gegeben gilt – ein Umstand, den Georg Lukács in seinem berühmten Verdinglichungsaufsatz mit dem Terminus „zweite Natur“ bezeichnete.(8) Erstellten wir nun ein konkretes Bild von der gelungenen Gesellschaft, so sähen wir uns erneut mit eben derselben Starre konfrontiert, wo doch emanzipatorischer Kampf in einer (wie auch immer sie konkret dann aussehen mag) befreiten Gesellschaft münden sollte. Zwar heißt es auch bei Adorno: „Nur dem, der Gesellschaft als eine andere denken kann denn die existierende, wird sie (…) zum Problem“(9), dennoch bestehe bei einem konkreten Bild jener anderen Gesellschaft die Gefahr, die bestehende nur zu reproduzieren. Der Vor-Schein Blochs und ebenso die Sonnenstrahlen durch die dichroitischen Spiegel bleiben per defnitionem eben Schein und sind nicht zwingend die Erscheinung des Wesens einer befreiten Gesellschaft.
Umgekehrt: was wir erfassen können ist aber die Erscheinung des Wesens der falschen Gesellschaft. Anstatt im Vagen zu stochern und der Frage nachzugehen, was denn genau der Mensch sei, bietet sich in der negativen Annäherung wohl ein fruchtbareres Modell: „Wir mögen nicht wissen, was das absolut Gute, was die absolute Norm, ja auch nur, was der Mensch oder das Menschliche und die Humanität sei, aber was das Unmenschliche ist, das wissen wir sehr genau.“(10) Es ist demnach notwendig, nicht aus einem phantastischen Konstrukt heraus, sondern aus der bestimmten Negation des offensichtlich – sowie des verschleierten – Falschen einen kritischen Spiegel zu entwickeln. Das heißt aber im Bezug auf die eingangs formulierte Frage, dass der Not keine schlicht optimistische Hoffnung gegenübergestellt werden darf, sondern dass wir uns des Dilemmas gewahr werden müssen, in dem wir uns befinden und nur aus diesem heraus – ex negativo – hoffnungsvolle, utopische Elemente bestimmen können. Schließlich muss das Ziel dennoch sein, dass das Ganze anders sei. Modelle und Anregungen sowie Konsequenzen für die Utopie im Allgemeinen können hier abschließend nur thesenhaft formuliert werden:
Die Funktion der Utopie besteht in der Kritik des Bestehenden
Die Utopie darf nicht zu einem starren Bild verkommen, um nicht selbst eine Ideologie zu werden
Jede Teleologie eines automatische Fortschritts und jede Hoffnung auf einen solchen wurde nicht zuletzt durch Auschwitz widerlegt
Trotz allem darf die Hoffnung (oder wie Chalid formulierte: die Sehnsucht) auf ein besseres Ganzes nicht aufgegeben werden – sie darf gerade deswegen nicht an ein falsches Bild, einen neuen Schein verkauft werden.
Für Adorno steckt utopisches Potential in der Kunst, welche durch Mimesis an die Herrschaft eben diese bloßstellt(11) und somit die „Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwing[t], daß[sie] ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“(12) (Das Verhältnis Ästhetik-Utopie bei Adorno wäre weiter auszuführen)

Fußnoten:
(1) Vom Frühwerk Blochs schriebt Adorno etwa „nie etwas geschrieben zu haben, was seiner nicht, latent oder offen, gedächte.“ In: Adorno: Noten zur Literatur, S. 557.
(2) Vgl. Bloch in Über Ernst Bloch, S. 93.
(3) Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: MEW 1, S. 385.
(4) Bloch: Naturrecht und menschliche Würde, S. 78.
(5) Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 275.
(6) Ebd. S. 167.
(7) Ebd. S. 169.
(8) Vgl. Lukács: Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats; in: ders.: Geschichte und Klassenbewusstesein, S. 174.
(9) Adorno: Zur Logik der Sozialwissenschaft; in: ders.: Soziologische Schriften I, S. 564.
(10) Adorno: Probleme der Moralphilosophie, S. 261.
(11) Vgl. Adorno: Ästhetische Theorie, S. 428 ff.
(12) Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: MEW 1, S. 381.

