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Der eigentümlich bürgerliche Anarchismus

Falls ihr euch jemals gefragt habt, was man/frau so alles in der Zeitschrift eigentümlich frei schreibt, aber euch immer irgendwie dafür zu schade wart, reinzuschauen, lasst es. So arg interessant oder besonders bemerkenswert ist es nicht. In den Schriften der INWO steckt mehr Kritisierbares drin. Nennenswerte Politikanalysen oder „libertäre“ wirtschaftliche Theorien findet man/frau in eigentümlich frei kaum. Ich wäre auch nicht darauf gekommen, hätte ich mich nicht irgendwann mal gefragt, was der einstige Paul Goodman-Übersetzter Stefan Blankertz jetzt so treibt. Ihr wisst übrigens, welcher self made man sich auch noch nicht „rechts“, sondern „libertär“ nennt? Der Brüllaffe des Kapitals Alex Johnes. Das nur am Rande.

Hand aufs Herz, ich würde auch gerne jedes Thier-Heft mit einem genüsslichen Bericht über Whisky-Degoustation an der Ostsee anfangen, schließlich zieht es mich bekanntlich in maritime Gefilde und Whisky mundet mir durchaus. Aber bei allem „Anarcho-Kapitalismus“, was auch immer das sein soll, wohl nicht bei einem Igor-Schafarewitsch-Symposium. Ich vermute, das war

kein mathematisches Symposium für GeldliebhaberlInnen. Ich weiß allerdings, dass Schafarewitsch ein international anerkannter Mathematiker war, der zufälligerweise ein schriftstellerisches Hobby hatte: Pamphlete über die „Judenfrage“ und gegen den Kommunismus als jüdisches Werk zu verfassen.

Man/frau täuscht sich übrigens, wenn man/frau der Meinung ist, den Anarcho-KapitalistInnen bzw. Rechtslibertären wäre es prinzipiell egal, woran Leute im Privaten glauben und mit wem sie einvernehmlich schnackseln. Hauptsache, es hindert sie und/oder Dritte nicht, sich politisch und wirtschaftlich am Gemeinwesen gewinnbringend zu beteiligen. Hier ist der Chef der Postille, Andre F. Lichtschlag selbst, zum Thema der gerade entstehenden ukrainischen Autokephalie: „Vielleicht ist es ja sinnbildlich für die neue ukrainische Kirche unter dem Protektorat von Konstantinopel, dass ihre Entstehung vom selben Staatspräsidenten in Gang gesetzt wurde, der auch die Gay-Pride nach Kiew geholt hat“. Elsässer, ick hör` dir trapsen.

Selbst aus dem spannenden Thema Gilets Jaunes macht man/frau eine todlangweilige Reportage, wo irgendwelche Leute aus der französischen Provinz am Küchentisch ihre sehr wichtige biedere Meinung zum Protokoll geben.

Außer Anzeigen des Kopp-Verlags, der Goldhändler und anderer Werbung, die sich an gut betuchte Bürger richtet, gibt es da noch etwas: Geschäfte mit Russland als Kampfstrategie gegen den Staat. Ich vernehme zwar eine Sonderauffassung des „Putin, hilf uns!“-Rufes, aber die Nordstream II – Pläne der Bundesregierung dürften die „Anarchisten“ mit dem deutschen Staat bald wieder versöhnen.

russengas

Da mache ich lieber eine Flasche Glennfiddich auf und ergötze mich noch mal ein bisschen an„ Der Staatslichkeitswahn“ (1980) von Stefan Blankertz. Oder direkt an „Drawing the Line“ von Paul Goodman.

An eigentümlich frei möchte ich dennoch eine unverbindliche Empfehlung aussprechen, von Anarchist zu -ähem! – „AnarchistInnen“, sozusagen: fusioniert doch mit mit Melodie&Rhythmus. Auf Russland und die EU kann man/frau sich definitiv einigen, für das Bildungsbürgertum gäb`s was Interessantes über die bewegte Kunst, auch Konstantin Wecker wird man wohl noch von den „linksrechten“ Mahnwachen für Frieden kennen.

