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Ausgabe #14 erschienen

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Und plötzlich, wenn man‘s auch selbst nicht mehr so richtig geglaubt hat, ist es wieder soweit. Jedem Moses sein ganz eigenes brennendes Dornbusch, jedem Ritter Schapphahnski seine Carlotte, jedem Iwan Denissowitsch seine Schüssel wässriger Suppe, jedem Makhno sein schlecht bewachter Grenzübergang nach Rumänien, jedem Gavrilo Princip sein letzter Schuss. Jedem Otto Gross allerdings auch.
Dies alles hat rein gar nichts mit der neuen Ausgabe des Grossen Thiers zu tun. Und zwar dermassen, dass die Redaktion sich sogar nicht wirklich sicher ist, ob es noch die 14. oder bereits die 15. sein soll. In diesem Sinne verzichtete man diesmal auf die Nummerierung und sogar die Seitenzahlen, und stellte nüchtern fest, dass Wera Figner nach der 20-jährigen Einzelhaft bei Weitem vernünftiger war, als die Meisten unserer ZeitgenossInnen, die ein Gefängnis nicht einmal von außen gerochen haben.
Arbeit bzw. Nicht-Arbeit, Feminismus, Stadtguerilla, ein bisschen Weltmarkt und Kultur-Schmultur, mehr haben wir – ganz ehrlich – euch nicht zu bieten. Habt ihr eure Gesichter überhaupt schon im Spiegel gesehen? Da kommt die scheußlichste Thier-Ausgabe seit Langem gerade richtig. Es gilt nach wie vor das, was hier so geschireben steht:

https://dasgrossethier.wordpress.com/hefte/

Hier ist übrigens das neue Promo-Video. Es ist keine Kunst, da brauchen sich die AbstellgleisakademikerInnen von den entsprechenden Fachzeitschriften nicht drum kümmern. Das ist nur #elsagate, was für Kinder, nicht für euch. Adieu –

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Zu Jörg Kronauers Buch „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“

Zwar muss man es neidlos anerkennen: Georg Fülberth konnte bereits 2007 „Germania“ besser auf Latein deklinieren als Rolf Peter Sieferle. Sieferle hat sich allerdings jegliche Chance, was dazu zu lernen, unwiederbringlich verbaut. Nun gut, ich für meinen Teil hätt‘ trotzdem nicht gedacht, dass ich jemals wohlwollend den DKP-Marxologen Fülberth zitieren würde. Aber Recht hat der alte intergalaktische Kommunist Dietmar Dath – ein bisschen Heiliger Geist wohnt auch in dieser Gemeinde.

Man spricht von einem neuen Kalten Krieg und übersieht, worum es sich bei dessen Vorgänger handelte: um einen Systemkonflikt zwischen den Kapitalismus und einem – wie auch immer zu beurteilenden – Sozialismus. Jetzt aber geht es um die Machtverteilung innerhalb einer einer Ordnung, deren Insasse zu sein kein Vergnügen ist. Insofern ist die Gegenwart von 2019 dichter an 1914 als an der Truman-Doktrin.

Muss man da Partei ergreifen? Schlagen wir – weil so manches, was vergangen schien, wiederkehrt – zum zweiten Mal nach bei Karl Liebknecht: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ Dass der Feind seines Feindes sein Freund ist, hat er nicht gesagt.

So schreibt er etwa in konkret 6/19, „ Preisfrage. An der Haltung zu Russland scheiden sich mal wieder auch die linken Geister“, (S. 25).

Nun, Schluss mit dem Namedropping und anderen Geschmackslosigkeiten. Die Buchbesprechung von Jörg Kronauers Buch „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ wurde dankenswerterweise in CEE IEH Nr. 257 (Mai/Juni) veröffentlicht.