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Ein Riss ist in der Welt

Die Romantische Schule und die Avantgarde Teil I
Von Jörg Finkenberger

Was man moderne Kunst nennen kann, beginnt mit der Romantik und ist undenkbar ohne die Geschichte der Revolution, deren Teil und Ergebnis sie ist; dass in Deutschland Romantik und Revolution auseinandergefallen sind, ist gleichzeitig Anzeichen des spezifischen deutschen Elends wie Vorzeichen des Scheiterns der Revolution im allgemeinen. Die moderne Kunst ist so tot, wie die Revolution, und bleibt lebendig nur in dem Sinne, dass sie uneingelöst geblieben ist; ansonsten ist sie Objekt der Betrachtung, von dessen Ausbeutung die Wissenschaft, das Kunsthandwerk und jede nur denkbare sonstige Ideologieproduktion leben können.

1
Was einer wie Hölderlin einmal geschrieben hat, ist schutzlos den schönen und anderen unreinen Geistern preisgegeben, den schwäbischen Dichterschulen zweier Jahrhunderte, den Erweckungsbewegungen um 1914, der Literaturwissenschaft nicht zu vergessen; und zuletzt nimmt unwidersprochen einer wie Heidegger ihn zum Material, weil die Revolution zu machtlos ist, ihre Leute zu verteidigen.

Und noch während des Bürgerkriegs, in dem der französische Staat 1871 die pariser Bevölkerung unterwarf, umriss Arthur Rimbaud in einem Brief an Demeny eine Theorie einer modernen Kunst; er verglich die neue Kunst darin mit der der klassischen Antike und hielt als entscheidenden Unterschied fest: „En Grèce, ai-je dit, vers et lyres rhythment l’Action. (…) La Poésie ne rhythmera plus l’action, elle sera en avant.“(1)

Die ältere Kunst war nun in der Tat an den Ritus gebunden, noch die Komödien des Aristofanes hatten sakralen Charakter. Die Dichter waren hoch geehrte Handwerker wie die Töpfer, und wenn auch einzelne Künstler aufständisch wurden, so doch niemals ihre Verse. Die Dichtung diente im allgemeinen dem Kultus, und dieser war in der Welt vor dem Kapital das einzige halbwegs übergreifende Verhältnis, welches für die gesellschaftliche Praxis eine Art Synthesis abgab.(2) Die moderne Poesie kann nicht mehr, wie die frühere, als deren klassische Form die des antiken Griechenland benannt wird, sich dazu verstehen, sich in den Rhythmus, in die Ordnung der Dinge einzufügen und diese zu begleiten; die moderne Kunst kann nicht mehr so tun, als stünde sie in Einklang mit der gesellschaftlichen Praxis. Sie steht ihr gegenüber in Opposition. Sie ist ein greller Einspruch gegen diese Praxis.

2
Eine recht genaue Beschreibung dieses Zustandes findet sich schon früher, bei Heinrich Heine, in den „Bädern von Lucca“ Kap. 4, wo ein gewisser österreichisch-italienischer Graf Heine vorwirft: „Sie sind ein zerrissener Mensch, ein zerrissenes Gemüt, sozusagen, ein Byron.“ Heine fährt fort: „Lieber Leser, gehörst du vielleicht zu jenen frommen Vögeln, die da einstimmen in das Lied von byronischer Zerrissenheit, das mir schon seit zehn Jahren, in allen Weisen, vorgepfiffen und vorgezwitschert worden, und sogar im Schädel des Marchese, wie du oben gehört hast, sein Echo gefunden? Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, daß die Welt selbst mitten entzweigerissen ist.“ Und weiter: „Einst war die Welt ganz, im Altertum und im Mittelalter, trotz der äußeren Kämpfe gab’s doch noch immer eine Welteinheit, und es gab ganze Dichter. Wir wollen diese Dichter ehren und uns an ihnen erfreuen; aber jede Nachahmung ihrer Ganzheit ist eine Lüge.“(3)

