0

Einige Reflexionen zu Venezuela

 (Eine Übersetzung von der venozelanischen Indymedia, vom 24.1.2019: Ordenando mis ideas sobre Venezuela)

nimaduroniguaido-78620

Was passiert in Venezuela ?

Seit dem 21. April gehen die VenezolanerInnen auf die Straße, um gegen die Regierung Maduro zu protestieren. Seit dem Jahr 1989 sind die Bewohner der benachteiligten Stadtviertel nicht mehr von den Hügeln herabgestiegen. Zu dieser Zeit hat die Regierung der Acción Democrática viele Demonstranten ermordet, das Massaker ist unter dem Namen „Caracazo“ bekannt.

Im April beschlossen die popularen Schichten, die einzigen, die in der venezolanischen Politik den Ausschlag geben können, ihr Gewicht auf die Seite zu werfen, die Nicolas Maduro und seinen Ministern entgegensteht.

Warum demonstrieren die benachteiligten Stadtviertel gegen den Führer der „Revolución Bonita“?

Seit dem Tod von Präsident Chávez ist der Verfall der venezolanischen Wirtschaft in riesigen Schritten vorangeschritten. Der wichtigste Grund ist die Korruption. Erinnern wir uns, dass Hugo Chávez die Bürokratie auf ein unhaltbares Niveau wachsen ließ. Wir müssen betonen, dass Maduro nicht der einzige Verantwortliche für das wirtschaftliche Scheitern ist. Chávez hat das sogenannte „país supermercado“ (Supermarkt-Land) implementiert, was bedeutet, dass der Import von grundlegenden Produkten wie Nahrungsmittel und Medizin Priorität hat. Mit dem Fallen des Ölpreises wurde das von Chávez eingesetzte populistische Modell unhaltbar. Hinzu kommt, dass im ersten Jahr nach seinem Tod Regierungsvertreter schwere Schäden angerichtet haben, indem sie Geld von der (staatlichen Erdölgesellschaft) PDVSA, der Zentralbank etc. gestohlen haben.

Wegen der Dollarknappheit verkündete der Präsident der Venezolanischen Zentralbank das unsozialste Sparprogramm der Geschichte Venezuelas an. Nie zuvor wurde der nationale Haushalt so stark beschnitten. Dies hatte einen drastischen Effekt auf Medizin und Grundnahrungsmittel. Wir reden hier über die Monate nach Chávez‘ Tod.

Seit dem Jahr 2013 ist Venezuela in eine unaufhörliche Inflationsspirale geraten, die sich heute zur Hyperinflation gesteigert hat. Dies ist Ergebnis der mangelhaften Wirtschaftspolitik Maduros, hinzu kommen seit 2016 die Sanktionen, die verschiedene Länder venezolanischen Funktionären auferlegten.

Die einfachen Leute, die Arbeiter und Arbeiterinnen, sehen ihren Lohn auf einen halben Karton Eier pro Monat geschrumpft. Sie sind abhängig von den Lebensmittelkisten der CLAP (Lokale Versorgungs- und Produktionskomitees) und von den Märkten, die die Regierung eröffnet hat. Doch das reicht nicht. Abgesehen davon, dass die Verteilung der CLAP-Kisten unregelmäßig geschieht, gibt es Korruption in den beauftragten Unternehmen. Es ist bekannt, dass die Regierung mit Dollars für Produkte hoher Qualität bezahlt, doch was ankommt sind Artikel in niedrigster Qualität und oft in schlechtem Zustand. Weiterlesen

Advertisements
0

Der linke Flügel des Antikommunismus, Pulsarnacht der revolutionären Vernunft

von Seepferd

Kann ein Schriftsteller dermaßen vom Geist verlassen sein, dass er, den Vorgaben der kulturindustriellen Feuilletonerinnerung gehorchend, plötzlich anfängt, aller Ernstes mit Floskeln des kruden DDR-Sprechs um sich zu werfen? „Die Partei hat immer recht“, „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, e patati e patata? Dietmar Dath kann‘s. Im Presseorgan der friedensbewegten DKP, die sich immer noch aus irgendeinem Missverständnis heraus für kommunistisch und revolutionär hält.

