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Ausgabe II

So. Die Ausgabe II ist in Vorbereitung und sämtliche Artikel liegen derzeit der Redaktion vor. In den kommenden zwei Wochen sollte auch eine gedruckte Ausgabe kostenlos zum Versand bereitstehen. Derzeit kann man sich selbstverständlich noch ein Abonnement sichern.

Bis dann!

Geheimtipp: Am 3.3. sind wahrscheinlich Autoren des Großen Thiers in Frankfurt/Main (IVI) zu bestaunen.

 

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Heft I ist jetzt weg

So, heute sind die letzten Bestellungen bedient worden. Ein einziger Besteller hat keine gekriegt, und zwar weil das Ding mit der Post zurückkam. Also bitte fürs nächste Mal eine Adresse mitteilen, die auch funktioniert. Ansonsten hab ich hier keine Hefte mehr; man kann vielleicht die Herren Redakteure fragen, oder wen auch immer. Irgendwo ist das Zeug sicher noch im Umlauf.

Das nächste Heft hat eine grössere Auflage. Also am besten jetzt bestellen. Wie gehabt Wer mehr als eins haben will, soll sich melden! Ansonsten lieferen wir nämlich wieder völlig willkürlich. Dafür mit Liebe verpackt. Von Monstern.

Tschüss und oi:

Das Grosse Thier.

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Revidierte Liste der Dinge, für die ich alles nicht mehr zur Verfügung stehe

von Jörg Finkenerger
Abdruck in Auszügen

Szene
-> Partei
-> Organisation

Nichts ist verlogener als derjenige lose Zusammenhang von Menschen, den man eine Szene nennt. Obwohl man im Inneren so kalt nd gleichgültig aneinander vorbeilebt, wie man das in dieser Gesellschaft so tut, ist man dennoch aus irgendwelchen mehr oder minder nichtigen Gründen aufeinander angewiesen, und weiss das. Die Szene vereint mit der Kälte der bürgerlichen Gesellschaft alle Zwänge und alle Verblendung einer Organisation, einer Partei sogar. Dieses ungeheuerliche Monstrum, ein Drache mit zwei Köpfen, erhält sich wider die Natur am Leben nur durch die stumpfe Gewöhnung, die sich nicht vorstellen kann, ausserhalb der Szene könne es ein Leben geben, und die innere Schwäche der meisten ihrer Insassen, die die Enge, die Unfreiheit und die Eingeschlossenheit in der Szene „Wärme“ nennen und offenbar auch als Wärme empfinden. Die Szene verlangt Gehorsam, ohne dafür auch nur Schutz bieten zu können; und das alleine unterscheidet sie von einer Mafia. Die Szene ist der Triumf der diskreten Hierarchie unter dem Deckmantel der Freundschaft, die Szene ist das Produktionsverhältnis der Lethargie und der Langeweile. Wer etwas sinnvolles tun will, sollte Massregeln treffen, dass nie eine Szene sich um seine Gedanken schlingt. Nichts schlimmer, als wenn eine radikale, integre und kritische Tendenz zu einer Szene sich verschlechtert. Sie wird verkommen. Die Szene ist nicht zu retten. Sie muss aufhören.

Friend of a friend
-> Debatten mit Idioten
-> Diskussionen im Internet
-> Verbündete

Facebook-Freunde haben ist schon schlimm genug. Geht es ihnen gut, besser, oder wieder schlechter? Sind sie lustig, welche Musik hören sie gerade gerne? Sie lassen es uns wissen, ohne Erbarmen. Man muss es ertragen, man hat sie sich ausgesucht, manchmal kennt und mag man sie sogar. Das schlimmste ist aber, dass sie selbst ja auch noch Facebookfreunde haben. Und da hört der Spass auf.

Die Meinungen von Leuten, die ich nicht kenne und nicht kennen will, sind nicht immer solche, die mich interessieren. Vor allem, wenn es sich um idiotische Meinungen handelt. Oh, da ist einer, der glaubt an die geheime Macht der Bilderberger! Der hier meint, bei Bush um den Iraq wäre es natürlich ums Öl gegangen, das wisse schliesslich jeder, aber es sei streng geheim. Und der andere meint, dies und jenes geschehe so und so, weil bekanntlich Israel versuche, alles Land zwischen Nil und Eufrat zu erobern. Und erst die Banken!