– spf

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…wie der Pfeffi zum Hefe.

Ermahnung an die materialistische Religionskritik

von Ndejra

(es handelt sich somit um den letzten Artikel aus der Ausgabe #13 – das GT)

Am 31. März lud die Autodidaktische Initiative in Leipzig zu einer Veranstaltung über den sogenannten antimuslimischen Rassismus und muslimischen Feminismus ein. Antifaschistische Linke International (ALI) aus Göttingen sollte dabei von ihren Ideen und praktischen Erfahrungen diesbezüglich berichten. Da ich, erstens, an dem Abend entschieden nichts Besseres zu tun hatte und, zweitens, die Broschüre „A Woman’s Voice is a Revolution“ und ihre Fortsetzung wenigsten vom Sehen her kannte, die Auseinandersetzung damit aber lange vor mir her schob, drittens felsenfest der Meinung war, solche Konzepte wie „antimuslimischer Rassismus“ und „muslimischer Feminismus“ nicht ernst nehmen zu müssen, beschoss ich, mir das Ganze wenigstens mal anzuhören und womöglich noch Zeit und Kraft für die Auseinandersetzung zu sparen. Ich bin nicht klüger geworden, so viel kann ich bereits verraten.

Ich will weder auf die politischen Einstellungen des ADI-Publikums von seinem Aussehen her schließen, noch bin ich imstande oder möchte auch nur großartig den relativ platten Vortrag wiedergeben. Warum also nicht einfach das Thema als weiteren postmodernistischen, gegenaufklärerischen und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gesponsorten Blödsinn abtun, den die deutsche Linke wie am laufenden Band produziert, einfach unter „Antiimps wieder mal auf Kuschelkurs mit dem Islam“ abspeichern? Der Ausgangspunkt, die Fragestellung der umtriebigen AntifaschistInnen aus Göttingen schien mir grundsätzlich richtig. Dass sie sich auf die Suche nach praktischen Antworten begeben und allerdings schon bei theoretischen Überlegungen mit schlafwandlerischer Sicherheit verirrt haben, verdient zumindest wohlwollende Kenntnisnahme. Die Erfahrungen, die sie dabei gemacht haben, halte ich für wichtig.

Etwa 2016 oder bereits davor stellten diese Leute wohl fest, sie haben öfters mit der muslimischen Community in der Stadt zu tun, kennen sie aber nicht. Wo sie Insider-Wissen oder politische Bündnispartner brauchten, waren sie gezwungen über die Community, aber nicht mit ihr zu reden (soweit man mit der ganzen Community überhaupt reden kann). Dass man bei antifaschistischen Interventionen keine Stellvertreterpolitik machen will, ist vollkommen korrekt; ob jemand ausgerechnet zusammen mit dem örtlichen DITIB-Verein gegen deutsche Neonazis vorgehen will, muss jedeR für sich selbst entscheiden. Ich kenne das Problem allerdings auch von woanders her, wo vor ein paar Jahren die kurdische Community mit Antifas auf der Straße gegen Nazis liefen und einander gründlich missverstanden haben. Also, um solche Missstände zu beheben und für theoretische und praktische Annäherung zu sorgen, wurden in Göttingen eine Veranstaltungsreihe zum antimuslimischen Rassismus, eine Poetry-Slam nach dem freikirchlich-adventistischen Vorbild namens „I,Slam“, wo muslimische Jugendliche ungeniert über ihre „Identität“ fabulieren konnten, und ein Filmeabend mit „Taqwacore“ (1) und anderen Filmen organisiert. (2) Der Output der Bemühungen: keine erhofften Antworten oder gar Anleitungen, dafür noch mehr Fragen und diese zwei dünnen Broschüren, mit denen die Leute immer noch durch das Land touren, um, wie sie sagten, die Szene zu „sensibilisieren“. Weiterlesen

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Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Halle a.d. Saale

Aus den 30er Jahren ist u.A. Folgendes überliefert:

Ob es viele Hackekreuzler in Halle gibt? Nun, es sind ihrer immerhin 58000. Aber sie rekrutieren sich hauptsächlich aus den Gewerbetreibenden und aus den den Studenten der Hallenser Universität. Darum konnten sie aus ihrer 58000köpfigen Masse nur etwa vierhundert SA-Leute aufstellen. Diese vierhundert, das sind die wenigen Proleten der „Arbeiterpartei“. Sie sind es, die für Hitler prügeln und schießen, die sich für ihn schlagen und erstechen lassen, während die anderen im Hintergrund bleiben. (…)

Freitag nacht wurde das Hallenser Gewerkschaftshaus mit Musikbegleitung bewacht, weil der Speilmannszug des Reichsbanners Bereitschaft hatte. Ungefähr zwanzig Mann saßen im Wachzimmer, rauchten, spielten Karten, musizierten – Singen ist bei der Wache verboten. Zum Ausschlafen hatten die Reichsbannerleute am nächsten Tag Zeit, denn sie sind alle zwanzig arbeitslos. (…) In den das Gewerkschaftshaus umliegenden Straßen streiften verstärkte Patrouillen umher. Tagsüber hatte es nämlich Stänkereien zwischen Nazis und Arbeiterturnern, die zu einem Sportfest gekommen waren, gegeben. Auch die fünfzehn Jungbannermänner, die bei Anbruch der Dämmerung von einer Landpropagandatour auf Fahrrädern zurückgekommen waren, hatten, heiser und schweißgebadet – sie hatten zwölf Stunden lang geradelt und Sprechchöre gebrüllt -, zu berichten gewusst, sie seien in der Stadt von Hackenkreuzlern angestänkert worden.

Und so saß in Erwartung kommender Ereignisse der Speilmannszug des Reichsbanners Halle im Gewerkschaftshaus, drosch Skat, soff elenden Zichorienkaffee. Der Gitarrenspieler aber summte, obwohl es verboten war: „ Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet, zu unserer Fahne ström‘ zuhauf!“

Schlag neun wurden von draußen plötzlich Kaufschritte hörbar. Eine Patrouille stürmte von der Straße in den Hof. Und gleich hinterher eine andere. Ein Mann blutete am Kopf. „Alles heraus“, brüllten die Patrouillen, „die Nazis kommen!“

Die zwanzig im Wachlokal hatten gerade noch Zeit, ihre Lichtknüppel – schwere, stabförmige Lampen, die gut leuchten und andere Dienste tun – zu packen, für alle Fälle ein paar Stühle mitzunehmen und auf die Straße zu laufen. Draußen kam schond er Lastwagen herangesaust: das Rollkommando der braunen Mordpest. In halber Fahrt sprangen fünfzig SA- Leute heraus und stürmen mit Totschlägern das Ochsenziemern auf das Haus zu.

Die Schalcht von Austerlitz lässt sich beschreiben, da damals zumindest Napoleon angeblich wusste, was los war.

Was aber Freitag den 16. um 21 Uhr in der spärlich beleuchteten Straße vor dem Hallenser Gewerkschaftshaus zu sehen war, war ein auf und ab wogender Haufe von Grün- und Braunhemden. Was zu hören war, war das Krachen von Schlägen, das Krachen von Blumentöpfen und Geschirrstücken, die aus den Fenstern der Häuser auf die Köpfe der Nazis flogen, was unbeschreibliches Gejohle.

Aber als das Überfallkommando der Polizei nach zehn Minuten erschien, blieb ihm nichts mehr zu tun übrig, als zwei schwerverletzte Hackenkreuzler wegzuführen. Die übrigen waren mit Vollgas ausgerissen.

Nach weiteren zehn Minuten war die „Kommune“ (die Kommunisten) in einer Stärke von hundert Mann da, um das Gewerkschaftshaus schützen zu helfen. Sie besetzten das Nebenhaus, und ein Einkreisungsplan wurde mit ihnen vereinbart, für den Fall, dass die Hackenkreuzler wiederkommen sollten.