Es geht um Liebknecht und Luxemburg, um die historische Abrechnung mit der deutschen (und nicht nur) Sozialdemokratie, um die US-Amerikanische (und nicht nur) Linke, die in ihrer gegenwärtigen Lage nicht weiter weiß. Es geht u.A. um eine wichtige Fragestellung – um den Zusammenhang von (kapitalistischem) Staat und seiner spezifischen organisierten Gewalt, stehendem Heer. Waffensysteme besitzen Klassencharakter, das Militär – letzten Endes das Rückgrat der Staatlichkeit, Gewalt – der Anfang und das Ende des Rechts, an dem es friedfertigen BürgerInnen so viel liegt, so hätte das wohl Ekkehart Krippendorf formuliert. Man/frau kann sich also was denken beim Lesen von „Ohne Partei weder Gedanke noch Tat“. Man kann an rätekommunistische Staats- und Parteienkritik eines Cajo Brendel denken; an Pannekoeks Erledigung des sog. Marxismus-Leninismus als Theorie und Praxis der bürgerlichen, aber nicht der proletarischen Revolution in der sog. 3. Welt; an Norbert „Knorfo“ Kröcher, der die Frage danach, ob alle radikalen sozialen Bewegungen erst einmal als partei- und staatsunabhängige entstehen und fortbestehen, mit der rhetorischen Gegenfrage, ob der Bär in den Wald scheiße, beantwortet hatte. An die Überlegungen eines Johannes Agnoli zum Klassenkampf in den institutionalisierten Formen der „wehrhaften Demokratie“. Gut, wenn man/frau es sich dabei selbst denken kann, denn von klügeren Genossen wie Dath erfährt man/frau solche Sachen nicht. Eher das, was seinem deutschen Herz an der Revolution so teuer ist: der

Sozialismus als Staatenverbund wie als Parteigedanke(n).

Hat Dath sich einmal warmgeschrieben, purzelt es immer schöner heraus: Weiterlesen

0

Anmerkungen über die kapitalistische Weltmarktdynamik

(aus dem aktuellen Heft #13)

von Christian Girschner

Die entweder beklagte oder angepriesene Weltmarktdynamik wird nicht durch die Herausbildung eines Finanz- oder Kasinokapitalismus verursacht. Ebenso wenig resultiert sie aus einer neoliberalen Politik, die ideologisch verblendete oder korrumpierte Ökonomen und Politiker durchgesetzt haben. In diesem Beitrag soll demgegenüber skizziert werden, dass die Weltmarktdynamik aus der besonderen sozial-ökonomischen Qualität der kapitalistischen Ökonomie entspringt.

1. Es klingt paradox, aber der Weltmarkt war die *historische Voraussetzung* für die Herausbildung der kapitalistischen Warenproduktion: Durch den Austausch von *überflüssigen Arbeitsprodukten* zwischen vorkapitalistischen Gemeinwesen entstand bereits ein Weltmarkt. Hierbei nahmen die Produkte im Augenblick des Austausches die *Warenform* an. Nach der Beendigung des Austauschaktes *verloren* die Produkte diese *Formbestimmung* als Waren wieder. Die Produkte erhielten im Austauschakt die Warenform, weil sie *nicht mehr in den*, sondern*zwischen* verschiedenen Gemeinwesen vermittelt wurden. Nur durch die Hervorbringung dieser ökonomischen Form konnte sich eine *Arbeitsteilung* zwischen den sich fremd gegenüberstehenden Gemeinwesen konstituieren, die auf einer *bewusstlos* und nicht willentlich von den Austauschenden vorgenommenen *Abstraktion* beruht, die die überflüssigen Arbeitsprodukte im Austausch auf eine *gleichförmige, allgemeine Arbeit bzw. einen Tauschwert* reduziert, um sie durch diese *ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* vergleichbar und damit austauschbar zu machen. Eine Besonderheit dieses *tauschwertsetzenden* Handels zwischen den Gemeinwesen lag darin, dass dieser *keine* objektive ökonomisch-*quantitative* Bestimmung der Produkte konstituierte. Auf dieser primitiven Grundlage konnte sich nicht nur eine unentwickelte Geldform, sondern auch ein Handelskapital herausbilden. Dieses primitive Handelskapital lebte davon, dass es Produkte von einem Gemeinwesen aufkaufte und anschließend diese mit einem Preisaufschlag an ein anderes Gemeinwesen weiter verkaufte. Nur durch die stetige Wiederholung dieses Austauschgeschäftes konnte sich das Handelskapital *selbst erhalten* und sein Geld selbstzweckhaft vermehren: Aus Geld mehr Geld machen, ist zugleich die einfachste Bestimmung des Kapitals.