Solche Leute mag man natürlich nicht. Da sind sich die meisten meiner Facebookfreunde einig. Und sie sind sich wieder auch mit den meisten ihrer Facebookfreunde einig, natürlich; wenn auch manchmal aus anderen Gründen: Oh, der hier meint, dass alles über 10% Staatsquote Sozialismus ist, und der Staat sollte nur aus Polizei, Armee und Gerichten bestehen! Der Kapitalismus könne gut ohne den Staat leben, wie das Beispiel einer Coca-Cola-Abfüllerei in ausgerechnet Somalia beweise. Oder Singapore oder Hong Kong. Und so weiter.

Ich hätte es wissen müssen. Ich lerne es anscheinend nie. Nie nie. Dass man mit einem Idioten nicht diskutiert, weil sonst irgendwann die Zuhörer nicht mehr werden unterscheiden können, wer von beiden es ist. Sinnlos, gegen ihn zu argumentieren. Sinnlos, darauf hinzuweisen, dass dieser Irre, den meine Facebookfreunde wohl selber nur deswegen dulden, weil sie ihn für einen Verbündeten gegen das halten, was sie Barbarei nennen, und für das, was sie Zivilisation nennen; dass dieser Irre genau ein Parteigänger der Barbarei ist. Ich bin selbst daran schuld, was diskutiere ich auch mit den irren Facebookfreunden meiner etwas schwerfälligeren Facebookfreunde.

Wenn man einsieht, dass man selbst schuld ist, muss man etwas ändern. Rabiater sich dergleichen Gelichter vom Hals halten. Kein Verständnis mehr haben mit Freunden, die sowas für ihre Freunde halten; die irgendwelchen Irren zugute halten, dass sie in zwei, drei Sachen zufällig das „richtige“ sagen, was natürlich ganz etwas anderes sind als andere Irre, die ebenso zufällig zu den selben Sachen das falsche sagen; Hauptsache, dass man sich überhaupt mit Irren umgibt. Keine Nachgiebigkeit mehr, nur weil man sich einredet, dass die Richtung ja stimmt. Sie stimmt nicht.

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Vier kurze Feststellungen zu den occupy-Protesten

von Schnittler

1. Weil das Kapitalverhältnis ein gesellschaftliches Verhältnis ist, in dem sich die grundlegenden Mechanismen die das Leben von uns allen beherrschen, hinter dem Rücken der Akteure vollziehen, braucht man sich nicht zu wundern das die Hirne eben dieser Hintergangenen zwangsläufig diverse religiöse Mucken und barbarische Lösungsvorschläge für reale und eingebildete Menschheitsprobleme ausbrüten.
Die aktuelle occupy-Bewegung ist ein gutes Beispiel dafür. Hier kommt das geballte Unverständnis über die wahre Beschaffenheit kapitalistischer Verhältnisse zum Ausdruck. Das das sog. Bankenrettungsprogramm eigentlich ein „Wirtschaftrettungsprogramm“ darstellt, weil die sog. Realwirtschaft und der Finanzsektor nicht auseinanderzudividieren sind, sondern das eine zwingend das andere bedingt, darauf mögen die Protestierenden nicht kommen. Man ist sich einig das die Ackermänner dieser Welt und die unmoralischen Zocker und Finanzjongleure die aktuelle FinanzKrise verschuldet haben und der trotzige Glaube es können eine vernünftige Wirtschaft mit moderaten – gar gesetzlich geregelten – Gewinnvorstellungen geben, treibt die Protestierenden voran. Ihre vor Moral triefende Empörung ist nicht nur verkehrt und lebt von Illusionen über Demokratie und soziale Marktwirtschaft und geht auf diesem Holzweg am eigentlichen Problem der voranschreitenden Verüberflüssigung von menschlicher Arbeitskraft, durch die stetige Rationalisierung und Technologisierung der Produktion vorbei, sondern ist auch gefährlich. In der überall in dieser Bewegung präsenten Darstellung der neunundneunzig Guten gegen einen Bösen, kulminiert sie zur antisemitischen Wahnvorstellung.
Es ist nicht verwunderlich das sich unter dem kapitalistischen Alltag verrückt Gewordene aller Coleur – Leute die behaupten das der CIA die Menschheit mit Flugzeugabgasen in willenlose Zombies verwandelt, Organisationen die an einen vom Geheimdienst gesteuerten Raketenangriff auf das World Trade Center glauben, Menschen die gegen die vermeintlich Allmacht der Rothschilds (ergo: Juden) wettern etc. – in einem solchen geistigen Millieu wohl fühlen und das das inhaltliche Programm z.B. auf dem Protestcamp vor der EZB in Frankfurt am Main, in den ersten zwei Wochen ausschließlich von den Aktivisten der verschwörungstheoretischen, antisemitischen und esoterischen Vereinigung „Zeitgeist-Movement“ organisiert wurde.