„Eines der wenigen Dinge, an die ich mich, ehrlich gesagt, überhaupt noch aus meinem Studium der Politikwissenschaft erinnere, ist, dass es immer die Dümmsten waren, die nach morgendlicher Spiegel Online-Lektüre in den Seminaren zu den Internationalen Beziehungen am lautesten über die sog. Außenpolitik schwadronierten. Der Maßstab des Themas korrespondiert nicht unbedingt mit der Größe der Erkenntnis. Und wenn doch, dann meistens umgekehrt proportional. Es lässt sich bekanntlich am bequemsten – vorzugsweise von expertenhaften Gesichtsausdrücken und Gesten begleitet – fachmännisch, äquidistant, wissenschaftlich eben über das ›Weltwetter‹ schwadronieren, wenn man/frau eh nichts fürs ›Wetter‹ kann. Da sah man/frau beides bereits in ein und derselben Gestalt: Die politisch interessierten BürgerInnen am Frühstückstisch und die PolitikexpertInnen vom Frühstücksfernsehen, die sich beim Käffchen in die Rolle mal der einen, mal der anderen Regionalmacht unverbindlich einfühlen“.

https://www.conne-island.de/nf/257/9.html

-spf

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Aus gegebenem Anlass: Go straight to hell again

Immer und immer wieder wiederholt sich der islamistische und arabisch-nationalistische Ansturm auf Israel, mal als radikal-demokratische Inszenierung an den Grenzübergängen, mal – in gewohnter Manier – als Raketenterror. Mal seufzt die „zivilisierte“ Welt auf und rollt mit den Augen, beide Seiten sollen sich doch bitte etwas mehr um die Menschenrechte bemühen. Sprich, Israel soll nicht zurück schießen, wenn die israelische Zivilbevölkerung beschossen oder abgestochen wird. Mal scheint es, die Welt hat das ganze Drama schon tausendmal gesehen und beginnt es zu durchschauen. Der Antizionismus kommt inzwischen immer offener auf seinen antisemitischen Kern, pseudo-humanitäre Feigenblätter fallen langsam ab. Doch dann liest man wieder deutsche Medien oder Verlautbarungen deutscher StaatsvertreterInnen und es kommt einem die kalte Kotze hoch.

Hier beantwortet von der Osten-Sacken ein paar Fragen zur aktuellen Lage. Im Folgenden ein Abschnitt aus „Das Konzept Materialismus. Pamphlete und Traktate“ von Initiative Sozialistisches Forum. Erschienen 2009, weil‘s aber um die Liquidierung von ar-Rantisi geht, ist er einige Jahre älter. Und auch damals waren der Krieg gegen Israel und weltweite Sympathie für diesen Krieg bereits viel zu lange da.
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Buchrezension: „The Colours of the Parallel World“ von Mikola Dziadok

von ndejra (erschienen in der April-Ausgabe der GaiDao)

Manchmal überkommt eine*n das Gefühl, linke Knastliteratur – Erinnerungen, Tagebücher, wissenschaftliche Abhandlungen und Ähnliches – hat wieder Konjunktur. Die Welt ist so anders geworden seit den Zeiten als Leute wie Peter Kropotkin, Alexander Bergman oder Wera Figner über ihr Leben hinter Gittern berichteten, als Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn die GULag-Hölle für kommende Generationen beschrieben haben. Natürlich hat der Staat, „ein unermesslicher Friedhof“, wie ihn Bakunin bezeichnete, nie aufgehört, mit seinem Repressionsapparat Leben und Körper der Delinquent*innen zuzurichten und zu zermalmen. Manchmal wird die alltägliche Repression nur spürbarer, manchmal gelingt es jemandem sie nur besonders eindrucksvoll zu schildern.

So gelang es z.B. dem belarusischen Anarchisten Mikola Dziadok in seinem kleinen Büchlein. Es ist nicht „brandneu“, es muss, wenn ich mich nicht täusche, bereits 2017 oder Anfang 2018 erschienen sein. Dziadoks Buch führt gewissermaßen die Erzählung fort, die mit dem Ihar Alinevichs Bericht aus dem Minsker Untersuchungshaft „Auf dem Weg nach Magadan“ begonnen wurde (siehe die Besprechung in GaiDao Nr. 82, Oktober 2017). Beide kamen 2010/2011 infolge der Wahlproteste unter die Räder der belarusischen Staatsmaschine, beide (und einige andere Anarchist*innenen und Liberale) haben nach Farce-Prozessen hohe Gefängnisstrafen bekommen. Ihar bekam damals 8 Jahre und Mikola 4,5 Jahre des „strengen Regimes“, dem Letzteren hat man die Strafe später um ein Jahr noch verlängert. Beide wurden frühzeitig entlassen. Wie Dziadok in einem Interview 2015 erklärte, das passierte nur, weil Belarus, das oft als die „letzte Diktatur Europas“ bezeichnet wird, immer noch die sowjetische Staatssymbolik beibehält und dessen Geheimdienst immer noch KGB heißt, versucht, auf den Spannungen zwischen der EU, den USA und Russland zu spielen und gewisse Liberalisierungen im Inneren demonstrieren musste. Weiterlesen