Die vorherige Ganzheit der Welt freilich war auch eine Lüge, und zwar eine Grundlüge der Romantischen Schule. Diese Schule, über die Heine das massgebende Buch auch selbst geschrieben hat, hat aber immerhin als erste zu einem Bewusstsein dieses Risses gefunden; und Heine, ihr grösster Schüler, hat es als erster ausgesprochen. Der Riss, der durch die Welt geht, das ist noch der Riss, von dem Brecht schreibt in dem Lied von dem Regen, der nach unten fällt. Und schon dieses Lied war hilflos gegen diejenige Macht, gegen die es geschrieben wurde; dieselbe Macht, für die Heidegger arbeitet, der alles dafür tut, diesen Riss zum verschwinden zu bringen.

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Heidegger schreibt GA 13, 225 ff. über die genannten Zeilen von Rimbaud, und so widerlich es mir ist, muss ich doch ein bisschen daraus zitieren, weil man heute auch in unserer Partei nicht erwarten kann, dass die Methode dieses Denkers wirklich durchschaut worden ist. Heidegger schreibt: „Was heißt: Die Sprache der Dichtung bringt das Wirkliche in ihren Rhythmus im Sinne des Gleichmaßes? Die absolut modeme Dichtung soll dagegen nicht mehr unter diesem Auftrag stehen, »sie wird im Voraus sein«.

Ist das »en avant« nur zeitlich zu verstehen? Wird die Sprache der Dichtung voraussagend, mithin prophetisch, das Kommende voraus-sehen, aber als Dichtung gleichwohl auch im Rhythmus sprechen?

Dürfen wir, Rimbaud’s Wort bedenkend, vielleicht sagen: Die Nähe des Unzugangbaren bleibt die Gegend, dahin die selten gewordenen Dichter einkehren, dahin sie nur erst weisen? Dies jedoch in einem Sagen, das jene Gegend nennt. Muß dieses Nennen nicht ein Rufen sein, das in die Nähe des Unzugangbaren ruft und rufen kann, weil es »zum voraus« in diese Nähe schon gehört und aus diesem Gehören das Ganze der Welt in den Rhythmus der dichtenden Sprache bringt?“ – Man muss solchen gespreizten Unsinn tatsächlich im Zusammenhang zitieren, damit er wirklich unbegreiflich wird.

Heidegger schafft es in wenigen Sätzen mühelos, die Sätze Rimbauds ganz um ihren sehr spezifischen Sinn zu bringen, um ihnen dabei einen ganz anderen, erlogen allgemeinen Sinn unterzuschieben. Zuletzt scheint der Dichter fast zu einem Vorläufer Heideggers zu werden, zu einem Profeten, dem Heideggers kryptofaschistische Vision in den Mund gelegt werden; und das anhand einer Stelle aus einem Brief, der beginnt mit einer glühenden Erklärung der Verbundenheit mit der pariser Commune!

Die Methode funktioniert, weil sie gar nicht von der Kunstfertigkeit und intellektuellen Fähigkeit Heideggers abhängt, sondern weil der spezifische Sinn, von dem wir sprechen, schon wirklich untergegangen ist.(4) Dafür haben Konterrevolution und Nationalsozialismus gesorgt. Und heute kann jeder Ideologe Heine oder Hölderlin oder Rimbaud zitieren, ohne sich fürchten zu müssen, die Worte könnten sich gegen ihn wenden. Heideggers Filosofie ist hier nur ein ganz allgemeines Beispiel; seine Methode ist allgemein verbreitet, und man könnte staunen, wenn man wüsste, bis in welche Kreise.