2. Mit ihrer Rhetorik von Verzicht, Sozialkürzungen und Sparzwang, bei gleichzeitig stattfindenden milliardenschweren Bankenrettungsprogrammen, haben sich die neoliberalen Apologeten der letzten Jahre, bei vielen Wählerinnen und Wählern gründlich blamiert und zum Deppen gemacht. Jetzt müssen sie unter dem Druck der Ereignisse kleinlaut zurückrudern. Selbst der Generalsekretär der FDP Christian Lindner hat das inzwischen verstanden und spricht zur besten Sendezeit davon, dass die „Banken keinen Profit mehr auf Kosten der Bürger“ machen dürfen. Die Kanzlerin versucht in der sich anbahnenden Volksgemeinschaft der empörten neunundneunzig Prozent mitzutun und erklärt öffentlich ihr Verständnis für die Protestierenden. In die entstandene ideologische Lücke rückte die Volksmusikvariante einer vermeintlichen Revolution, würdig vertreten durch den 20 jährigen Student Wolfram Siener – seines Zeichens Initiator der Proteste in Frankfurt und wie eine bezahlte Schreibkraft des Spiegel in unverhohlener Verzückung zu berichten weiß, „strahlender Hoffnungsträger der Generation-occupy“ . Er ist die repräsentative und legitime Symbolfigur einer Bewegung die in ihrem manifest 15m von sich selber sagt: „Wir sind normale Menschen: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten…“ und somit offen eingesteht, das von Protestiererseite her kein wirkliches Interesse daran besteht, an den kapitalistischen Verhältnissen, in denen die Menschheit unter dem gehässigen Takt der Kapitalakkumulation sukzessive zuschanden geritten wird, etwas zu ändern.
Insofern bei den vielen, sich teilweise widersprechenden wirren Aussagen und Forderungen überhaupt eine Rede davon sein kann: Das Programm der occupy-Bewegung ist ein alternatives Herrschaftsprogramm, in dem eine zusammengelaufene Ansammlung von überforderten Staatsbürgersubjekten, anstatt auf grundlegende Veränderungen im Wirtschaftssystem, auf das unmittelbare und durch keinen störenden Parlamentarismus vermittelte Mitspracherecht seiner Dummheit pocht. Von bloßem linken Reformismus kann kaum die Rede sein. Es ist nicht nur das Angebot der Beherrschten an seine Eliten, den kapitalistischen Karren noch einmal für ihn aus dem Dreck zu ziehen, sondern auch ein Programm des selbst organisierten weiteren Irrewerdens, in Anbetracht einer ausweglos erscheinenden Lage.