Doch zur allgemeinen Verwunderung holten die Nazis nicht ihre Reserven aus den umliegenden Dörfern. Sie mobilisierten nicht einmal die SA der Stadt. Sie hatten den Bereitschaftsdienst der Kommunisten wohl ausspioniert; sie gingen schlafen. (…)

Um 10 Uhr saßen die Spielleute des Reichsbanners wieder im Wachlokal. Der Gitarrenspieler hatte eine blutige Bandage um den Kopf. Er fing die Arbeitermarseillaise von vorne an.

Und obwohl es verboten ist, sangen alle mit, als Stelle kam: „Stehet fest, stehet fest und wanket nicht…“

Jura Soyfer, „Bericht aus dem deutschen Bürgerkrieg“, aus „Die Ordnung schuf der liebe Gott“, Leipzig, 1979

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Vom Elend der vergleichenden Schwanzlehre

In der linken Zeitschrift für Politik und Kultur, „konkret“, die ich übrigens kaum mehr lesen kann, aber immer noch sehr schätze, fand sich in der Januarausgabe `19 neben einem Fest an antiimperialistischer Dummheit aus der Feder Jörg Kronauers (zu dem ich bei Gelegenheit noch kommen werde) ein interessanter Artikel über Jan Wacław Machajski. Mit Machajski, der aus der polnischen Sozialdemokratie kommend eine heftige Kritik am Verhältnis zwischen (linken) Intellektuellen und der revolutionären ArbeiterInnenbewegung formulierte und viele wilden Bombenschmeißer an den Rändern des russischen Zarenreichs inspirierte, wollte ich mich in absehbarer Zukunft auch noch befassen. Nun schreibt Dr. phil Ewgeniy Kasakow in „konkret“ zu meiner hellsten Freude über den längst vergessenen „Vater des linken Antiintellektualismus“, in der Schlusspassage heißt es allerdings:

In der Linken fand Machajskis Theorie teilweise Fortsetzung im Syndikalismus und im Operaismus, die die „authentische“ Bewegung den korrumpierten und disziplinierend einwirkenden Organisationen und den von außen herangetragenen Theorien entgegensetzen. Obwohl er sich immer wieder gegen Anarchismus aussprach, beriefen sich etliche Anarchisten (…) auf Machajski. Eines trennt ihn jedoch sowohl von Bakunin als auch vom heutigen linken Antiintellektualismus: Seine Kritik an den Intellektuellen hat nicht die erkenntnistheoretische Dimension, die jeglichen Wahrheitsanspruch bereits als Herrschaft denunziert. Er wollte Wissen nicht abschaffen, sondern qua Vergesellschaftung allen zugänglich machen.

Nun, dem Forscher, der einst viel kluges über den Kronstadter Aufstand und die Rolle der Räte in der Russischen Revolution gesagt und geschrieben hat, sollte eigentlich bekannt sein, dass Bakunin nie das Wissen mit dem Herrschaftsprinzip gleichgesetzt hatte. Egal, was man/frau ansonsten vom Typen hält, er kritisierte im Gegenteil das klassenbedingte Wissensgefälle, das wiederum die Klassen reproduziert. Auf Vergesellschaftung des Wissens, auf Menschwerdung durch Wissenschaft hat er gesetzt – revolutionäre Aufklärung ganz klassisch, mit allen was dazu gehört (Antisemitismus nämlich). Das findet man/frau nicht nur im weniger bekannten Aufsatz „Die vollständige Ausbildung“, sondern in seinem prominenten Werk „Gott und der Staat“.

Wenn andererseits ausgerechnet dieser Vorwurf auf Machajski nicht trifft, wie kommt er zu den Ehren, Vater des linken Antiintellektualismus zu sein, welcher doch jeglichen Wahrheitsanspruch als Herrschaft denunziert? Frage für einen Freund.

spf

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Einige Reflexionen zu Venezuela

 (Eine Übersetzung von der venozelanischen Indymedia, vom 24.1.2019: Ordenando mis ideas sobre Venezuela)

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Was passiert in Venezuela ?