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Es hat sich mit der modernen Kunst. Sie ist so tot oder so lebendig, so weit gerade die Erinnerung daran, dass es alles anders sein könnte, noch trägt. Ihr Rückfall in den Konformismus, der in der Warenform der Kunst schon angelegt ist, ist bisher nicht aufgehalten worden; wie könnte er auch? Die Welt ist noch immer die, die sie 1871 war, nur seitdem über alle Einwände schon längst hinweggegangen. Der Ehrgeiz, etwas neues und originelles zu tun, ist sinnlos; er läuft darauf hinaus, das Erbe der Revolte noch einmal auszubeuten, um im Betrieb etwas zu gelten. Dass Rimbaud heute ein moderner Klassiker genannt werden kann, ist eine bündige Widerlegung der naiven Hoffnung, als hätten Worte oder selbst Taten noch Folgen. Und wenn sie keine haben, werden die Geschichte und die Macht recht behalten haben, und mit ihnen ihre Ideologen, von welchen Heidegger nur der berühmteste ist.

Der Riss ist aber noch in der Welt, und solange das noch jemand weiss, ist Rettung noch möglich. Es ist Aufgabe der materialistischen Kritik, von diesem Punkt aus den Angriff auf die Ideologie vorzubereiten, aber es ist nicht zu sehen, wer sich dieser Aufgabe annehmen wollte, und kaum, wer sie auch nur begreifen wollte.(5)

1 „In (dem antiken) Griechenland, habe ich gesagt, rhythmieren Vers und Lyra die Handlung bzw. die Praxis. (…) Die Poesie wird nicht mehr die Handlung/Praxis rhythmieren, sie wird ihr voraus sein.“ – Dass es das Wort „rhythmieren“ nicht gibt, sei dem geneigten Leser geschenkt.

2 Dieser Satz ist keineswegs richtig, aber ich sehe nicht, wie im Rahmen dieses Artikels folgender Gedanke eingebaut werden könnte, der aber für den hier entwickelten Gedanken unverzichtbar ist: ein Prinzip vernünftiger gesellschaftlicher Synthesis gibt es nicht, nicht unter dem Kapital und noch weniger unter den anderen Kulten der Vorgeschichte. Alles, was als Synthesis gilt, besteht gerade, weil es keine gibt. Kunst ist immer falsch, soweit sie in solchen Verhältnissen dient. – In den Gesellschaften der Vorgeschichte gibt es ohnedies nicht einmal ein übergreifendes Verhältnis, wie man leicht zeigen kann, nicht einmal eine Gesellschaft, sondern nur einzelne Momente davon.

(3) Es sagt viel über den zwischen Klassizismus und Revolution eigenartig festklemmenden deutschen Romantizismus, wenn jemand wie Heine einen derart unwahren Gedanken fassen kann: dass das, was noch viel weniger „ganz“ war als die Welt unter dem Kapital, gerade „ganz“ gewesen sein soll. Der Riss ging damals gerade so sehr durch die Welt, nur waren es viel mehr Risse, und es war völlig undenkbar, dass es jemals anders sein könnte. Niemand in Mittelalter, Antike oder Bronzezeit hätte übrigens gedacht, sein Zeitalter wäre besonders „ganz“; auch dass man so etwas projizieren kann, wirft auf die deutsche Revolution schon im 19. Jhd. einen unheimlichen Schatten. – Bei Heine können freilich Kompromiss oder Ironie nie ausgeschlossen werden.

4 Das „en avant“, dem Heidegger eine mystische Bedeutung abpresst, ist das avant in Avantgarde, mit welchem Wort sich moderne Kunst gerne zu bezeichnen pflegt; und hört sehr schnell wieder auf, besonders mystisch zu sein, wenn man diese Avantgarde als eine erzwungene Isolation versteht, die ihrer Zeit nur in dem Sinne „voraus“ ist, als diese die vernünftige Veränderung hintertreibt. Weil die Zeit ihren Möglichkeiten hartnäckig und gewaltsam hinterher blieb, scheint es, als ob, wer auf die Einlösung dieser Möglichkeiten besteht, ihr voraus wäre. Sie hat fürs erste einen anderen Weg eingeschlagen; und zwar einen, bei dem man sich lieber nicht nachsagen lassen möchte, ihr auch noch voraus gewesen zu sein.