3. Auch wenn die hanebüchenen Vergleichsziehungen in den deutschen Feuilletons einen auflagebedingten Popanz darstellen, eines haben die Bankenblockierer in Frankfurt und die Demokratiebewegten in Tunesien, im Mutterland des arabischen Frühlings, trotz ihrer unterschiedlichen ökonomischen Lebensbedingungen und soziokulturellen Hintergründe gemeinsam: Beiden Bewegungen mangelt es offensichtlich an der Fähigkeit aus ihrer bedrückenden Ausgangssituation vernünftige Schlüsse zu ziehen. Während die Einen – jahrelang geknebelt ,drangsaliert, gefoltert und in Armut gehalten – immerhin einen veritablen Aufstand gegen einen Despoten und seinen brutalen Machtapparat zustande bekommen haben und nach der erfolgreich geführten Schlacht einige Monate der Resignation benötigten, um sich letztendlich selbsttätig durch die mehrheitliche Wahl der Islamistenpartei/Partei der Wiedergeburt (laut taz vom 26.11.2011: „Tunesiens einzige Volkspartei“) erneut zum unmündigen und verblendeten Untertanenpöbel zu degradieren, bringt es namentlich der deutsche Part der internationalen Bankenblockiererszene fertig, gleich ganz unten bei fetischistischen Wahnvorstellungen und der entsprechend konformistischen Pseudorevolte anzufangen. Die autonomen Nachbarschaftskomitees, die als provisorisches Organisationsorgan des Alltagslebens im Machtvakuum der Nachrevolutionszeit im nordafrikanischen Tunesien entstanden, gaben dem Weltproletariat einen kleinen Ausblick darauf was es zu erreichen imstande wäre, wenn es nur wollte. Die 200 Wutbürger, die in Frankfurt am Main im Schatten der europäischen Zentralbank campieren, die Bongo schlagen und um Feuertonnen herumstehen und meinen so ihren Protest auszudrücken, haben dem aufgeklärteren Teil der Menschheit gar keine Erfahrung mitzugeben, außer das nicht nur im islamischen Raum die (Neo-)Religiosität gewaltig auf dem Vormarsch ist.

4. Wenn die AntiWallstreet-Protestiererei in den westlichen Metropolen so weiter geht wie bisher und die Bewegung die in New York ihren Anfang fand, weiter an Fahrt aufnimmt, haben es die wenigen Versprengten die an einer Überwindung der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise im Sinne einer gemeinschaftlich beschlossenen, vernünftig organisierten, also einzig wahrhaft emanzipatorischen Produktionsweise aller Gebrauchswerte festhalten, mindestens in Deutschland mit der regressivsten Massenbewegung seit Jahrzehnten zu tun. Wenn sie sich nicht damit abfinden möchten, das weiterhin nur die IDF die letzte defence line darstellt, gegen die finale Exekution des fetischistischen Furors der sich selbsttätig zu allzeit braven Staatsbürgersubjekten degradierenden Individuen, können sie nichts anderes tun als weiterhin zu reden, zu schreiben, d.h. Aufklärung wider den verkommenen (End-)Zeitgeist zu betreiben.
Das Kapitalverhältnis ist ein kompliziertes und gehört transzendiert. Es ist deswegen durchaus nicht völlig sinnfrei, den weniger verbohrten unter den „Empörten“, mit einem Flugblatt oder sonstigen aufklärerischen Aktivitäten auf die Pelle zu rücken und auf den Nerven herumzutrampeln. Es wird nur schwer möglich sein relevante Teile dieser Bewegung über die wahre Beschaffenheit des Kapitalverhältnisses aufzuklären, oder in ihrem kindlichen Furor zu verunsichern. Es hat sich in den bisher geführten Diskussionen aber trotzdem gezeigt – z.B. anlässlich eines gewalttätigen Angriffes auf Träger einer US-amerikanischen Nationalfahne auf der ersten Kundgebung vor der EZB – das es noch möglich ist die selbstgerechte Selbststilisierung der Neunundneunzig zum besseren Teil der Menschheit zu stören und so den ersehnten volksgemeinschaftlichen Zusammenschluss zu behindern.

Wenn jemand einen tauglichen Textvorschlag hat, wäre ich bei einer eventuellen Verteilaktion beim nächsten Happening vor den Bankentürmen dabei. Den unverzagten Frankfurter Unversitätslinken, die in den letzten Tagen versucht haben auf dem Protestcamp einen Einführungskurs in die Kritik der politischen Ökonomie zu organisieren, wünsche ich einen langen Atem und viel Erfolg.