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Der eigentümlich bürgerliche Anarchismus

Falls ihr euch jemals gefragt habt, was man/frau so alles in der Zeitschrift eigentümlich frei schreibt, aber euch immer irgendwie dafür zu schade wart, reinzuschauen, lasst es. So arg interessant oder besonders bemerkenswert ist es nicht. In den Schriften der INWO steckt mehr Kritisierbares drin. Nennenswerte Politikanalysen oder „libertäre“ wirtschaftliche Theorien findet man/frau in eigentümlich frei kaum. Ich wäre auch nicht darauf gekommen, hätte ich mich nicht irgendwann mal gefragt, was der einstige Paul Goodman-Übersetzter Stefan Blankertz jetzt so treibt. Ihr wisst übrigens, welcher self made man sich auch noch nicht „rechts“, sondern „libertär“ nennt? Der Brüllaffe des Kapitals Alex Johnes. Das nur am Rande.

Hand aufs Herz, ich würde auch gerne jedes Thier-Heft mit einem genüsslichen Bericht über Whisky-Degoustation an der Ostsee anfangen, schließlich zieht es mich bekanntlich in maritime Gefilde und Whisky mundet mir durchaus. Aber bei allem „Anarcho-Kapitalismus“, was auch immer das sein soll, wohl nicht bei einem Igor-Schafarewitsch-Symposium. Ich vermute, das war

kein mathematisches Symposium für GeldliebhaberlInnen. Ich weiß allerdings, dass Schafarewitsch ein international anerkannter Mathematiker war, der zufälligerweise ein schriftstellerisches Hobby hatte: Pamphlete über die „Judenfrage“ und gegen den Kommunismus als jüdisches Werk zu verfassen.

Man/frau täuscht sich übrigens, wenn man/frau der Meinung ist, den Anarcho-KapitalistInnen bzw. Rechtslibertären wäre es prinzipiell egal, woran Leute im Privaten glauben und mit wem sie einvernehmlich schnackseln. Hauptsache, es hindert sie und/oder Dritte nicht, sich politisch und wirtschaftlich am Gemeinwesen gewinnbringend zu beteiligen. Hier ist der Chef der Postille, Andre F. Lichtschlag selbst, zum Thema der gerade entstehenden ukrainischen Autokephalie: „Vielleicht ist es ja sinnbildlich für die neue ukrainische Kirche unter dem Protektorat von Konstantinopel, dass ihre Entstehung vom selben Staatspräsidenten in Gang gesetzt wurde, der auch die Gay-Pride nach Kiew geholt hat“. Elsässer, ick hör` dir trapsen.

Selbst aus dem spannenden Thema Gilets Jaunes macht man/frau eine todlangweilige Reportage, wo irgendwelche Leute aus der französischen Provinz am Küchentisch ihre sehr wichtige biedere Meinung zum Protokoll geben.

Außer Anzeigen des Kopp-Verlags, der Goldhändler und anderer Werbung, die sich an gut betuchte Bürger richtet, gibt es da noch etwas: Geschäfte mit Russland als Kampfstrategie gegen den Staat. Ich vernehme zwar eine Sonderauffassung des „Putin, hilf uns!“-Rufes, aber die Nordstream II – Pläne der Bundesregierung dürften die „Anarchisten“ mit dem deutschen Staat bald wieder versöhnen.

russengas

Da mache ich lieber eine Flasche Glennfiddich auf und ergötze mich noch mal ein bisschen an„ Der Staatslichkeitswahn“ (1980) von Stefan Blankertz. Oder direkt an „Drawing the Line“ von Paul Goodman.

An eigentümlich frei möchte ich dennoch eine unverbindliche Empfehlung aussprechen, von Anarchist zu -ähem! – „AnarchistInnen“, sozusagen: fusioniert doch mit mit Melodie&Rhythmus. Auf Russland und die EU kann man/frau sich definitiv einigen, für das Bildungsbürgertum gäb`s was Interessantes über die bewegte Kunst, auch Konstantin Wecker wird man wohl noch von den „linksrechten“ Mahnwachen für Frieden kennen.

– spf

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…wie der Pfeffi zum Hefe.