5 Heutzutage streitet man über die These Debords zur Aufhebung der Kunst, als hätte man die zu ihrer Verwirklichung vergessen; die einen positiv, die anderen negativ; und beide bleiben im Rahmen der Beschränkung, die er vorgegeben hat, rätselhafterweise auch die, die ihn mit Adornos Ästhetischer Theorie kritisieren wollen. Den einen ist Kunst nichts anderes als Spektakel, den anderen Refugium; die Kunst aber, von der in diesem Selbstgespräch die Rede ist, scheint unbekannten Aufenthalts zu sein; spätestens das macht jenes Selbstgespräch selbst als Ideologie kenntlich.

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Meditationen anlässlich Wolfgang Pohrt: Kapitalismus Forever

I.

Wolfgang Pohrt hat einen Essai geschrieben. Er kümmert sich darin nicht weiter um Widerspruchsfreiheit und handelt recht viel ab. Aber im großen und ganzen geht es um die Chancen des Kommunismus heute, und das Ergebnis ist, wie kaum anders zu erwarten, eher nüchtern oder – sofern man noch oder schon von der Idee des Kommunismus trunken ist – ernüchternd: „Tatsache ist, dass wir in diesem Augenblick nicht wissen, ob ein ‚Verein freier Produzenten‘ oder ‚Verein freier Menschen‘ – Marxens Umschreibung für das was Kommunismus wäre – möglich oder der Kapitalismus unvermeidlich ist.“ Soweit nicht besonders originell. Der Grund ist folgender: Der Kapitalismus brachte einerseits das Kunststück fertig, die Menschen des gesamten Erdballs in produktiven Kontakt zu bringen und so haben wir heute eine weltweite Arbeitsteilung innerhalb eines gewaltigen Organismus, der in der Erde gräbt, allerlei Bewegung freisetzt, mit ihr wiederholt den Naturstoff umformt – ihn sägt, schneidet, schmilzt, verschraubt, verlötet – bis die Natur plötzlich das Aussehen eines Computers oder auch nur eines Küchenmixers hat. Andererseits ist dem Kapitalismus das durch ein Prinzip gelungen, bei dem weder die Einzelnen noch das Kollektiv der Menschen ihren eigenen Produktionsapparat als Ganzes überblicken oder gar planen. Es war bekanntlich nicht die freie Übereinkunft, die zu dieser Arbeitsteilung führt, sondern die Konkurrenz, der Profit und nicht zuletzt allerlei staatliche Maßnahmen.
Jetzt haben wir den Salat: Einerseits einen gigantischen Maschinenpark, bei dem alle Teile mit allen auf falsche Weise verschränkt sind, von dem aber alle auf Gedeih und Verderb abhängen. Andererseits lauter gegeneinander und ihrem Produkt gegenüber gleichgültige Produzenten, die nach wenig anderem fragen als nach Lohn. Ausgerechnet diese Befehlsempfänger sollen sich nun daran machen, ihre Reproduktion frei umzugestalten, ohne dass dabei die allgemeine Versorgung zusammenbricht – in vielen Landstrichen muss sie sogar erst hergestellt werden. Die Schwierigkeiten springen ins Auge und ich kenne keine, die davon im Ernst auch nur spricht.

II.