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I like it like it

Ein Kommentar zu Rihannas jüngster interessanter Single S&M

„I may be bad but I’m perfectly good at it“: bei Rihanna lebt ohne Zweifel etwas vom elegant-zynischen Sophismus Juliettes fort, in deren Tradition sie sich durch das Heranzitieren des „Boudoir“, in dessen samtweichen Polstern erschöpft vom Laster ruhend die Ungeheuer, die der Alptraum der aufgeklärten Vernunft gebiert, einst sich zum ersten Mal deutlich in deren Selbstbewusstsein manifestierten, selbst stellt. Genüsslich spielt sie mit der verräterischen Polysemie des Wortes: Was heißt schon „good“? Hängt nicht jedes „good“ von einem „it“ ab, ist in Wahrheit ein „good at“? Dann ist es schön, wenn ihr euch einbildet, „good at being good“ zu sein – ich bin eben „good at being bad“, sogar: „perfectly“ – ätsch. Genauso: „Feels so good being bad.“ Die ideologische Differenzierung zwischen moralisch GUTEM und emotional Gutem wird aufs Korn genommen: ihr GUTEN fühlt euch doch auch nur gut beim euren GUTEN Gedanken, Worten und Taten. Ich fühle mich eben bei schlechten gut – what’s the fucking difference? Warum das GUTE nicht getreu dem alten noch von Freud zitiertem Reim wie den Himmel (heaven) den Engeln und den Spatzen überlassen? Im Grunde seid ihr die wahren Sado-Masochisten – ich tue einfach nur, was mir gefällt, ihr könnt mir nix: „I like it like it. / I like it like it.“ Es ist eben so: Ich mag es wie es ist. „Love is sweet, love is fine“ – zugestanden, doch: „Pain is a pleasure that nothing can measure.“ In lustvoller Infantilität ein Zitat eines englischen Kinderreims: statt: „Sticks and stones / Will break my bones / But names will never hurt me“, einem gut gemeinten Aufruf zum Gewaltverzicht und Toleranz gegenüber verbalen Beschimpfungen: „Sticks and stones may break my bones / But chains and whips excite me“. (Womit zugleich der Unterschied zwischen der echten Härte des Lebens und dem im Grunde harmlosen Treiben der SMer markiert ist. Anders – und womöglich ehrlicher – freilich noch Depeche mode in Master and Servant, aus dem die Phrase „Come on“ sowie das Keybordthema bei „S S S and M M M“ stammt: „It’s a lot like life / And that’s what’s appealing.“ „Domination’s the name of the game / In bed or in life / They’re both just the same / Except in one you’re fulfilled / At the end of the day.“ Empfehlenswert hier die Coverversion von Nouvelle Vague. [Poppiger als das eher experimentelle Original, aber gerade dadurch angesichts des Texts frecher.]).

„She’s been a crazy dita disco diva and you wonder.“

In früheren Zeiten wäre ein derart lebensfrohe Bejahung der eigenen ‚Perversion‘ dem Scheiterhaufen, der Zensur oder der öffentlichen Empörung zum Opfer gefallen. Die Ärzte waren vielleicht noch skandalös mit Bitte, bitte und Co., Depeche mode und Velvet Underground mit ihrem vielleicht größtem Hit, dem düster-schönen Venus in furs, irgendwie Pop-Bohème. Oder nehmen wir in jüngster Zeit den Arschficksong und ähnliches, die zumindest noch ein besorgtes Kommentar im Feuilleton ob der Verrohung der Sitten der Jugend wert waren. Heute jucken Textzeilen wie die Zitierten keine Sau mehr. Mehr noch: der Song wird im Radio rauf und runter gespielt, die Single stürmt global die Charts. Immerhin wurde das Video in ein paar Hinterwäldlerstaaten verboten und es gab irgendwelche Probleme in GB und auf youtube. Die beste Version ist meines Erachtens übrigens der Samson Club Mix, gefunden ebenda. Da kommt der im Grunde sehr traurige, melancholische und zugleich trotzige Charakter der bassline in es-Moll ziemlich gut heraus, vorallem in der Periode ab etwa 3:11, die mit einer genial puristischen voice & bass-Partie beginnt, um die bassline dann verstärkt mit Streichern fortzuführen. Jedenfalls klare Sache – der Song ist einfach ein verdammt gut gemachter Popsong. Tanzbar, hörbar, selbst wenn man sich mit dem Text nicht identifizieren kann (wer achtet schon darauf?). Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sowas kommt. Nach dem jahrelangen Spiel mit Fetisch-Outfits und Musikvideos an der Grenze zum Porno, I wanna take you to a gay bar und I kissed a girl (um nur wenige Beispiele zu nennen) nun also auch eine explizite popkulturelle Mainstream-taugliche Glorifizierung des Sadomasochismus. Das ist gut. Es ist immer ein Fortschritt, selbst wenn er sofort wieder der üblichen Dialektik der Inklusion ins falsche Ganze zum Opfer fällt, wenn Randgruppen gesellschaftlich akzeptiert werden und sozusagen auch ‚ihren‘ Song kriegen. Wobei hier natürlich die übliche Spannung zwischen kultureller Repräsentation und Lebensrealität berücksichtigt werden muss: “Sadomasochist” zu sein bedeutet nach wie vor, einem nicht gerade angesehenen Teil der Gesellschaft anzugehören, ob man sich diese Identität nun bewusst gibt oder sich einfach nur kontigent in der Begierden-/Praktiken-Matrix des diskursiven Konstrukts “Sadomasochismus” bewegt (womöglich ohne davon Bewusstsein zu haben oder es zu wollen). Rihanna hat sich jedenfalls – ob Marketinggag oder nicht: ein durchaus mutiger Schritt – auch zu ihren privaten SM-Vorlieben bekannt.