2. Unter bestimmten historischen Bedingungen ergriff das primitive Handelskapital in seinem rücksichtslosen Gewinnstreben die *vorkapitalistische Produktion* der alten Gemeinwesen, um diese in den Dienst seiner selbstzweckhaften Geldvermehrung zu stellen. Damit ging die bis dahin nur im Austausch hervorgebrachte ökonomische *Tauschwert-Abstraktion*, wodurch die Produkte die Warenform erhielten, in die vorgefundene Produktion ein und wälzte diese in eine *wertsetzende Produktion von Waren* um. Die *ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* der Arbeitsprodukte auf eine *allgemeine Arbeit*, um sie als Waren vergleichbar und austauschbar zu machen, findet jetzt nicht mehr im Moment des Austausches statt, sondern wird in der unmittelbaren Produktion gesetzt. Folglich werden *nicht* mehr *überflüssige Arbeitsprodukte* in den Austausch geworfen, *sondern Waren*, die nur zu dem Zweck produziert wurden, um mit ihnen einen Gewinn im Austausch zu erzielen. Gleichzeitig wurde nun auch der noch im tauschwertsetzenden Handel fehlende *ökonomisch-quantitative Inhalt* konstituiert, nämlich die gesellschaftlich notwendige *Arbeitszeit*, die zur Produktion einer Ware aufgewendet wird. Unter diesen neuen Bedingungen *erhält sich die ökonomische Form* über den Austauschakt hinaus, denn die in der Warenproduktion verausgabte *Arbeit* ist nun das *lebendige Feuer*, weil sie als wertsetzende Arbeit gilt und damit das die *Produktion und Austausch übergreifende und sich selbst vermehrende Kapital* konstituiert. Das primitive Handelskapital war immer von den zufälligen Bedingungen in den Gemeinwesen abhängig gewesen, die die überflüssigen Produkte für den Austausch hervorbrachten. Da das Handelskapital diese Bedingungen weder beherrschen noch steuern konnte, war seine ökonomische Existenz fortlaufend gefährdet. Aber mit dem geschilderten Eingehen in die Produktion hat sich das (Handels-)Kapital die ihm bis dahin fehlenden Bedingungen für seine eigene ökonomische Erhaltung selbst geschaffen, deshalb ist die unmittelbare Arbeit auch nicht mehr der im Austausch konstituierten und sich nicht selbst erhaltenden abstrakten bzw. allgemeinen Arbeit äußerlich. Vielmehr sind die konkreten Arbeitsarten jetzt nur noch Erscheinungsformen der allgemeinen Arbeit bzw. des Wertes. Die konkreten Arbeiten wurden in diesem Umwälzungsprozess nicht nur dem Gewinnstreben des Kapitals unterworfen, sondern auch entsprechend den Anforderungen des kapitalistischen Verwertungsprozesses umgeformt und fortentwickelt. Unter diesen neuen Bedingungen sind sowohl das Handelskapital als auch das Geld nur noch vermittelnde wie verschwindende Gestaltformen innerhalb des die Produktion und Austausch übergreifenden und prozessierenden Wert- bzw. Kapitalkreislaufes. Mit diesem Transformationsprozess wurde das Zeitalter des sich historisch durchsetzenden Kapitalismus eingeläutet, der zur Herausbildung und Entwicklung von Nationalmärkten und damit zur Konstitution des kapitalistischen Weltmarktes führte. Eine unabdingbare Voraussetzung für diesen sozioökonomischen Umwälzungsprozess, den Marx als ursprüngliche Akkumulation bezeichnete, war die Schaffung einer freien Lohnarbeiterklasse durch die politische Gewalt der Gemeinwesen. Weiterlesen

0

Bini Adamczak über Revolutionen, Niederlagen, Beziehungen und Kräfteverhältnisse

Aus dem äußerst lesenswertem Interview von kritisch-lesen mit Bini Adamczak, in dem es um alles Mögliche und alles Wichtige geht:

„Hier, ich lebe ja leider hauptsächlich in Deutschland, herrscht die Wahrnehmung vor, dass Umsturz oder radikale Veränderung der Gesellschaft oder eben Revolution eher von rechts besetzt sind. Ich erlebe, dass Linke oder auch Liberale eher damit beschäftigt sind, Wälle aufzurichten, um die rechten Angriffe auf diese Ordnung abzuwehren. Ein großer Teil der Linken in Deutschland ist von einer spezifisch deutschen Melancholie gezeichnet, die meint, dass sich nichts ausrichten lässt gegen die Obrigkeit oder dass die Masse ohnehin nach rechts tendiert. Das ist oft eine Atmosphäre in den Räumen, in denen ich diskutiere. Wir müssen fragen, ob dieses Gefühl den wirklichen Kräfteverhältnissen gegenüber angemessen ist – und wie sinnvoll diese spontane Ideologie der Verteidigung der bestehenden Zustände gegen den Angriff von rechts eigentlich ist„.

Der Rest findet sich hier.

0

Es küssen sich im Unfallstau der Heiland und die Mettensau

Ihr wisst, dass das gesellige Beisamensein, gemeinsamer Spaß und fröhliches Lachen über sich und andere beim Grossen Thier schon immer groß, SEHR GROSS geschrieben wurden und werden. Und das aus Tradition und Überlieferung. Die Leute, die über Jahre beteiligt waren, nahmen es mit dem Spaß wirklich bierernst. Und nichts passt besser zur verregneten Weihnachtszeit als lustige Gesellschaftsspiele. Hier z.B. ein Gesellschaftsspiel aus dem GT-Heft Nr. 1 (welches Jahr war das noch mal? 2011? 2012?):

Lacht ihr etwa über mich?

Ein Spiel für gesellige Anlässe nach Herrn Igel

Falls Sie einmal nicht wissen, was Sie mit ihren Freunden während das Alkoholtrinkens anfangen sollen, oder falls Sie sich keine andere Hilfe wissen, als den latenten Argwohn, der Sie von ihnen trennt, zu bewältigen, bietet sich dieses Spiel an. So wird es gespielt: Mehrere Mitspieler sitzen am Tisch und amüsieren sich. Ein anderer Mitspieler tut nicht mit, sondern steht oder sitzt etwas getrennt, als ob er etwas anderes zu tun hätte. Das Spiel beginnt damit, dass er den anderen den Rücken zuwendet. Ab diesem Moment lachen die anderen hörbar. Irgendwann, wenn es ihm zu bunt wird, dreht er sich zu ihnen, worauf sie sofort verstummen müssen. Nachdem er sich umdreht, fragt er laut und mit möglichst vorwurfsvollem, entrüstetem oder traurigem Blick: „Lacht ihr etwa über mich?“ Die anderen müssen nun beteuern, nein, sie lachten nicht etwa über ihn, möglichst glaubhaft und vor allem, ohne lachen zu müssen. Wer als erster lachen muss, oder sich das Lachen nicht rechtzeitig verbeissen konnte, hat verloren und muss denjenigen, über den gelacht wird, ablösen. Das Spiel ähnelt insofern dem Spiel „Armer schwarzer Kater“, als der, über den gelacht wird, es bis zu einem gewissen Grad in der Hand hat, durch möglichst unangebrachte Entrüstung, durch besonders jämmerliche Miene oder etwa hysterisches Überschnappen der Stimme die anderen zum Lachen zu bringen. Es bedarf einer gewissen Disziplin, um zu funktionieren, erfüllt aber hervorragend den Zweck, das unabweisbare Gefühl, als machten sich die anderen insgeheim über einen selbst lustig, zu kanalisieren; welches Gefühl meistens mehr oder weniger gleichmässig und mehr oder weniger zu Recht alle befällt.

Und hier die beiden Spiele aus der aktuellen Ausgabe Nr. 13. Verstärkter Hefe-Konsum wird empfohlen:

Das Hitlerspiel

Dieses Spiel ist bereits in antideutschen Kreisen überall im Land als Partyspass bekannt, unter verschiedenen Namen. Im Nordwesten nennt man es „Der dünne Firniss der Zivilisation“, in Wien und Süddeutschland „Leviathan und Behemoth“, im Osten nennt man es gewöhnlich einfach „das Hitler-Spiel“.