Seit dem 21. April gehen die VenezolanerInnen auf die Straße, um gegen die Regierung Maduro zu protestieren. Seit dem Jahr 1989 sind die Bewohner der benachteiligten Stadtviertel nicht mehr von den Hügeln herabgestiegen. Zu dieser Zeit hat die Regierung der Acción Democrática viele Demonstranten ermordet, das Massaker ist unter dem Namen „Caracazo“ bekannt.

Im April beschlossen die popularen Schichten, die einzigen, die in der venezolanischen Politik den Ausschlag geben können, ihr Gewicht auf die Seite zu werfen, die Nicolas Maduro und seinen Ministern entgegensteht.

Warum demonstrieren die benachteiligten Stadtviertel gegen den Führer der „Revolución Bonita“?

Seit dem Tod von Präsident Chávez ist der Verfall der venezolanischen Wirtschaft in riesigen Schritten vorangeschritten. Der wichtigste Grund ist die Korruption. Erinnern wir uns, dass Hugo Chávez die Bürokratie auf ein unhaltbares Niveau wachsen ließ. Wir müssen betonen, dass Maduro nicht der einzige Verantwortliche für das wirtschaftliche Scheitern ist. Chávez hat das sogenannte „país supermercado“ (Supermarkt-Land) implementiert, was bedeutet, dass der Import von grundlegenden Produkten wie Nahrungsmittel und Medizin Priorität hat. Mit dem Fallen des Ölpreises wurde das von Chávez eingesetzte populistische Modell unhaltbar. Hinzu kommt, dass im ersten Jahr nach seinem Tod Regierungsvertreter schwere Schäden angerichtet haben, indem sie Geld von der (staatlichen Erdölgesellschaft) PDVSA, der Zentralbank etc. gestohlen haben.

Wegen der Dollarknappheit verkündete der Präsident der Venezolanischen Zentralbank das unsozialste Sparprogramm der Geschichte Venezuelas an. Nie zuvor wurde der nationale Haushalt so stark beschnitten. Dies hatte einen drastischen Effekt auf Medizin und Grundnahrungsmittel. Wir reden hier über die Monate nach Chávez‘ Tod.

Seit dem Jahr 2013 ist Venezuela in eine unaufhörliche Inflationsspirale geraten, die sich heute zur Hyperinflation gesteigert hat. Dies ist Ergebnis der mangelhaften Wirtschaftspolitik Maduros, hinzu kommen seit 2016 die Sanktionen, die verschiedene Länder venezolanischen Funktionären auferlegten.

Die einfachen Leute, die Arbeiter und Arbeiterinnen, sehen ihren Lohn auf einen halben Karton Eier pro Monat geschrumpft. Sie sind abhängig von den Lebensmittelkisten der CLAP (Lokale Versorgungs- und Produktionskomitees) und von den Märkten, die die Regierung eröffnet hat. Doch das reicht nicht. Abgesehen davon, dass die Verteilung der CLAP-Kisten unregelmäßig geschieht, gibt es Korruption in den beauftragten Unternehmen. Es ist bekannt, dass die Regierung mit Dollars für Produkte hoher Qualität bezahlt, doch was ankommt sind Artikel in niedrigster Qualität und oft in schlechtem Zustand. Weiterlesen

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Der linke Flügel des Antikommunismus, Pulsarnacht der revolutionären Vernunft

von Seepferd

Kann ein Schriftsteller dermaßen vom Geist verlassen sein, dass er, den Vorgaben der kulturindustriellen Feuilletonerinnerung gehorchend, plötzlich anfängt, aller Ernstes mit Floskeln des kruden DDR-Sprechs um sich zu werfen? „Die Partei hat immer recht“, „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, e patati e patata? Dietmar Dath kann‘s. Im Presseorgan der friedensbewegten DKP, die sich immer noch aus irgendeinem Missverständnis heraus für kommunistisch und revolutionär hält.