Mr. Kapitalismus – dieser jenseitige Dämon – ist dabei nicht einmal besonders beliebt, er erscheint nur alternativlos. Sofern jemand nicht an den Kommunismus glaubt, mag er ein wenig gottlos sein, vielleicht fehlt es ihm an Nächstenliebe, aber Angesichts dessen, was die Idee des Kommunismus realiter bedeuten würde, ist jeder Zweifel angebracht. Daher Pohrt: „Wenn Zweifel an der Idee des Kommunismus unterdrückt und verscheucht werden müssen, verwandelt sich diese Idee in einen reinen Glaubensgrundsatz.“ Gut, der Kommunismus ist ein Heilsversprechen: Jede nach ihren Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen. Und wenn man daran glauben muss, so muss man auch daran zweifeln.
Der französische Klugscheißer René Descartes z.B. war Meister im Zweifeln; er zweifelte an allem. Das vorläufige Ergebnis war, dass er „wie nach einem unvorhergesehenen Sturz in einem tiefen Strudel so verwirrt“ wurde, dass er „weder auf dem Grunde festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen“ konnte. So hat Descartes ein wenig meditiert und am Ende wieder Land gesehen. Insbesondere hat er festgestellt, dass eine Idee – er nennt sie Gott, wir lieber Kommunismus – in seinem Kopf entstanden ist, die unmöglich seiner subjektiven Idiotie entsprungen sein konnte, da sie jenseits unserer individuellen Vorstellungskraft liegt. – Klaviere, Trüffel, Automobile, so viele man braucht und unabhängig von der individuell ausgeübten Arbeitsleistung: „Dies alles ist nun in der Tat so vorzüglich“, sagt Descartes, „daß mir dessen Abstammung aus mir allein um so weniger möglich erscheint, je sorgfältiger ich es betrachte. Man muß daher aus dem zuvor gesagten schließen, dass der Kommunismus notwendig existiert.“ Warum sonst sollten sich so viele Leute so viele Phantasien von einer möglichen Erlösung gemacht haben, auf dass wir endlich nicht mehr im Schweiße unseres Angesichts arbeiten und unter Schmerzen gebären müssen, vielmehr auch vom Baum des Lebens essen können, wo wir von der Erkenntnis bereits gekostet haben? (Vgl. Offenbarung des Johannes, 2, 7 und natürlich Genesis 3, insbesondere 3, 22) Warum sollte Jesus gesagt haben: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben viel mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unterm Himmel an: sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und eurer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Warum nicht deshalb, weil diese Idee existiert. – Zumindest als Möglichkeit.

III.