Es geht so: Die Teilnehmer/innen sitzen um einen Tisch, der mit allerhand Speisen und Getränken reich gedeckt ist. Sie zögern aber, zuzugreifen, und zwar aus einem einfachen Grund. Unter der Nase, dort, wo bei Hitler der bekannte Schnurrbart sass, haben sie alle ein verschiedenes Wort oder Zeichen mit Stift geschrieben. Wessen Wort oder Zeichen erkannt oder geraten wird, hat verloren. Deswegen werden sie eins von beiden tun: sie werden entweder mit einem daruntergehaltenen Finger ihre Oberlippe verdecken, oder diese gegen die Nase aufkräuseln, so dass sie nicht lesbar ist. Das wirft nun allerdings die Schwierigkeit auf, dass auf diese Weise nur schwer gegessen oder getrunken werden kann, oder dass man hierbei lachen muss und entweder die Deckung verliert, oder wiederum nicht essen kann.Die einzige Chance besteht darin, von den anderen ungesehen, wenn diese abgelenkt sind, schnell einen Bissen oder einen Schluck zum Mund zu führen. Wird man hierbei erwischt, und das Wort oder Zeichen im Hitlerbartbereich erkannt, rufen alle laut und tadelnd: „Du bist Hitler!“ bzw. „Du bist der Behemoth!“, je nach Region.

Unterschiedliche Varianten gibt es auch beim Spielausgang. Während im Osten vorherrscht, den Behemoth bzw. Hitler für seinen Rückfall von der Weltgemeinschaft zu „bestrafen“ (pretty kinky stuff), gilt dies in Südantideutschland als ausgesprochen unfein. Das Spiel gilt als grosser Spass unter Leuten, die auch Sachen sagen wie: „einen Gedanken stark machen“, „jetzt gilt es (dies und jenes zu fordern oder zu sagen)”, oder neuerdings „die These profilieren“.

Das baierische Proklamationenspiel

Bei diesem Gesellschaftsspiel, das aus der Zeit der bayrischen Räterepublik 1918-1919 stammt, versammelt sich eine Gruppe ab drei Personen an einem Tisch. Der Spielleiter, der sich an einem flauschigen Gamsbart zu erkennen gibt, verteilt leere Blätter und bunte Stifte. Auf Kommando des Spielleiters, denken sich die SpielteilnehmerInnen jedeR für sich ein Thema aus, trinken einen großen Schluck Hefe und schreiben drei bis vier Sätze nieder, knicken die Blätter um, damit das Geschriebene nicht gelesen werden kann und reichen ihre Blätter im Uhrzeigesinne weiter. Im Falle, dass einem/einer gar nichts einfällt, darf der/die TeilnehmerIn ausweichen und statt der vier Sätze eine Fußnote verfassen. Züge dürfen nicht ausgesetzt werden. Gerne können Floskeln wie „wer sich in Deutschland anschickt“, „der Zeit negativ voraus sein“, „kritischer Nachvollzug“ u.Ä. verwendet werden. Wird das Bierglas leer, klopft der/die SpielteilnehmerIn damit auf den Tisch und sagt: „Mia kannst no a Weißbier bringa“, der Spielleiter eilt sofort herbei und schafft Abhilfe. Schließlich müssen doch die Texte fließen! Am Ende, wenn die Blätter voll sind, werden die (garantiert sehr gewitzten) Proklamationen vorgelesen. Währenddessen darf in der Gruppe nach Geheiß des Spielleiters, der sich immer noch an einem flauschigen Gamsbart erkenntlich zeigt, heftig gelacht und weiterhin Hefe getrunken werden. Das Spiel versorgt die Gruppe nicht nur nachhaltig mit mindestens drei Proklamationen pro Runde, die entweder als Flyer gedruckt oder auf dem Gruppenblog veröffentlicht werden können, es bringt sie außerdem näher zusammen.

Den Freund*_innen aus Halle empfehlen wir dagegen, sich noch mal das Mikado-Spiel anzuschauen, vielleicht geschieht ein Wunder und es geht doch noch ein Lichtleich auf.