Das ist sie also, unsere westliche Gesellschaft: wir feiern die Lust am Leiden und errichten Folterknäste im Irak, die alten christlichen Geschichtchen taugen nurmehr als popkultureller Zitatebaukasten (Umbrella / Judas) – was sollen nur die Fundamentalisten von uns denken? Rihanna war übrigens laut wiki früher mal Kadettin in der Armee von Barbados – und war da nicht die Affäre mit ihrem Freund, der sie geschlagen hat? Wer verräterische Details sucht, der findet. (Wobei der Song und das Outing nebenbei bemerkt gerade wegen der Affäre um sie und Chris Brown so mutig: „I don’t care, I like the smell of it.“ [Vgl. die nahezu identischen Formulierungen in Who’s That Chick?]) War die junge Britney Spears – heute mit Rihanna an einem Remix von S & M beteiligt (und man durfte sich natürlich schon bei I’m a slave for you seinen Teil denken, selbst wenn es noch nicht derart explizit war und man das versklavt sein noch im Sinne der üblichen Liebesmetaphorik seit Platon deuten konnte) – noch vergleichsweise prüde, die Unschuld vom Lande, wird jetzt offen verkündet: hinter unseren Pokerfaces wartet der reine Wahnsinn auf Erfüllung. Der Triumph der zwei Buchstaben: „S S S and M M M“. Ein Wahnsinn freilich, der nichts Heiliges mehr an sich hat, der irgendwie verdammt profan, verdammt vernünftig geworden ist. Sind wir nicht alle ein bisschen Gaga? Dieser Zynismus wird von Rihanna noch drastischer in dem Song Hard inszeniert. In dem dazu produzierten Musikvideo posiert sie u.a. als Soldatin der US-Army in einer leicht als dem Irak oder Afghanistan zu erkennenden Wüstenlandschaft – einmal sogar mit einem Helm in der Form von Micky Maus – Ohren. Rihanna, die sich in anderen Videos ja durchaus in der üblichen Logik weiblicher Selbstrepräsentation als “weich”, “liebevoll”, “verletzlich” etc. bewegt, bricht damit in diesem Song völlig auf und adaptiert sprachlich und stilistisch die Symbolik männlicher Rapper (Autos, Härte, Geld, Gewalt …; die Sexualität fehlt rein textlich und auch im Video, doch der Titel sagt ja schon um was es geht – Rihanna greift nach der Männlichkeit im umfassendsten Sinne). Was soll man dazu sagen, es ist schlichtweg die logische Konsequenz der Frauenemanzipation. Das postmoderne an Rihanna ist wohl, dass sie sich nicht, wie im Video zu S&M nicht auf die dominante oder devote, auch generell nicht auf irgendeine bestimmte Rolle festlegen lässt. Sie (bzw. das Bild, was sie von sich selbst medial produziert), bewegt sich ganz von einer Maskerade zur nächsten. Doch immer voll dabei, immer mit dem richtigen Outfit, in der richtigen Stimmung, mit dem richtigen Gesichtsausdruck, dem passenden Musikstil. Für soetwas wie Konstanz sorgen einzig die erwähnten Referenzen zu anderen Songs von ihr. Dies ist ja wohl auch die Bedingung dafür, dass Rihanna so eine Single wie S&M überhaupt unbeschadet produzieren konnte – weil sie jenseits irgendwelche festen Identitäten operiert, entzieht sich von vorneherein dem Verdacht, etwas zu sein. Gleichzeitig ist sie jedoch in den Augenblicken, in die ihr Leben zerfällt, den wechselnden Rollen, in die sie schlüpft, jeweils doch wiederum genau das, was sie ist und scheint mit der jeweiligen Situation bruchlos zu verschmelzen oder es doch zu wollen. Dass sie immerhin von diesen Situationen singt, anstatt sie einfach zu leben, bewahrt ein “I”, ein Bewusstsein, das doch von ihnen unterschieden ist. In dem Bild “Rihanna” scheint so doch auch etwas von einem Leben des Spiels, der Freiheit jenseits der Identitätslogik auf.