Es geht um Liebknecht und Luxemburg, um die historische Abrechnung mit der deutschen (und nicht nur) Sozialdemokratie, um die US-Amerikanische (und nicht nur) Linke, die in ihrer gegenwärtigen Lage nicht weiter weiß. Es geht u.A. um eine wichtige Fragestellung – um den Zusammenhang von (kapitalistischem) Staat und seiner spezifischen organisierten Gewalt, stehendem Heer. Waffensysteme besitzen Klassencharakter, das Militär – letzten Endes das Rückgrat der Staatlichkeit, Gewalt – der Anfang und das Ende des Rechts, an dem es friedfertigen BürgerInnen so viel liegt, so hätte das wohl Ekkehart Krippendorf formuliert. Man/frau kann sich also was denken beim Lesen von „Ohne Partei weder Gedanke noch Tat“. Man kann an rätekommunistische Staats- und Parteienkritik eines Cajo Brendel denken; an Pannekoeks Erledigung des sog. Marxismus-Leninismus als Theorie und Praxis der bürgerlichen, aber nicht der proletarischen Revolution in der sog. 3. Welt; an Norbert „Knorfo“ Kröcher, der die Frage danach, ob alle radikalen sozialen Bewegungen erst einmal als partei- und staatsunabhängige entstehen und fortbestehen, mit der rhetorischen Gegenfrage, ob der Bär in den Wald scheiße, beantwortet hatte. An die Überlegungen eines Johannes Agnoli zum Klassenkampf in den institutionalisierten Formen der „wehrhaften Demokratie“. Gut, wenn man/frau es sich dabei selbst denken kann, denn von klügeren Genossen wie Dath erfährt man/frau solche Sachen nicht. Eher das, was seinem deutschen Herz an der Revolution so teuer ist: der

Sozialismus als Staatenverbund wie als Parteigedanke(n).

Hat Dath sich einmal warmgeschrieben, purzelt es immer schöner heraus: Weiterlesen

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Anmerkungen über die kapitalistische Weltmarktdynamik

(aus dem aktuellen Heft #13)

von Christian Girschner

Die entweder beklagte oder angepriesene Weltmarktdynamik wird nicht durch die Herausbildung eines Finanz- oder Kasinokapitalismus verursacht. Ebenso wenig resultiert sie aus einer neoliberalen Politik, die ideologisch verblendete oder korrumpierte Ökonomen und Politiker durchgesetzt haben. In diesem Beitrag soll demgegenüber skizziert werden, dass die Weltmarktdynamik aus der besonderen sozial-ökonomischen Qualität der kapitalistischen Ökonomie entspringt.

1. Es klingt paradox, aber der Weltmarkt war die *historische Voraussetzung* für die Herausbildung der kapitalistischen Warenproduktion: Durch den Austausch von *überflüssigen Arbeitsprodukten* zwischen vorkapitalistischen Gemeinwesen entstand bereits ein Weltmarkt. Hierbei nahmen die Produkte im Augenblick des Austausches die *Warenform* an. Nach der Beendigung des Austauschaktes *verloren* die Produkte diese *Formbestimmung* als Waren wieder. Die Produkte erhielten im Austauschakt die Warenform, weil sie *nicht mehr in den*, sondern*zwischen* verschiedenen Gemeinwesen vermittelt wurden. Nur durch die Hervorbringung dieser ökonomischen Form konnte sich eine *Arbeitsteilung* zwischen den sich fremd gegenüberstehenden Gemeinwesen konstituieren, die auf einer *bewusstlos* und nicht willentlich von den Austauschenden vorgenommenen *Abstraktion* beruht, die die überflüssigen Arbeitsprodukte im Austausch auf eine *gleichförmige, allgemeine Arbeit bzw. einen Tauschwert* reduziert, um sie durch diese *ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* vergleichbar und damit austauschbar zu machen. Eine Besonderheit dieses *tauschwertsetzenden* Handels zwischen den Gemeinwesen lag darin, dass dieser *keine* objektive ökonomisch-*quantitative* Bestimmung der Produkte konstituierte. Auf dieser primitiven Grundlage konnte sich nicht nur eine unentwickelte Geldform, sondern auch ein Handelskapital herausbilden. Dieses primitive Handelskapital lebte davon, dass es Produkte von einem Gemeinwesen aufkaufte und anschließend diese mit einem Preisaufschlag an ein anderes Gemeinwesen weiter verkaufte. Nur durch die stetige Wiederholung dieses Austauschgeschäftes konnte sich das Handelskapital *selbst erhalten* und sein Geld selbstzweckhaft vermehren: Aus Geld mehr Geld machen, ist zugleich die einfachste Bestimmung des Kapitals.