0

Die Mistschüssel von Kertsch

meerenge-von-kertsch-blockiert-100~768x432

Bild geklaut bei ZDF

Nun, zum Fall der drei Schiffe der ukrainischen Marine, die auf dem Weg von einem ukrainischen Hafen zum anderen ukrainischen Hafen in der Meeresenge von Kertsch von der russischen Küstenwache gerammt, beschossen und schließlich beschlagnahmt wurden: nicht, dass es so unerwartet käme. So hieß es z.B. in einem Lagebericht Ende August / Anfang September 2018:

The only area where confrontation with Russia has seriously increased is the Sea of ​​Azov. Russian border guards stop and delay ships going to or from Ukrainian ports. And often the Russians act in close proximity to the ports of Mariupol and Berdyansk. Ukraine has concentrated on the coast some forces to repel a possible attack from the sea, but it can not protect its vessels, especially since Russia operates within the framework of a bilateral treaty on the status of the Azov Sea. Ukraine could also stop Russian vessels under this treaty, but it has absolutely no means of doing so- the Ukrainian coast guard is seriously inferior to the contingent of the Border Service and the Black Sea Fleet of the Russian Federation in the Azov Sea, and the Ukrainian Navy in the Sea of ​​Azov is absent altogether.

Ich glaube zwar nicht, dass man die WELT als unparteiische Nachrichtenplattform ansehen kann, aber zum Vergegenwärtigen der aktuellen Lage im russisch-ukrainischen Konflikt reicht es erst mal aus:

Mögliche Motive für eine Zuspitzung haben beide Staatschefs – Poroschenko wie Putin. Die Ukraine hat die Krim 2014 verloren. Russland verleibte sich die Halbinsel ein nach einem international nicht anerkannten Referendum. Aus Moskauer Sicht wurde der historische Fehler korrigiert, dass der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Krim 1954 von Russland der Ukraine übertragen hat. (…)

Mögliche Motive für eine Zuspitzung haben beide Staatschefs – Poroschenko wie Putin. Die Ukraine hat die Krim 2014 verloren. Russland verleibte sich die Halbinsel ein nach einem international nicht anerkannten Referendum. Aus Moskauer Sicht wurde der historische Fehler korrigiert, dass der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Krim 1954 von Russland der Ukraine übertragen hat. (…)

Auch der Kremlchef ist nach seiner triumphalen Wiederwahl vom März innenpolitisch unerwartet unter Druck geraten. Die russische Bevölkerung nimmt ihm eine Rentenreform nachhaltig übel. Deshalb ein Ablenkungsmanöver? Die Heimholung der Krim hat seiner Popularität schon 2014 geholfen.

Und nein, natürlich würde die NATO der Ukraine nicht beistehen. Das hätte man sich auch August 2008 merken können, als Russland dem NATO-Anwärter Georgien südossetische Gebiete streitig gemacht hatte. Man weiß also, wo man da steht. Das Kriegsrecht, über welches man hin und wieder seit 2014 gesprochen hatte, wurde doch noch ausgerufen. Und ja, es war bis jetzt kein „offiziell ausgerufener“ Krieg zwischen zwei souveränen Staaten, es war bis jetzt eine „popelige“ Antiterror-Operation, in der immerhin etwa 10000 Menschen umgekommen sind. Dies zur Erinnerung. Das Kriegsrecht, wie auch immer, ist auf 10 Grenzregione beschränkt (interessanterweise auch an Moldawien grenzende Gebiete), wird nur im Falle einer militärischen Invasion Russlands räumlich ausgeweitert, erst ein mal nur auf 30 Tage begrenzt und soll die kommenden Präsidentschaftswahlen im März 2019 nicht beeinflussen.

Für eine vom NATO-Faschismus gesponsorte antikommunistische Schokoladen-Junta eine recht schwache Leistung, wa? Die Reservisten packen schon mal ihre Sachen, die Zivilbevölkerung hat sich noch nicht über Lebensmittel hergemacht und alle sind sich jedenfalls sicher, dass die „hart erarbeitete“ Autokephalie die erste Regierungszeit Poroschenkos kaum retten wird. Die „linke“ und „liberale“ Öffentlichkeit Russlands bevorzugt, gerade über alles Mögliche zu reden, nur nicht über Kertsch. Diejenigen „Weltevolutionäre“ aber, die meinen auch hier wider besseres Wissen „alle Seiten des Konflikts“ berücksichtigen und „den Krieg als solchen“ verurteilen, sprich in geübter Manier dem ukrainischen Staat und den ihn bevölkernden Menschen das Selbstverteidigungsrecht gegen ihren netten Nachbarn absprechen zu müssen, müssen irgendwann mal auch eine große Schüssel Schweinemist in Betracht ziehen, die sie mit Teelöffelchen auslöffeln werden. Meinst du, Genosse, es wird ihnen schmecken?

spf

0

Ein netter Versuch. Nicht.