Dies bezieht sich freilich auf die immanente Logik der im Pop-Betrieb produzierten Bildlichkeit. In Wahrheit ist die Rede von ‘ihren Songs’ natürlich völlig anachronistisch, “Rihanna” kaum mehr als ein Markenname, hinter dem ein gigantisches Konglomerat aus Produzenten, Textern, Stylisten, Choreographen, Regisseuren und sonstigen Spezialisten steckt, die trendsetterhaft auf der Höhe der Zeit operierend das neueste Albums genau passend zum neuesten Hype raushauen. Womöglich singt Rihanna demnächst Kritisches über den Finanzsektor. Ihre Flexibilität korrespondiert nahezu lückenlos mit der von den Individuen heute auch im Alltag rein ökonomisch geforderten. ‘Progressiv’ ist das Ganze in gewisser Weise, weil Rihannas Inszenierung den Schein eines dahinter stehenden, irgendwie ‘authentischen’ Künstlersubjekts vollständig dekonstruiert. Sie ist tatsächlich soetwas wie eine zu neuen taktischen Manövern stets bereite Soldatin an der Marketingfront, gelenkt von kühlen Strategen im Hintergrund. Dass es überhaupt möglich ist, einigermaßen tiefsinnige Interpretationen ihrer Produkte zu erstellen, zeugt immerhin von deren relativer Qualität. Das ‘Versprechen von Glück’, wenn man soetwas überhaupt nennen kann, ist das Aufgehen in diesem nie endenden stream of consciousness, in dem das Bewusstsein sich selbst völlig auflöst. Differenz bewahrte einzig die Reflexion desjenigen, der sich dem Strom listig ausliefert, um ihm selbst ein Moment von Reflexivität abzutrotzen. Zu dem Song Who’s that chick? gibt es zwei Versionen mit auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Ästhetik. In der Tagesversion ist alles in frohen Kuntibunti-Regenbogenfarben, in der Nachtversion düster mit einigen SM-/Fetisch-Reminiszenzen. Die Handlung des Videos ist trotzdem in beiden Fällen völlig identisch, womit die schlechte Reproduktion des bereits Bekannten in allen neuen Inszenierung ausgedrückt wird. Der Produzent, David Guetta, ist auf einem Raumschiff, in dem er einsam durch’s Weltall reist. Mit Einsatz des beats erwacht er aus dem künstlichen Tiefkühlschlaf, in dem er vor Jahrhunderten versetzt wurde. Er betrachtet sozusagen gemeinsam mit dem realen Betrachter des Videos das Video im Video selbst und wird dadurch zu seiner kreativen Arbeit und zum Fitnesstraining animiert (man könnte auch, je nach Perspektive, ‘inspiriert’ oder auch ‘angetrieben’ sagen). Klar: Auch meiner Motivation war es während dem Abfassen dieses Artikels sehr zuträglich, immer wieder und wieder und wieder in meinem Studierstübchen sitzend die greatest hits meiner ‘Muse’ zu hören. Gegen Ende des Videos gibt es einen kurzen Moment des Einhalts. Die Musik verlangsamt sich, der Beat bricht ab, bis am Ende nur noch ein Herzklopfen bleibt (passend zum Text: “My heart is a dancer / Beating like a discodrum” – womit zugleich die angestrebte Identität von Innen- und Außen ausgesprochen wird). In der Tagesversion sieht man den Produzenten melancholisch-nachdenklich eine Pause einlegen. Wird das Video hier abbrechen? Kann die Stimmung, der groove nicht dauerhaft aufrechterhalten werden? Nein – natürlich kann er, es war nur die obligatorische, in diesem Fall wirklich kunstvoll arangierte, bridge, es muss weitergehen. Nach dieser kurzen Atempause setzte der Beat genau so wie vorher wieder ein, der Song wird zu einem konventionellen Ende geführt, am Ende beschleunigt das Raumschiff – völlig losgelöst von der Erde schwebt es völlig schwerelos auf zu neuen Galaxien. Das alles sagt im Grunde in selbst kulturindustrieller Form mehr über die gesellschaftliche Funktion der Kulturindustrie aus als es so mancher seitenlanger Text vermöchte. Der einsame Raumfahrer, die Melancholie, das ‘Trotz alledem’ – Rihanna: “Too cold for you to keep her / Too hot for you to leave her”, das fortwährende ‘tease & denial’-Spielchen der Kulturindustrie, dem man sich trotz alledem nicht entziehen kann bzw. soll. Erfüllung gibt es woanders – in einer anderen Galaxie? Im Grunde ist gerade, so harmlos und sexy er daherkommen mag, vielleicht der Zynistische in ‘Rihannas’ Schaffen, indem das in ihm vorgestellte Bild vom Leben von der Realität des Lebens kaum noch unterschieden ist. „It’s a lot like life / And that’s what’s appealing.“