2. Unter bestimmten historischen Bedingungen ergriff das primitive Handelskapital in seinem rücksichtslosen Gewinnstreben die *vorkapitalistische Produktion* der alten Gemeinwesen, um diese in den Dienst seiner selbstzweckhaften Geldvermehrung zu stellen. Damit ging die bis dahin nur im Austausch hervorgebrachte ökonomische *Tauschwert-Abstraktion*, wodurch die Produkte die Warenform erhielten, in die vorgefundene Produktion ein und wälzte diese in eine *wertsetzende Produktion von Waren* um. Die *ökonomisch-qualitative Gleichsetzung* der Arbeitsprodukte auf eine *allgemeine Arbeit*, um sie als Waren vergleichbar und austauschbar zu machen, findet jetzt nicht mehr im Moment des Austausches statt, sondern wird in der unmittelbaren Produktion gesetzt. Folglich werden *nicht* mehr *überflüssige Arbeitsprodukte* in den Austausch geworfen, *sondern Waren*, die nur zu dem Zweck produziert wurden, um mit ihnen einen Gewinn im Austausch zu erzielen. Gleichzeitig wurde nun auch der noch im tauschwertsetzenden Handel fehlende *ökonomisch-quantitative Inhalt* konstituiert, nämlich die gesellschaftlich notwendige *Arbeitszeit*, die zur Produktion einer Ware aufgewendet wird. Unter diesen neuen Bedingungen *erhält sich die ökonomische Form* über den Austauschakt hinaus, denn die in der Warenproduktion verausgabte *Arbeit* ist nun das *lebendige Feuer*, weil sie als wertsetzende Arbeit gilt und damit das die *Produktion und Austausch übergreifende und sich selbst vermehrende Kapital* konstituiert. Das primitive Handelskapital war immer von den zufälligen Bedingungen in den Gemeinwesen abhängig gewesen, die die überflüssigen Produkte für den Austausch hervorbrachten. Da das Handelskapital diese Bedingungen weder beherrschen noch steuern konnte, war seine ökonomische Existenz fortlaufend gefährdet. Aber mit dem geschilderten Eingehen in die Produktion hat sich das (Handels-)Kapital die ihm bis dahin fehlenden Bedingungen für seine eigene ökonomische Erhaltung selbst geschaffen, deshalb ist die unmittelbare Arbeit auch nicht mehr der im Austausch konstituierten und sich nicht selbst erhaltenden abstrakten bzw. allgemeinen Arbeit äußerlich. Vielmehr sind die konkreten Arbeitsarten jetzt nur noch Erscheinungsformen der allgemeinen Arbeit bzw. des Wertes. Die konkreten Arbeiten wurden in diesem Umwälzungsprozess nicht nur dem Gewinnstreben des Kapitals unterworfen, sondern auch entsprechend den Anforderungen des kapitalistischen Verwertungsprozesses umgeformt und fortentwickelt. Unter diesen neuen Bedingungen sind sowohl das Handelskapital als auch das Geld nur noch vermittelnde wie verschwindende Gestaltformen innerhalb des die Produktion und Austausch übergreifenden und prozessierenden Wert- bzw. Kapitalkreislaufes. Mit diesem Transformationsprozess wurde das Zeitalter des sich historisch durchsetzenden Kapitalismus eingeläutet, der zur Herausbildung und Entwicklung von Nationalmärkten und damit zur Konstitution des kapitalistischen Weltmarktes führte. Eine unabdingbare Voraussetzung für diesen sozioökonomischen Umwälzungsprozess, den Marx als ursprüngliche Akkumulation bezeichnete, war die Schaffung einer freien Lohnarbeiterklasse durch die politische Gewalt der Gemeinwesen. Weiterlesen