Witzig, wenn die sogenannte Neue Rechte das Geburtstag von Karl Marx „feiert“, doppelt witzig, wenn sie zu diesem Anlass in einem Vortrag erklärt, was sie eigentlich von Marx will.

Es sind Leute, die uns in dieser humorlosen Welt schon so manche Tage mit ihren Streichen versüßt haben. Hier in diesem Fall ist es Alexander Marcovics, der ehemalige Anführer der österreichischen Identitären, heute der Vorstand des pro-russischen „think tank“, des Suworow-Instituts in Wien. Und zwar mit dem Vortrag „Marx von rechts – Karl Marx‘ Botschaft an die patriotische Jugend“. Tadellos vorgetragen, es gehört schließlich zu den wichtigsten Disziplinen des wissenschaftlichen Arbeitens, sich anständig zu kleiden und selbstsicher grinsend dem Publikum egal was für bullshit aufzutischen. Haben wir das nicht alle so an der Uni gelernt?

Es bezieht sich die ganze Zeit auf ein kleines Büchlein namens „Marx von rechts“ von einem Sezession-Autoren Benedikt Kaiser, Alain de Benoist, der unserer Leserschaft wohl bekannt sein dürfte, und einem gewissen Diego Fusaro, den Marcovics als einen „orthodoxen Marxisten“ vorstellt. Was dieser als Schüler von Constanzo Preve, der seinerseits vom Operaismus auf die Positionen des völkischen Antikapitalismus -übergegangen ist,  sicher nicht ist. Warum macht das Marcovics? Um etwa zum wiederholten Male eine Querfront gegen die schlechte Wirklichkeit zu suggerieren, die es damals mit der Antiimperialistischen Aktion nicht gab, da die AA selbst für die dümmsten Linken immer noch zu dumm und folglich völlig marginalisiert ist.

Lassen wir uns den originellen Vortrag nicht durch solch billige Lügen vermiesen. Es geht schließlich gegen die liberale Dreieinigkeit aus Kapitalismus, Religion der Menschenrechte und Marktgesellschaft. Der Referent plädiert dafür, dass die Rechte, die diesen Namen verdient, sich nicht mehr auf das kulturpessimistische Gejammer beschränkt, sonder sich Gedanken über die allgemeine gewaltsame Vergleichung über den Wert macht. Sogar die fachmännische Aufteilung des Marx’schen Ouevre in „jungen“ und „alten Marx“ macht er mit. Lernt man doch auch an der Uni. Und sieh einer an: nachdem er die Kategorien des Kapitals auf die Schnelle auseinandergesetzt hat, gibt es „kein Subjekt“ der Herrschaft, keine globalistische Elite und keine jüdische Weltverschwörung. Alle Achtung!

Wer denkt, so viel Korrekturen kann der völkische Antikapitalismus (oder im Klartext – der nationale Sozialismus) der (Neu-)Rechten unbeschädigt nicht überstehen, irrt sich. Die subjektlose Herrschaft des Kapitals ist Masseneinwanderung nach Europa, die letzten Endes unsere Heimat zerstört, sie ist aktuell geführte Krieg im Donbass und die Kriegstreiberei gegen Russland, wo es bekanntlich noch keinen Kapitalismus ist. Sie ist Krieg und Hunger in der sogenannten „Dritten Welt“, sie sich langsam in die „Erste Welt“ verlagern und hier die hart erarbeitete Klassenkompromisse zersetzen. Schließlich ist der Kapitalismus die Kölner Sylvesternacht. Kapitalismus ist Einwanderung –  das ist die  Botschaft an die patriotische Jugend, allerdings nicht von Marx, aber von de Benoist.

Eine weitere Lüge also, eine weite Perfidie der Vereinnahmung. Mal sehen, ob die Arschgeigen etwas vergleichbares zum 22. Januar, dem Geburtstag den von ihnen nicht minder respektierten Marxisten Antonio Gramsci, absondern. Die Konzeption des Kulturkampfes haben sie ja angeblich von Gramsci. Ich meine, sie müssten schon aufzeigen, wo es bei Gramsci steht, dass man mit dermaßen billig produzierten Lügen seine höhere „Kultur“ unter Beweis stellen und verteidigen kann.

spf