Aber genauer. Was genau soll so vorzüglich sein, dass aus der reinen Tatsache, dass wir es denken, schon folgt, dass es auch existiert? Welches Eisen ist so heiß, dass es auch von den erklärten Kapitalismuskritikern nicht angefasst werden will und von dem auch die Linksradikalen aller Schattierungen im wesentlichen lieber schweigen? Pohrt meint, man solle weniger Marx lesen, insbesondere nicht das „Kapital“. Das würde einen nur zu sehr zu Kopfe steigen, und am Ende hätte nichtmal Marx mehr gewusst, ob es die Menschheit schaffen würde, dafür aber ein verselbstständigtes Produktionsverhältnis mehr oder weniger genau ausgeleuchtet. Allerdings gibt er auch folgenden Hinweis: „Als Marx mit der Arbeit begann, da glaubte er, befeuert vom revolutionären Elan dieser Zeit zu wissen, was Kommunismus wäre.“ Was war also der Feuerglauben des jungen Marx? Man kann es z. B. in den Werken Band 3 rund um die Seite 67 nachlesen, einem zu Lebzeiten nie veröffentlichten Manuskript Marxens. Also um was geht es?
Ausgangslage: „Die Produktivkräfte erscheinen als ganz unabhängig und losgerissen von den Individuen, als eine eigene Welt neben den Individuen, was seinen Grund darin hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und im Gegensatz gegeneinander existieren, während die Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Individuen wirkliche Kräfte sind.“ Das sollte so ähnlich oben schon stehen: Sie wissen es nicht, aber sie tun es. Was sie wissen, ist, dass ihnen jemand eine Mohrrübe vor die Nase hält und sie dieser durch Gehorsam und Arbeit hinterherjagen müssen, um wenigstens genug Bissen zum leben zu haben; und selbst wenn sie wirklich genug Bissen davon abbekommen, so bleiben sie ewig unbefriedigt, weil sie durch die Rübe motiviert werden. Der Rest ist ihnen egal, der stellt sich irgendwie her.
Daher muss es eine Revolution geben: „Die Individuen müssen sich die Totalität der Produktivkräfte aneignen.“ Was durch die unsichtbare Hand automatisch geregelt wird, soll nunmehr nach den Nöten und Wünschen der Gattung geschehen. Der Anreiz, den Marx gibt, ist nicht von der Hand zu weisen: Wir würden dadurch zu unserer „Selbstbestätigung“ kommen, indem wir die mannigfaltige Natur in freier Übereinkunft umformen und uns dadurch angenehm machen. Wir, das ist das Proletariat, dieses bekanntermaßen zersplitterte und schwer zu bestimmende Viech, dem man momentan sagt, was es zu tun hat, sofern es was zu tun hat.
Da wir nun bereits eine Welt voller Industrie haben – Marx sagt, die „zu einer Totalität entwickelten und nur innerhalb eines universellen Verkehrs existierenden Produktivkräfte“ –, so muss die Aneignung dieses Maschinenparks „einen den Produktivkräften und dem Verkehr entsprechenden universellen Charakter haben.“ Sprich ohne Weltrevolution geht es nicht. Geht Berlin auf die Barrikaden, zahlen sie vielleicht dort keine Strom- und Gasrechnung mehr, und so sehr man das dem Bewegungskonzern – Gasag, Bewag oder wie er gerade heißt – gönnen würde, stellten vielleicht die Russen die Lieferung ein und Berlin wäre im Winter kalt, sofern man sich nicht mit den Russen ins Einvernehmen setzt.
Um zu einer solchen neuen Kooperation überhaupt fähig zu werden, schließt Marx daher, müssen sich die Individuen radikal ändern: „Die Aneignung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den materiellen Produktivinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten. Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst.“ Eben noch asozial und mehr so durch das „automatische Subjekt“ „hinter ihrem Rücken“ vergesellschaftet, schon die allein verantwortlichen Herren der Produktion, und ganz Kairo will Essen und Nairobi auch. Das Ganze ohne Geld, Profit und Staat.
Die Revolution ist daher nach Marx nicht nur nötig, weil sich die Bourgeoisie hinter ihrer Polizei verschanzt und partout nicht freiwillig einer freien Ordnung weichen wird, sondern weil nur diese gesellschaftliche Explosion überhaupt die im Menschen schlummernde potentielle Energie freisetzen würde, die es braucht, um aus der Erde ein Paradies zu machen. Nur der Rausch der Revolution kann überhaupt „die zur Durchführung der Aneignung nötige Energie des Proletariats“ entwickeln. Marx hat die Sache nämlich wirklich wissenschaftlich betrachtet und hielt nichts von den Proleten, wie sie sind. Also ist eines der Resultate seiner Geschichtsauffassung, „daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.“ – Halleluja!

IV.