Ermahnung an die materialistische Religionskritik

von Ndejra

(es handelt sich somit um den letzten Artikel aus der Ausgabe #13 – das GT)

Am 31. März lud die Autodidaktische Initiative in Leipzig zu einer Veranstaltung über den sogenannten antimuslimischen Rassismus und muslimischen Feminismus ein. Antifaschistische Linke International (ALI) aus Göttingen sollte dabei von ihren Ideen und praktischen Erfahrungen diesbezüglich berichten. Da ich, erstens, an dem Abend entschieden nichts Besseres zu tun hatte und, zweitens, die Broschüre „A Woman’s Voice is a Revolution“ und ihre Fortsetzung wenigsten vom Sehen her kannte, die Auseinandersetzung damit aber lange vor mir her schob, drittens felsenfest der Meinung war, solche Konzepte wie „antimuslimischer Rassismus“ und „muslimischer Feminismus“ nicht ernst nehmen zu müssen, beschoss ich, mir das Ganze wenigstens mal anzuhören und womöglich noch Zeit und Kraft für die Auseinandersetzung zu sparen. Ich bin nicht klüger geworden, so viel kann ich bereits verraten.

Ich will weder auf die politischen Einstellungen des ADI-Publikums von seinem Aussehen her schließen, noch bin ich imstande oder möchte auch nur großartig den relativ platten Vortrag wiedergeben. Warum also nicht einfach das Thema als weiteren postmodernistischen, gegenaufklärerischen und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gesponsorten Blödsinn abtun, den die deutsche Linke wie am laufenden Band produziert, einfach unter „Antiimps wieder mal auf Kuschelkurs mit dem Islam“ abspeichern? Der Ausgangspunkt, die Fragestellung der umtriebigen AntifaschistInnen aus Göttingen schien mir grundsätzlich richtig. Dass sie sich auf die Suche nach praktischen Antworten begeben und allerdings schon bei theoretischen Überlegungen mit schlafwandlerischer Sicherheit verirrt haben, verdient zumindest wohlwollende Kenntnisnahme. Die Erfahrungen, die sie dabei gemacht haben, halte ich für wichtig.

Etwa 2016 oder bereits davor stellten diese Leute wohl fest, sie haben öfters mit der muslimischen Community in der Stadt zu tun, kennen sie aber nicht. Wo sie Insider-Wissen oder politische Bündnispartner brauchten, waren sie gezwungen über die Community, aber nicht mit ihr zu reden (soweit man mit der ganzen Community überhaupt reden kann). Dass man bei antifaschistischen Interventionen keine Stellvertreterpolitik machen will, ist vollkommen korrekt; ob jemand ausgerechnet zusammen mit dem örtlichen DITIB-Verein gegen deutsche Neonazis vorgehen will, muss jedeR für sich selbst entscheiden. Ich kenne das Problem allerdings auch von woanders her, wo vor ein paar Jahren die kurdische Community mit Antifas auf der Straße gegen Nazis liefen und einander gründlich missverstanden haben. Also, um solche Missstände zu beheben und für theoretische und praktische Annäherung zu sorgen, wurden in Göttingen eine Veranstaltungsreihe zum antimuslimischen Rassismus, eine Poetry-Slam nach dem freikirchlich-adventistischen Vorbild namens „I,Slam“, wo muslimische Jugendliche ungeniert über ihre „Identität“ fabulieren konnten, und ein Filmeabend mit „Taqwacore“ (1) und anderen Filmen organisiert. (2) Der Output der Bemühungen: keine erhofften Antworten oder gar Anleitungen, dafür noch mehr Fragen und diese zwei dünnen Broschüren, mit denen die Leute immer noch durch das Land touren, um, wie sie sagten, die Szene zu „sensibilisieren“. Weiterlesen

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Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Halle a.d. Saale

Aus den 30er Jahren ist u.A. Folgendes überliefert:

Ob es viele Hackekreuzler in Halle gibt? Nun, es sind ihrer immerhin 58000. Aber sie rekrutieren sich hauptsächlich aus den Gewerbetreibenden und aus den den Studenten der Hallenser Universität. Darum konnten sie aus ihrer 58000köpfigen Masse nur etwa vierhundert SA-Leute aufstellen. Diese vierhundert, das sind die wenigen Proleten der „Arbeiterpartei“. Sie sind es, die für Hitler prügeln und schießen, die sich für ihn schlagen und erstechen lassen, während die anderen im Hintergrund bleiben. (…)