Doch seien wir ehrlich: eigentlich ist Rihanna, Sex und überhaupt alles langweilig. Vielleicht ist es heute, gerade weil es so weltfremd ist, radikaler, in Phädra zu gehen und begeistert Die Leiden des jungen Werther zu lesen. Da wird die Versagung zumindest noch als Leiden dargestellt und nicht als Erfüllung oder doch einzig mögliche Welt feilgeboten. Oder liegt gerade darin das reaktionär romantizistische dieser Werke? Jedenfalls sollte gerade das Perverse in unserer Kultur, die Autonomie und Emanzipation des Begehrens, die Freiheit von der Identitätslosigkeit gegen die Freunde der Identität verteidigt werden, notfalls auf sexy pinken Panzern räkelnd mit Tarnfarben-Bikini im Wüstensand – die Peitsche der Domina ist süßer als die der Sharia. We may be bad but we’re perfectly good at it. At least we could be.

Notiz zu „Man down“:

Achtung, Rihanna ist ebenso a girl who shots men down. Doch auch hier wieder jenseits von Gut und Böse: der Song handelt weder von christlicher Rache noch von einem christlich schlechten Gewissen, sondern von Gerechtigkeit. Was getan werden muss, muss getan werden (es gibt keine wirkliche Reue). Nicht aus Lust, sondern aus Prinzip (nicht das nur mühselig sublimierte Pseudo-Lustprinzip der Rache, die sich über alle Lust erhaben dünkt). Manche Konflikte lassen sich nur durch Mord lösen: „Rum bum bum bum. Rum bum bum bum.“ Manche Mädchen müssen mal mit ihrer Mutter reden, weil sie die Schule geschwänzt haben – das ist nicht Rihannas Liga. Jene können immerhin von größeren Heldentaten träumen, wenn sie den Song hören. Rihanna’s the true Carmen rediviva – doch die neue ist schneller als Don José, dem nichts als die Flucht mit dem Zug bleibt. [Dass sie ihn aus Rache für eine Vergewaltigung erschoss ist zwar ein nette Idee, bleibt Text und Video jedoch äußerlich – der Witz ist gerade, dass es keinen klaren Grund gibt.]

P. G. M.

Gedicht für R.:

Sag, wer ist dieses Huhn?
Tanzen willst Du bloß und
ein’n Mann niederschießen, Du
mein einziges Mädchen in der Welt,
Du einzige, die mich versteht,
Du weißt: Schmerz ist unv’rgleichbare
Freude, auf, komm,
b’reit Peitschen, Ketten stehen,
sind wir schlecht,
wir sind gut darin,
komm, komm, komm,
Klang, die Medizin, tut gut,
alles, was wir brauch’n;
ach, meine verrückte Discod’va,
mein Herz ist eine Wüste,
schlägt wie ’ne Discotromm’l,
doch unt’r Deinem Regenschirm
bin ich geborg’n, so hart bist Du,
so stark, mit Schmerz in der Stimme
off’nbar dann beim Tanz ich:
ich liebe Dich, wie grausam.

Mein einziges Mädchen in der Welt,
Du einzige, die mich versteht,
Du einzige, die ich je geliebt,
Soldat’n, kein Schmerz ist für immer

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