Man kann die Möglichkeit einer solchen Revolution mit Descartes für erwiesen halten. Aber, so sagte ein deutscher Denker vor über 200 Jahren: 100 eingebildete Taler sind nicht mit 100 Talern zu verwechseln, die man wirklich in der Tasche hat. Die vorzüglichen Grillen etwa von Jesus transzendieren alle Vorgeschichte, aber wie sieht es mit ihrer Umsetzung aus? Man hat diesen Jesus ans Kreuz genagelt, seine Jünger haben ihm im Stich gelassen und ihm blieb nur zu fluchen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden kämpfen“.
Auch Descartes hatte den Kommunismus nur spekulativ bewiesen, indem er – wie oben angedeutet – sagte, dass solch eine erhabene Spinnerei einfach existieren muss. Was ihre Realisierung angeht, blieb er zurückhaltend, kann sie sich aber immerhin vorstellen: „Doch vielleicht bin ich etwas mehr, als ich selbst weiß, und sind alle die Vollkommenheiten, die ich dem Kommunismus zuschreibe, als Möglichkeiten in mir irgendwie angelegt, wenngleich sie sich noch nicht entfalten und noch nicht zur Wirklichkeit gelangt sind. Mache ich doch die Erfahrung, daß meine Erkenntnis schon jetzt langsam wächst. Auch sehe ich nicht, was im Weg stünde, daß sie so mehr und mehr wüchse bis ins Unendliche und warum ich nicht mit so gewachsener Erkenntnis alle übrigen Vollkommenheiten des Kommunismus sollte erreichen können.“ Aber er verwirft das sofort wieder, vernachlässigt aber die kollektive Kraft, die durch die sich frei vereinigenden Individuen entstehen könnte.
Auf diese hofft Marx, und seine Variante des jüngsten Gerichts ist die schönste. Aber wie gesehen war er bezüglich seines wundersamen Proletariats eher skeptisch und behalf sich daher mit der segensreichen Wirkung einer anhaltenden Revolte und Umwälzung auf die Subjekte selbst. Sprich: die Produzenten sollen sich mutig ins Feuer werfen und der Rest folgt dann irgendwie. – Heute reden nur die Anarchisten so.

V.

Akzeptiert man für einen Augenblick die Idee des Kommunismus und auch den alchimistischen Prozess einer fortwährenden Revolutionierung der Revolutionäre durch die Anforderungen und Freiheiten seiner Realisierung, so bleibt immer noch die Frage, wie dieser kollektive Prozess in Gang kommen soll? Ein Freund von mir führt LSD als neue Zutat der revolutionären Alchimie ein, und eine Bekannte nahm die alte Losung wieder auf: „Generalstreik und dann alle Macht den Räten!“ Das ist gut, aber LSD ohne Generalstreik führt ins ://about blank (1). Generalstreik ohne LSD erleben wir in Griechenland und Spanien. Gab es auch schon in Frankreich. Blieb phantasielos. Nachher hatten die den 3. Band der MEW nicht gelesen. LSD und Generalstreik würde vielleicht der Polizei in die Hände spielen und es käme nicht zur Rätemacht, sondern zu blendschockgranateninduzierten Horrortrips. LSD und MEW würden funktionieren, und mit der daraus gewonnenen neuen Erfahrung dann vielleicht auch ein Generalstreik mit anschließender kostenloser Inbetriebnahme der lebenserhaltenden Infrastruktur und Maschinerie und dann die sorgfältige Umstrukturierung unserer gesamten Reproduktion. Aber die Wahrheit bleibt doch, dass der Blick in die Gesichter der U-Bahn-Passagiere kein Vertrauen für eine solche Operation einflößt und der Bekanntenkreis sich zunehmend zwischen Kneipe und Familie aufzuspalten droht. Vom Blick in den Spiegel sollte man daher lieber ganz abraten. Ohne ein Wunder wird es nichts. Denn ob man es misanthropisch der Natur selbst anrechnet, dass die Menschheit zur freien Assoziation unfähig ist, oder aber den gesellschaftlichen Verhältnissen, die die Einzelnen immerzu aufs Neue als bedürftige, isolierte und zur Freiheit unfähige Individuen hervorbringt: man muss sich dem Jetztzustand stellen. Und darin setzt sich die Gattung tatsächlich aus konkurrierenden, krisenanfälligen Egoisten zusammen, die bei allem auch noch in mehr oder weniger latenter Panik verbleiben, weil ihnen ja tatsächlich ständig der „Kampf ums Dasein“ blüht, und die sich daher ängstlich und kastriert fühlen. Das ist alles andere als nur oberflächlich, vielmehr in jede Faser der menschlichen Natur eingeschrieben. Das letzte Wort hat nämlich seit dem Sündenfall leider immer noch Gott: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn die Ferse stechen.“ –

Franz Hahn

(1) Einer dieser Berliner Tanzschuppen.