Freitag nacht wurde das Hallenser Gewerkschaftshaus mit Musikbegleitung bewacht, weil der Speilmannszug des Reichsbanners Bereitschaft hatte. Ungefähr zwanzig Mann saßen im Wachzimmer, rauchten, spielten Karten, musizierten – Singen ist bei der Wache verboten. Zum Ausschlafen hatten die Reichsbannerleute am nächsten Tag Zeit, denn sie sind alle zwanzig arbeitslos. (…) In den das Gewerkschaftshaus umliegenden Straßen streiften verstärkte Patrouillen umher. Tagsüber hatte es nämlich Stänkereien zwischen Nazis und Arbeiterturnern, die zu einem Sportfest gekommen waren, gegeben. Auch die fünfzehn Jungbannermänner, die bei Anbruch der Dämmerung von einer Landpropagandatour auf Fahrrädern zurückgekommen waren, hatten, heiser und schweißgebadet – sie hatten zwölf Stunden lang geradelt und Sprechchöre gebrüllt -, zu berichten gewusst, sie seien in der Stadt von Hackenkreuzlern angestänkert worden.

Und so saß in Erwartung kommender Ereignisse der Speilmannszug des Reichsbanners Halle im Gewerkschaftshaus, drosch Skat, soff elenden Zichorienkaffee. Der Gitarrenspieler aber summte, obwohl es verboten war: „ Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet, zu unserer Fahne ström‘ zuhauf!“

Schlag neun wurden von draußen plötzlich Kaufschritte hörbar. Eine Patrouille stürmte von der Straße in den Hof. Und gleich hinterher eine andere. Ein Mann blutete am Kopf. „Alles heraus“, brüllten die Patrouillen, „die Nazis kommen!“

Die zwanzig im Wachlokal hatten gerade noch Zeit, ihre Lichtknüppel – schwere, stabförmige Lampen, die gut leuchten und andere Dienste tun – zu packen, für alle Fälle ein paar Stühle mitzunehmen und auf die Straße zu laufen. Draußen kam schond er Lastwagen herangesaust: das Rollkommando der braunen Mordpest. In halber Fahrt sprangen fünfzig SA- Leute heraus und stürmen mit Totschlägern das Ochsenziemern auf das Haus zu.

Die Schalcht von Austerlitz lässt sich beschreiben, da damals zumindest Napoleon angeblich wusste, was los war.

Was aber Freitag den 16. um 21 Uhr in der spärlich beleuchteten Straße vor dem Hallenser Gewerkschaftshaus zu sehen war, war ein auf und ab wogender Haufe von Grün- und Braunhemden. Was zu hören war, war das Krachen von Schlägen, das Krachen von Blumentöpfen und Geschirrstücken, die aus den Fenstern der Häuser auf die Köpfe der Nazis flogen, was unbeschreibliches Gejohle.

Aber als das Überfallkommando der Polizei nach zehn Minuten erschien, blieb ihm nichts mehr zu tun übrig, als zwei schwerverletzte Hackenkreuzler wegzuführen. Die übrigen waren mit Vollgas ausgerissen.

Nach weiteren zehn Minuten war die „Kommune“ (die Kommunisten) in einer Stärke von hundert Mann da, um das Gewerkschaftshaus schützen zu helfen. Sie besetzten das Nebenhaus, und ein Einkreisungsplan wurde mit ihnen vereinbart, für den Fall, dass die Hackenkreuzler wiederkommen sollten.

Doch zur allgemeinen Verwunderung holten die Nazis nicht ihre Reserven aus den umliegenden Dörfern. Sie mobilisierten nicht einmal die SA der Stadt. Sie hatten den Bereitschaftsdienst der Kommunisten wohl ausspioniert; sie gingen schlafen. (…)

Um 10 Uhr saßen die Spielleute des Reichsbanners wieder im Wachlokal. Der Gitarrenspieler hatte eine blutige Bandage um den Kopf. Er fing die Arbeitermarseillaise von vorne an.

Und obwohl es verboten ist, sangen alle mit, als Stelle kam: „Stehet fest, stehet fest und wanket nicht…“

Jura Soyfer, „Bericht aus dem deutschen Bürgerkrieg“, aus „Die Ordnung schuf der liebe Gott“, Leipzig, 1979